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Was bedeutet "Herkunft"? Stanišić erzählt von "süß-bitteren Zufällen"

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Die Hörversion seines Buches liest Stanišić selbst - ein echter Glücksfall.

(Foto: picture alliance/dpa)

Saša Stanišić wächst in Jugoslawien auf, flieht 1992 mit seinen Eltern nach Heidelberg und wird in Deutschland ein gefeierter Schriftsteller. In "Herkunft" erzählt er von Scham, Vorurteilen, Glück und einer abgerockten Aral-Tankstelle.

Oskoruša, 2009: Gemeinsam mit seiner Großmutter geht Saša Stanišić in dem schwer zugänglichen Bergdorf nahe Višegrad über den Friedhof. Auf fast jedem zweiten Grabstein steht sein Nachname. Auch sein Urgroßvater liegt hier begraben. Der hat den Brunnen im Ort gebaut, aus dem Stanišić nun trinken soll. Auch heute noch ist Stanišić mit fast jedem der 13 letzten Dorfbewohner über diverse Ecken verwandt. Als einer von ihnen Stanišić auf seine Herkunft anspricht, redet der sich um Kopf und Kragen. Das sei nun wirklich eine "komplexe Frage!". Für sein betagtes Gegenüber aber ist die Antwort glasklar: "Von hier. Du kommst von hier."

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Mit "Herkunft" gewann Stanišić den diesjährigen Buchpreis.

(Foto: picture alliance/dpa)

Kommt er das wirklich, obwohl er nie zuvor einen Fuß in das Dorf gesetzt hat? Oder lässt sich das Ganze einfach unter "Zuhörigkeitskitsch" verbuchen? In seinem neuen Buch "Herkunft" mischt Stanišić Autobiografisches mit Fiktion und geht auf die Suche nach all dem, was Heimat und Identität ausmachen kann. Sein "Selbstporträt mit Ahnen", wie er es an einer Stelle nennt, bringt Stanišić den Deutschen Buchpreis 2019 ein. Und es ist eine der großen Literaturempfehlungen dieses Jahres - berührend, selbstironisch und zum Nachdenken anregend.

Die Person, um die das Buch beständig kreist, ist Stanišićs Großmutter, die am Ende ihres Lebens an Demenz erkrankt. Während ihr Enkel im Hier und Jetzt Erinnerungen sammelt und sortiert, lebt sie immer mehr in der Vergangenheit und im Vergessen. Sie ist der einzige Grund, warum der in Hamburg lebende Stanišić immer wieder nach Višegrad zurückkehrt. Dort wurde er 1978 geboren, damals war er Jugoslawe, heute ist er gebürtiger Bosnier.

Als der Jugoslawienkrieg 1992 das jetzige Bosnien und Herzegowina erreicht, bricht Stanišićs Familie genauso auseinander wie der Vielvölkerstaat und zerstreut sich in alle Welt. Die Ehe von Mutter und Vater ist zu Kriegszeiten eine brisante Verbindung: Er ist Serbe, sie stammt aus einer muslimischen Familie. Der damals 14-jährige Stanišić und seine Eltern müssen fliehen und landen in Heidelberg.

Von Sperrmüllmöbeln und Eichendorff

Wie fühlt es sich an, in einem fremden Land anzukommen und zu Beginn nur das Wort "Lothar Matthäus" zu verstehen? Da ist Scham. Freunde nach Hause einladen möchte der junge Stanišić nicht, denn in der Wohnung im multinationalen Emmertsgrund ("die Supermarktschlange sprach sieben Sprachen") gibt es nichts als klapprige Sperrmüllmöbel. Da sind Vorurteile. Aber die verinnerlicht er schnell und lernt, "gemeint zu sein, ohne so zu sein. Aggressiv und primitiv und illegal".

Und da ist auch Glück. Stanišić verliert sein Herz an die deutsche Romantik, an Eichendorff und seine erste Freundin Rike. Während seine Eltern, beide Akademiker, jahrelang auf dem Bau und in einer Wäscherei schuften und dann abgeschoben werden, darf er bleiben. Weil eine Sachbearbeiterin in der Ausländerbehörde nicht "Dienst nach Vorschrift" macht, sondern den Berufswunsch des Studenten, der vor ihr sitzt, ernst nimmt: Schriftsteller. Und genau das ist Stanišić heute - und zwar einer der gefeiertsten seiner Generation im deutschsprachigen Raum. Schon sein Debüt ("Wie der Soldat das Grammofon reparierte", 2006) war ein großer Erfolg, seitdem hat er zahlreiche Auszeichnungen eingeheimst.

In "Herkunft" reiht Stanišić nun mit einer unglaublichen Lust an Worten eine Anekdote an die nächste. Dabei springt er zwischen Zeiten, Personen, Orten und auch Textarten hin und her. Er erzählt von seinem Urgroßvater, dem Flößer, der nicht schwimmen konnte. Von der "abgerockten Aral-Tankstelle", dem Integrationstreffpunkt im Emmertsgrund, wo man an guten Tagen "bis Frankreich sehen" kann und an schlechten "in den Lauf einer Pistole". Von seiner Großmutter, die in die Berge wandern will, um nach ihrem verstorbenen Ehemann zu suchen, der dort Drachen jage. Und davon, dass er früher gerne erklärte, er sei Slowene (also kein Kriegsopfer) und vermisse die Alpen - denn die Deutschen hätten für die Sehnsucht nach den Bergen allergrößtes Verständnis.

Konsequent und authentisch

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Dass Stanišić die Hörversion des Buches selbst liest, ist nicht nur authentisch, sondern konsequent. Mehr noch: Es geht gar nicht anders. Diesen Eindruck jedenfalls hat man schnell, wenn man seinen Geschichten, Gedankengängen und witzigen Wortspielen lauscht. Auf sympathische Art vermittelt Stanišić das Gefühl, als würden seine Texte erst im Moment des Lesens entstehen. Und das passt perfekt, denn auch das ist "Herkunft": ein Buch über das Erzählen.

Doch so viel Spaß das Hörbuch macht, es hat einen kleinen Haken: Der letzte Teil des Buches, überschrieben mit "Der Drachenhort", muss leider ausfallen. Er funktioniert tatsächlich nur, wenn man das Buch selbst in der Hand hält. Denn Stanišić hat die von ihm in den 80er-Jahren geliebten "Choose your own Adventure"-Geschichten wiederaufleben lassen. Die Leserinnen und Leser können nach jedem Abschnitt selbst entscheiden, auf welcher Seite sie weiterlesen möchten.

Dieser letzte Abschnitt zeigt auf äußerst verspielte Weise, was Stanišić zuvor formuliert: "Herkunft sind die süß-bitteren Zufälle, die uns hierhin, dorthin getragen haben". Mit "hierhin, dorthin" können natürlich Orte gemeint sein. Aber eben noch so viel mehr. Auch das beschreibt dieses mitreißende Buch.

Quelle: n-tv.de