Musik

"Verraten Sie das keinem" Gary Barlow sucht die innere Mitte

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Die Boyband-Zeiten sind vorbei - im Januar wird er 50: Gary Barlow.

(Foto: Universal Music)

Gary Barlow hat eine bewegte Karriere hinter sich. Mit der Boyband Take That ("Back For Good") brach er in den 90ern sämtliche Rekorde. Nach deren Trennung, die Millionen Mädchen zum Heulen brachte, blieb die erwartete Solokarriere allerdings aus. Befeuert von den Sticheleien seines einstigen Bandkollegen Robbie Williams wurde Barlow in Großbritannien zum Spott der Nation, nahm etliche Kilos zu und litt unter Depressionen.

Doch Barlow stand wieder auf: Take That sind seit ihrer Wiedervereinigung im Jahr 2005 erfolgreicher denn je und füllen als Trio nach wie vor Arenen. Barlow selbst trägt den Verdienstorden "Order of the British Empire", organisierte die Feierlichkeiten zum 60-jährigen Thronjubiläum der Queen und komponierte mehrere Musicals.

Nun erfüllte er sich einen lang gehegten Traum: Sein neues Album "Music Played By Humans" nahm er mit einem 60-köpfigen Orchester auf. Im ntv.de Interview spricht der 49-jährige Brite über die beeindruckende Kraft handgemachter Musiker, das Geheimnis seiner Ehe, seinen anstehenden 50. Geburtstag und seine ewige Suche nach der richtigen Balance.

ntv.de: Herr Barlow, Ihr ehemaliger Bandkollege Robbie Williams hat bekanntlich zwei Swing-Alben aufgenommen. Haben Sie schon einen frechen Spruch von ihm kassiert, weil Sie jetzt auch swingen?

Gary Barlow: Nein, denn noch hat er das Album gar nicht gehört. Aber das wird bestimmt noch kommen. (lacht)

Warum jetzt Swing und ein 60-köpfiges Orchester? Was verbinden Sie mit jener Musik?

Mein Dad liebte Sinatra, ich bin mit dieser Musik also sehr vertraut. Sie lief ständig bei uns Zuhause. Wobei ich diese Persona erst mal annehmen musste - dieser Typ, der mitten im Orchester steht und alle einzählt. Das Selbstbewusstsein und die Haltung, die man hat, wenn man diese Art Musik singt, ist anders. Und ich weiß nicht, ob Sie schon mal die Gelegenheit hatten, das zu tun, aber in der Mitte eines Orchesters zu stehen - gar nicht mal zu singen, sondern bloß da zu stehen - ist wahnsinnig ergreifend. Es gibt nichts Vergleichbares.

Das Album trägt passenderweise den Titel "Music Played By Humans". In Zeiten, in denen Musik immer häufiger am Computer entsteht und Algorithmen ausrechnen, wann der Refrain einsetzen muss, damit die Leute nicht umschalten, vermissen Sie da manchmal die alten Zeiten?

Es gibt noch Musiker da draußen - aber nicht viele, das stimmt. Andererseits war es in den 90ern schon so, dass mir ständig alle sagen wollten, wie man zu klingen habe. Dieses Mal habe ich versucht, mich davon nicht beeinflussen zu lassen. Ich wollte ein Album machen, das nicht auf Klicktracks basiert und versucht, wie die Top 5 zu klingen. Mein Album feiert echte Musiker, die Energie der Menschen und tolle Performances. Es ist sehr positiv, eine echte Feel-Good-Platte.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Song "Oh What A Day". Wann hatten Sie das letzte Mal einen perfekten Tag, wie Sie ihn darin besingen?

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Er hat jetzt auch den Swing.

(Foto: Universal Music)

Wir hatten Glück während des Lockdowns: Obwohl das für England sehr untypisch ist, hatten wir gutes Wetter und ich muss sagen, wenn das so ist, gibt es keinen Ort, an dem ich lieber wäre. Leider ist es 90 Prozent des Jahres scheiße, aber wenn die Sonne rauskommt und der Himmel blau ist, ist es wunderschön hier. Von daher hatte ich dieses Jahr gleich mehrere solcher Tage. "Oh what a day" ist übrigens etwas, das meine Tochter alle Nase lang sagt.

Tatsächlich?

Ja, sie ist jetzt elf und wenn ich mal wieder gestresst am Telefon hänge, sagt sie so was wie: "Guck mal, die schöne Wolke". Die Idee hinter dem Song ist, die Welt durch die Augen eines Kindes zu sehen. An irgendeinem Punkt verlieren wir Menschen das - sich die Zeit zu nehmen, einen schönen Baum oder eine Wolke zu bewundern. Ich glaube aber, dass wir dazu in diesem sehr komischen Jahr vielleicht wieder etwas zurückgefunden haben. Ich zumindest habe mir Zeit für Dinge genommen, die seit Jahren auf der Strecke geblieben sind.

Zum Beispiel?

Ich habe 20 Jahre lang nicht Gitarre gespielt, aber jetzt spiele ich wieder! Ich will nächstes Jahr in einer Show auftreten, also habe ich eine Menge geübt.

Zurück zu Ihrem Album. Ihr Spezialgebiet, die Liebesballade, kommt darauf natürlich auch nicht zu kurz. Denken Sie dabei auch nach 20 Jahren Ehe immer noch an Ihre Frau?

Oh ja, immer! Ich hatte Glück: Ich habe früh die richtige Person gefunden und wir hatten stets eine gute Ehe. Wir haben einander immer unterstützt und waren gut zueinander. Klar hatten wir auch mal schwere Zeiten, aber wir haben sie zusammen durchgestanden. Meine Ehe ist der Sockel dessen, was ich mache und wer ich bin, um ehrlich zu sein. Deswegen feiere ich sie ständig.

Was ist das Geheimnis einer so langen, glücklichen Ehe?

Ich weiß nicht, ob es da ein Geheimnis gibt. Aber so simpel und blöd das klingt: Wir versuchen immer, nett zueinander zu sein, den anderen zu unterstützen, einander zuzuhören und das Gehör des anderen auch einzufordern. Nett zu sein - damit fängt alles an. Das gilt ja auch außerhalb der Ehe. Heute morgen auf dem Weg zum Studio habe ich ein anderes Auto vorgelassen. Wenn mir so etwas passiert, dann fühle ich mich immer für ein paar Sekunden gut.

In dem Stück "Bad Libran" geht es um Sternzeichen. Sie sind Steinbock und Ihre Frau Krebs. Passen die zusammen?

(lacht) Ich glaube nicht an Sternzeichen! Ich wollte seit Jahren einen Song über Sternzeichen schreiben, denn ich finde es einfach urkomisch, dass einige Leute ihr Leben danach leben. Das Horoskop diktiert ihnen, wie ihr Tag oder sogar ihr Jahr wird. Ich finde das faszinierend.

Glauben Sie generell nicht an übernatürliche Dinge?

Genau das wollte ich gerade sagen, denn irgendwo darin ist ein Glaube versteckt, nicht wahr? Wir Menschen glauben gerne, dass wir bestimmte Entscheidungen nicht selbst treffen müssen, sondern sie jemand anderes für uns treffen kann und dann wird es schon werden - weil wir nicht falsch liegen wollen. Ich glaube lieber an mich selbst. Daran, dass ich gute und die richtigen Entscheidungen treffe. Ich treffe natürlich auch falsche, glauben Sie mir! Aber in neun von zehn Fällen sind sie gut.

Das klingt alles so, als hätten Sie sich noch nie so wohl in Ihrer Haut gefühlt - sowohl beruflich als auch persönlich.

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An Sternzeichen glaubt er nicht.

(Foto: Universal Music)

Das ist auch so. Ich bin an einem sehr guten Punkt in meinem Leben. Das, was ich an mir mag, genieße ich. Und Dinge, die ich nicht so gerne mag, akzeptiere ich und behalte sie im Auge. Aber auch musikalisch bin ich sehr zufrieden. Ich liebe all die Projekte, in die ich involviert bin. Also ja, ich fühle mich im Moment sehr selbstsicher und das ist ein tolles Gefühl.

Das war ja auch nicht immer so. Helfen Alter und Reife?

Ich weiß es nicht. Vielleicht. Es ist aber auch einfach so, dass ich meinen Job liebe. Ich liebe es, darüber zu sprechen, ihn zu machen, zu planen - ich liebe alles daran. Ich freue mich jeden Tag, wenn ich in mein Studio komme. Was das betrifft, sehe ich die Welt wirklich noch durch die Augen eines Kindes. Und das hält mich jung.

Sie werden im Januar 50. Was haben Sie geplant?

Eigentlich wollte ich das Palladium in London mieten und auf der Bühne stehen. Aber das geht ja nun leider nicht. Von daher plane ich nicht viel … Ich habe entschieden, dass wir es all die Jahre falsch gemacht haben. Runde Geburtstage sollten eigentlich ein Jahr später gefeiert werden. Nicht, wenn man gerade erst 50 geworden ist. Von daher werde ich meinen 50. einfach auf nächstes Jahr verschieben.

Ihren 50. wollten Sie auf der Bühne feiern, während des Lockdowns haben Sie auf Instagram unter dem Motto "The Crooner Sessions" jeden Tag Duette mit befreundeten Musikern gepostet. Warum können Sie eigentlich nie aufhören zu arbeiten?

Für mich fühlt es sich nicht wie Arbeit an. Musik ist etwas, woran ich Spaß habe, womit ich etwas erreicht habe. Und ich habe schon immer Musik gemacht, seit mir im Alter von zehn Jahren ein Keyboard geschenkt wurde. Wenn ich als Teenager von Gigs nach Hause kam, setzte ich die Kopfhörer auf und spielte noch mal zwei Stunden, bis 3 Uhr morgens. Ich liebe die Musik einfach, deswegen kann ich nicht aufhören.

Ist es wirklich bloß die Liebe zur Musik oder auch der Applaus, die Wertschätzung?

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Von allem ein bisschen. Als ich anfing, Keyboard zu lernen, spielte ich eines Tages für unsere Nachbarn. Mein Vater hatte sie eingeladen. Sie saßen alle auf meinem Bett und irgendwann blickte ich mich im Zimmer um und stellte fest, dass alle lächelten. Ich dachte: "Wow, was für eine tolle Sache." Ja, ich mag den Applaus, aber auch die Vorstellung, andere Leute glücklich zu machen - wer würde das nicht wollen?

Obwohl Sie so viel arbeiten, schaffen Sie es auch noch, Sport zu treiben und sich gesund zu ernähren. Mal ehrlich, was sind Ihre Fehler? Die Dinge, die Sie an sich nicht mögen?

Oh je, ich bin einer dieser Ganz-oder-gar-nicht-Menschen. Entweder ich esse zu viel oder zu wenig, mache zu viel Sport oder zu wenig. Ich wäre gerne irgendwo in der Mitte. Kennen Sie diese Leute, die ständig sagen, dass es um die richtige Balance geht? Denen würde ich am liebsten eine reinhauen. Denn bisher habe ich diese Balance noch nicht gefunden. Aber ich suche weiter, wir werden sehen.

Wie lange ist Ihr Kalender denn aktuell gefüllt und was steht für Sie als nächstes auf der Agenda?

Mein Kalender ist gut gefüllt, aber derzeit steht leider überall "to be confirmed" dahinter … Im Juni sollen die Dreharbeiten für den Film "Greatest Day" beginnen, der auf dem Musical "The Band" basiert und die Musik von Take That enthält. Das ist ein sehr aufregendes Projekt für uns als Band. Die Veröffentlichung des Films könnte auch ein Anlass sein, dass wir mit Take That wieder auf Tour gehen. Und vielleicht haben wir sogar einen Gastauftritt in dem Film - aber verraten Sie das keinem. Es kommt immer drauf an, wie viel man dem Regisseur zahlt.

Mit Gary Barlow sprach Nadine Wenzlick

Quelle: ntv.de

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