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"Leute fragen mich, ob meine Musik noch Schlager sei": Vanessa Mai.
"Leute fragen mich, ob meine Musik noch Schlager sei": Vanessa Mai.(Foto: Sony Music)
Freitag, 03. August 2018

Alles Schlager, oder was?: Das Lippenbekenntnis der Vanessa Mai

Von Volker Probst

Helene Fischer hat gerade ihre Stadion-Tour beendet, da erwartet die Fans des deutschen Liedguts schon der nächste Hammer: Vanessa Mai veröffentlicht ihr neues Album. Und das tauft sie "Schlager" - wider dem "dämlichen Schubladendenken".

Hinter Vanessa Mai liegt eine ereignisreiche Zeit. Erst beendet sie nach ihrem vierten Studioalbum "Regenbogen" im vergangenen Jahr ihre Zusammenarbeit mit Dieter Bohlen. Dann geht sie im Frühjahr 2018 auf die dazugehörige Tour, während der sie sich bei Proben eine üble Rückenverletzung zuzieht. Doch Mai hat Glück im Unglück - und kann wenig später wieder ins Rampenlicht zurückkehren.

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Nun setzt die 26-Jährige ihren Parforceritt durch das Show-Geschäft mit der Veröffentlichung ihres neuen Studioalbums fort. Zählt man ihre beiden ersten Longplayer, die noch mit der Gruppe Wolkenfrei entstanden waren, hinzu, ist es bereits Mais fünftes Werk in fünf Jahren. Und auch wenn das Cover, auf dem ein roter Kussmund mit einem scheinbaren "Schlager"-Tattoo prangt, zu Wortspielen mit dem Begriff "Lippenbekenntnis" geradezu einlädt: Vanessa Mai meint es mit ihrer Liebeserklärung an den "Schlager" durchaus ernst.

"Liebes zukünftiges Ich"

Davon zeugen allein die langen Ausführungen, die die Sängerin im Booklet zu ihrer CD hinterlassen hat. Und weil Mai- und "Schlager"-Fans sicher noch überproportional häufig zur Disc greifen, anstatt ihre Lieblingsmusik einfach zu streamen, finden die Worte bestimmt auch viel Gehör. Sich zu erklären, scheint Mai dabei sogar wichtiger gewesen zu sein, als ihre Songtexte mit der Welt zu teilen. Die sucht man im Booklet nämlich vergebens.

Fleißig ist Mai auf jeden Fall - "Schlager" ist ihr fünftes Album in fünf Jahren.
Fleißig ist Mai auf jeden Fall - "Schlager" ist ihr fünftes Album in fünf Jahren.(Foto: Sony Music)

Mit "Ich schreibe dir diesen Brief im Sommer 2018. Angela Merkel ist immer noch Bundeskanzlerin und die Fußballnationalmannschaft ist bei der Weltmeisterschaft in Russland gerade in der Vorrunde ausgeschieden" macht Mai in ihrer Erklärung an ihr "Liebes zukünftiges Ich" deutlich, dass sie wirklich noch bis kurz vor Drucklegung an dem Text gefeilt hat.

Für sie sei "Schlager" seit der ersten Idee dazu mehr als nur ein neues Album gewesen, schreibt die Sängerin sich und ihren Fans. "Ich wollte die Menschen zum Nachdenken anregen, endlich mal mit diesem dämlichen Schubladendenken aufzuräumen", erläutert sie weiter. "Wenn mir ein Song oder ein ganzes Album nicht gefällt, ist das total legitim. Es aber kategorisch auszuschließen, weil es Schlager ist, halte ich für falsch. Also nannten wir das ganze Album direkt so und wollten sehen, wie die Leute reagieren. Und wer bestimmt überhaupt, wo die eine Musikrichtung anfängt und die andere endet? Leute fragen mich, ob meine Musik noch Schlager sei", gerät Mai weiter ins Sinnieren.

Zurück in die Zukunft?

Das Beste, um sich selbst ein Bild zu machen, ist es wohl, einfach Mais Silberling in den CD-Player - so noch vorhanden - zu schieben. Vorab kann schon mal festgestellt werden, dass es sich um ein Doppelalbum mit schlappen 24 Songs handelt, wobei nur die Hälfte davon wirklich neu sind. CD 2 ist dagegen aufgemotzten Versionen einiger älterer Lieder, vor allem aus Mais Wolkenfrei-Zeit, vorbehalten.

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Nach dem Abschied von Bohlen ist die Sängerin - zurück in die Zukunft? - zu ihrem alten Produzenten Felix Gauder zurückgekehrt. Aber auch Lukas Hilbert, der sich mittlerweile Lukas Loules nennt und in den vergangenen Jahren etwa auch für die US-Stars Kesha und Fifth Harmony in die Bütt stieg, ist mit von der Partie. Vom Produktionskollektiv Madizin mal ganz zu schweigen. Das wiederum hat nicht nur Erfahrungen mit Bands wie Tokio Hotel oder Glasperlenspiel vorzuweisen. Vor allem wirkte es auch am letzten, selbstbetitelten Album von Helene Fischer mit.

Ein Zufall? Wohl kaum. Denn tatsächlich hört man "Schlager" an, dass es sich vom ewig gleichen Disco-Foxtrott-Sound der 80er, für den Dieter Bohlen Spezialist ist, zu emanzipieren bemüht. Stattdessen versucht Mai zum Beispiel in Liedern wie "Wiedersehen", "Love Song", "Glücksbringer" oder aber natürlich dem Duett "Wir 2 immer 1" mit Rapper Olexesh tatsächlich die Genre-Grenzen auszudehnen. Ganz so, wie es die große Helene schon vorgemacht hat. Und letztlich mit den gleichen Mitteln: An die Stelle des 80er-Synthie-Klimbims tritt nun verstärkt wummernder 90er-Synthie-Klimbim.

"Ohne Sonnenschutz ans Meer"

Dass das bei Mai jedoch weniger gut rüberkommt als bei Fischer und die Baden-Württembergerin noch ein ganzes Stück weit davon entfernt ist, Sankt Helene das Wasser reichen zu können, liegt nicht nur an den vergleichsweise schwächeren Kompositionen. Vielmehr hat sich Fischer - das kann man nicht nur auf ihren jüngeren Alben hören, sondern vor allem auch live sehen - inzwischen tatsächlich aus der eingeengten Schlager-Ecke verabschiedet. Mai hingegen mag die Einengung beklagen, doch in Wahrheit ist sie noch tiefer in dem Genre verwurzelt, als sie sich das womöglich eingestehen mag.

Doch wir sollten und wollten ja mit diesem dämlichen Schubladendenken aufhören. Man kann es auch ganz einfach und allgemein auf den Punkt bringen: Das, was auf "Schlager" zu hören ist, ist einfach keine sonderlich gute Musik. Weder was die Songs an sich angeht noch deren Arrangements. Von den Texten der Marke "Du bist mein Sommer, viel heißer geht's nicht mehr, ich will mich an dir verbrennen, ohne Sonnenschutz ans Meer, oh oh oh" mal ganz zu schweigen.

Besonders augenfällig wird das bei den neuen Versionen der alten Mai-Songs auf CD 2, die letztlich einfach nur in ein Bad aus Synthie-Brei getaucht und lauwarm abgespritzt wurden. Innovation gleich Null. Will man "Schlager" definieren, macht genau das ja auch ein Stück weit das Genre aus. Charakteristisch für diese Gattung seien "einfachste musikalische Strukturen und triviale Texte, die an das Harmonie- und Glücksverlangen des Zuhörers appellieren", lehrt uns etwa Wikipedia. Nichts Schlimmes. Dass viele Menschen gar nichts anderes möchten, wenn sie ihre Lautsprecher aufdrehen, belegt ja gerade nicht zuletzt der Erfolg, den die durchaus sympathische Mai nun seit mehreren Jahren feiert. Aber benennen kann man ihren Sound dann eben doch - als Schlager.

Quelle: n-tv.de