Musik

"Ich habe einfach getextet"Charlie Winston - erwachsen und voller Liebe

28.09.2018, 17:32 Uhr

Shopping ist nicht sein Hobby. Er recycelt gern. Er hat zu sich selbst gefunden und er hat richtig was zu sagen. Er setzt sich gern für die gute Sache ein, auch wenn das bedeutet, dass andere ihm raten, sich rauszuhalten. Charlie Winston - ein rundum cooler Typ.

Der britische Sänger und Songwriter Charlie Winston, der sich in seiner Karriere vornehmlich mit schlauer Pop-Arithmetik (besonders erfolgreich bei "Like A Hobo"), durchdachten Texten und sozialem Gewissen hervorgetan hat, widmet seine neue Single - dem Wochenende. "The Weekend" ist der erste neue Song des 39-jährigen Musikers, Songwriters und Produzenten seit drei Jahren und stieß als erste Vorabsingle aus seinem Album auf Begeisterung. In den vergangenen zehn Jahren veröffentlichte Charlie Winston drei Studioalben, von denen einige die Spitze der europäischen Charts erreichten. Sein Debütalbum "HOBO" verkaufte sich weltweit mehr als eine Million Mal und bescherte der Hitsingle "Like A Hobo" Unmengen an Preisen. Besonders bemerkenswert sind auch seine Kollaborationen mit den Großen der Modewelt: er inspirierte Jean-Paul Gautier und Trussardi zu Collectionen und steuerte Musik zu den dazu gehörigen Catwalk-Shows bei. Er war das Gesicht von Galleries Lafayette Paris Menswear und bestritt die Kampagne zusammen mit Jean-Paul Goude. 2018 wird er nicht nur sein viertes Album veröffentlichen, es entsteht unter der Regie von Ian Roderick ein Doku/Drama-Film über seine Liebe zur Musik. Mit n-tv.de spricht er darüber, wie man sich aufs Wesentliche konzentriert und das große Ganze dennoch nicht aus den Augen verliert. Und wie es so ist, Brite zu sein.

n-tv.de: Das neue Album, "Square 1", ist schon dein viertes!

Charlie Winston: Ja, und mein liebstes Bild daran ist, dass ich mir vorstelle, ich bin wieder in der Ecke angekommen, bei der ich gestartet bin. Ich bin mit diesem Album irgendwie auch wieder ein bisschen mehr bei mir selbst angekommen. Nicht, dass die anderen Alben nicht von mir waren (lacht), oder ich mich damit unwohl gefühlt hätte, aber jetzt erscheint mir die Musik wieder ganz echt, von innen heraus.

Du hast vieles ausprobiert ...

Ja, und jetzt kann ich mich wieder selbst umarmen (lacht). Klingt etwas pathetisch ich weiß, aber so fühlt es sich an. Es war eine gewisse Evolution nötig, damit ich mir das auf der Bühne erlaube, was ich jetzt gerade mache. Ich habe nur zwei Musiker dabei, wenn ich auftrete, es ist eine sehr einfache Herangehensweise. Ich versuche wieder, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das Schönste daran Musiker zu sein, ist seine eigenen Songs zu spielen.

Hast du es dann auch lieber, wenn du vor weniger Leuten spielst?

Am liebsten mag ich 1000 bis 2000 Leute - es sind viele Leute, aber ich sehe noch das Weiße in ihren Augen (lacht). Aber ich bin jetzt wirklich nicht wählerisch. Und ehrlich gesagt ist natürlich auch extrem aufregend, vor 55.000 Leute zu spielen.

Wo?

Das war bei einem Festival. Ich spiele aber auch vor 10 Leuten, wenn nur 10 da sind. Es geht nicht um die Größe oder die Anzahl, es geht darum, was zwischen uns passiert, zwischen mir und dem Publikum.

Du hast ein recht persönliches Album gemacht, ist das richtig?

Nehmen wir zum Beispiel "Hell"- Hölle. Da singe ich darüber, wie ich mal meine Liebe zur Musik verloren hatte. Das war während meiner letzten Tour. Deswegen habe ich danach auch eine Weile pausiert. Und ich hätte sowieso nicht sofort ein neues Album aufnehmen können, ich war nicht in der richtigen Stimmung. Es ist wie die Sache an sich - warum bin ich überhaupt Musiker geworden?

Warum?

Ich hatte keine Wahl. Und genauso ist es manchmal mit der Musik, sie kommt, sie geht, man ist ausgeliefert. Bei "Spiral" zum Beispiel geht es darum, dass man sich in einer Spirale befindet, und dass das erstmal negativ klingt. Als ob man die Spirale nur nach unten nehmen könnte. Aber es geht auch aufwärts. Das vergessen die meisten nur.

Ein Song heißt "Here I am" - hast du denn das Gefühl gehabt, weg gewesen zu sein?

(lacht) Naja, ich gucke auf meine Anfänge zurück. Ich hatte so viele Fehler, so viele Enttäuschungen. Auf "Square 1" geht es jetzt darum, dass ich mich so akzeptiere wie ich bin. Ich habe das Gefühl, dass ich mit diesem Album nun wirklich erwachsen geworden bin. Und es ist voller Liebe. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich Vater geworden bin.

Herzlichen Glückwunsch!

Danke! Ein Junge und ein Mädchen, vier und eins.

Die Zeit verfliegt so schnell, also genieße es, solange die Kinder so klein sind.

Ja, das habe ich auch schon bemerkt, das werde ich tun! Wirklich wichtig ist es, glaube ich zumindest, dass man sich selbst liebt. Erst dann kann man die Liebe auch an eine andere Person weitergeben. Und bei Kindern ist das nochmal was anderes als zwischen Erwachsenen. Das Album erzählt also von vielen Erfahrungen, die ich verinnerlicht habe, und dann habe ich darüber geschrieben.

Zurück zum Album: "Losing Touch" und "Airport" - sind da spezielle Geschichten hinter verborgen?

Ja, zu "Losing Touch" hat mich tatsächlich das Brexit-Referendum inspiriert (lacht). An dem Tag hat es dermaßen geregnet, und ich, als Künstler, der seinen Erfolg auch Ländern wie Deutschland und Frankreich zu verdanken hat, der eine französische Frau hat, der sich überlegt, mal woanders zu leben, ich war so angepisst von dem Ausgang des Referendums, dass ich es kaum in Worte fassen kann. Ich bin früher nie gefragt worden, wie ich mich als Brite so fühle - seit dem Brexit werde ich das ständig gefragt und ich habe das Gefühl, ich muss mich rechtfertigen. Das nervt mich! Und deswegen ist "Losing Touch" darüber, wie man etwas Gutes verlieren kann, aus reiner Gier, aus den falschen Motiven. Ich habe gar nicht viel drüber nachgedacht, als ich den Song geschrieben habe, ich habe einfach getextet.

Es ging dir also um das Gefühl ...

Ja. Es ist ein simpler Song, aber mit starken Emotionen. Und "Airport" wurde inspiriert durch ein Radioprogramm, durch eine Kampagne. Er stammt aus der Zeit, als die Flüchtlingswelle am höchsten war. Das hat mich sehr bewegt und ich habe mich engagiert. Deswegen geht es in "Airport" um jemanden der beschließt, seine zerstörte Heimat zu verlassen, der in eine ungewisse Zukunft geht. Es trifft aber auch auf mich zu auf einen Musiker: ich verlasse mein Zuhause jedes Mal, wenn ein Album fertig ist. Ich starte, ich fliege, ich lande, manchmal weiß ich nicht wo. Etwas metaphorisch (lacht), aber so kann man das auch sehen. Ich habe damals ja mit Gregor Meyle einen Song aufgenommen. Und es war mir wichtig, dass wir dort vor Ort sind, dass wir die Leute treffen, dass wir ihre Geschichten hören.

Das Video war sehr berührend.

Das war meine Hoffnung.

Hast du das Gefühl, dass die Situation sich verändert hat, sich verbessert hat?

Die Welt wird von den Medien angeführt. Wenn die Medien das Interesse verlieren, dann verliert die Welt das Interesse an den Themen, und Menschen auf einem Boot dürfen nirgendwo an Land. Die Welt wird aber schon immer von Geld regiert, die Armen verlieren immer. Das war schon vor 2000 Jahren so, und wenn man sich das so anguckt, dann befürchte ich manchmal, dass sich nie etwas ändert.

Kann Musik die Welt ändern?

Musik kann Leute zumindest aufrütteln, die Dinge in die Hand zu nehmen. Und ich kann nichts anderes. Deswegen hoffe ich, dass meine Songs gehört werden. Das ist alles, was ich tun kann. Ich kann jedem nur raten, sich einmal mit den Menschen zu unterhalten, die ihre Heimat, ihre Familien verlassen haben, da bekommt man eine Menge Feedback und lernt. Und man kann sich dann nicht mehr gleichgültig diesem Thema gegenüber verhalten. Ich habe übrigens auch viel negatives Feedback bekommen, weil man mir gesagt hat, ich sollte mich nicht so aufspielen, ich sei schließlich kein Politiker.

Viele Künstler wollen lieber vollkommen unpolitisch bleiben, verstehst du das?

Nein, nicht wirklich. Ich weiß, dass man Fans verlieren kann, wenn sie anderer Meinung sind, aber das kann nicht ausschlaggebend sein dafür, ob und wie ich mich zu Themen unserer Zeit äußere.

Du stehst nicht nur für Musik, auch für Mode. Du warst die Muse von Jean Paul Gaultier und hast bei der letzten FashionNite von Michael Michalsky gesungen. Was bedeutet Mode dir? Haben wir nicht alle viel zu viel anzuziehen?

Auf jeden Fall! Aber ich liebe Mode! Ich versuche jedoch, mich zu beschränken. Ich versuche zu recyclen, und ich habe absolute Lieblingsteile, die ich jahrelang schleppe. Ich hasse es zum Beispiel wenn mir jemand sagt, dass "Shopping" sein Hobby ist.

Mit Charlie Winston sprach Sabine Oelmann

Tourdaten:

21.11. Berlin, Columbia Theater

22.11. Hamburg, Mojo Club

23.11. Köln, Club Bhf. Ehrenfeld

26.11. Frankfurt/ Main, Batschkapp

27.11. München Freiheiz

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