Hörbücher

Überlebensfragen der Gegenwart Was macht die Menschheit derzeit falsch?

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Der Klimawandel ist nur eine von vielen selbstverschuldeten Herausforderungen der Menschheit.

(Foto: imago images/Christian Ohde)

Die Welt scheint verrückt geworden zu sein - bereits vor der Corona-Krise reihen sich politische und wirtschaftliche Umbrüche aneinander. Es sind "harte Zeiten", auf welche die beiden Nobelpreisträger Abhijit Banerjee und Esther Duflo die richtigen Antworten suchen.

In den vergangenen Jahren folgt eine politische Katastrophe auf die nächste: Ein US-Präsident, der gegen Migranten wettert, der Austritt Großbritanniens aus der EU, das dramatische Scheitern des Arabischen Frühlings. Gleichzeitig wächst weltweit die Ungleichheit zwischen Arm und Reich, und mit dem Klimawandel droht eine selbstverschuldete globale Katastrophe.

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Abhijit Banerjee und Esther Duflo sind miteinander verheiratet und wurden 2019 gemeinsam mit Michael Kremer mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet.

(Foto: imago images/UPI Photo)

Was läuft da gerade schief auf der Welt? Das fragen die beiden Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften, Abhijit Banerjee und Esther Duflo. Mit ihrem Hörbuch "Gute Ökonomie für harte Zeiten" wollen sie jedoch Antworten auf die großen "Überlebensfragen" der Gegenwart liefern.

Etwa zu den "Horden" aus den armen Teilen der Welt, die davon abgehalten werden müssen, in den reichen Westen vorzudringen. Etwa mit einer Mauer. So jedenfalls die Rhetorik von Populisten wie Donald Trump und Co. Banerjee und Duflo stellen dieser einfachen Lösung jedoch eine simple Frage gegenüber: Wenn angeblich alle Menschen im armen Süden nur darauf warten, in den üppigen Norden zu emigrieren - warum tun es die meisten dann nicht, obwohl sie es könnten?

"Mythen über Zuwanderung zerbröckeln"

Die Erwägungen der Menschen in unterentwickelten Ländern, das zeigen die Autoren, sind eben sehr komplex. Menschen haben ganz unterschiedliche Gründe, ihre Heimat eben nicht zu verlassen. Sei es, weil sie ihren Anspruch auf die Familienfarm nicht verlieren wollen. Oder weil sie risikoscheu sind und befürchten, in der Fremde zu scheitern. Und die meisten Menschen, egal ob in Süd oder Nord, bleiben ohnehin am liebsten dort, wo sie gerade sind. "Die Mythen über Zuwanderung zerbröckeln", resümieren die Autoren.

Und als ob das nicht genug wäre - Banerjee und Duflo behaupten, die "eigentliche Migrationskrise" bestehe gerade darin, dass Menschen "oftmals unfähig oder unwillig sind, woanders hinzuziehen, um ökonomische Chancen zu nutzen". Wären sie flexibler, fiele es etwa auch hoch entwickelten Ländern in Nordamerika und Europa leichter, auf jenen Strukturwandel zu reagieren, der zuletzt ganze Regionen veröden lässt - samt ihrer bewegungsunfreudigen Bewohner. Migration ist also nichts, worauf Menschen von Natur aus scharf sind, so das Fazit. Aber sie sollten es besser sein.

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Denn es sei es nichts Schlimmes, wenn ökonomisch erfolgreiche Regionen und Länder jene Menschen anziehen, die willens sind, umzuziehen. Gut, es könnte etwas eng werden in den boomenden Städten. Und auch bei der Assimilation von Einwanderern müsse etwas getan werden - hier sei jedoch statt Furcht vor den Fremden eher gezielte Integration gefragt. Aber sind alle Migranten integrierbar? Dies wurde schon seit jeher bezweifelt, betonen Banerjee und Duflo. Etwa auch in den USA des 18. und frühen 19. Jahrhundert, wo den Deutschen - lange Zeit die stärkste Einwanderergruppe - nachgesagt wurde, dass sie unfähig seien, sich zu integrieren. Den Deutschen. Ausgerechnet.

Ignoranz und Ideologie stehen im Weg

Das zeigt, in "Gute Ökonomie für harte Zeiten" geht es auch um "Ignoranz und Ideologie", welche die Suche nach passenden Antworten auf drängende Fragen einhegen. Wenn es etwa um das Wirtschaftswachstum geht, für die Industrieländer immer noch das Maß aller Dinge: Banerjee und Duflo führen genüsslich auf, wie die USA und Großbritannien seit den 1980er Jahren darauf setzten, mit Steuersenkungen für Reiche das zuvor so üppige Wachstum wieder anzukurbeln. Und scheiterten.

Warum niedrigere Steuern für Reiche? Aus reiner Überzeugung, aus Ideologie. Erreicht wurde jedoch nicht mehr als eine wachsende Ungleichheit. Was zur nächsten Frage führt: Gibt es überhaupt so etwas, wie ein Patentrezept für Wirtschaftswachstum? Es folgt ein Zitat des US-Ökonomen William Easterly, welcher die Erkenntnisse der schlausten Köpfe der Wirtschaftswissenschaft zu dieser Frage so zusammenfasst: "Wir wissen es nicht."

Migration ist etwas Gutes, Wirtschaftsexperten haben keinen Schimmer, und Freihandel trägt kaum etwas zum Wohlstand bei - es sind unerwartete und unbequeme Einsichten wie diese, welche das lange Hörbuch kurzweilig werden lassen. Wozu aber auch der Erzählstil von Jürgen Holdorf beiträgt, mit dem Tonfall eines alten Haudegens aus einem Westernfilm, der knallhart und ohne Umschweife unterbreitet, wie der Hase läuft. Und man kann es glauben, oder sich zum Teufel scheren.

Doch klar ist auch: Das Hörbuch liefert ebenfalls keine einfachen Lösungen auf all die komplexen Fragen der Gegenwart. Vielmehr versucht es, Beispiele für gute Ansätze aufzuzeigen, betont aber auch, dass auch diese keine Allheilmittel sind. Was am Ende aber vor allem bleibt, ist das, was die Autoren als eines ihrer Ziele beschreiben: Zu zeigen, dass es in der Ökonomie "keine unumstößlichen Gesetze gibt, die uns daran hindern, eine humanere Welt aufzubauen". Man kann sagen: Es ist ihnen gelungen.

Quelle: ntv.de