Unterhaltung
Immer noch auf der Suche nach dem perfekten Pop-Song ....
Immer noch auf der Suche nach dem perfekten Pop-Song ....
Montag, 09. Mai 2016

"Bin der Musik verfallen": Dirk Darmstaedter kommt ohne Plan B aus

Dirk Darmstaedter ist nun beileibe kein Geheimtipp mehr, nein, aber dennoch wird er so gehandelt. Wenn man nicht zu seinen Konzerten geht, verpasst man was und wer seinen intelligenten, poppigen Songs nichts abgewinnen kann, dem kann man sowieso nicht mehr helfen. n-tv.de trifft den Ex-Jeremy-Days-Mann in der Küche, denn da ist er am liebsten - wenn er nicht auf der Bühne steht oder auf seinem Dachboden an neuen Songs schraubt. Er singt von "Summer Camp Girls", stellt sich vor, was in "Five Years" los ist. Seine Tagträume sind melancholisch, aber auch so Roxy-Music-mäßig rein, so sonnig, so Monte Carlo, so reduziert, so erlebt. So Darmstaedter eben.

n-tv.de: Wir haben uns das letzte Mal zur Veröffentlichung des Albums "Before We Leave" getroffen, das ist so zwei Jahre her. Trotzdem verbinden viele, auch noch nach dem 14. Solo-Album und fast 30 Jahren, immer noch die Jeremy Days mit dir. Nervt dich das nicht langsam?

Dirk Darmstaedter: Es hat natürlich mehrere Aspekte (lacht). Ich nenne das deswegen ja auch mein "Tête-à-Tête mit der Masse". Das bedeutet, hier überwiegt das glückliche Gefühl, dass ich mal mit einem Hit sehr viele Menschen erreicht habe. Die Tatsache, dass einige den Song "Brandnew Toy" für meinen beziehungsweise unseren einzigen Hit halten, ist natürlich schon befremdlich. Aber nicht schlimm. In einer bestimmten Generation, bei den jetzt um die 50-Jährigen, ist dieser Song dermaßen hängengeblieben, ich weiß auch nicht, warum.

Also ich habe Brian-Ferry-Roxy-Music-Visionen - coole Musik, schnieker Typ, Frau als brandnew toy, alles ein bisschen Eighties, Nineties...

Er ist sich treu geblieben.
Er ist sich treu geblieben.

Ah, ok … Ist ja nicht die schlechteste Vision, die man haben kann (lacht). Also, bei mir überwiegt die Freude, sag' ich mal. Es ermöglicht mir, noch immer das zu tun, was ich am liebsten machen will, nämlich Musik. Auf der anderen Seite ist diese erste Platte echt so erfolgreich gewesen, dass man sich daran tatsächlich immer messen lassen muss. Man muss sich davon lösen, dass nur ein Top-Ten-Erfolg der Gradmesser eines erfolgreichen Musikerdaseins sein kann. Ich bin auf dieser Welt, um Songs zu schreiben und Platten zu machen. Aber: Das Leben ist zu kurz, um sich über solche Dinge zu ärgern, von daher ist es gut, wie es ist.

Deine entspannte Einstellung lässt darauf schließen, dass es gut läuft für dich. Ich mach ja auch immer weiter, ich kann nix anderes.

Es ist eigentlich ganz hilfreich, wenn man keinen Plan B hat, weil man sowieso für nix anderes qualifiziert ist (lacht). Es würde ja nichts bringen. Es gibt keine Alternative zum Musikmachen und zum Songschreiben. Mit 12 wurde mein Leben durch Musik gerettet und hat mir eine Vision und eine Zugehörigkeit gegeben, was vorher nicht so da war. Ich bin der Musik verfallen. Bis hierher habe ich ja auch geschafft, nicht in der Armut zu landen (lacht). Ich tue genau das, was ich liebe und dafür bin ich unendlich dankbar.

Wie hast du das geschafft?

Ich denke, es gehört eine gewisse Geradlinigkeit, Stringenz und ja, fast Ignoranz dazu, das durchzuziehen. Ich bin nicht beratungsresistent, ganz und gar nicht, aber ich lasse mich von meinem Weg nicht abbringen.

Mit 12 - hast du dich da so verloren gefühlt?

Ja, genau. Da bin ich mit meinen Eltern aus den USA nach Hamburg gezogen - oder auch: von einem Ufo in Hamburg-Wellingsbüttel abgesetzt worden - und ich habe mich echt verloren gefühlt. Ich fühlte mich wie im Land der großen dunklen Hecken (lacht). Ich war lange in New Jersey und ich hatte für mich bereits eine Karriere als Baseballspieler der New York Yankees geplant, das sah nun in Hamburg schlecht aus, sag' ich mal (lacht). Ich dachte, ich werde alle meine Freunde nie wieder sehen, das war ein absoluter Kulturschock. Wir sprechen hier von einer Zeit, 1976, ich mit Käppi auf dem Kopf und in der beginnenden Pubertät, in der es keine Mails, Handys oder Facebook gab. Ich fühlte mich wie ein Auswanderer 1820, ich war unglücklich. Ich verfiel in eine Art Depression, habe meine Eltern genervt: Wann gehen wir wieder zurück!?

Und was hat dich gerettet?

Zur Person

Dirk Darmstaedter wird 1965 in Hamburg geboren, verbringt seine Kindheit aber hauptsächlich im US-Bundesstaat New Jersey. Schon zu Schulzeiten spielt er Trompete, bevor die Familie 1976 zurück in die Hansestadt zieht. Ein Jahr später gründet er seine erste Band namens "Jay Bee and his Jupitors". Von 1978 bis 1982 bereist Darmstaedter Europa und verdient sich als Straßenmusiker. Anschließend geht er zurück in die USA. Vier Jahre später starten "The Jeremy Days". Ihr Debütalbum mit vielen Hits verkauft sich 150.000 Mal. Zwei Jahre nach der Bandauflösung erscheint 1997 Darmstaedters erstes Soloalbum. Neben der Musik versucht er sich als Theater- und Filmschauspieler sowie als Musikproduzent in Hamburg. 2013 gründet er sein eigenes Label namens Teaneck Records - in Anlehnung an seinen Wohnort in New Jersey.

Meine Schwester kam mit einer Zeitschrift nach Hause: "Pop-Rocky" (lacht), die mit den großen Plakaten. Auf der einen Seite Deep Purple in Schwarz-Weiß, lange Haare, Bärte, grimmig aussehend. Auf der andere Seite ein Farbfoto der Bay City Rollers (lacht). Naja, an meiner Wand landete die bunte Seite. Ich kannte beide Bands nicht. Aber ich habe mir sofort die erste Platte von den Bay City Rollers gekauft. Der Pop-Gedanke überwog bei mir als Zwölfjährigem. Ich entschied mich also für die Single "Bye bye Baby". Dieser kleine happy, aber auch melancholische Pop-Song hat mich voll erwischt, ich hab geheult, es war zwar süßlich, aber er hat mir mein Leid genommen und Hoffnung gegeben.

Wird die Jugend heute auch noch von einem Song gerettet?

Ich glaube zwar, dass sich das alles vermischt, aber Musik hat, das weiß ich von meinen Kindern, einen unheimlichen Stellenwert. Zum Glück. Musik ist noch immer eine potente Kunstform. Früher war das sicher mehr Jugendkultur, die viel mit Abgrenzung zu tun hatte. Früher hatten wir doch Popper, Punker, Mods, …

… Ökos …

… genau, aber da gab es doch richtige Feindschaften, oder? Ich hab ein paar Mal auf die Fresse bekommen, wegen meines Looks und meiner musikalischen Sozialisation.

Was war dein Look?

Anfangs eher so Mod, DooWop, etwas nerdig, ich war so im Fifties-Style unterwegs, Haare nach hinten gefettet, zerschlissene Baseball-Jacken, und die Punker haben uns dann den Teddy-Boys zugeordnet. Das war fatal. Mit denen hatten wir nichts am Hut.

Du bist deinem Stil schon ein bisschen treu geblieben, oder?

Schon, DooWop ist der Mod-Kultur ja nahe. Und so geht das dann weiter, von einer Jugendkultur zur nächsten. Das Credo lautete: "Dressing up in difficult circumstances": Wenn man aus der Arbeiterklasse kommt, was macht man? Dress up, also man stylt sich auf.

Warst du damals viel in London?

Ja klar. Die Beatles und die Small Faces zum Beispiel, die waren alle aus der Arbeiterklasse. Und die Rolling Stones, die dann so auf dirty gemacht haben, die waren eher die Kinder von den Privatschulen. Ich fühlte mich immer dem Mod-Credo zugehörig.

Ich bin damals eine Weile ganz schön rumgeiert …

Zwischen?

Ach, auf der Schultreppe, oben die Coolen, unten die Uncoolen … Hast du mal darüber nachgedacht, deinen langen, schwer auszusprechenden Namen zu ändern?

(lacht) Schon klar, damit wird man nicht gerade Superstar. Andererseits ist der Name so abgefahren, dass er schon wieder wie ein Künstlername klingt. So wie Frankie Frankfurter oder Benny Bielefelder. Aber selbst Engelbert Humperdinck hat es geschafft. Und ich stehe dazu: Ich bin Dirk Darmstaedter, ich hab' meine Historie, und so bleibt das auch.

Deine CD ist zum Durchhören, oder? Radiotauglich?

Ich liebe das Radio als Medium, aber ich verzweifele darüber, wie es funktioniert. Es ist alles so totformatiert. Aber meinen Ansatz behalte ich: Ich bin auf der Suche nach dem großen Song, nach der geilsten Pop-Musik. Ich habe mich bewusst von allen Major-Zwängen gelöst, bin selbst bei meinem eigenen Indie-Label wieder ausgestiegen. Dann muss man sich bewusst sein, dass man nicht so einen Marketing-Push bekommt, wie einer, der unter Vertrag steht. Man darf also nicht darüber verzweifeln, dass man nicht bei Radio N-Joy in der Rotation ist (lacht).

Willst du mal auf Deutsch singen?

Ich weiß schon, dass das einen gewissen Kick geben könnte in Richtung Plattenverkauf, aber Englisch ist meine erste Sprache, die Sprache meiner Kindheit. Ich texte, komponiere, lese, träume auf Englisch. Ein deutsches Stück würde ich aber nicht ausschließen. Aber man muss das machen, was man am besten kann, was einem liegt.

Bist du mit deinem neuen Album angekommen? Es klingt so rund …

Mit der Platte bin ich angekommen, ja (lacht). Es ist immer so schwer, einen Abschluss zu finden, aber ansonsten würde ich sagen: Nee, ich bin nicht angekommen, ich bin noch nicht fertig. Ich weiß gar nicht, was das bedeuten würde, ich bin immer auf der Suche. Es wird nie aufhören, dass ich den perfekten Song suche. Und ich werde auch immer wieder Panik vor dem leeren Blatt haben. Auch wenn ich eine gewisse Disziplin beim Schreiben habe. Und auch an der Gitarre. Ich verwerfe vieles. Und dann hole ich es später wieder raus.

Dein neues Album heißt: "Beautiful Criminals" - kennst du Kriminelle, gar schöne Kriminelle?

Nee, persönlich nicht so, denke ich (lacht). Aber wenn du mich jetzt fragen würdest: "Und du hattest echt keinen Plan B"? Dann ist meine Standardantwort: "Nee, nicht wirklich."

"Ich klau' dann halt" …

Nein (lacht), der Plan war allerdings, wenn das alles nicht klappt, dann geh' ich nach Monte Carlo und heuere auf einer Jacht an. Ich trage sehr gut sitzende Anzüge und treibe mich abends in den Casinos rum, …

Musikalische Ausflüge von Prinzessin Stephanie.
Musikalische Ausflüge von Prinzessin Stephanie.

... reiße reiche, alte Frauen auf …

… fast. Der Plan war, Prinzessin Stephanie von Monaco kennenzulernen.

"Irresistable"!!

Genau, ich war schwer verliebt in sie, als sie das gesungen hat.

Oh Mann, sie hätte echt glücklich werden können mit dir. Ich fand die auch cool, so bockig.

Ein Vogel im Goldenen Käfig, die hätte ich dann gerettet … Ja, das war der Plan (lacht).

Mit Dirk Darmstaedter sprach Sabine Oelmann

"Beautiful Criminals" bei Amazon bestellen

Dirk Darmstaedter auf Tour:

09.05.2016 - Frankfurt, Mousonturm
10.05.2016 - Berlin, AusterClub
11.05.2016 - Hamburg, Knus
12.05.2016 - Düsseldorf, Pitcher
13.05.2016 - Köln, Stereo Wonderland
17.05.2016 - München, Milla
24.05.2016 - Dresden, Bärenzwinger

Quelle: n-tv.de