Musik

Marilyn Manson zügelt das Chaos Die Schokoladenseiten des Bösen

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Ein Hochgenuss in Moll: Marilyn Manson.

Auf seinem neuen Studioalbum "We Are Chaos" präsentiert sich Marilyn Manson einmal mehr als Meister der Verwandlung. Zu brachialen Trademarks gesellen sich ungewohnt harmonische Töne aus der Art-Pop-Abteilung. Ein Hochgenuss in Moll.

"If you say that we're ill, give us your pill", näselt Marilyn Manson gewohnt schaurig und ausdrucksstark ins Mikrofon. Ob die Lyrik des Titeltracks seines elften Studioalbums "We Are Chaos" am versifften und pandemieverseuchten Hier-und-Jetzt-Rockzipfel hängt, ist nicht ganz klar. Fakt ist aber: Nicht nur erwähnte Zeilen, sondern auch das apokalyptisch hymnenhafte Soundbild des vielleicht stärksten Songs des Albums passen in die Zeit wie die berühmte Faust aufs Auge.

Gemeinsam mit Co-Autor und Co-Produzent Shooter Jennings skizziert Manson ein opulentes und eingängiges Düster-Klangszenario, das gebettet auf einem Fundament aus akustischen Gitarren und viel Hall aus der Hölle, sofort ins Ohr geht. Ist der Schockrocker etwa zahm geworden? Kehrt nach dreißig Jahren im musikalischen Blutrausch endlich Frieden ein im Inneren des selbsternannten "God of Fuck"?

Poppige Elemente stehen Manson gut zu Gesicht

Der Titeltrack bleibt nicht die einzige Überraschung auf Studioalbum Nummer elf. "Don't Chase The Dead" etwa spannt einen Bogen zurück in die Achtziger. Gar poppige Elemente stehen Manson gut zu Gesicht. Während die Jugend große Augen macht, erinnern sich ältere Semester an die Glanzzeiten von David Bowie. Auch Fab Four-Referenzen schimmern immer wieder durch.

"Paint You With My Love" ist Drama pur. Atmosphärische Pianoläufe vereinen sich mit Mansons markantem Organ zu einem sich dynamisch steigernden Ganzen, das Freunde großer Soundgesten bereits nach dem ersten Durchlauf in seinen Bann zieht. Auch das Balladen-Duo "Solve Coagula" und "Broken Needle" präsentiert einen gereiften und fokussierten Künstler ohne zwanghaftes Trademark-Verlangen.

Das Chaos hält sich in Grenzen

Im Spätsommer 2020 zeigt sich das einstige Enfant Terrible des Alternative Rock von seiner musikalischen Schokoladenseite. Auch wenn es zwischendurch immer mal wieder rumpelt und kracht, und Songs wie "Red, Black And Blue", "Keep My Head Together" und der mystische Industrial-Metal-Bulldozer "Perfume" stabile Brücken in Richtung Vergangenheit bauen, hält sich das Chaos auf "We Are Chaos" in Grenzen.

Wer ein typisches Manson-Werk erwartet, der wird bereits nach dem ersten Drittel des Albums vom Gegenteil überzeugt. Eingängiger denn je, aber nicht weniger "angsteinflößend" jongliert Marilyn Manson mit einem weiteren Puzzleteil seines in Moll gegossenen Lebenswerks.

Wiederholung war noch nie die Sache von Brian Hughes Warner, so Mansons bürgerlicher Name. Seit der ersten gezündeten Schockrock-Rakete im Jahr 1994 ("Portrait Of An American Family") hat der "Antichrist Superstar" viele weitere Studio-Feuerwerke folgen lassen, die allesamt über verschiedenen Genre-Schlachtfeldern den Himmel erhellten. "We Are Chaos" schießt definitiv mit die wärmsten und hellsten Farbtönen in Richtung Firmament. Ein wahrhaft schöner Anblick.

Quelle: ntv.de