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Hat meist mehrere Bälle in der Luft: Jongleur Oren Lavie.
Hat meist mehrere Bälle in der Luft: Jongleur Oren Lavie.
Donnerstag, 22. Februar 2018

"Bedroom Crimes": Bettgeschichten mit Oren Lavie

Sein erstes Album hat Oren Lavie in Berlin aufgenommen. Lange lebte der heute 40-Jährige in der Stadt - vielleicht hat er daher einen Faible für deutsche Interviews. "Die gehen immer mehr in die Tiefe als andere." Nun, wir bemühen uns auf jeden Fall. Und verlieben uns in ihn und seine Musik. 2009 macht ihn ein Musikvideo weltberühmt: der Clip zu "Her Morning Elegance", den Oren in Stop-Motion-Technik inszenierte, wurde zum Online-Hit, verzeichnete über 30 Millionen Aufrufe bei Youtube und bescherte ihm eine Grammy-Nominierung in der Kategorie "Best Short Form Music Video".

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Thema des Kurzfilms - und überhaupt sein Lieblingsthema - ist die Übergangsphase vom Unterbewussten zum Bewusstsein, die man kurz vor dem Aufwachen durchlebt. "Ich finde Träume extrem interessant: viele meiner Ideen kommen mir im Schlaf. Und ich mag Schlafzimmer". Es wird daher wohl kein Zufall sein, dass sein neues Album "Bedroom Crimes" heißt. Der in Tel Aviv geborene Musiker fing schon mit dem Songschreiben an, bevor er überhaupt Klavier spielen gelernt hatte. Seine erste Motivation war nicht musikalischer Natur, er wollte Geschichten erzählen, so Lavie. Sein Haupteinfluss war die klassische Musik. "Erst viel später kam ich darauf, dass meine Stimme ein Teil der Geschichte sein könnte." Über seine Geschichte und sein Album - elf Songs in elf Szenen - spricht er mit n-tv.de.

n-tv.de: Oren, Ihr Album heißt "Bedroom Crimes" - deswegen muss die erste Frage natürlich lauten: Was geht da Kriminelles ab in Ihrem Schlafzimmer?

Oren Lavie: Das Schlafzimmer ist der letzte Ort, den du siehst, bevor du einschläfst und der erste, wenn du wieder aufwachst. Es ist der Ort, wo das Bewusstsein und das Unterbewusstsein auf eine gewisse Art und Weise zusammenfinden. Es ist eine Art Flucht und wenn du schläfst, ist das wiederum ein Ort, dem du nicht entfliehen kannst. Dort stellst du dich der Wahrheit deines Lebens. Und jeden Tag, an dem du dort aufwachst, hast du die Möglichkeit, alles neu zu machen. Vielleicht sogar, jemand Neues zu sein.

Und dann lasse ich die Person, die ich war, hinter mir?

Wenn man es will, ja.

Und haben Sie manchmal das Gefühl, dass Sie morgens eine neue Person sind?

Es geht mehr um die Möglichkeit, dass man jeden Tag jemand anderes sein könnte. Dass man Dinge besser machen kann. Es besteht die Möglichkeit, eine bessere Person zu sein, ein besserer Liebhaber, ein besser Freund, ein besserer Künstler. Ein neuer Morgen bietet eine Fülle von neuen Möglichkeiten.

Das waren jetzt alles fast schon spirituelle Antworten …

(lacht) Ja, ich weiß, es ist natürlich auch der Ort, an dem man Liebe macht. Dort gibt es Gier und eine Kraft, die dein anderes Ich okkupiert. Dort gehen Prozesse ab, die dir vorher vielleicht noch nicht so bewusst waren. Man ist im Bett normalerweise passiv - man schläft - und dennoch passiert so vieles, oder?

Ich versuche zu folgen.

Leute teilen dort im Bett etwas: ihre Nächte, Dinge, die gesagt werden und Dinge, die besser nicht gesagt werden.

Und es ist der Ort, an dem man im Idealfall auch viel Zeit mit seinen Ex-Lieben verbracht hat. So sieht es jeden Fall in dem Video zu "Second Hand Lovers" aus …

(lacht) Ja, in dem Video stimmt das! Da geht es um Erinnerungen und die Summe unserer Erfahrungen, die wir mit anderen gemacht haben. Das Schlafzimmer ist vielleicht eine Art Speicher, der Ort, an dem unsere Vergangenheit aufbewahrt wird. Und die Ex-Lieben, die leben dort vielleicht sogar weiter, stimmt. Ja, in dem Video wird die Summe aller Beziehungen gezeigt, die er je hatte. Das bringt allerdings nicht nur Vorteile mit sich …

Macht einen die Summe seiner Erfahrungen eigentlich zu einer besseren Version seiner selbst?

Das ist eine komplizierte Angelegenheit. Es ist nie gut, sich mit der Person, die man einmal war, zu vergleichen. Es ist auch nicht gut, eine neue Liebe mit einer alten zu vergleichen. Es hat aber schon Sinn, sich klarzumachen, dass man sich in einem stetigen Prozess befindet und dass es, wenn man seine Erfahrungen annimmt, die Summe all dessen ist, was man je gefühlt hat. Dazu gehört nicht jeder Gedanke, den man je gehabt hat - aber die Gefühle.

Der Song "Did You Really Say No" mit Vanessa Paradis hat eine ungeahnte Brisanz und Aktualität angesichts der ganzen "#MeToo"-Debatte bekommen, von der Sie beim Texten ja noch gar nichts wissen konnten, oder?

Naja, dieses Thema - was wir wollen, was wir nicht wollen, wozu wir ja oder nein sagen - ist doch immer relevant. Aber es stimmt schon, dass es so den Nagel auf den Kopf treffen würde, war nicht abzusehen.

Wie sind Sie mit Vanessa zusammengekommen, wie haben Sie sich gefunden?

Das war der letzte Song auf dem Album, bei dem ich das Gefühl hatte, dass er noch ein gewisses Finishing braucht, dass er einfach nicht komplett ist. Ich spürte, dass ich den Song gern aus der männlichen und aus der weiblichen Perspektive haben wollte. Ich wollte vor allem, dass eine Schauspielerin in meinem Video mitmacht, eine Schauspielerin, die auch singen kann. Und diese beiden Eigenschaften treffen so perfekt auf Vanessa Paradis zu. Ich finde, ich habe mit ihr mehr eine Geschichte erzählt als ein Duett gesungen. Ich schickte ihr meinen Song und sie antwortete recht schnell.

Und dann?

Hat sie gesagt, dass sie sehr gerne mitmachen würde. An einem freien Tag in Paris haben wir den Song dann aufgenommen. Und sie bot an, in meinem Video mitzuspielen. Es ist der erste Teil einer Trilogie. Dann folgte "Second Hand Lovers".

Sie machen ja nicht nur Musik, Sie schreiben Theaterstücke, gerade ein Kinderbuch, Ihre Videos werden mit Preisen ausgezeichnet - wollen Sie nicht mal einen Film drehen?

Oh ja, gerne, aber dafür muss ich mir Zeit nehmen. Im Moment passiert so viel anderes. Manchmal wache ich auf und frage ich, wer ich bin: Ein Musiker, ein Regisseur, ein Schriftsteller. Bin ich alle in einer Person? Oder vielleicht keiner? Manchmal fühle ich mich auch wie ein Akrobat, der mehrere Bälle jongliert und frage mich: Welchen halte ich gerade in der Hand, welche sind in der Luft? Ich glaube, ich werde immer alles gleichzeitig machen. Aber ich habe inzwischen meine Techniken, um mich besser auf eine Sache fokussieren zu können. Aber es ist nicht einfach (lacht). Manchmal ist es sogar kontraproduktiv.

Was beeinflusst Sie in dieser verrückten Welt? Allein die Situation in Ihrer Heimat ist ja sehr angespannt.

Ich versuche, mich davon nicht beeinflussen zu lassen. Nicht, dass ich es nicht sehe, aber ich will mich nicht verrückt machen lassen. Ich glaube an die Menschen, an Freundschaft und Liebe, und ich versuche, in meiner Kunst nicht politisch zu sein. Ein bisschen ist es so, als würde ich in einer Luftblase leben. Aber nur so kann ich machen, was ich mache. Ich sehe natürlich, was los ist, aber ich wähle ganz genau aus, wo ich mitmachen möchte, wo ich dabei sein muss und wo nicht.

Mit Oren Lavie sprach Sabine Oelmann

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Quelle: n-tv.de