Musik

Aus den Favelas in die Charts Anitta hat "keine Angst vor nichts"

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Hallöchen Popöchen!

In Deutschland ist sie noch weitgehend unbekannt - in Brasilien gehört Anitta jedoch schon längst zu den erfolgreichsten Sängerinnen aller Zeiten. Ihre Lieder haben bei Youtube teilweise mehr als 350 Millionen Klicks, insgesamt kommt sie auf mehr als zwei Milliarden Aufrufe. Song für Song - und mit enorm viel Körpereinsatz - erobert die 27-Jährige aber auch den europäischen Markt. Mit ntv.de spricht der Reggaetón-Star über das Leben in den Favelas, ihre anzüglichen Lieder und Feminismus.

Du heißt Larissa de Macedo Machado, trittst aber seit Beginn deiner Karriere unter dem Künstlernamen Anitta auf. Warum?

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Gestatten: Anitta.

"Anita" war eine Fernsehpersönlichkeit in Brasilien, die allen Menschen in ihrem Umfeld den Kopf verdreht hat. Alle Frauen, Männer und Kinder waren neugierig auf sie. Und sie selbst hat immer gesagt, dass sie nicht nur eine einzige Person sein möchte. Ihr gefiel es, jeden Morgen nach dem Aufwachen ein neuer Mensch zu sein. Mal war sie romantisch, ein anderes Mal verrückt, an einem anderen Tag sinnlich … und diese Einstellung spricht mich total an, deswegen habe ich ihren Namen angenommen und noch ein "t" drangehängt.

Du möchtest also wahrgenommen werden wie sie?

Ich glaube, ich bin als Mensch einfach genauso: Das verkörpere ich auch mit meiner Musik. Mal ist sie romantisch, dann wieder hart, und dann wieder tanzbar. Ich möchte mich nicht definieren lassen, sondern mich immer verändern.

Das spiegelt sich auch in deinem Werdegang wider: Als Kind hast du in einer katholischen Kirchengemeinde gesungen, als Teenager hast du dich dann plötzlich dem "Baile Funk", also dem ziemlich harten Gangsta-Rap, gewidmet. Ein krasser Gegensatz, schließlich geht es in den Songtexten hauptsächlich um Drogen, Sex und Gewalt. Ist das nicht eine Nummer zu krass für ein so junges Mädchen?

Ja, ist es. Aber: Der Rhythmus des "Baile Funk" in Brasilien, genau wie der des Reggaetón, ist in den Favelas entstanden. Und ich denke, man kann nicht über etwas singen, das man selbst nicht erlebt hat. Was also im "Baile Funk" besungen wird, haben die Künstler tatsächlich jeden Tag gelebt, das ist ihre Realität. Ich singe nicht so viel über diese Themen, das gefällt mir nicht, ich beschäftige mich lieber mit Themen wie der weiblichen Emanzipation, Frauenpower, Unabhängigkeit oder damit, dass man sich nicht darum scheren sollte, was andere über einen sagen … und mische sie mit dem Rhythmus des "Funk".

Auch du bist in den Favelas am Stadtrand von Rio de Janeiro aufgewachsen. Wie würdest du das Leben dort beschreiben?

Ich hatte eine sehr einfache Kindheit. Wenn man in Brasilien ohne Geld aufwächst, hat man wenige Möglichkeiten im Leben und keinen oder nur wenig Zugang zu Kultur oder Bildung. Deswegen ist alles, was wir singen oder tun, das Ergebnis von dem, was wir von der Regierung erhalten. Ich spreche nur Spanisch und Englisch, weil ich mich selbst darum gekümmert und die nötigen Mittel habe. Das habe ich gelernt, um in den lateinamerikanischen Markt zu kommen. Brasilien gehört zwar zu Südamerika, aber dass wir Portugiesisch und nicht Spanisch sprechen, trennt uns sehr von der gemeinsamen Kultur. Und um andere Kulturen kennenzulernen, muss man auch die Sprache beherrschen. Es ist wichtig, Barrieren zu durchbrechen.

Hast du trotzdem schöne Erinnerungen an deine Kindheit?

Ja, trotz allem war ich sehr glücklich. Das hat mir in meinem Werdegang sehr geholfen, weil ich weiß, dass ich auch mit wenig zufrieden sein kann. Deswegen habe ich keine Angst vor nichts. Ich weiß genau, wie verschieden einzelne Phasen des Lebens sein können - ich habe sie bereits gelebt.

Mittlerweile wohnst du in einem bewachten Wohnkomplex in Rio. Hast du noch Verbindungen in die Favelas oder hast du mit deiner Vergangenheit abgeschlossen?

Ich kehre immer, immer, immer wieder zurück! Ich habe noch ein paar Verwandte, die sich geweigert haben, da wegzuziehen. Die besuche ich sehr oft. Und ich widme mich vielen Projekten: Am Kindertag verteile ich zum Beispiel Süßigkeiten an die Kinder, die dort leben. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, wo man herkommt, um seine Wurzeln nicht zu verlieren.

Du bist nicht nur Brasiliens erfolgreichste Sängerin, sondern mit knapp 50 Millionen Followern auch eine Social-Media-Sensation, die viele Live-Chats mit Stars wie Katy Perry, David Guetta und Miley Cyrus macht. Hilft dir das dabei, auch im US-Markt Fuß zu fassen?

Das mache ich hauptsächlich, weil es mir Spaß macht und ich den Austausch mit ihnen genieße. Zu Beginn der Pandemie hatte ich dafür auch mehr Zeit. Jetzt gerade möchte ich weniger Zeit in sozialen Medien verbringen, deswegen mache ich mir keinen Druck. Ich mache das nur sehr gut, wenn ich Lust darauf habe und es aus freien Stücken tue, nicht, weil ich mir dadurch Vorteile erhoffe.

Deine Lieder sind sexuell sehr anzüglich, du selbst präsentierst dich meist sehr leicht bekleidet und provokativ.

Ja, ich war einfach schon immer so, mir gefällt das. Wenn das nicht Teil meiner Persönlichkeit wäre, würde ich mich niemals so geben, nur um aufzufallen. Aber ich glaube, das hilft dabei, die Nachricht zu vermitteln, dass Frauen sich nicht dem fügen müssen, was Männer von ihnen erwarten. Frauen wird viel abverlangt und das möchte ich aufbrechen.

Trotzdem handelst du dir oft den Ärger von Feministinnen ein, die dir vorwerfen, dich zum Objekt männlicher Begierde zu erniedrigen. Wie siehst du das?

Immer wenn ich das gefragt werde, antworte ich: Ich benutze meinen eigenen Körper, nicht den von anderen Frauen, und ich mache Dinge, die mir gefallen. Jede Frau muss so frei sein, um ihre Persönlichkeit ausleben zu können. Und nichts anderes mache ich. Deswegen verstehe ich nicht, warum ich mich einschränken soll, wenn ich liebe, was ich tue.

Du bezeichnest dich als Feministin und möchtest ein Vorbild für junge Frauen sein. Aber widerspricht sich das nicht, wenn du dich selbst so sexualisierst?

Nein, ich glaube, genau das ist Feminismus: dass jede Frau die Freiheit genießt, sich so zu entfalten, wie sie es für richtig hält. Und Freiheit bedeutet für mich, mit meinem Körper tun und lassen zu können, was ich möchte. Aber jeder definiert Feminismus anders.

In deinem Lied "Tócame" ("Fass mich an") rappt Arcangel: "Wenn du Hunger hast, komm her, ich ernähre dich", während er sich in den Schritt greift. Kannst du bei solchen Songtexten die Kritik nicht ein wenig nachvollziehen?

(lacht) Ich sehe das so: Wir Frauen müssen uns in dem, was wir tun, wohlfühlen. Und mir persönlich gefällt die Art von Musik sehr. Wem es nicht gefällt - der soll die Musik nicht hören, verstehst du? Ich repräsentiere die Leute, die meine Auffassung teilen, dass Frauen sich sexuell ausleben sollen, wenn sie möchten. Deswegen sehe ich darin nichts Negatives. Nur wenn ich mich anders gäbe als ich eigentlich bin, wäre die Kritik angebracht. Aber ich bin auch privat genauso. Und gleichzeitig ist das eine der vielen Seiten, die ich als Anitta verkörpere. Das ist eben die sinnliche Anitta. In anderen Liedern kommt eine andere Anitta zum Vorschein. Deswegen finde ich es wichtig, für ein ausgeglichenes Bild meine gesamte Arbeit zu betrachten.

Im Gegensatz zu vielen anderen Sängerinnen gehst du auch ganz offen mit deinen Schönheitsoperationen um.

Ja, ich möchte ein echter Mensch sein und mein Publikum nicht belügen. Abgesehen davon, dass ich nicht gut darin bin, eine Lüge über lange Zeit aufrechtzuerhalten. Aber so offen, wie ich mich gebe, wäre es falsch, ein verzerrtes Bild zu vermitteln. Vor allem für meine jungen Fans, die vielleicht fälschlicherweise glauben, dass sie nicht das "Glück" hatten, so auszusehen wie ich.

Es heißt, dass die OPs aber nicht deine Idee waren, sondern dir nahegelegt wurden, um aus dir einen Star zu machen. Stimmt das?

Hmmm, also, sie wurden mir schon nahegelegt. Aber ehrlich gesagt, wollte ich sie auch. Ich hätte mich niemals operieren lassen, nur weil es von mir verlangt wird. Es gefällt mir einfach. (lacht)

Viele Künstler benutzen ihre Reichweite, um auf politische Themen aufmerksam zu machen. Ist dir das in Bezug auf die aktuelle Politik Brasiliens auch wichtig?

Ja, sehr, ich bin sehr engagiert. Ich sage meine Meinung dazu deutlich: Brasilien geht es nicht gut. Wir haben einen Präsidenten, der unsere Gesellschaft immer weiter spaltet, anstatt sie zu vereinen. Auf Instagram gebe ich häufig Politikunterricht. Basics, damit meine Fans sich weiterbilden und etwas über unser Land lernen können. Sie müssen lernen, kritisch zu denken und Fake News von der Wahrheit differenzieren zu können. Nur dann können wir auch unser Schicksal beeinflussen.

Mit Anitta sprach Linn Rietze

Quelle: ntv.de