Musik

"Ich bügele selbst" Aretha Franklin - Diva ohne Mätzchen

3li93021.jpg4510848980225854857.jpg

Kocht und bügelt selbst: Aretha ist eine untypische Diva.

(Foto: dpa)

Es war nicht ganz leicht, diesen Termin mit der Queen of Soul einzufädeln. Ursprünglich war ein Treffen in New York geplant, doch es wurde verschoben, abgesagt, dann komplette Funkstille. Plötzlich dann das Angebot, sofort nach Detroit zu fliegen, wo die Lady lebt. Anyway, man kam zusammen. Dass sich dann herausstellt, dass die vielleicht berühmteste lebende Soulsängerin ein anderes Verständnis vom Begriff "Diva" hat als die meisten anderen Menschen, ist nur eine Facette des Gesprächs. 

In enger Zusammenarbeit mit dem alten Musikindustrie-Haudegen Clive Davis, der bereits in den Achtzigern für das erste Comeback Franklins sorgte, singt sie sich durch alte und neuere Frauen-Soul-Klassiker - unter anderem von Etta James, Gladys Knight, Alicia Keys, Adele - und bleibt dabei mal mehr, mal weniger nah an den bekannten Versionen. 

Aretha Franklin (auf Deutsch): Guten Abend.

n-tv.de: Guten Abend, Mrs. Franklin, Sie sprechen deutsch?

Ein paar Worte. Ich bin immer gern nach Deutschland gekommen.

Die Menschen sind überwiegend entzückt von Ihrem neuen Album. Was bedeutet es Ihnen persönlich?

Sehr viel. Ich bin begeistert über die tollen Reaktionen. Es bedeutet mir, dass ich mich musikalisch immer noch so ausdrücken kann, wie ich selbst das möchte. Und von meiner persönlichen Befriedigung, die sehr groß ist, einmal abgesehen, geht es natürlich darum, dass die Menschen diese Lieder genießen. Denn das ist es, was am Ende zählt.

Wie viel Freude hatten Sie dabei, diese Lieder zu singen?

Ich hatte eine wundervolle Zeit im Studio. Viele Songs kenne ich sehr gut von früher. Die habe ich mir als Teenager gekauft. Ganz besonders "People" in der Version von Barbra Streisand und die Nummern von Diana Ross. Immer, wenn ich Mr. Gordy (Berry Gordy, Gründer von Motown Records, Anm.d.Red.) treffe, sage ich zu ihm, dass er mir noch einen großen Haufen Geld schuldet (lacht). Ich habe so viele seiner Platten gekauft, dass ich geholfen habe, ihn reich zu machen.

Haben Sie als Teenager zu Stücken von Diana Ross und den Supremes getanzt?

afjung.jpg

Die junge Aretha war keine Tänzerin.

Nein, das nicht. Eine große Tänzerin war ich nie. Ich habe die Musik lieber im Stillen genossen.

Wie haben Sie die Stücke für dieses Album ausgewählt?

Eng abgestimmt mit Clive Davis. Mister Davis kam mit dem Konzept zu mir und er hat eine tolle Auswahl an Songs getroffen.

Wer von Ihnen hatte denn die Idee, Adeles "Rolling In The Deep" mit dem Klassiker "Ain’t No Mountain High Enough" zu paaren?

Ich! Für mich gehört "Ain’t No Mountain High Enough" zu den herausragenden Songs der Geschichte. Und ich liebe Adele. Wirklich beeindruckend, was das Mädchen da gemacht hat. Sie ist eine sehr, sehr gute Komponistin und eine feine Künstlerin.

Sie kennen Clive Davis seit 1980, als er Sie für sein Label "Arista" unter Vertrag nahm und Ihnen zu einem Comeback verhalf. Hits wie "I knew you were waiting", Ihr Duett mit George Michael, gehen auf Davis’ Kappe.

Richtig. Wir begannen mit den Aufnahmen im Dezember 2013, als der Produzent Babyface zu mir nach Detroit kam. Babyface ist bekanntermaßen selbst eine Legende, wir hatten eine Superzeit zusammen.

Wenn wir schon über Legenden sprechen, dann müssen wir natürlich über Sie reden: Fühlen Sie sich geschmeichelt, auf der ganzen Welt als Soul-Legende zu gelten, als die "Queen of Soul"? Oder ist so ein Titel auch eine Bürde?

Nein, das ist ein unvorstellbares Kompliment. Sie verstehen, dass ich mich nicht selbst als Legende bezeichnen mag, aber wenn die Menschen das tun, ehrt mich das. Es gibt kein besseres Gefühl, als wenn Menschen das wertschätzen, was man macht.

Sie haben als Kind mit dem Singen begonnen. Singen Sie jeden Tag?

afkonzert.jpg

Wegen ihrer Flugangst ist sie wohl nicht so schnell in Deutschland zu sehen.

Eigentlich schon. Ich liebe Musik so sehr wie eh und je. Singen ist mein Ausdrucksmittel. Im Sommer habe ich hier in den USA 15 Konzerte gegeben.

Sie hatten in den vergangenen Jahren einige ernsthafte Erkrankungen und verbrachten 2010 und 2013 überwiegend in Krankenhäusern …

Hm, ja, stimmt.

Beziehen Sie den Ausdruck "Suvivor" ("Überlebende") auch auf sich selbst?

Ja, natürlich. Ich habe überlebt, ich lebe und es geht mir gut. Beyoncés "Survivor" ist übrigens lange der Lieblingssong meiner Enkeltochter Victory gewesen, die jetzt 17 ist, auch so langsam im Musikbusiness Fuß fasst und diesen Song in einer TV-Wohltätigkeitsshow sang und mir widmete. Wir beide lieben diesen Song.

Sie sehen übrigens super aus, gesund und fit, und Sie scheinen auch einiges an Gewicht verloren zu haben.

Danke. Ja, ich fühle mich fabelhaft. Ich bin gesund wie ein junges Vögelchen. Ich gehe viel spazieren und manchmal gehe ich auch ins Fitnessstudio und steige aufs Fahrrad.

Hat so eine berühmte Frau wie Aretha Franklin eigentlich Personal?

Klar, ich mache nicht alles selbst im Haus, aber ich gehe gern selbst einkaufen. Die Menschen lassen mich weitgehend in Ruhe. Und wenn sie mich ansprechen, sind sie äußerst liebenswürdig.

Kochen Sie auch selbst?

Das können Sie aber glauben! Ich weiß am besten, was ich will und wie ich es will. Und ich bügele alle meine Klamotten selbst. Ich wasche sie auch selbst. An meine Wäsche kommt sonst niemand.

Klingt nicht nach einer Diva ...

328AA000C84DEDBB.jpg8896135528243491300.jpg

Die nächste Diva-Generation steht in den Startlöchern - Arehta Franklin hätte da ein paar Tipps.

(Foto: AP)

Nun, Diva - ein weites Feld. Der Begriff stammt aus der klassischen Musik, wo die Sängerinnen als Diven bezeichnet wurden. Später wanderte das Wort in die Popmusik. Wenn man von einer Diva spricht, dann meint man eine moderne, zeitgenössische Sängerin mit hervorragender Stimme. Ich denke also, jemanden Diva zu nennen, sollte stets ein Kompliment sein.

Aber?

Das Wort wird meist abwertend gebraucht. Eine Künstlerin, die etwas, sagen wir, viel Temperament besitzt, wird als Diva bezeichnet.

Eine Künstlerin, die etwas kompliziert, schwierig, zickig oder, wie Sie sagen, temperamentvoll ist, sollte also nicht dafür kritisiert werden?

Ich denke nicht. Die allermeisten Sängerinnen versuchen nichts anderes, als das Beste aus sich selbst und aus anderen Menschen herauszuholen. Damit er oder sie den Leuten das Beste geben kann. Eine Diva ist also keine Zicke, sondern eine Frau oder ein Mann mit hohen Ansprüchen. So sehe ich es jedenfalls.

Manche Kolleginnen, die als Diva gelten, gehen ihrem Umfeld gern mit seltsamen Forderungen und Wünschen auf den Keks.

Für solche Mätzchen habe ich keine Zeit.

Wenn Sie mal vergleichen zwischen den 60er und 70ern mit der damaligen Frauenbewegung und dem, was für Frauen heute alles möglich oder selbstverständlich ist, was fällt Ihnen da besonders auf?

Frauen haben einen sehr, sehr weiten Weg zurückgelegt. Nach meiner Meinung haben es die Frauen längst geschafft, die sogenannte Gläserne Decke zu durchbrechen. Ich kenne genügend Frauen in vorderster Position in ihren Unternehmen. Ich habe mit vielen weiblichen Chefs zu tun. Also, bei uns im Westen ist das Meiste erreichen. Jetzt geht es um die Frauen auf anderen Kontinenten, die bis heute darunter leiden, keine Gleichberechtigung, geschweige denn Unabhängigkeit erlangt zu haben. Frauen gehören und kommen nach vorne.

Ist Amerika bereit für eine Präsidentin?

Ich denke, wir werden das sehr bald schon herausfinden.

Sie leben am Rande von Detroit, einer einst glänzenden und heute heruntergekommenen Bankrott- und teilweise Geisterstadt. Haben Sie Hoffnung, dass sich Detroit wieder berappeln wird?

Das tut es doch gerade! Viele Bauentwickler sind in der Stadt, wir haben einen neuen Bürgermeister, es geht der Stadt längst nicht mehr so mies wie vor ein paar Jahren. Ich bin mir ganz sicher, dass Detroit die Kurve kriegen und noch Großes auf die Beine stellen wird. Falls du Geld übrig hast, rate ich dir eins: Investiere es in Detroit.

Investieren Sie?

Aber hallo.

Aretha, verfolgen Sie, was die jungen Leute musikalisch so treiben? Speziell die jungen Diven?

Mit Alicia Keys tausche ich mich regelmäßig aus, das stimmt. Ich würde die jungen Sängerinnen jedoch nicht als Diven bezeichnen. Dazu fehlt denen noch einiges. Eine Diva zu sein, dazu bedarf es mehr als nur Musik zu machen und gut singen zu können. Was eine Diva für mich ausmacht, sind nicht nur erfolgreiche Platten, sondern das, was sie gibt, ihr Beitrag zum Gemeinwohl.

Sie haben endlich Ihre Flugangst überwunden, ist das richtig?

(lacht) Ich arbeite noch dran. Ich habe seit 1983 kein Flugzeug mehr betreten.

Die Chancen für eine Europatournee stehen also nicht gut?

Nicht im Moment. Aber hoffentlich komme ich, bevor das nächste Jahr vorbei ist. (wieder auf Deutsch) Vielen Dank und auf Wiedersehen.

Mit Aretha Franklin sprach Steffen Rüth

Album "Aretha Franklin Sings The Great Diva Classics" ab 24.10.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema