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Erhebende Leichtigkeit des Seins Stephen-King-Diät lässt Pfunde purzeln

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Up and away: Ist das am Ende auch Scotts Schicksal?

(Foto: picture alliance / dpa)

Jahresende, Feiertage, Weihnachtsplätzchen, Gans und Klöße: Das schreit förmlich nach dem guten Vorsatz für 2019: Abnehmen! Wie das gehen kann, zeigt Bestseller-Autor und Horror-Ikone Stephen King in "Erhebung".

Stephen King ist Horror pur. Diäten sind es auch. Sie bedeuten Entbehrungen, Verzicht, schlechte Laune. Und am Ende des Tages und einer längeren Leidenszeit wiegt man in der Regel mehr als vor Beginn der Diät - Jojo-Effekt. Eben: Horror pur. Dass es auch anders gehen kann, zeigt Stephen King auf gewohnt eindrucksvolle und ebenso verschreckende Weise in "Erhebung".

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"Erhebung" ist als MP3-Hörbuch bei Random House Audio erschienen.

(Foto: Random House Audio)

King rückt darin einen Durchschnitts-Amerikaner in den Mittelpunkt, der zwar einige Probleme mit sich herumschleppt wie etwa den typischen Bierbauch oder die Trennung von seiner Frau. Scott steht aber auch mitten im Leben. Er arbeitet als Webdesigner, spielt Tennis und hat einen kleinen, aber feinen Freundeskreis. Alles okay also soweit. Wenn da nicht das Problem mit seiner Personenwaage wäre. Die spinnt. Sie muss spinnen.

Denn Scott verliert kontinuierlich Gewicht. "Ich nehme ständig ab", sagt Scott, als er Bob besucht, einen Tenniskumpel und Arzt im Ruhestand. Diabetes, Krebs, der Grund für Scotts Gewichtsverlust kann vieles sein, wie ihm Bob versichert. "Um wie viel Kilo geht es eigentlich?", fragt er. "Um 13", antwortet Scott versonnen - "bisher". Bob grinst: "Das ist eine ganze Menge, schon klar. Aber es schadet dir meiner Meinung nach nicht, sie zu verlieren. ... Wie viel wiegst du jetzt?" "Schätz mal", sagt Scott. "Ich würde sagen, 107 Kilo. Vielleicht auch 110." Scott: "Heute morgen habe ich 97 gewogen."

Aus Sorge wird Furcht

Nun geht es auf Bobs Arztwaage, eine Fonseca, die beste medizinische Waage, die je hergestellt wurde, wie Bob versichert. Scott steigt voll bekleidet, mit Stiefeln und Parka, in dessen Taschen jeweils eine Handvoll Kleingeld klappert, darauf. Bob stellt 115 Kilo ein und versucht auszutarieren. Keine Chance. Er geht auf 110, auf 105, auf 100. Bobs Stirn legt sich in Falten. Erst bei knapp 97 Kilo ist die Waage im Gleichgewicht. "Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt", entfährt es Bob, "ich muss das Ding neu kalibrieren lassen." "Das glaube ich nicht", entgegnet ihm Scott und holt aus den Jackentaschen das Kleingeld hervor. "Ich habe mindestens fünf Pfund Metall in jeder Tasche. Vielleicht sogar mehr." Bob ist sprachlos.

Stephen King

Jedes Buch ein Bestseller - auch abseits des Horrors: Stephen King.

(Foto: dpa)

Stephen King wäre nicht Stephen King, wenn er es bei diesem Anfangsszenario belassen würde. Klar, es könnte eine lebensbedrohliche Krankheit sein, an der Scott leidet. Aber diese Geschichte wäre irgendwie nicht King-like. Also legt der Großmeister des Horrors eine Schippe drauf: Scotts urplötzlich aufgetretener Gewichtsverlust hält an, beschleunigt sich sogar - und ist nicht zu stoppen. Scott hat es versucht: mehr gegessen, Muckibude, Kalorien satt - am Ende sind es täglich mehrere hundert Gramm, die der Mann einbüßt. Sein Körper bleibt dabei aber der gleiche. Scotts Bierwampe bleibt so groß wie eh und je.

Die Leichtigkeit des Seins

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David Nathan ist die unverkennbare Stimme der King-Hörbücher.

(Foto: Marco Justus Schöler)

Man nehme quasi einen Ottfried Fischer oder Peter Altmaier und sage dann, dass sie 65 Kilogramm wiegen. Die Jungs mit der Zwangsjacke würden sich freuen. Genau das macht aber Stephen King: Er nimmt einen übergewichtigen, 110 Kilo schweren Mann und sagt dem Leser: Der Typ verliert kontinuierlich Gewicht, er sieht zwar aus wie 100 Kilo, in Wirklichkeit wiegt er aber 97, dann 93, irgendwann 64 - und da ist dann spätestens absehbar, wohin die Reise geht: null. Scott wird zum Benjamin Button des Gewichts.

Scott reagiert gelassen. Er hat sich mit seiner Situation arrangiert, kämpft aber mit den Umständen seines leichtgewichtigen Daseins. Windböen sind gefährlich, gepflegte Arschtritte gehen auch nach hinten los. Für den Zuhörer von "Erhebung", so der Titel des Werks, gelesen von der deutschen Stimme Johnny Depps und Christian Bales, David Nathan, klingt das lustig. Ein wenig Schadenfreude schwingt immer mit.

Aber King wäre eben auch nicht King, wenn er diese doch simple Story nicht mit etwas Gesellschaftskritik würzen würde. "Erhebung" spielt in Castle Rock, die King'sche US-Kleinstadt überhaupt. Und die Würze stammt in den USA eines spaltenden Präsidenten Donald Trump aus der Frage: Wie homophob sind wir heute eigentlich noch? Ein lesbisches Ehepaar, das neben Scott wohnt, rückt dabei näher in den Fokus - ohne aber die eigentliche Story zu verdrängen. Auch das ist King. Und auch da passt Nathans Stimme perfekt, die auch ernst und sonor sein kann.

Am Ende bleibt von "Erhebung", als Audiobook bei Random House erschienen, die Erkenntnis, dass ein Stephen King es zum einen immer noch drauf hat, zum anderen sich auch kurz fassen kann (144 Buchseiten oder 3 Stunden und 8 Minuten als Hörbuch), und: Es nicht immer Horror sein muss. Gute Vorsätze hin, Diät her.

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Quelle: n-tv.de

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