Musik

Der stillste aller Proteste? Der Boss straft Trump mit Missachtung

Springsteen.jpg

Cowboy-Romantik statt Stadion-Jubel: Bruce Springsteens Album "Western Stars" erscheint am 14. Juni.

(Foto: Sony Music)

Kein Rock, keine bösen Worte, keine Ohrfeigen in Richtung Washington: Bruce Springsteen überrascht auf seinem neuen Album "Western Stars" mit leisen Tönen.

Die Erwartungen waren riesig, der Druck war immens und im Weißen Haus schlotterten so manch hochrangigem Mitarbeiter die Knie, als sich in den vergangen Tagen die ersten Pre-Listening-Kopien des neuen Studioalbums von Bruce Springsteen auf die Reise machten. Nicht wenige Trump-Anhänger erwarteten eine bitterböse und schonungslose musikalische Ohrfeige in Richtung Washington.

Aber nun das: Statt wie viele High-End-Künstler vor ihm ordentlich draufzuhauen, mimt der Boss den Tiefenentspannten und musiziert sich auf "Western Stars" ein Amerika zurecht, das mit dem Status Quo im "Land of the Free" nur wenig zu tun hat.

Nicht der Hauch einer kryptischen Anti-Metapher

Ja, auf den ersten Blick kann man als Trump-Kritiker durchaus enttäuscht sein. Keine Wut, kein Grummeln, nicht einmal der Hauch einer kryptischen Anti-Metapher: Bruce Springsteen lehnt sich scheinbar völlig teilnahmslos zurück und verabschiedet sich in musikalische Schönwetter-Sphären, in denen außer trappelnden Hufen von umhergaloppierenden Wildpferden nichts und niemand für Unruhe sorgt.

Aber der Schein könnte auch trügen. Soll heißen: Gerade wegen seiner Friede-Freude-Eierkuchen-Außenschale könnte "Western Stars" in den kommenden Wochen und Monaten auch als das ultimative Anti-Trump-Album in die Musikgeschichte eingehen. Wie das? Nun, wir alle wissen, dass Menschen mit polarisierenden Wesenszügen nichts mehr wurmt, als wenn sie sich mit öffentlicher Nichtbeachtung konfrontiert sehen. Und ob gewollt oder nicht: Genau das ist es, was Bruce Springsteen dieser Tage mit "Western Stars" an den Start bringt: ein in Musik gegossenes Amerika-Traumbild, fernab von Mauerblöcken und angsteinflößenden Twitter-Monologen.

Zarte Lagerfeuer-Sounds

Der Boss protestiert wahlweise in der Hängematte liegend, auf der Hollywoodschaukel sitzend oder am Lenkrad eines rostigen Pickups, die Augen geradeaus, in den Sonnenuntergang blickend. Begleitet wird er dabei von zumeist zarten Lagerfeuer-Sounds, die in ihren dynamischen Momenten an die ganz alte Boss-Schule erinnern.

Der Beginn von "Drive Fast" beispielsweise spannt einen Stimmungsbogen zwischen "Nebraska" und "Tunnel Of Love". Das knarzige "Somewhere North of Nashville" würde sich auch gut auf einem Bob-Dylan-Album machen. Und das mit lieblichen Orchester-Arrangements bestückte "Stones" markiert das atmosphärische Herzstück des Albums.

Tiefgründige Charakterstudien

ANZEIGE
Western Stars
EUR 14,99
*Datenschutz

Etablierte Künstler und Bands wie Arcade Fire, Eminem, Tom Morello, Barbra Streisand und Co. nehmen kein Blatt vor den Mund, wenn es um Trump und seine politischen Labyrinthfahrten geht. Der Boss hingegen suhlt sich in tiefgründigen Charakterstudien.

Bruce Springsteen erfreut sich an der Grazie schöner Pferde. Er verbringt melancholische Stunden in abgelegenen Bars und Motels und düst per Anhalter quer durch sein Heimatland. Das klassische Schweigen im Walde in Zeiten, in denen andere mehr denn je auf die Barrikaden gehen, könnte ein Zeichen voranschreitender Müdigkeit sein. Es könnte aber auch genau das Gegenteil bedeuten. Es könnte auch der stillste und vielleicht markanteste aller Proteste sein.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema