Musik

Melanie C mitten im Leben "Der Weg zur Selbstakzeptanz ist schwer"

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"Wir halten viel zu viele Dinge für selbstverständlich", findet Spice Girl Melanie C.

(Foto: Conor Clinch)

Vier Jahre nach ihrem letzten Studio-Lebenszeichen "Version Of Me" meldet sich Melanie C dieser Tage aus der Solo-Versenkung zurück. Mit ihrem selbstbetitelten Longplayer Nummer acht streckt das sportbegeisterte "Spice Girl" der Corona-Krise den Mittelfinger entgegen. Positive Vibes, Mut zur Selbstliebe und ganz viel Bewegung unter der glitzernden Diskokugel sollen allen Fans wieder ein Lächeln der Hoffnung ins Gesicht zaubern. Im Vieraugengespräch mit n-tv.de spricht Melanie C über die schwierige Reise ins Ich, musikalische Herausforderungen im Hier und Jetzt und das Phänomen Billie Eilish.

n-tv.de: Melanie, letztes Jahr die "Spice-Girls"-Tour, dann all die Pride-Festivals mit "Sink The Pink" und nicht zu vergessen die Produktion deines neuen Soloalbums: Du hattest in den vergangenen Monaten einen prallgefüllten Terminkalender. Im März musstest du dann wegen des Corona-Lockdowns so ziemlich alle Aktivitäten auf null fahren. Welche Erinnerungen hast du an die Zeit, als die Pandemie weltweit so richtig Fahrt aufnahm?

Melanie C: Das war eine sehr schwere Zeit, in der viel Ungewissheit, Hilflosigkeit und Angst zugegen waren - auch bei mir. Man ist in Gedanken ganz automatisch zuerst bei seinen Freunden und Familienmitgliedern. Aber es wurde schnell klar, dass es alle Menschen betrifft. Die Sorgen weiten sich dann aus. Ich bin froh, dass ich schnell Mittel und Wege gefunden habe, wie ich meine Fans auf dem Laufenden halten und mit neuer Musik versorgen kann. Das war eine große Herausforderung. Aber die vielen Livestreams und Frage-und-Antwort-Sessions haben uns letztlich viel Zeit miteinander verschafft, die in dieser Phase sehr wichtig war.

Wie erlebst du die Gegenwart?

Es ist immer noch schwierig, keine Frage. Aber meine Tochter geht mittlerweile wieder zur Schule. Das zeigt, dass es ganz langsam wieder zurück in Richtung Normalität geht.

Stichwort Rückkehr ins alte Leben: Was wird die Welt aus dieser Misere mitnehmen?

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Melanie C würde sich freuen, wenn Victoria Beckham doch wieder den Weg zu den Spice Girls fände.

Ich hoffe, dass wir uns alle wieder der existenziellen Grundlagen bewusst werden. Wir fliegen durchs Leben und genießen so viele Privilegien. Wir halten viel zu viele Dinge für selbstverständlich. Die Zeit jetzt zeigt uns, was wirklich wichtig ist im Leben. Ich hoffe, dass wir diese Erkenntnis nicht irgendwann wieder vergessen. Wir müssen diese Reflexion beibehalten. Dann bin ich mir sicher, dass jeder für sich und wir alle zusammen auch wieder zurück in die Spur finden werden.

Dein neues Soloalbum hat auch viel mit Selbstreflexion und persönlicher Entwicklung zu tun. Inhaltlich nimmst du den Hörer mit auf eine sehr intime Reise in dein Innerstes. Nach "Version Of Me" folgt die Selbstbetitelung. Der logische Schritt?

Ich weiß nicht, das neue Album deckt einfach mein komplettes Ich ab. Und das war nicht nur ein Schritt, das war eine intensive Entwicklung. Ich habe so viele Dinge erlebt in meinem Leben. Ich bin durch so viele Höhen und Tiefen gegangen. Für mich war der Weg zur Selbstakzeptanz ein ganz schwieriger und steiniger. Dieser Prozess hat lange gedauert. Im letzten Jahr habe ich viele tolle Erfahrungen und Erlebnisse gehabt, die mich noch einmal in die richtige Richtung gepusht haben. Dieses Album ist das Ergebnis einer langen Reise.

Musikalisch bettest du den lyrischen Tiefgang auf ein nahezu durchgehend tanzbares Soundfundament.

Ja, das hat sich schon in der Frühphase der Produktion abgezeichnet. Ich hatte einfach Lust auf ein Dance-Album mit poppigen Vibes. Ich wollte aber auch ausdrucksstarke Texte mit dabei haben. Normalerweise ist die Kombination aus lockerem Pop und intensiven Texten sehr schwer umzusetzen. Man läuft bei dieser Art von Musik schnell Gefahr, zu "cheesy" zu werden. Ich wollte aber unbedingt jeglichen Anflug von Kitsch vermeiden. Ich weiß nicht, schlussendlich ist da ein richtig gutes Gefühl in mir. Das letzte Album, das so schnell im Kasten war, war mein Debütalbum "Northern Star". Es floss diesmal regelrecht aus mir raus. Das war ein tolles Gefühl. Und ich hoffe natürlich, dass ich eine Brücke bauen konnte zwischen zugänglicher und tanzbarer Musik und authentischen Texten.

Gibt es einen Song auf dem Album, der dir besonders am Herzen liegt?

Alle Songs haben einen besonderen Platz in meinem Herzen. "Who I Am" ist für mich der perfekte Opener. Der Titel ist Programm, es geht um Selbstliebe und innere Stärke. "Blame It On Me" ist ein Song, bei dem man einfach tanzen muss, ein richtiger Banger. "Fearless" ist ein Song, den ich zusammen mit Nadia Rose performe. Nadia ist eine unfassbar talentierte Songwriterin, die aber aus einer ganz anderen musikalischen Ecke kommt. Das war sehr spannend für mich. Es gibt wirklich so viele besondere Momente auf dem Album.

Mein Lieblingstrack heißt "Overload". Der Song transportiert die Coolness der 70s-Disco-Ära. Genau meine Zeit.

(lacht) Oh, da bist du in bester Gesellschaft. Mein A&R-Manager sieht das genauso.

Apropos ältere Sounds: Im vergangenen Jahr warst du mit den Spice Girls auf großer Comeback-Tour. Bis auf Victoria waren alle mit am Start. Vor ein paar Jahren hast du eine Reunion ohne Victoria noch kategorisch ausgeschlossen. Was hat deine Meinung geändert?

Manchmal ändert man einfach seine Meinung, weil sich grundlegende Gefühle verschieben. Ich war lange Zeit der Meinung, dass eine Reunion nur Sinn ergeben würde, wenn alle mit an Bord sind. Die Spice Girls wurden noch nie mit normalen Maßstäben gemessen. Wenn wir zusammen waren, dann ging es um fünf verschiedene Persönlichkeiten und Charaktere auf der Bühne, die alle zusammen diese unvergleichliche Magie erzeugen konnten. Ich weiß nicht, aber vor zwei Jahren war es einfach so, dass ich mehr und mehr das Gefühl hatte, es könnte auch zu viert noch mal richtig gut werden. Wir hatten unheimlich viele Anfragen von Fans aus aller Welt. Dann kamen plötzlich immer mehr nostalgische Gefühle hoch. Und auf einmal war es so weit, dass wir vier tatsächlich über eine mögliche Tour redeten. Das war der Startpunkt. Wir hatten alle ein gutes Gefühl. Und dann haben wir es einfach gemacht.

Wie war die Gefühlslage kurz vor Bekanntgabe der ersten Konzerttermine?

Wir waren völlig fertig. (lacht) Wir hatten ja keine Ahnung, ob uns da draußen wirklich noch genug Leute auf dem Schirm hatten. Als es dann aber losging, gab es kein Halten mehr. Die Tickets gingen alle in Rekordzeit weg. Es mussten mehrere Zusatz-Shows gebucht werden. Das war schon ein ziemlich cooles Gefühl.

Und wie war es dann auf der Bühne? Vergleichbar mit früher?

Es war sogar noch besser. Damals waren wir wild und kopflos, aber auf eine positive Art und Weise. Alles war neu für uns und wir haben jeden Moment aufgesaugt und gelebt. Das war eine total verrückte Zeit. Als wir dann 2007 auf Reunion-Tour gingen, fühlte es sich nicht wirklich richtig an. Die Shows waren alle super. Aber irgendwie fehlte die Magie. Letztes Jahr war es dann so, dass wirklich alles passte. Wir vier hatten eine tolle Zeit, die Fans waren unglaublich und auch die Shows waren perfekt inszeniert. Wir hatten diesmal ein Team hinter uns, das mit unserer Musik aufgewachsen ist. Die wussten alle ganz genau, was sich die Fans da draußen von der Tour erhofften. Und genau das ist dann auch umgesetzt worden. Es war fantastisch.

Du hast nach der Tour gesagt, dass sich die Fans in Zukunft auf noch mehr Konzerte freuen dürfen. Besteht die Hoffnung, dass Victoria vielleicht doch noch dazustößt?

Ich bin eine Optimistin. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen. Ich finde, das Leben ist einfach viel zu kurz. Und wir alle sollten versuchen, die Zeit so gut es geht zu genießen.

Ist das auch ein Rat, den du Billie Eilish ins Ohr flüsterst, wenn sie dich um deine Meinung fragt?

Billie ist eine unheimlich intelligente und kluge Frau, die schon in jungen Jahren viele Erfahrungen gesammelt hat. Klar, wenn sie mich um einen Rat fragt, dann bin ich für sie da.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Ich habe Billie letztes Jahr in London im "Sheperd's Bush Empire" das erste Mal live gesehen. Das ist eine ziemlich kleine, aber sehr stilvolle Halle. Die Leute, die dort waren, können sich wirklich glücklich schätzen, denn ich denke, dass man Billie so schnell nicht wieder in so einem intimen Rahmen sehen wird. Nach dem Konzert saßen wir ein bisschen zusammen und haben Freundschaft geschlossen.

Wo ist es lauter? Auf einem Konzert der Spice Girls oder bei einer Show von Billie Eilish?

(lacht) Bei Billie war es schon sehr extrem. Man hat teilweise die Band gar nicht mehr hören können, weil all die Mädchen vor der Bühne so laut geschrien und mitgesungen haben. Aber ich finde es super. Ich finde es toll, dass da Tausende Mädchen einer jungen Frau zujubeln. Früher standen die Mädchen ausnahmslos für Boybands in der Schlange. Heute zeigt uns Billie Eilish, dass es auch anders geht. Das ist ein gutes Zeichen.

Mit Melanie C sprach Kai Butterweck

"Melanie C" ist ab dem 2. Oktober überall erhältlich.

Quelle: ntv.de