Musik

Monster, Dildos, Eurovision Die "Killection" des Mr. Lordi

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Bitte recht freundlich: Lordi.

(Foto: Afm Records)

Tomi Putaansuu alias Mr. Lordi scheint nichts zu schocken - weder der Eurovision Song Contest noch ein Duett mit Max Raabe noch ein Dildo mit Teufelshörnern. "Killection" heißt das neue Album der nach ihm benannten Band. Ein Album mit einem ganz besonderen Konzept, wie er ntv.de im Interview verrät.

ntv.de: Ich brauche einen Rat von dir. Ich suche noch nach einem Geschenk für eine Freundin und weiß nicht, ob ich ihr den "Lordildo" oder euer neues Album "Killection" schenken soll. Was meinst du?

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Mr. Lordi: (lacht) Das hängt davon ab, wie deine Freundin so drauf ist, würde ich sagen ...

Kein Witz: Ihr hattet vor zwei Jahren die doch recht ausgefallene Idee eines "Lordildo" als Merchandise-Artikel. Was kann dieser Dildo, was andere nicht können?

Ich würde jetzt liebend gern etwas verdammt Kluges antworten. Dass er Feuer spuckt oder dergleichen - obwohl ich nicht weiß, ob jemand gern einen Dildo hätte, der Feuer spuckt. (lacht) Aber es ist einfach nur ein ganz normaler Dildo mit Teufelshörnern daran. Das Besondere an ihm sind das Logo und die Verpackung.

Die Alternative wäre, wie gesagt, euer Album "Killection", das gerade erschienen ist. Es ist euer zehntes Studioalbum und basiert ebenfalls auf einer ganz besonderen Idee ...

Ja, der komplette Albumtitel lautet: "Killection: A Fictional Compilation Album". Wir tun so, als ob Lordi schon seit Mitte der 70er-Jahre existieren würden. Und wir haben eine fiktive Compilation ihrer Hits seit dieser Zeit eingespielt. Ich habe alle Songs im Stil der jeweiligen Zeit geschrieben. Und auch technisch haben wir uns der jeweiligen Ära angepasst, um zum Beispiel den originalen und authentischen Vintage-Sound der 70er zu kreieren. Dafür haben wir sogar in verschiedenen Studios aufgenommen.

Sind die Unterschiede zwischen den jeweiligen Zeitabschnitten so groß?

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Oh ja, da gibt es Riesenunterschiede! Früher, eigentlich sogar noch in den frühen 2000er-Jahren, wurde eigentlich alles analog auf Band aufgenommen. Okay, wenn man in den 80ern in einem super-duper High-Class-Studio war, gab es da vielleicht schon ein paar computerbasierte Drum-Machines. Aber das war's. Daraus, ob man etwas auf Band oder auf dem Computer aufnimmt, ergeben sich extreme Unterschiede im Stil. Und das betrifft nicht nur den Sound. Auch die eigentlichen Aufnahmen laufen verschieden ab.

Inwiefern?

Wenn man heutzutage am Computer sitzt, muss die Band nicht mal zwingend im gleichen Studio zusammen sein. Der Gitarrist kann sich auf der anderen Seite des Planeten befinden, etwas auf seinem Homecomputer aufnehmen und die Dateien an jemanden schicken, der dann alles zusammensetzt. Wenn man auf Band aufnimmt, geht das nicht. Dann muss die ganze Band die Songs spielen. Man kann auch nichts im Nachhinein fixen - was auf Band ist, ist auf Band. Die einzige Möglichkeit ist, es neu aufzunehmen. Das alles erzeugt bereits eine bestimmte Atmosphäre.

Auf die Idee zu dem Album sollst du auch durch die Sorge gekommen sein, als Band irgendwann immer gleich zu klingen. Ihr seid inzwischen ja auch schon fast 30 Jahre im Musikgeschäft. Hast du Angst davor, dich zu wiederholen?

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Ich habe keine Angst davor, sondern ich weiß, dass ich es tue. Das machen alle Künstler und Bands. Alle haben ihre bestimmten Eigenheiten, die sie ausmachen. Das lässt auch Lordi wie Lordi klingen. Dazu tragen allein schon die Lead Vocals entscheidend bei - mein Gesang ist mein Gesang. Aber es ist auch die Art meiner Kompositionen, ganz egal, wie viel ich vielleicht darüber nachgedacht habe, mit irgendwelchen Konventionen zu brechen. Für mich hört sich etwas cool an - oder eben nicht. Das determiniert mich, denn ich möchte ja nichts schreiben, was sich für mich schlecht anhört. Deshalb: Alle wiederholen sich, auch wenn sie versuchen, das nicht zu tun. Manche versuchen es aber noch nicht mal. (lacht)

Zum Beispiel?

Na ja, AC/DC zum Beispiel. Das ist genau ihr Ding. AC/DC klingen wie AC/DC - vom ersten bis zum letzten Album. Sie variieren die ganze Zeit nur den einen gleichen Song. Aber das ist verdammt cool! Denn es gibt keine andere Band, die das wirklich hinbekäme. Und selbst Kiss, die sich stilistisch so oft verändert haben, oder Metallica, die mit ihrer Formel zu brechen versucht haben, klingen immer noch wie sie selbst.

Wie stellst du dir nach so einem "Compilation"-Album die Zukunft von Lordi vor? Hast du dafür schon Ideen?

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Oh ja, mein Problem ist eher, dass ich die ganze Zeit schreibe und viel zu viele Ideen habe. Aber das ist ein Luxusproblem. Wenn es nur darum ginge, Musik zu veröffentlichen, könnten wir ohne weiteres zwei Alben im Jahr veröffentlichen - und hätten immer noch Songs übrig. Wenn wir ein Lordi-Album machen, gibt es in der Regel 30, 40 oder sogar 50 Songs, aus denen wir dann zehn auswählen. Eines steht auf jeden Fall fest: So lange es Menschen gibt, die uns hören wollen, werde ich nicht aufhören. Denn das ist, was ich sowieso mache. Ich werde sowieso immer Songs schreiben.

Ein bisschen erinnert mich die Idee zu "Killection" an Filme über Bands, die nie existiert haben, zum Beispiel "Spinal Tap". Waren diese Filme eine Inspiration für dich?

Stimmt, es gibt einige dieser Filme. Und ich kenne natürlich "Spinal Tap". Aber diese Filme waren nicht meine Inspiration. Es war die Frustration über die Routine, die sich über die Jahre beim Aufnehmen der Alben eingeschlichen hat. Und ich kann dir sagen: Keine Band möchte einen "Spinal Tap"-Moment erleben. Aber wir hatten unsere ... Oh, verdammt, ja! (2012 verstarb Lordi-Schlagzeuger Tonmi Lillman. Auch die fiktive Band Spinal Tap verliert mehrfach ihre Schlagzeuger durch einen frühen Tod; Anm. d. Red.)

Auch für "Killection" musstet ihr einen neuen Musiker integrieren, weil euer Bassist Ox die Band nach langer Zeit verlassen hat. Es gab schon eine ganze Reihe an Line-up-Veränderungen bei Lordi. Fällt das schwer oder ist es letztlich egal, weil Lordi am Ende im Kern aus Mr. Lordi, also aus dir besteht?

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So sieht das Line-up von Lordi heute aus.

(Foto: Afm Records)

Die Frage hat sich mir bis vor ein paar Jahren noch nicht gestellt. Aber inzwischen ist es tatsächlich so, dass außer mir keiner aus der Anfangszeit mehr bei Lordi dabei ist. Jede Veränderung des Line-ups - egal, ob jemand gehen wollte oder gefeuert wurde - hat mich getroffen. Ich habe mir immer Sorgen darum gemacht, was das für die Band bedeutet. Und ich wünsche mir immer, jetzt endlich mal das wirklich letzte Lordi-Line-up zusammen zu haben. Aber mittlerweile habe ich mich vielleicht so an die Veränderungen gewöhnt, dass ich weiß, dass sie den Fortbestand der Band und meine Aktivität nicht wirklich gefährden.

Wie war das bei Ox?

Als er mir gesagt hat, dass er aussteigen will, hat mich das echt geschockt und überrascht. Weder ich noch irgendjemand anderes hat das kommen sehen. Es ist ein bisschen, wie wenn man verheiratet ist und deine Frau dir plötzlich mitteilt, dass sie mit dir reden muss, während du keinen Schimmer hast, dass sich da gerade eine Trennung abzeichnet. So fühlt es sich mehr oder weniger jedes Mal an.

Du sagst, du machst mit Lordi weiter, so lange dich die Leute hören wollen. Du bist als großer Kiss-Fan bekannt. Sie sind gerade auf Abschiedstour. Schmerzt das?

Ich sag dir eins - und merke dir meine Worte: Man muss Kiss zu lesen wissen. Sie haben erklärt, dies sei ihre letzte Tour. Das heißt aber nicht, dass sie die Band danach auflösen. Und es heißt auch nicht, dass sie keine Konzerte mehr geben werden. In drei Jahren feiert das Kiss-Debütalbum 50-jähriges Jubiläum. Ich will im Erdboden versinken, wenn ich falsch liege: Dann wird irgendetwas unter der Überschrift "Kiss - 50" stattfinden. Gene Simmons hat sich mit Sicherheit schon die Rechte daran gesichert.

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Sie wollen doch nur spielen ...

(Foto: Afm Records)

In der langen Geschichte von Kiss gab es auch die "Lick It Up"-Phase, in der sie ungeschminkt Musik gemacht haben. Für viele nicht unbedingt ihre beste Phase ...

Oh, für mich schon! Lustigerweise habe ich Kiss nämlich genau zu der Zeit kennengelernt, als sie keine Masken trugen. Ich bin 1974 geboren und ein Kind der 80er. Das erste Album, das ich von Kiss gehört habe, war zwar mit "Creatures of the Night" das letzte Album, auf dem sie zu der Zeit noch Make-up trugen. Aber das erste Bild, das ich von ihnen gesehen habe, war eines aus der Zeit danach ohne Masken. Ich habe mich also zuerst in ihre Musik verliebt und bin erst danach auf ihre maskierte Geschichte gestoßen.

Könntest du dir vorstellen, auch bei Lordi die Masken irgendwann mal fallen zu lassen?

Nein, das würden wir nicht machen, auch wenn wir dann sicher trotzdem noch wie Lordi klingen würden. Ich meine: Ich spreche mit dir ohne Maske. Ich schreibe die Songs ohne Maske, wir gehen ins Studio und proben ohne Maske. Aber wenn wir auf die Bühne und in die Öffentlichkeit gehen, macht das einfach die Hälfte von Lordi aus. Dann möchte ich auch die schönste Band auf dem Planeten sein. (lacht) Ich war nie ein Fan von Bands, die im Alltagslook auf der Bühne stehen. Vielleicht gefällt mir ihre Musik. Aber ich sehe keinen Grund, warum ich mir ein Konzert von ihnen anschauen sollte. Es gibt da ja nichts Sehenswertes. Ich möchte unterhalten werden - ebenso optisch wie akustisch.

Unterhalten hast du sicher auch die Zuschauer des MTV-Unplugged-Konzerts von Max Raabe. Du hast mit ihm zusammen zu dem Anlass den Song "Just a Gigolo" gesungen. Eine doch eher ungewöhnliche Kombination - wie war das für dich?

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Seltsam wie die Hölle! (lacht) So exotisch, wie es sich für Max und sein Orchester angefühlt haben muss, so abgefahren war es auch für mich. Das war wirklich eine komplett andere Welt für mich, auch weil diese althergebrachte Swing-Musik eine ganz andere Struktur als die heutige Rockmusik hat. Ein Beispiel: Als ich zur Probe ging, fing der Klavierspieler zu spielen an. Ich wartete darauf, dass er den Einsatz vorgibt - so wie es sonst etwa der Drummer mit dem Hi-Hat macht. Ich fragte: "Wo soll ich einsetzen?" Er antwortete: "Du fängst einfach an und wir kommen hinterher." Ich war total baff. Das ist exakt umgekehrt, als ich es gewohnt bin. Trotzdem hat es natürlich super Spaß gemacht.

Du scheinst ja ganz gern seltsame Erfahrungen zu machen ...

Absolut! Ich hatte nie Bandagen, etwas anderes auszuprobieren. Wenn jemand verrückt genug ist, mich zu fragen, ob wir das eine oder andere mit ihm machen möchten, steige ich auch gerne darauf ein. Ich denke mal: Wenn jemand fragt, hat er sich schon seine Gedanken darüber gemacht, weshalb er ausgerechnet auf mich zugeht. Außer er hat sich vielleicht am Telefon verwählt. (lacht)

Die Teilnahme am Eurovision Song Contest (ESC) 2006 dürfte ebenfalls zu diesen ungewöhnlichen Erfahrungen gehört haben. Euer Sieg damals mit dem Song "Hard Rock Hallelujah" hat einige dann doch überrascht. Dich auch?

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Nein, nicht wirklich. Ich glaubte schon, dass wir eine Chance haben. Denn auch da war es so: Wir wurden gefragt. Weder ich noch meine Bandkollegen damals hätten damit gerechnet. Aber es war das finnische Eurovisions-Team, das auf uns zugekommen ist und uns zum finnischen Vorentscheid eingeladen hat. Ich war erst unsicher. Aber dann habe ich mir gedacht: Wenn sie mich fragen und mir erlaubt ist, mein Ding ohne irgendwelche Einschränkungen durchzuziehen - warum eigentlich nicht?

Interessierst du dich heute noch für den ESC? Guckst du ihn dir an?

Ach ja, vielleicht ... Es ist heute wie schon früher vor unserem Sieg. Meistens läuft gerade nichts anderes Interessantes im Fernsehen, wenn der Contest ist. Und wenn nicht gerade ein Auftritt oder irgendetwas anderes ansteht, schalte ich vermutlich schon ein. In jedem Fall weiß ich jedes Jahr genau, wann der Contest bevorsteht, weil dann mein Telefon ununterbrochen klingelt. (lacht) Alle fragen mich dann nach meiner Meinung. Und ich antworte immer: "Ich bin kein verdammter Eurovisions-Experte. Ich verfolge nicht, wer die anderen Gewinner oder Teilnehmer sind. Vielleicht solltet ihr jemand anderen fragen."

Du misst dem ESC also keine so große Bedeutung bei ...

Sagen wir es so: Für mich hat er einfach nur nicht die Bedeutung, die er für viele andere hat. Aber: Ich habe nicht das Geringste dagegen! Die Eurovision ist schon sehr spaßig und viele tolle Künstler haben dort mitgemacht.

Vor zwei Jahren hast du allerdings die finnische ESC-Teilnehmerin Saara Aalto in Lissabon unterstützt. Ihr habt dort zusammen einen Pressetermin absolviert ...

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Ausflug nach Lissabon: 2018 unterstützte Mr. Lordi dort die finnische ESC-Kandidatin Saara Aalto.

(Foto: n-tv.de)

Ja, aber ich verrate dir was: Ich war aus Promotion-Gründen ohnehin in der Gegend. Ich bin nicht extra hingereist, um Saara zu unterstützen. Ich hätte wahrscheinlich auch jeden anderen finnischen Künstler in dem Moment unterstützt. Aber es passte damals natürlich gut, auch wegen des lustigen Zufalls, dass ihr Song "Monsters" hieß.

Hast du eine Erklärung dafür, dass ihr mit Lordi, speziell nach eurem ESC-Gewinn, vor allem in Deutschland sehr erfolgreich seid?

Ich würde dich da gerne korrigieren. Deutschland ist schon seit unserem allerersten Album unsere zweite, wenn nicht vielleicht sogar unsere erste Heimat. Das war lange vor dem Contest. In Deutschland haben wir mehr Konzerte als in jedem anderen Land gespielt. Bereits unser zweites und drittes Konzert überhaupt fand in Deutschland statt - als Vorband von Nightwish. Von daher würde ich Deutschland tatsächlich als unsere eigentliche musikalische Heimat sehen.

Der Grund für den Erfolg hier ist also eure starke Präsenz ...

Ich denke schon, ja. Und Deutschland ist eine Rock-Nation. Ihr habt immer einen guten Anteil an Rock-Fans bei euch gehabt. Finnland wird zwar oft für ein Metal-Land gehalten. Aber in Wahrheit ist das mit Deutschland gar nicht zu vergleichen. Dass wir schon lange zuvor durch Deutschland, aber auch andere zentraleuropäische Länder getourt sind, war überhaupt erst ein Grund dafür, dass wir die Eurovision gewonnen haben. In unserem Genre hatten wir uns bereits einen Namen gemacht, wenn auch noch keinen großen.

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Und die nächste Tour in Deutschland steht auch schon wieder bevor. Ich denke mal, bei euren Shows erwartet die Fans ein großes und lautes "Hard Rock Hallelujah" ...

(lacht) Ich glaube, die meisten Fans wissen bereits, was sie erwartet: fünf Monster, die melodischen Hardrock spielen!

Mit Tomi Putaansuu alias Mr. Lordi sprach Volker Probst

Lordi sind im März 2020 in Deutschland auf Tour: München (10.3.), Hamburg (12.3.), Berlin (13.3.), Leipzig (14.3.), Stuttgart (15.3.), Aschaffenburg (18.3.), Nürnberg (19.3.), Memmingen (20.3.), Regensburg (21.3.), Köln (25.3.), Heidelberg (27.3.)

Quelle: ntv.de