"Beim stinkenden Arsch Thors"Hat Gott die Welt verstoßen?
Von Thomas Badtke
Wenn Metalheads Bücher schreiben, kann das Poesie sein. Im Fall von Niilo Sevänens Erstling "Der Weg des ewigen Winters" ist es weit mehr: Fantasy-Roadtrip trifft auf Historien-Epos. Liebe auf derbe Sprüche. "Kreuzficker" auf "Lokis knochigen Arsch". Brillant!
Wenn man nicht weiß, wo - oder besser wie - man bei einer Rezension anfangen soll, hat der Autor einiges richtig gemacht. Bei Niilo Sevänen, Mitglied der finnischen Metalband "Insomnium" und nun auf dem Weg mit "Der Weg des ewigen Winters" zum Bestsellerautor, ist das zweifelsfrei so. Sein Erstling, erschienen bei Lübbe und Lübbe Audio, bietet so viel Stoff, so viele Ideen, so viel Wahnsinn, dass man nicht umhin kann, von einem Meisterwerk zu sprechen!
"Der Weg des ewigen Winters" ist ein wilder Genremix, der sowohl Fantasy-Elemente enthält als auch Horror, Historie, Drama, Lovestory und Reisedoku in einem ist. Und dazu noch brandaktuelle Anspielungen parat hält. Also, los geht's: Mund wässrig machen. Worum geht's?
Zurück in die Zukunft?
Wir schreiben das Jahr 1007. Konstantinopel. Am Himmel prangt ein blauer Stern. Seit sieben Jahren herrscht über ganz Europa eine eisige Kälte. Die Länder zerfallen und mit ihnen Zivilisation, Anstand und Moral. Es zählt nur das Recht des Stärkeren, die Reichen herrschen über die Armen.
Genau in dieser Welt lebt Orpheus, Sohn eines Sklaven, aufgewachsen mit seiner Schwester in einem Kloster. Er verdingt sich als Lautenspieler und verbringt die meiste Zeit in runtergekommenen Kaschemmen als waschechter Säufer und Betrüger. Er kommt über die Runden. Dann stirbt seine Schwester und er hat ein kleines Mädchen mit eisblauen Augen und blonden Haaren an den Hacken, seine Nichte. Die Kleine wird zudem von monströsen schwarzen Männern verfolgt. Warum? Orpheus hat keine Ahnung.
Aber er nimmt sich des Mädchens an. Der Dritte im Bunde ist ein sprechender Fuchs. Gemeinsam versucht das Trio, einen sicheren Ort außerhalb Konstantinopels zu finden. Aber die düsteren Männer haben Söldner engagiert, die der komischen Bande im Nacken sitzen: ein Wikinger-Krieger und ein Sarazene mit blauen Augen und schier unbesiegbar.
Es dauert nicht lange und die dunklen Schergen sind dem Mädchen und ihren Begleitern dicht auf den Fersen. Die Kleine schwebt in Lebensgefahr. Aber hey: Was soll schon passieren, wenn ein Laute spielender Säufer und ein sprechender Fuchs deine einzigen Beschützer sind? Und welche Rolle spielt die Kaiserin des Landes, die nach ihrem Sohn sucht, der seit einer blutigen Schlacht spurlos verschwunden ist? Und dann wäre da noch der König von Dublin, Feuerzunge, ein Wikinger mit bärbeißiger Wortwahl, der auf "Lokis knochigen Arsch" schwört und von "Kreuzfickern" spricht, auf die er kein gutes Wort kommen lässt. Ach ja: Er war jahrelang gefangen, kann sich an so gut wie nichts mehr erinnern und begleitet die Kaiserin nun als Gefangener bei deren Suche nach ihrem Sohn. Aber auch Feuerzunge scheint etwas zu vermissen - und es sind nicht die guten Manieren.
Weltenbrand in Fantasyform
Zwei Erzählstränge also, denen man als Leser und Hörer anmerkt, dass sie irgendwann einmal ineinander geflochten werden (müssen). Aber bis dahin vergeht ein bisschen Zeit. Die Reisenden, sei es das Trio, deren Verfolger oder die Kaiserin mit ihrem 300-Soldaten-Trupp, bewegen sich durch Europa, Ziel scheint Rom zu sein. Dort soll eine ominöse "Eishexe" mittlerweile ihr Unwesen treiben, der Papst ihr hörig sein. So in etwa. Sie hat dafür gesorgt, dass Teile des Mittelmeers vereist sind, dass sich Fjorde in Italien gebildet haben und die Menschen vom Land in die Städte geflohen sind, wo sie für eine sichere Bleibe bis aufs Blut ausgebeutet werden. Na, das könnte auch 2026 sein, oder?
Zurück ins frühe 11. Jahrhundert von Niilo Sevänen: Der Hunger regiert. Feldmäuse werden roh gegessen. Gegen die Kälte werden Umhänge und Fußlappen getragen. Rauch und Verwesung liegen in der Luft. Und Orpheus plagen Gewissensbisse. Wie soll er das Mädchen nur beschützen? Nur er und dieser vermaledeite, sprechende Fuchs? Seine Idee: Zurück ins Kloster, wo er einst aufgewachsen ist, denn auch die Kleine scheint es zu kennen.
So viel vorweg: Die drei kommen dort an. Aber sie sind nicht die Einzigen, die an das schwere Holztor klopfen. Die Karten werden blutig neu gemischt. Eine "Eisenmaske" spielt eine tragende Rolle dabei. Und mittendrin und überall ist die Stimme Peter Lontzeks, der dem durchgeknallt-abgefahrenen Werk Sevänens seine Stimme leiht. Egal ob piepsiger Spatz, ironischer Reinecke, nuschelnder Orpheus oder wütend-fluchender Wikinger ("Beim stinkenden Arsch Thors …"): Lontzeks Stimme kann alles. Sie ist wandelbar und gleichzeitig unverkennbar einzigartig.
Das hat sie gemeinsam mit "Der Weg des ewigen Winters" von Niilo Sevänen. Man findet "Der Zauberer von Oz"-Vibes genauso wie Elemente von "Krull" oder "Game of Thrones". "Hänsel und Gretel: Hexenjäger" schwingt ebenfalls mit und ein bisschen Werwolf-Grusel darf auch nicht fehlen. Aber aus all dem macht Sevänen etwas Neues, Einzigartiges, Unverwechselbares. Etwas, bei dem einem die Worte wegbleiben. Sie fehlen einfach. Übrigens wie das Ende des Werks selbst. Das folgt erst im Nachfolger.
