Sleaford Mods mit neuem Album"Bis zu einem gewissen Grad sind wir verloren"

Seit mehr als 15 Jahren liefern Sleaford Mods so kraftvollen wie gesellschaftskritischen Electro-Postpunk ab. Mit "The Demise of Planet X" veröffentlichen die Briten nun ihr mittlerweile achtes Studioalbum.
Einmal mehr beweisen Sleaford Mods gleich zu Beginn des neuen Jahres ihr Talent für scharfzüngige Lines mit britischem Rotz und ganz ohne Klischees, dafür in Kombination mit knackigen Beats. Auch auf "The Demise of Planet X" gehen Sänger und Songwriter Jason Williamson und Produzent Andrew Fearn thematisch dorthin, wo es wehtut - und legen den Finger auf die zahlreichen Wunden der aktuellen Zeit.
Im Interview mit ntv.de spricht der 55-jährige Williamson unter anderem über schleichenden Untergang der Zivilisation und warum er trotz Spotify-Kritik nicht zum "Wächter einzelner Themen" werden will.
ntv.de: Jason, wofür steht der Titel "Planet X"? Ist damit Nottingham gemeint, England oder die Menschheit im Allgemeinen?
Jason Williamson: Für alles. Die Welt ist mittlerweile so viel kleiner geworden. Das ist keine neue Erkenntnis, aber alles ist durch Bildschirme und Fernseher so präsent. Es ist also ein globaler Begriff für einen außer Betrieb gesetzten Planeten. Es fühlt sich an, als hätten wir uns immer wieder selbst hochgewürgt und recycelt, bis kaum noch etwas übrig ist. Wir peitschen sozusagen ein totes Pferd aus.
Das klingt wenig optimistisch. Ist dieser Untergang noch umkehrbar?
Bis zu einem gewissen Grad sind wir verloren, aber es gibt immer Raum für Optimismus. Im Moment fühlt es sich allerdings so an, als wären wir besiegt und zurückgeschlagen. Wir dürfen uns nicht von der Wand lösen und vorwärtsgehen, weil uns ständig etwas zurückdrängt.
Kriege, die Zeit nach der Pandemie, soziale Medien, KI oder der Rechtsruck - was hat dich beim Schreiben am meisten beeinflusst und wovor hast du am meisten Angst?
Ich weiß nicht, ob KI eine größere Bedrohung für deine Branche ist oder für alle Bereiche. Wird mich in ein paar Jahren eine KI interviewen?
Würdest du denn lieber mit einer KI sprechen als mit mir?
Nein, alles gut. Es stört mich eigentlich nicht. (lacht) Wenn die Leute lieber KI-generierte Musik hören wollen, ist das ihr verdammtes Problem. Wenn die Leute Scheiße essen wollen, dann lass sie. Man muss es erst hereinlassen, damit es dominieren kann - das gilt für rechtsextreme Politik genauso wie für Nationalismus oder das veraltete Bild des Mannes als alleinigem Ernährer. Man muss das nicht alles absorbieren. Hier liegt das Positive: Man kann widerstehen. Interessant ist auch der Aspekt nach Covid: Die Menschen haben das noch nicht verarbeitet. Sie sind wütender geworden und weniger bereit, vernünftig miteinander umzugehen.
Dazu passt auch die aktuelle Diskussion um Spotify. Wie stehst du dazu? Würdest du euren Fans empfehlen, zu wechseln?
Es gab schon immer ein "Spotify" oder einen Elon Musk - nenne irgendeinen Bösewicht. Der Typ, der Spotify leitet, ist ein Milliardär, der sein Geld in KI-Waffen steckt. Das ist Wahnsinn. Ich bin mit dem Bezahlsystem von Spotify nicht einverstanden, wir sollten mehr bekommen, aber das tun wir nicht. Es ist ein Hindernis, das man überwinden muss. Hätte ich früher auf die Leute gehört, die sagten, wir kämen wegen des Fluchens nie weit, säße ich heute nicht hier. Man muss diese Dinge überwinden. Die ständigen Debatten und das gegenseitige Übertrumpfen sind sinnlos. Spotify stört mich nicht.
Ist es für einen Künstler mit Reichweite Pflicht, die Stimme zu erheben, oder sollte das immer eine freie Entscheidung sein?
Es ist nur wichtig, wenn es etwas bedeutet. Wenn man es nur oberflächlich macht, um Hörer anzulocken oder Kontroversen zu provozieren, bringt es nichts. Kreativität sollte kein politisches Mandat brauchen, aber heutzutage ist alles politisch. Wir werden durch absurde Politik und einen Mangel an intellektuellem Austausch eingeengt. Ich habe wegen meiner sozialen Situation und meiner Wut angefangen. Man muss es zuerst spüren, bevor man etwas tut.
Gibt es Themen, über die du nicht schreiben würdest, weil du zu wenig darüber weißt, wie etwa den Ukraine-Krieg?
Es gibt Wege, über die Ukraine, den Nahen Osten, den Sudan oder Syrien zu sprechen, ohne zum Angreifer für eine Seite zu werden. Meine Sympathien liegen natürlich bei denen, die bombardiert und ermordet werden. Aber ich denke nicht, dass es produktiv ist, nur ein Wächter für ein einzelnes Thema zu sein. Es ist besser, alles zu reflektieren und in Songtexte einzubauen.
Auf dem neuen Album gibt es viele Kollaborationen. Waren das eher zufällige Begegnungen oder gezielte Wünsche eurerseits?
Die Kollaborationen haben die Songs diesmal stärker geprägt. Das Album ist poppiger und heller. Ich nutze die Gäste eher wie Instrumente - wie fehlende DNA-Stränge, die wir eingefügt haben. Die Songs waren meist schon fertig, aber ich merkte: Das kann ich nicht singen. Also habe ich Leute wie Aldous Harding oder Gwendoline Christie dazugeholt. Gwendoline hat "The Good Life" perfekt vollendet. Wenn ich es selbst singen kann, brauchen wir niemanden, aber oft klingt es bei mir einfach nicht gut.
Ihr habt vergünstigte Tickets für Menschen mit geringem Einkommen eingeführt. Wie kam es dazu?
Wir sind nur zu zweit und haben keine Band, dadurch sparen wir viele Kosten. Wenn eine fünfköpfige Band in Hallen für 2000 Leute spielt, ist es schwer, Geld zu verdienen. In England sind die Lebenshaltungskosten, allein für Essen, wahnsinnig teuer. Wir reservieren ein paar Prozent der Tickets zum niedrigstmöglichen Preis. Das hilft den Leuten wirklich, die sich sonst zwar die Fahrt, aber nicht das Ticket oder das Hotel leisten könnten. Niemand nutzt das schamlos aus, es geht an die, die es brauchen.
Wie entscheidet ihr, wer diese Tickets bekommt?
Das basiert auf Vertrauen. Wir wissen, dass viele unserer Hörer Mindestlohn verdienen oder keine festen Verträge haben. Wir hoffen einfach, dass die richtigen Leute diese Tickets kaufen.
Was erhoffst du dir politisch für das Vereinigte Königreich in den nächsten zwei Jahren?
Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Gerechtigkeit oder Fairness werden wir von einer Partei so bald nicht bekommen. Ich hoffe nur, dass eine politische Organisation kluge Politik mit Mitgefühl verbindet und enttäuschten Wählern zeigt, dass sie nicht den Ideologien wütender alter Männer folgen müssen. Aber das ist ein weiter Weg. Manchmal denke ich, die Nationalisten müssen erst an die Macht kommen, damit das System implodiert und sie sich selbst entlarven.
Du hattest eine Weile persönliche Differenzen mit den Idles, hast das Problem aber durch Kommunikation gelöst. Was war da los?
Vielleicht war ich eifersüchtig auf ihren Erfolg. Ich mochte es nicht, dass mich manches an die Sleaford Mods erinnerte. Ich habe mich in die Idee hineingesteigert, dass sie aus der Mittelschicht kommen. Aber, na und? Mittelstandsbands sind nicht der Feind. Wichtig ist die Botschaft. Mir wurde klar, dass der Streit mehr mit mir selbst zu tun hatte als mit ihnen. Die Idles sind nicht das verdammte Problem. Ich habe mich bei Joe (Talbot, Sänger - Anm. d. Red.) entschuldigt und wir haben angefangen, miteinander zu reden.
Was erwartet uns auf der kommenden Tour? Die Idles als Vorband ja wohl leider eher nicht.
Nein. (lacht) Wir werden das Album spielen. Es wird "Business as usual", aber mit einem zeitgenössischen Live-Sound. Jede Tour fühlt sich anders an. Manche Leute denken, wir waren vor Jahren besser, aber scheiß drauf, man muss weitermachen. Wir lieben, was wir tun.
Mit Jason Williamson sprach Nicole Ankelmann
"The Demise Of Planet X" ist ab sofort verfügbar.
