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Der Produzent und sein Lieblingsprojekt: Frank Farian und Boney M.
Der Produzent und sein Lieblingsprojekt: Frank Farian und Boney M.(Foto: Sony Music / Collage: n-tv.de)
Freitag, 08. Dezember 2017

"Ich liebe farbige Menschen": Frank Farian macht's nochmal mit Boney M.

Eigentlich wollte Frank Farian kein Boney-M.-Album mehr machen. Jetzt hat er es nach über 30 Jahren doch getan. Mit n-tv.de spricht er am Telefon über "World Music For Christmas", Tanzmusik damals und heute, Milli Vanilli, Dieter Bohlen - und seine ewige Liebe Boney M.

n-tv.de: Lassen Sie mich raten: Sie sind gerade in Miami, die Sonne lacht und es hat Temperaturen um die 30 Grad ...

Frank Farian: Gott sei Dank keine 30 Grad. Es sind nur 28. Ein bisschen frischer, genauso wie in einem schönen Mai oder Juni in Deutschland. Es ist das schönste Wetter, das Miami überhaupt zu bieten hat.

Von dem Wetter in Deutschland lässt sich das gerade leider nicht behaupten ...

Ich muss Ihnen sagen: Ich bin ja ein notorischer n-tv Seher. Ich habe von morgens bis abends nichts anderes eingeschaltet. Deswegen bin ich über das Wetter in Deutschland bestens informiert. Und ich kann die Menschen nur bedauern, die sich dieses blöde Wetter zumuten müssen.

Wie oft verlassen Sie denn Ihre Wahlheimat in den USA noch und kommen nach Deutschland?

Ich komme wenig nach Deutschland. Ich reise natürlich schon mal in andere Länder. Aber meine Mutter und meine ältere Schwester sind tot. Meine Kinder leben hier. Da weiß ich nicht, was ich in Deutschland sollte.

Nun haben Sie unter dem Namen Boney M. ein neues Weihnachtsalbum mit dem Titel "World Music For Christmas" aufgenommen. Wie leicht oder schwer fällt es denn, in Miami in Weihnachtsstimmung zu kommen?

Ich habe das schon mal gemacht, als wir damals das erste Weihnachtsalbum von Boney M. bei 35 Grad Hitze in Nizza aufgenommen haben. Da muss man sich schon ein bisschen umstellen. Aber wenn man durch und durch Musiker ist, ist man schnell in der Stimmung. (lacht) Das ist easy.

Es ist tatsächlich das erste Boney-M.-Studioalbum seit über 30 Jahren. Warum haben Sie sich dafür so lange Zeit gelassen?

Farian lebt heute in Miami.
Farian lebt heute in Miami.(Foto: imago stock&people)

Weil ich eigentlich kein Boney-M.-Album mehr machen wollte. Aber ich bin da wie Adenauer: Was stört mich mein Geschwätz von gestern? Irgendwann kommt die Leidenschaft wieder hoch. Das können Sie bei einem Song wie "Carol Of The Bells" hören. Wenn ich sehe, wie viele Künstler aus den 60er- oder 70er-Jahren wieder ins Studio gehen und Bock auf Musik haben, packt es mich einfach auch. Deshalb habe ich mir auch zwei Jahre Zeit gelassen, dieses Album zu produzieren.

Das Album stamme von "Boney M. and Friends", heißt es. Die vielleicht wichtigste Freundin, die an einigen Songs mitgewirkt hat, ist Liz Mitchell, Originalsängerin von Boney M. Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit ihr gekommen?

Ganz einfach: Ich habe sie angerufen und gefragt, ob sie Lust hat, ein paar Titel zu singen. Sie tritt ja hier und da nach wie vor auch unter dem Namen Boney M. auf. Deshalb war es für sie natürlich auch ein Reiz, da mitzumachen. Sie hat vier wichtige Lieder eingesungen. Das war kein großes Problem.

Sie bringen auf dem Album Weltmusik mit weihnachtlichen Klängen zusammen. Im Booklet schreiben Sie: "Weltmusik ist die schönste Musik von allen". War das schon immer Ihre Meinung oder ist die erst in späteren Jahren bei Ihnen gereift?

Ach, nein! Frank Farian und Boney M. haben doch schon immer auf Traditionals geguckt. Ich verrate Ihnen was: In Brüssel gab es einen Plattenladen namens "Weltmusik". In ihm haben wir immer gestöbert, was es so gibt. Nehmen Sie etwa den Song "Brown Girl In The Ring", der auf einem weltberühmten Lied aus Jamaika basiert. Und auch auf dem neuen Album gibt es jetzt zum Beispiel das Lied "Like Diamonds In The Sky". Das ist ein über 200 Jahre alter Song aus Peru, bekannt als "El Condor Pasa", bei dem wir Text und Arrangement umgeändert haben. Die alte Musik ist einfach die schönste Musik. Nehmen Sie nur Beethoven oder Händel ... oder, ach, so viele! Ich bin ein Fan davon!

Boney M. sorgten nicht nur mit ihrer Musik für Aufsehen - sondern auch mit Aufnahmen wie dieser.
Boney M. sorgten nicht nur mit ihrer Musik für Aufsehen - sondern auch mit Aufnahmen wie dieser.(Foto: Sony Music)

Benny Andersson von Abba sagte vor Kurzem in einem Interview mit uns, er interessiere sich heute eigentlich nicht mehr für Popmusik, weil er von ihr nichts mehr verstehe. Er könne heute zwar vielleicht noch einen Popsong schreiben, der würde dann aber klingen wie einer aus den 70er- oder 80er-Jahren ...

Oder noch älter.

Geht Ihnen das auch so?

Ja, das geht mir genauso. Das ist wie Telepathie. Einige Künstler heute können ja gar kein Instrument mehr spielen. Sie geben in den Computer nur einen Beat ein und machen irgendwas oben drauf. Natürlich gibt es auch sehr gute Leute. Aber manchmal ist das auch so schrecklich, dass man sich nach den guten alten Zeiten sehnt.

Mit Boney M. haben Sie in den 70er-Jahren den Disco-Sound und die damalige Tanzmusik geprägt. Tanzmusik ist heute nach wie vor sehr angesagt, auch wenn sie anders klingt als früher. Was denken Sie über die moderne Musikszene?

Ich gehe ja ab und zu auch noch in Clubs rein. Mehr als eine dicke, fette Bassline hören Sie da kaum. Aber mit stampfender Disco-Musik konnte ich noch nie was anfangen. Es musste immer eine Melodie da sein - und meine Songs waren immer voller Melodien! Aber auch heute nehmen viele Künstler wieder die Gitarre in die Hand oder setzen sich ans Piano. Nehmen sie Norah Jones oder India.Arie - das ist handgemachte Musik.

In Deutschland erlebt auch der Schlager in den vergangenen Jahren ein enormes Revival. Man muss sich nur den Erfolg von Helene Fischer ansehen ...

Ja, da geht es genau um das, wovon ich spreche: die Sehnsucht nach schönen Melodien. Ganz einfach.

So schlecht kann es um ihr Verhältnis nicht bestellt sein: Farian und die beiden Boney-M.-Sängerinnen Liz Mitchell (l.) und Marcia Barrett.
So schlecht kann es um ihr Verhältnis nicht bestellt sein: Farian und die beiden Boney-M.-Sängerinnen Liz Mitchell (l.) und Marcia Barrett.(Foto: picture alliance / dpa)

Sie haben in den 70ern selbst mal Schlager gesungen. Davor haben Sie Rock'n'Roll gemacht. Und später waren Sie als Produzent und Komponist für zahlreiche Künstler und Projekte tätig. Was ist für Sie persönlich Ihr wichtigster Meilenstein? Sind das Boney M.?

Aber ja, natürlich. Stimmt, ich habe in den 60er-Jahren als Rock'n'Roller angefangen. Wahrscheinlich schon nächstes Jahr wird von mir auch ein Rock'n'Roll-Album erscheinen. Das heißt "Early Days" und wird demonstrieren, was Farian zu Beginn der 60er gemacht hat. Dann werden Sie sehen, dass auch das zu meinen Highlights zählte. Aber als später Boney M. dazukamen, entstand eine Mischung mit der von mir geliebten Soul-Musik. 1975 habe ich den Mix gefunden, eine perfekte schwarz-weiße Musik zu machen. Das waren Boney M. Deswegen sind Boney M. auch meine große Leidenschaft.

Wenn Sie an die großen Erfolgszeiten mit Boney M. zurückdenken - was war das schönste und was das vielleicht negativste Erlebnis, an das Sie sich erinnern?

Negative Erlebnisse hatte ich nicht. Aber das schönste, das ich erleben durfte, war, als der Papst in Nordirland mit einem roten Hubschrauber auf einer Wiese gelandet ist, eine Million Menschen da waren und "Rivers Of Babylon" gesungen haben. Das war der absolute Wahnsinn!

Als vor einigen Jahren Bobby Farrell, seinerzeit der Tänzer bei Boney M., gestorben ist, wurde Liz Mitchell mit schweren Vorwürfen in der Presse zitiert: Sie sagte, die Bandmitglieder seien ausgebeutet, als Schwarze diskriminiert und Farrell lächerlich gemacht worden. Trotzdem ist sie jetzt bei dem neuen Album dabei. Haben Sie sich ausgesprochen und versöhnt?

Bobby Farrell im September 2009 - Ende 2010 ist er gestorben.
Bobby Farrell im September 2009 - Ende 2010 ist er gestorben.(Foto: imago stock&people)

Nein. Es ist ganz einfach: Sie hat mir am Telefon versichert, dass sie nichts Schlechtes über mich gesagt hat. Ich habe ihr das geglaubt. Ansonsten hätte sie doch mit Sicherheit auch nicht mitgemacht. Sie weiß am allerbesten, dass ich ein Freund der farbigen Menschen bin. Ich bin liiert mit einer farbigen Frau und habe farbige Kinder. Ich liebe den farbigen Menschen - schon immer.

Also haben Sie sich da nichts vorzuwerfen ...

Wenn es heißt, ich hätte sie ausgenutzt, kann ich nur sagen: Sie haben die Verträge unterschrieben. Und ich habe ihnen auch bessere Verträge angeboten. Aber die vier untereinander haben sich gestritten wie die Kesselflicker. Wenn es dann keine Einigung gab, habe ich gesagt: Was soll's? Dann lassen wir es bei den geltenden Vereinbarungen.

Bobby Farrell ist 2010 mit erst 61 Jahren gestorben. Wie nahe ist Ihnen das gegangen?

Das ist mir sehr, sehr nahe gegangen. Bobby war ein wirklicher Freund. Natürlich war er ein bisschen verrückt. (lacht) Aber das hat ja auch dazu gepasst. Wir wollten das ja. Wir haben uns hier und da immer mal wieder getroffen, uns in den Arm genommen und auf ein Wiedersehen gefreut. Er war immer ein Freund.

Sie haben sich viele Jahre dagegen gewehrt, dass - abgesehen von Hauptsängerin Liz Mitchell - die ehemaligen Boney-M.-Mitglieder weiter unter dem Namen der Gruppe auftreten. Warum war Ihnen das so wichtig?

Gucken Sie mal: Liz ist eine hervorragende Sängerin mit einem unvergleichlichen Timbre in der Stimme. Marcia Barrett war auch eine gute Sängerin. Wir drei zusammen haben das musikalisch wirklich wunderbar im Studio gelöst. Aber dann sehen Sie eine Macy Williams, die keinen einzigen Ton gesungen hat, mit völlig fremden Menschen als Boney M. auftreten. Sie benutzt unsere Stimmen. Das geht beim besten Willen nicht. Dagegen müssen wir uns wehren.

Die Sache mit Ihrem Projekt Milli Vanilli, bei dem damals aufgeflogen ist, dass die beiden Gesichter der Band die Songs gar nicht singen, haben Sie mal als Ihren "größten Fehler" bezeichnet. Würden Sie ihn heute nochmal machen?

Ja, Rob Pilatus (l.) und Fab Morvan alias Milli Vanilli sahen gut aus - nur singen konnten sie nicht.
Ja, Rob Pilatus (l.) und Fab Morvan alias Milli Vanilli sahen gut aus - nur singen konnten sie nicht.(Foto: imago/ZUMA Press)

Nein, auf keinen Fall. Ich möchte die Zeit zwar nicht missen, denn wir haben tolle Musik und ein, zwei tolle Alben gemacht. Aber ich würde nie wieder zwei Tänzer vors Mikrofon stellen, sie den Mund auf- und zumachen lassen und das der Welt dann als Popgruppe verkaufen. Ich hatte das ja auch gar nicht nötig. Ich habe stimmgewaltige Künstler produziert wie Meat Loaf, No Mercy und Liz Mitchell sowieso. Und auch nach Milli Vanilli habe ich etwa mit La Bouche bewiesen, dass ich solche Tricks nicht brauche.

Andererseits wirkt der Skandal, den es damals gab, im Rückblick doch ziemlich aufgebauscht. Ich schätze mal, dass heutzutage bei so einigen Bands die Frontfiguren gar nicht die wirklichen Sänger oder Musiker sind ...

Ach, auch früher schon war das hinter den Kulissen ziemlich normal. Eine kleine Geschichte zum Beispiel: In England gab es mal die Gruppe Paper Lace. Das waren vier gut aussehende Teenager, die Nummer 1 in den Charts waren. Es hieß, sie nähmen in München einen neuen Song auf. Ich hatte zu der Zeit in dem Studio auch zu tun. Ich komme da hin und frage: "Wo sind denn Paper Lace?" Zur Antwort bekam ich: "Ja, der Produzent singt gerade." Das gab es also damals schon. Auch die Monkeys waren ja nicht ganz lupenrein. Das Showgeschäft ist halt Show.

Sie sind bekannt dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, auch nicht in der Auseinandersetzung mit Dieter Bohlen. Auf seine umstrittene Kollegenschelte in seinen Büchern haben Sie mit Ihrem eigenen Buch "Stupid dieser Bohlen" reagiert. Sie haben ihn unter anderem als "Pop-Hochstapler" und "Provinzkacker" tituliert. Das fanden auch nicht alle gut. Bereuen Sie das im Nachhinein?

Nein, überhaupt nicht. Was er getan hat, darf er mit mir nicht machen. Meine Kinder waren damals noch sehr jung - und er hat geschrieben: "Der Frank ist im Puff von Rio ein- und ausgegangen." Das musste ich ihm über den Kopf ziehen. Dieter Bohlen hat ja dann auch versucht, sich bei mir zu entschuldigen. Er rief seinen Anwalt an und sagte: "Egal, wo der Frank sich aufhält: Ich fliege zu ihm und entschuldige mich bei ihm." Bei mir hat er immer auf Freund gemacht.

Das Album "World Music For Christmas" ist seit Kurzem erhältlich.
Das Album "World Music For Christmas" ist seit Kurzem erhältlich.(Foto: Sony Music)

Aber Sie werden in diesem Leben keine Freunde mehr ...

(lacht) Ich bin weit weg. Und ich wünsche ihm, dass er noch lange irgendwo im Fernsehen sitzen und seine Spielchen machen kann. Er sagt mir überhaupt nichts mehr. Null.

Sie haben mal gesagt, eigentlich wollten Sie mit 40 Jahren in Rente gehen. Daraus ist offensichtlich nichts geworden. Können Sie nicht ohne Arbeit und Musik?

So ist es. Ich kann nicht ohne. Wenn man diese Leidenschaft hat, kann man sie nicht wie einen Mantel ablegen. Wenn man so in der Arbeit versunken ist wie ich, überreißt man manchmal gar nicht, wie groß diese Leidenschaft ist. Manchmal kann ich nicht schlafen, stehe nachts um halb vier auf und sage: Wir haben noch ein halbes dB Bass vergessen. Oder: Wir machen alles nochmal neu. Ich kann es mir ohne Arbeit nicht vorstellen.

Das heißt, auch mit 76 denken Sie noch nicht an den Ruhestand?

Überhaupt nicht! Ich verrate Ihnen noch was: Ich habe noch ein Album in Arbeit, das auch schon zu 70 Prozent fertig ist. Ein Boney-M.-Album - "Boney M. meets Soul". Denn die Soulmusik ist die Mutter aller Boney-M.-Songs. An diese Musik haben sich schon einige gewagt: Phil Collins oder George Michael. Und ich mache auch ein Soul-Album, aber in der Art von Boney M. Das wird ein Meisterwerk.

Mit Frank Farian sprach Volker Probst

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Quelle: n-tv.de