"Probleme sind wie Soßen"Nachbarstreit auf Isländisch: In "Blut" köchelt es gewaltig
Von Thomas Badtke
Ein gesunkenes Schiff, ein eskalierender Nachbarschaftsstreit, Menschenknochen auf einem Wertstoffhof: Aus diesen drei Zutaten mixt die isländische Bestsellerautorin Yrsa Sigurdardottir ein Thriller-Süppchen nach dem Motto "Kochen für viele, Festessen für Hungrige".
Gunndis hat ihrem Vater als Kind ein Buch geschenkt. Der Titel: "Kochen für viele, Festessen für Hungrige". Das Präsent kommt von Herzen - und an, denn der Beruf des Vaters ist Koch. Genauer: Schiffskoch auf Fischereitrawlern vor Islands Küste. Milchreis mit Blutwurst? Standard! Gunndis liebt ihren Vater, aber er stirbt bei einem Schiffsunglück. Ein Grund mehr, dass auch Gunndis kochend zur See fahren will.
Als sie kurzfristig die Chance dazu bekommt, der Stammkoch eines Trawlers ist nicht zum Dienst erschienen, ergreift sie sie. Aber irgendetwas stimmt nicht: Ein Teil der Crew geht ihr aus dem Weg und in der Kajüte findet sie bei den Utensilien des Stammkochs das Buch, das sie einst ihrem Vater geschenkt hat. Wie kann das sein?
Knochen als Basis
Auf einem Wertstoffhof bei Reykjavík werden nahezu gleichzeitig menschliche Knochen in mehreren Gartenabfallsäcken gefunden. Es ist purer Zufall. Das Ergebnis einer völlig willkürlichen Stichprobe. Die Knochen scheinen schon ein paar Jahre auf dem Buckel zu haben, von irgendwo ausgebuddelt. Darauf zumindest lässt die bräunliche Verfärbung schließen. Zudem fehlt der Schädel des Toten.
Die Polizei ist alarmiert. Die beiden Ermittler Karo und Tyr muss sich aber auch noch mit einem Nachbarschaftsstreit auseinandersetzen, der völlig aus dem Ruder zu laufen droht. Zwei Familien haben sich dabei in den Haaren, es hagelt gegenseitige Anschuldigungen, Verwünschungen - und auch Gewalt. Der Labrador der einen Familie soll von der anderen Seite vergiftet worden sein.
Als wäre das nicht schon schlimm genug, tauchen eines Nachts die jämmerlichen Überreste des Hundes wieder in der Waschküche der Familie auf. Ausgegraben aus dem eigenen Garten. Eine Geschmacklosigkeit sondergleichen. Das können nur die Nachbarn gewesen sein. Zeter und Mordio.
Nur die Teenie-Kinder der beiden Familien scheinen sich einigermaßen zu verstehen und versuchen die Bälle flach zu halten. Allein, es gelingt nicht. Denn die ganze Straße scheint wie Michael Douglas in "Falling Down" vor sich hin zu köcheln: Es gab in der Vergangenheit schon tote Hunde und böses Blut - und einen schrecklichen Hausbrand, bei dem nur die Mutter der Familie überlebt hat. Wurde das Feuer gelegt? Vielleicht von einem der beiden Nachbarschafts-Streithähne?
Karo und Tyr tun ihr Bestes. Ermitteln auch mal an den offiziellen Stellen vorbei, lassen den toten Hund obduzieren. Aber einer Lösung kommen sie nicht näher, weder was den Knochenfund angeht noch beim Nachbarschaftsstreit. Dann jedoch baumelt ein Toter in der Garage einer der beiden Familien. Erhängt. Es soll nach Selbstmord aussehen. Aber es war Mord.
Für Soßen-Liebhaber
Wie kann all das miteinander zusammenhängen? Die isländische Bestsellerautorin Yrsa Sigurdardottir liefert die Antwort dazu in ihrem neuen Thriller-Bestseller "Blut", der dritte Band der Ermittlerreihe um Karo, Tyr und Gerichtsmedizinerin Iðunn. "Nacht" und "Rauch" hießen die beiden vorherigen Bücher, ebenso wie "Blut" bei btb und Der Hörverlag erschienen, und ebenfalls von "007"-Daniel-Craigs-Synchronstimme, Dietmar Wunder, brillant gelesen.
Als Leser und Hörer tappt man sehr lange im Dunkeln, wie diese ganzen Geschichten zusammenhängen könnten. Aber genau diese Vielseitigkeit in den Erzählsträngen, die Vielschichtigkeit der jeweiligen Hauptcharaktere zeichnen "Blut" aus. Und natürlich gibt es wie auch schon bei den anderen Bänden jede Menge Wissenswertes um das mystische Island: Natürlich ist da das exotisch anmutende Essen. Es finden sich aber auch genug Schilderungen der Naturidylle, die aber ihre ganz eigenen Gefahren birgt. Und die Isländer selbst, dieser sonderbare Menschenschlag, den auf den zweiten Blick gar nicht so viel von dir und mir trennt: Fast-Food-Pizza, Gym, Fernwärme und Teenies, die ohne Smartphone oder Spielkonsole absolut verloren wären. Einfach nur herrlich!
Vor allem ein Satz Sigurdardottirs bleibt am Ende hängen: "Probleme sind wie Soßen: Sie werden intensiver, je länger sie köcheln." Das stand zwar nicht im Kochbuch, das Gunndis ihrem Vater einst geschenkt hat, aber es ist die beste Umschreibung für den Showdown am Ende von "Blut".
