Musik

Sting vor seinem Konzert im Bataclan "Dann war da nichts als dieser Albtraum"

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Sein neues Album ist eine Überraschung: Sting.

(Foto: Eric Ryan Anderson / Universal Music)

An diesem Wochenende wird Sting alias Gordon Sumner ein ganz besonderes Konzert spielen: Der Brite wird das Bataclan in Paris wiedereröffnen, in dem vor einem Jahr drei islamistische Terroristen mit Sturmgewehren und Sprengstoffgürteln 90 unschuldige Menschen töteten. Was kaum einer weiß: Auch vor einem Jahr war Sting in der französischen Metropole als Musiker unterwegs - n-tv.de traf den Sänger und Schauspieler damals in Paris zwei Tage vor den Anschlägen. Ob den 16-fachen Grammy-Gewinner das Geschehene für sein neues Album beeinflusst hat? Das wollen wir herausfinden, als wir ihn im "Soho House" in Berlin erneut sprechen. Er wirkt tiefenentspannt. "Ich habe ja auch 45 Minuten auf dem Flug von London nach Berlin meditiert", so der Musiker. Mit The Police erlangte Sting Weltruhm, den er als Solokünstler noch auszubauen verstand. Nach 17 Jahren veröffentlicht er mit "57th & 9th" nun endlich mal wieder ein Rock-Album, das es nicht nur melodisch in sich hat. Benannt hat er das Werk nach einer Straßenkreuzung in New York City, die er täglich auf dem Weg zum Studio passierte.

Mr. Sumner, das letzte Mal, als wir uns trafen, war vor einem Jahr in Paris.

Sting: Ich erinnere mich. Wir sprachen über die romantische Seite der Stadt, weil ich ein Duett mit Mylène Farmer aufgenommen hatte und wir das Video an der Kathedrale Notre-Dame und der Seine gedreht hatten. Und dann war da nichts als dieser Albtraum.

Zwei Tage nach unserem Gespräch passierten die Terroranschläge ...

Das war wirklich eine Katastrophe! Ich hatte gerade so viel Zeit in Paris verbracht. Die französische Kultur war mir immer wichtig. Wenn man an Romantik denkt, an Liebe und Sinnlichkeit, dann kann man doch gar nicht anders als an Paris zu denken. Und plötzlich wird man dann voll aus dem Film rausgerissen. Es war schlimm. Aber ich war gestern und vorgestern wieder in Paris. Die Stadt erholt sich langsam von dem Schock.

Hat der Terror Ihr neues Album beeinflusst?

Ich denke schon. Unterbewusst spielt so etwas immer mit rein, wenn du Songs schreibst. Ich lebe in dieser Welt. Ich bin täglich mit den Nachrichten konfrontiert. Ich bin involviert in das, was passiert. Also ja. Allerdings ist mein erster Vorsatz - und ganz besonders diesmal - zu unterhalten. Ich bin ja kein Politiker oder Nachrichtenprogramm. Ich bin Entertainer. Also ist die Platte dementsprechend. Aber ich hoffe, wenn man genauer hinhört, findet der Hörer Bedeutung unter der Oberfläche: Das kann die Idee hinter dem Song sein, die er heraushört, oder meine Meinung zu bestimmten Themen. Aber das ist nicht Pflicht. Sie können beim Lauschen der Platte auch einfach nur Spaß haben.

Sie haben mit syrischen Flüchtlingen ein Lied in Berlin aufgenommen.

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Mit 65 will er noch einmal im Popgeschäft mitmischen.

(Foto: Eric Ryan Anderson / Universal Music)

Der Song heißt "Inshallah" und wollte sich soundmäßig nicht so recht einfügen, aber es war mir wichtig, ihn zumindest als Bonus-Track auf der Platte zu haben. Es war eine wundervolle Erfahrung, diese Musiker spielen zu hören. Jeder von ihnen hat seine ganze eigene Geschichte, wie er nach Europa kam. Und die Flüchtlingskrise wird sich so schnell nicht lösen: Da ist der Krieg in Syrien, die Armut in Afrika, der Klimawandel. Die Menschen werden weiterhin nach einem sicheren Platz suchen.

Was muss getan werden?

Ich biete keine politischen Lösungen an - denn ich habe keine. Ich weiß, wie schwierig die Lage ist. Aber mein Gefühl sagt mir, wenn es eine Lösung gibt, dann muss diese auf Mitgefühl und Sympathie basieren. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, wenn ich mit meiner Familie, meinen Kindern und meiner Frau in ein Boot steigen müsste, um in Sicherheit zu kommen. Wie muss das sein? Das Lied war also eine Gedankenübung für mich. Und ich liebe das Wort "Inshallah", was so viel heißt wie "Ohne Gottes Wille vermag der Mensch nichts". Es ist ein Ausdruck von Hoffnung und Menschlichkeit.

Mit "57th & 9th" veröffentlichen Sie wieder ein Rock-Album. Sie sind 65. Warum jetzt?

Weil ich daran glaube, dass in der Musik das Überraschungsmoment das Wichtigste ist. In der vergangenen Dekade habe ich Platten gemacht, von denen man sagen kann, dass sie eher esoterisch sind. Damit bin ich meiner Neugier gefolgt. Vermutlich haben viele damit gerechnet, dass das jetzt so weiter geht. Da ist es doch schön, dass ich ihnen nun etwas total anderes serviere.

Gehen Sie damit zu Ihren Wurzeln zurück?

Schon. Da ist viel von meiner DNA auf der neuen Platte enthalten - angefangen von meiner Arbeit mit The Police. Es ist also nicht so, dass ich plötzlich einen neuen Stil adaptiert habe. Ich lebe jeden Tag mit dieser Musik. Ich spiele jeden Tag Rock’n’Roll. Das ist schließlich mein Job. Das Wichtigste war mir, dass die Songs sehr direkt und sehr simple sind und einfach angenehm zu hören.

Mögen Sie moderne Popmusik?

Oh, ja!

Und Sie wollen da echt noch mal mitmischen?

Klar, wobei ich gar nicht weiß, ob ich in die gängigen Charts noch reinpasse. Ich wollte einfach nur eine Sting-Platte machen. Und wenn die Leute sie mögen, bin ich glückselig.

Bruno Mars hat 2012 mit dem an Police erinnernden "Locked Out Of Heaven" den von Ihnen etablierten Sound wieder populär gemacht.

Ich kenne Bruno, ich mag ihn sehr und fühlte mich geehrt von seiner Hommage.

Für Sie war der Song also eine Hommage an Police?

Bruno wäre der Erste, der das zugeben würde! Wir haben das Lied ja auch später gemeinsam bei den Grammy Awards performt. Wir sind befreundet. Da gibt es keine Animositäten oder so.

"Rockstars, they never die, they only fade away", singen Sie im Stück "50.000" im Gedenken an die Musiklegenden, die uns dieses Jahr verlassen haben. Hat Sie das emotional so mitgenommen?

Puh, klar, die letzten zwölf Monate waren echt schockierend. Wir haben Lemmy von Motörhead verloren, Glenn Frey von den Eagles, David Bowie, Prince und meinen engen Freund Alan Rickman - der ist zwar kein Rockstar, aber eine Kultikone des Schauspiels. Wenn solche Leute die Welt verlassen, schockiert uns das doch alle. Weil wir die Illusion haben, dass sie unsterblich sind. Also habe ich den Song aus der Position eines Mannes herausgeschrieben, der wie ich ein Rockstar ist, der weiß, wie es ist, sein Leben im Scheinwerferlicht zu verbringen, wie berauschend das sein kann, aber auch wie es ist, wenn jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird. Er reflektiert darüber und erkennt, dass er aus den stillen Momenten seines Lebens mehr Weisheit gezogen hat als aus den Momenten der Hybris.

Sie sprechen da schon von sich selbst, oder?

Da steckt natürlich viel von mir in dem Charakter, aber es beschreibt die Erkenntnis der meisten Rockstars, wenn es um Ruhm und den Tod geht.

Wann fühlen Sie sich unsterblich?

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Das Album "57th & 9th" ist ab sofort erhältlich.

(Foto: Universal Music)

Auf der Bühne. Denn da denke ich nicht viel nach, sondern bin einfach nur lebendig. Ganz im Gegensatz zu der Arbeit im Studio, da rotiert mein Hirn ganz schön. Und das sind nicht immer angenehme Gedanken.

Haben Sie persönliche Erinnerungen an die verstorbenen Musiklegenden?

Klar, ich habe wirklich jeden von ihnen kennengelernt. Und meine Bewunderung für diese Künstler ist unendlich groß. Es hat mich jedes Mal fertig gemacht, wenn wieder eine Todesnachricht kam.

Als Prince starb, wurde überall "Snow In April" gespielt und in den sozialen Netzwerken geteilt. Denkt man als Rockstar dann: Welchen Song werden Sie spielen, wenn ich gehe?

Ich bemühe mich, nicht an so etwas Makabres zu denken. Und warum sollte ich das auch tun? Es muss mir egal sein, ich bin dann ja eh nicht mehr hier.

Sie sehen jetzt noch recht lebendig aus.

Aber man weiß ja nie...

Richtig gut sehen Sie sogar aus!

Ich sehe ziemlich gut aus, ja. (grinst)

Ist das Fitbleiben mit viel Arbeit verbunden, wenn man 65 ist?

Ich war ja Athlet, als ich jünger war. Ich war ein sehr guter Läufer über die 100-Meter- und 200-Meter-Distanz. Und ich habe immer auf meine Fitness geachtet. Ich schwimme viel und mache leidenschaftlich gerne Yoga. Es ist zum einen eine gewisse Eitelkeit, die mich dazu antreibt, in Form zu bleiben, zum anderen aber auch einfach die Disziplin als solches.

Fällt es schwerer, als Rockstar zu altern?

Vermutlich ist es so hart wie für jeden anderen Menschen auch. Ich gebe nicht vor, dass ich jünger bin als ich wirklich bin. Ich bin nun mal 65. Ich mache allerdings noch denselben Job wie damals mit 25. Das ist schon manchmal anstrengend. Ich glaube, wenn man älter wird, braucht man eine gewisse Lebensweisheit. Sonst wird man auch nur schwer damit fertig, eines Tages sterben zu müssen. Man braucht eine Art von Philosophie, um sich Dinge zu erklären und den Sinn des Lebens zu finden. Denn ich glaube daran, dass es diesen Sinn gibt. Ich kann dir den Sinn des Lebens noch nicht wirklich erklären, aber ich habe hoffentlich noch ein paar Jahre Zeit, um ihn zu finden.

Mit Sting sprach Katja Schwemmers

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Quelle: ntv.de