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Unplugged: Leben Guaia Guaia Zwei Nobelpenner erobern die Straße

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Glücklich mit ihrem selbstbestimmten Leben: Luis (l.) und Elias sind "Guaia Guaia".

(Foto: Tobias Hametner)

Sie sind jung und brauchen kein Geld. Sie sind "intellektuelle Wanderpenner auf der Suche nach dem Glück": Elias und Luis leben seit Jahren auf der Straße und machen Musik. Sie wohnen in leerstehenden, runtergekommenen Buden, lachen sich schlapp über Rechnungen und Mahnbescheide und sehen eigentlich nur das Positive. Sind sie zu beneiden?

Sie sehen aus wie die weibliche Version von Schneeweißchen und Rosenrot und auch nicht so, wie man sich den typischen Mecklenburger im Allgemeinen vorstellt. Zumindest Luis nicht. Und auch sonst muss man bei Elias Gottstein und Luis Zielke so einige Vorurteile über Bord werfen: sie nennen sich zwar Penner und machen Witze über ihren schlechten Geruch aufgrund mangelnder Waschmöglichkeiten, aber wie Penner sehen sie gar nicht aus. Die beiden Mittzwanziger leben zwar auf der Straße, aber ihr Schicksal ist selbst gewählt.

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Luis und Elias nutzen das, was andere wegwerfen: Kleidung, Lebensmittel, Möbel.

(Foto: Tobias Hametner)

Elias und Luis sind glücklich damit, sie wollen das so. Die Freiheit, keine Wohnung zu haben, keine Miete zahlen zu müssen. Keine feste Arbeit, keine Verpflichtungen, tun und lassen können, was man will, bleiben oder gehen – das klingt verlockend. Aber es heißt eben auch: Unsicherheit, Unbequemlichkeit, angewiesen sein und vertrauen müssen auf die Hilfe andere Menschen. Diese Hilfe bekommen sie jedoch und ihr Vertrauen in andere Menschen ist unerschütterlich – sie hätten eigentlich noch keine schlechten Erfahrungen gemacht, sagen beide. Um ihre Post – hauptsächlich bestehend aus Rechnungen, Mahnungen und Anwaltsschreiben – kümmert sich ein treuer Freund, übernachten können sie oft bei wildfremden Leuten (übliche Ansage bei ihren Konzerten: "Wir haben für heute Nacht noch keinen Schlafplatz – also wenn jemand von euch was weiß, wir wären sehr dankbar!"), sonst findet sich auch was anderes. Und wenn doch mal einer krank wird, wird eine Obdachloseneinrichtung aufgesucht. Wenn auch mit schlechtem Gewissen - "wir sind ja eigentlich nicht obdachlos, wir wollen es ja so." Und waschen kann man sich auch mal im Springbrunnen: "So duschen Nobelpenner!" Beobachten kann sie sie nun dabei im Film "Unplugged: Leben Guaia Guaia".

Straßenmusik statt Abitur

Seit Mai 2010 ziehen die beiden mit ihrer Musikanlage durch Deutschland – nach dem Abbruch des Gymnasiums in Neubrandenburg und kurzzeitigem Aufenthalt (mit Wohnung!) in Frankfurt/Main. Ihr Equipment: Bass, Synthesizer und Posaune, untergebracht zuerst in zwei umgebauten Mülltonnen, dann auf selbst gebauten Fahrrädern. Die Beats kommen vom Laptop, sonst ist alles selbst gemacht. Die Musik ist eine Mischung aus so ziemlich allen Stilrichtungen: HiphopFunkReggaeRockElectroPop. Sie singen ausschließlich auf deutsch, Luis mit einer unglaublich tiefen Stimme, fast tiefer als Barry White.

Ihre Texte thematisieren ihr Leben auf der Straße, ihre Philosophie, ihre Sichtweisen auf die Welt, ungeschliffen, witzig, überspitzt, unverschämt. Die Songs heißen etwa "Pfandflaschenbusiness", "Von Stadt zu Stadt" oder "Terrorist": Warum geht’s mir so gut / was wie kannst du das nicht sehen / Warum geht’s euch so dreckig und warum soll ich dafür geradestehen / Warum ist diese Welt schon so kaputt, ich bin doch gerade erst angekommen / Die Bullen ziehen uns den Strom und fragen auch noch bescheuert / Was aus mir wird, was aus mir wird, Mann – ich werd' Terrorist". Wie Terroristen wirken die beiden Dauerlächler nun wirklich nicht - den Titel erklären sie so: Wenn manche Menschen die Freiheit ausleben, andere Lebensformen ausprobieren würden, erschrecke und verunsichere das viele Leute, mache ihnen Angst - daher wäre das eine "gewisse Form von Terrorismus".

Die Erfahrung mussten sie wohl auch machen, als die Polizei mit Maschinengewehren das leerstehende Bahnhäuschen in Berlin stürmte, das sie in einem Winter eine Zeitlang bewohnt hatten. Kabel "besorgt" und Strom abgezapft von der Bahn, das kam gar nicht gut an.

Auch Verluste sind Gewinne

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Tief, tiefer, am tiefsten: die Stimme von Luis. Wenn er nicht singt, spielt er Posaune.

Aber der Optimismus von Luis und Elias ist dennoch unerschütterlich – auch in ihrem Song "Absolute Gewinner" nachzuhören. Denn, so leg en sie ihre Philosophie dar, so sehen sie sich - als absolute Gewinner. Man habe im Leben nichts zu verlieren, sondern nur zu gewinnen. Luis erklärt diesen naiv klingenden Standpunkt so: sogar an den Tiefpunkten gewinne man, das tue dann zwar manchmal weh, aber dann gewinne man "am Negativen und das Positive ist sowieso geil - wo kann man da noch ein Problem sehen?"

Bei ihrem Philosophieren, Musizieren, Containern, Leute verarschen in Oberammergau ("Ist das hier der Himmel oder ist das nur Oberammergau?" und "Ihr seid natürlich alle schon ein bisschen schwerhörig, deswegen werden wir ein bisschen lauter drehen"), dem Suchen und Finden von Schlafplätzen und den unvermeidlichen Kontakten mit der Polizei ist die Kamera immer ganz nah dran. Die Bilder und der Ton sind ebenso ungeschliffen wie "Guaia Guaia" selbst – laut Regisseur Sobo Swobodnik voller Absicht. Eine normale, chronologische, "saubere" Musikdoku hätte seiner Ansicht nach nicht gepasst, sie musste ebenso schmutzig sein wie die Jungs, sagte er bei der Filmpremiere. In manchen Situationen haben Luis und Elias auch selbst gedreht, wenn ein Filmteam zu viel Aufmerksamkeit erregt und noch mehr Probleme mit den Behörden gebracht hätte, als die Jungs ohnehin schon haben. Schließlich sind die meisten ihrer Auftritte unangemeldet, Beschwerden wegen Ruhestörung nicht selten.

Große Veränderungen

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Cover des nagelneuen Albums von Guaia Guaia: "Eine Revolution ist viel zu wenig".

(Foto: Tobias Hametner)

Ein paar ihrer Probleme, zumindest die finanziellen, sind derzeit jedoch gelöst, denn Luis und Elias haben sich auf Veränderungen eingelassen. Auf sehr große Veränderungen: Sie haben einen Plattenvertrag bei einem großen Label unterzeichnet, bei Universal. Es gibt den Dokumentarfilm über sie, das Album "Eine Revolution ist viel zu wenig" erschien einen Tag nach der Filmpremiere. Schon vorher hat "Unplugged: Leben Guaia Guaia" diverse Preise abgeräumt: den Publikumspreis beim International en Filmfest München, den Jury- und Publikumspreis beim Get Rich Filmfestival Offenbach und den Publikumspreis samt "Lobender Erwähnung" beim Filmfest Göttingen.

Die beiden Obersympathen haben also offenbar die Herzen des Festival-Publikums erobert. Nun tragen sie ihre Botschaften deutschlandweit in die Kinos. Ihr Album ist bereits im Handel. Und im Herbst 2013 werden sie ihr Heimat-Bundesland Mecklenburg-Vorpommern beim Bundesvision Song Contest vertreten.

Album, Film, Medienrummel

Ihr neues Leben weg von der Straße, rein in ein Leben mit Terminen, Verpflichtungen und Medienrummel steht schon ziemlich im Widerspruch zu ihrer bisherigen Philosophie – sie befänden sich derzeit mitten in einem "Experiment", sagten Luis und Elias dazu bei der Filmpremiere am 11. Juli im Berliner Kino Babylon-Mitte. Auf einer Gratwanderung. Können sie ihre Glaubwürdigkeit, ihre "street credibility", dennoch bewahren? Oder haben sie ihre alten Ideale verraten? Vielleicht tatsächlich der normale Lauf der Dinge, dieses Ankommen in einer Art von Normalität – immerhin sind beide mittlerweile Mitte Zwanzig, leben seit drei Jahren auf der Straße.

Und so ganz weg von der Straßenmusik sind sie ja nicht – auch das Konzert nach der Filmpremiere fand auf der Straße statt. Unangemeldet. Und wurde prompt von der Polizei aufgelöst. Da sich Elias und Luis weigerten, ihre Namen zu nennen und mit aufs Polizeirevier zu kommen, folgten dem dann noch Rangeleien und eine Sitzblockade der Besucher. Nun stehen Verfahren ins Haus: ein "Ordnungswidrigkeitenverfahren wegen unzulässigen Lärms" und ein "Strafermittlungsverfahren wegen Landfriedensbruchs und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte". Also zumindest hier: alles beim Alten.

Der Film "Unplugged: Leben Guaia Guaia" läuft seit dem 11. Juli 2013 in den deutschen Kinos.

Das Album "Eine Revolution ist viel zu wenig" ist seit dem 12. Juli im Handel erhältlich. Bei Amazon bestellen

Quelle: n-tv.de

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