Musik

Wenn Schlager, dann bitte so Gainsbourg war Maite Kellys erste Liebe

Maite Kelly erwartet Nachwuchs. Foto: Kay Nietfeld

"Unser Vater wollte uns rein und unschuldig halten."

(Foto: dpa)

Maite Kelly, Ende 1979 als zweitjüngstes Kind des Kelly-Clans in West-Berlin geboren, gibt stimmlich auf ihrem neuen Album "Die Liebe siegt sowieso" wirklich alles, und auch die Arrangements und Texte sind bei Maite raffinierter als bei den einschlägigen Kolleginnen und Kollegen. Wir unterhielten uns mit der 38-jährigen Mutter dreier Töchter, die ein knuffiges Deutsch mit englischen Einsprengseln spricht, in einem Berliner Hotel aber nicht nur über ihre Musik.

n-tv.de: Maite, im Gegensatz zu vielen anderen in der Schlagerbranche schreibst du deine Lieder selbst oder bist zumindest am Komponieren und Texten beteiligt. Warum ist dir das wichtig?

Maite Kelly: Songschreiben ist meine Kernberufung. Ganz besonders das Spiel mit Worten liebe ich. Mein liebstes Instrument ist die Sprache. Wenn ich irgendwann aufhöre zu singen, was eines Tages der Fall sein wird, weil man das stimmlich nicht ewig durchhalten kann, werde ich ganz bestimmt weiter für andere schreiben.

Für wen denn?

Ich habe kürzlich diesen Megatraum gehabt, dass Adele einen Gospelsong von mir singt. Dann wurde ich wach und versuchte, das Lied zu singen, es war aber schrecklich. Im Traum hatte sich das ganz anders angehört.

Träumst du oft von eigenen Liedern?

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Singt Schlager auf ihre Art: Maite Kelly.

(Foto: imago/STAR-MEDIA)

Ja, ich liege nachts wach und habe plötzlich eine Idee. Überall im Haus liegen Stifte und Notizblöcke, damit ich schnell aufschreiben kann, was mir einfällt. Melodien singe ich direkt ins Handy. Die Melodie zu "Warum hast du nicht nein gesagt" kam zu mir, als ich ganz allein in einem riesigen Bett in einer Hotelsuite schlief.

Besagtes Duett mit Roland Kaiser ist ein richtiger Kult-Hit geworden. Wollt ihr nicht mal wieder was zusammen machen?

Wir haben beide ein bisschen Angst davor, etwas Neues zu machen. Weil wir wissen: "Warum hast du nicht nein gesagt" lässt sich nur schwer toppen.

Auf deinem neuen Album hören sich manche Songs an, als würdest du Duette mit dir selber singen, so sehr gehst du mit deiner Stimme hoch und runter.

(lacht) Das hat mein Produzent Roland Spremberg auch gemeint. Ich habe eine Spanne von viereinhalb bis fünf Oktaven, manchmal klingt der Schlager bei mir fast wie Operette. Zum ersten Mal im Leben hatte ich im Studio eine richtige Muskelverhärtung am Hals. Wobei die tiefen Töne das Zwerchfell viel mehr Arbeit kosten als die hohen Töne. Hoch zu singen ist relativ leicht.

Gerade "Heute Nacht für immer" erinnert kaum an den herkömmlichen deutschen Schlager, sondern fast schon an ABBA.

(lacht) Die Nummer ist das totale Drama. Ich habe ja mit deutschem Pop angefangen, anfangs lief es nicht sehr gut, eine damalige Plattenfirma ging sogar pleite, und wirklich Erfolg habe ich erst, seit ich 2016 auf "Sieben Leben für dich" zum ersten Mal Schlager gesungen habe. Aber eben Schlager auf meine Art.

Was heißt das?

Ich hatte das große Glück, dass ich als Kind mit der Kelly Family von großartigen, internationalen Schlagerkünstlern umgeben war. Serge Gainsbourg, Al Bano & Romina Power, Udo Jürgens, in diesem Umfeld bewegten wir uns, außerdem waren wir ja sehr viel international unterwegs. "Lass mich nicht los" klingt für mich sehr italienisch, mit einem Hauch von Mylène Farmer. Solche dramatischen Songs habe ich als Kind schon geliebt. Serge Gainsbourg - so ein hässlicher Kerl und doch so sexy, wie er auf der Bühne steht und "Je t'aime" singt.

Du hast auf Serge Gainsbourg gestanden?

Ich habe sogar eine kleine Liebesgeschichte mit ihm gehabt (lacht). Wir als Kelly Family waren zu Gast in der Pariser Oper, in einer Weihnachtssendung. Und dann ging dieser kleine Mann im schwarzen Anzug auf die Bühne. Er sah eigentlich aus wie eine Ratte. Und dann Klavier, Scheinwerfer auf sein Gesicht, und er sagte etwas. Ich saß da und habe verstanden, was Sexappeal ist. Ich war vier. Im Nachhinein habe ich verstanden, dass es diese Mischung aus Charisma, Sinnlichkeit, Rotzigkeit, Poesie und Leidenschaft war, die mich fasziniert hat.

Ihr Kellys in euren langen Gewändern und braven Blusen hattet ja sonst mit Sexappeal nicht so viel am Hut.

Unser Vater wollte uns rein und unschuldig halten. Ich fand das gut damals. Ich bin unserem Vater sehr dankbar, dass er uns nie als Sexobjekte verkauft sondern immer unsere Natürlichkeit geschützt hat. Der Erfolg gab ihm recht. In den Neunzigern war alles so bodybelastet, Baywatch, die ganzen Boybands, überall Haut und Lack. Ich glaube, die Kids haben was anderes gebraucht. Und dann kamen wir Kellys angeflogen wie die Engel.

Wie sehr profitierst du heute von deinen damaligen Erfahrungen?

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Nicht gerade die Erfinder des Sex-Appeal - aber es war nicht alles schlecht!

(Foto: picture-alliance / dpa)

Sehr. Hinter der Kelly Family steckte viel mehr musikalisches Wissen und Handwerk, als es von außen den Anschein hatte. Ich hatte als Kind Privatunterricht von Top-Musikern, und durch das viele Reisen haben wir Einflüsse aus ganz Europa aufgesaugt. "Sieben Leben für dich" ist eigentlich ein venezianischer Tango. Mein Vater hat alte Instrumente gesammelt, unter anderem ein ganz besonderes Akkordeon, das nur in Venetien gebaut wird und einen ganz besonderen Klang hat. Oder dieses dramatische Element in einigen meiner Lieder - das kommt aus der spanischen Folklore.

Würdest du dich als Dramaqueen bezeichnen?

Auf der Bühne schon. Und sonst? Ich habe keinen Sinn für Melodrama, also Drama, das kein Fundament hat. Aber das Leben an sich ist dramatisch – Geburt, Tod, Liebe. Der Mensch hat ständig mit der Angst zu kämpfen, ob er überleben wird, ob er wertvoll ist, ob alles überhaupt einen Sinn hat. Die Leute sagen, ich sei so eine coole Socke, ich würde alles im Leben eher locker nehmen. Aber in der Musik habe ich ein Ventil, mit dem ich meinen Schmerz rauslassen kann. Meine Lieder bieten mir den Schutz der Kunst.

Und so kannst du in "Heute Nacht für immer" also lässig vom potentiell "längsten One Night Stand der Welt" singen?

Hahaha. Ich hatte übrigens noch nie einen One Night Stand. Dieser Song ist eine Beschreibung unserer oft widersprüchlichen Gefühlswelt. Ich selbst habe das nie ausprobiert, aber ich bin umringt von Single-Frauen, die auf Tinder sind, bei denen ist das völlig normal.

Gehen dir Zeilen wie "Ich nehm' dich heute Nacht" leicht von den Lippen?

Total. Schlager ist sinnliche Musik für erwachsene Menschen, da darf man auch erotische Themen behandeln. Ich bin bald 40 und gönne mit heute die kleine Unverschämtheit, sowas auch zu singen. Mit 30 hätte ich solche Lieder nicht gesungen.

Du bist seit Januar geschieden. Käme denn so ein flüchtiges Sexabenteuer für dich in Frage?

Ich glaube, ich bin nicht der Typ dafür. Was in diesem Song wichtig ist: Die Frau ist ein widersprüchliches Wesen. Sie hofft, dass "heute Nacht" vielleicht der Anfang von "für immer" sein könnte. Eigentlich geht es um Sehnsucht, um Angst und um Hoffnung. Auch mit einem Mann, den du vielleicht schon länger kennst, gibt es irgendwann eine erste Nacht. Mit diesem ganzen Ringen, diesem Hin- und Hergerissen-sein kokettiere ich.

Ist der Titel deines Albums, "Die Liebe siegt sowieso" von den Veränderungen in deinem Leben inspiriert?

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Das muss man weiter fassen. "Die Liebe siegt sowieso" ist eine Lebensphilosophie und eine Art Oberslogan für mich. In meinem Leben ist viel passiert, meine Mutter ist jung gestorben, ich habe Brüche erlebt, fünfzehn Jahre Beziehung wirft man nicht leichtfertig weg, mein Ex-Mann Florent ist der Papa meiner Kinder und immer noch einer meiner besten Freunde, er wird auch der Opa unserer Enkel sein. Man sollte den Titel auch nicht nur auf die Frau-Mann-Liebe reduzieren, ich bin zum Beispiel eine Frau, die gern allein ist, die gut mit sich zurechtkommt, sich selbst liebt. Ich liebe meine Kinder, ich liebe meinen Job, ich bin mit meinem Vater und sieben Brüdern aufgewachsen, ich weiß also, wie herzlich Männer sein können. Ich habe viel Plus erlebt, auch Minus, trotzdem bin ich überzeugt: Die Liebe gewinnt. Ich bin immer noch eine große Jasagerin zur Liebe.

Deine Töchter Agnes, Josephine und Solène sind zwölf, zehn und vier Jahre alt. Wie erziehst du sie zu starken, selbstbewussten Frauen?

Ich mache ihnen deutlich, dass Neinsagen in Ordnung ist. Dass Fehler zum Leben gehören und man aus ihnen lernt. Dass sie schön sind, ohne sich irgendwann unters Messer zu legen, ohne Körperwahn. Meine Mädchen sollen spüren, dass sie immer sie selbst sein können. Und in der Schule gibt es immer eine Lösung. Meine Töchter müssen keine Angst haben, wenn sie mit schlechten Noten nach Hause kommen.

Du bist damals zuhause unterrichtet worden, warst aber später noch auf einer amerikanischen Highschool. Hatte dir ein normales Leben mit normaler Schule und Freunden gefehlt?

Ja, ich hatte als Kind heimlich davon geträumt, zur Schule gehen zu können wie alle anderen. Aber das war nun mal die Familie, in die ich hineingeboren wurde. Manchmal habe ich Gott verteufelt, warum wir nicht normal und spießig sein konnten.

Lebst du heute deinen Traum?

Ja! Als kleinem, dicken Mädchen wird dir oft gesagt "Dass kannst du nicht, vergiss' es". Es war lange mein Lebensthema, manches nicht zu wagen, obwohl ich es mir zugetraut hätte. Aber wenn man älter wird, wird man auch selbstbewusster. Ich habe irgendwann gemerkt "Es ist nicht zu spät. Du schaffst das". Und so verbringe ich heute die knappe Zeit, die wir auf der Welt haben, mit den Dingen und vor allem mit den Menschen, die ich liebe.

Mit Maite Kelly sprach Steffen Rüth

Die Tour startet am 14.3.2019 in Suhl/ Congress Centrum und endet am 29.4.2019 in Cottbus/ Stadthalle.

Quelle: ntv.de