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"Let Yourself Be Loved" Joy Denalane findet dich liebenswert

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"Ich bin die, die ich bin, mit all meinen Fehlern" - Joy Denalane.

(Foto: imago images/POP-EYE)

An der Seite von Max Herre und mit ihrer Single "Mit dir" wurde Joy Denalane 1999 schlagartig berühmt. Seitdem hat die Musikerin, sowohl mit ihrem Ehemann als auch alleine, noch viele weitere Hits geschrieben. Mit "Let Yourself Be Loved" erscheint nun ihr erstes englischsprachiges Soul-Album. Dafür spricht die 47-jährige Sängerin mit ntv.de über ihren Vater, Liebe und Selbstwert.

ntv.de: Dein letztes Interview für heute, dann hast du es geschafft. Ist es nicht nervig, den ganzen Tag die gleichen Fragen zu beantworten?

Joy Denalane: Diese Frage kommt immer wieder auf. Eigentlich nicht! Es ist Teil der Arbeit und ich finde es eigentlich schön, und ich bin am Ende dankbar dafür, dass sich viele Leute dafür interessieren. Und dann ist es ja auch so, dass ich jedes Mal mit einer neuen Person zusammenkomme und dann schon immer andere Synergien entstehen. Es kommen manchmal eher so Erschöpfungsmomente, das zeigt sich bei mir dann immer, wenn sich die Sprache in meinem Gehirn auflöst, wenn jedes Wort eigentlich nur noch irgendwelche zusammengefügten Sounds sind und ich eigentlich gar nicht mehr weiß, was was heißt.

Zumindest von außen betrachtet wirkst du aber immer sehr cool, selbstsicher und abgeklärt. Auch wenn ich das mit anderen Sängerinnen vergleiche, die sich in Interviews - vor allem mit Männern - ein bisschen verstellen.

Das mag ich ja gar nicht … Das bin ich auch nicht! Verwandlungen, nur weil man mit einem anderen Geschlecht konfrontiert wird, sind mir total fremd. Ich glaube, das liegt auch daran, dass ich mit zwei großen Brüdern aufgewachsen bin und zwei Söhne und einen Ehemann habe - ich bin ja nur von Männern umgeben, die ganze Zeit habe ich diese männliche Energie in meinem Leben. Das heißt, diese Aufregung oder das Verstellen, die Unsicherheit - die habe ich überhaupt nicht.

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Lernten sich 1999 kennen und lieben: Joy Denalane und Musiker Max Herre.

(Foto: imago/Future Image)

Hättest du dir gerne auch eine Tochter gewünscht?

Ja, ich hätte schon gerne eine Tochter gehabt. Aber es war scheinbar nicht so angedacht.

Allein zwei Kinder bei einer so beachtlichen Karriere - das ist zwar bestimmt machbar, aber auch viel?

Ja, aber wir haben uns schon immer ganz gut aufgeteilt. Wir haben uns entschieden, eine Familie zu gründen und besprochen, dass derjenige, der gerade eine Platte laufen hat, dann eben unterwegs ist und sich um die Karriere kümmert, während der andere zu Hause ist und die Familie hütet. Das hat gut geklappt, insofern hätte das mit einem dritten schon gepasst.

Apropos Platte am Laufen: Gratuliere zum neuen Album! "Let Yourself be Loved" - ein sehr interessanter Titel. Musst du dich daran selber manchmal erinnern?

Ich beobachte viel in meinem engsten Bekanntenkreis, dass es ein Phänomen in Leistungsgesellschaften ist, dass wir immer in Konkurrenz und unter unglaublichen Erfolgsdruck stehen. Daraus resultiert eine tiefe Unsicherheit, dass man einfach nicht gut genug, nicht liebenswert ist. Ich habe den Eindruck, dass die Unsicherheit durch diese Social-Media-Welt noch weiter geschürt wird.

Wie das?

Der Druck und der Konkurrenzkampf werden einfach unheimlich viel größer. Man kann im Prinzip nur scheitern, wenn man sich mit Social-Media-Mitstreitern in Konkurrenz stellt. Und ich glaube, dass die Geschwindigkeit, in der wir leben, und dass wir Partner nach rechts oder links swipen, eigentlich nur ein Symbol für diese Art sind, mit der wir uns annähern, wie wir kommunizieren und uns kennenlernen und was für Erwartungen wir an den anderen haben. Diese Perfektion, nach der wir suchen, führt zum Scheitern und dieses Scheitern zu einer tiefen Verunsicherung. Oder macht die Verunsicherung noch extremer. Und ich möchte sagen: "Hey, du bist liebenswert!" Es gibt genug an jedem, für das es sich lohnt, sich selbst zu lieben. Selbstliebe klingt egoman, aber ich meine eine gesunde Selbstliebe, die fehlt vielen Menschen.

Durch das Swipen und die sozialen Medien ist ja auch alles so oberflächlich geworden, alles muss auf den ersten Blick schon perfekt sein.

Genau, und ich weiß nicht, wie viel man bei Perfektion auch nachhilft in Selbstdarstellung. Und dann kommt man vielleicht zusammen und führt ein Gespräch, das fällt dann ganz menschlich aus - und trotzdem reicht es dann schon wieder nicht mehr. Diese Bekanntschaften, die eine so wahnsinnig überschaubare Halbwertszeit haben, erlebe ich sehr häufig in meinem Freundeskreis.

Du hast ja schon immer Soul gesungen, aber das Album schreit noch viel mehr danach. Nicht nur, weil es komplett auf Englisch gesungen ist, auch vom Sound her. Ich habe mir beim Hören vorgestellt, wie du in den 1960er-Jahren so ganz cool die Straße entlangläufst ... Kennst du das Musikvideo zu "It's Oh So Quiet" von Björk?

Natürlich, der Hammer! Die Idee war, eine Soul-Platte zu machen, so originär wie möglich an den Sound von früher ranzukommen und eine Hommage an Soulmusik zu kreieren. Dann haben wir die Songs geschrieben und als es dann daranging, die Produktion umzusetzen, da wurde es ein bisschen schwierig. Was dabei rauskam, hat mir nicht so gefallen. Deswegen habe ich die Platte beiseitegelegt und dann erstmal "Gleisdreieck" (Album von 2018, Anm. der Red.) gemacht. Erst später habe ich den richtigen Produzenten für "Let Yourself Be Loved" und diese Platte umgesetzt.

So viel Kontrolle über die eigene Musik haben nicht viele Künstler, oder?

Warum glaubst du das?

Gibt es nicht viel Druck, irgendwas zu veröffentlichen? Musiker müssen ja in einem gewissen Takt etwas veröffentlichen, um attraktiv zu bleiben.

Künstler haben immer mehr Kontrolle, als man zu glauben meint. Vielleicht wissen sie manchmal selbst nicht so genau über die Kontrollmöglichkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen. Aber wir müssen sehr, sehr viel Kontrolle über unsere Kunst haben. Das ist das A und O, finde ich und darüber sollten wir uns im Vorfeld bewusst sein. Wir kommen ja nicht umsonst in Situationen, in denen wir die Möglichkeiten bekommen, etwas mitzubringen, das das Interesse potenzieller Partner weckt.

Also stehen am Ende nicht die Labels über den Künstlern? Sie könnten ja im Zweifel einfach einen neuen Künstler suchen.

Das machen Labels nicht wirklich so, das ist so eine Mär. Alle Erfahrungen, die ich bisher mit jedem Label gemacht habe, war: Wenn der Künstler nicht will, können sie nichts machen. Wenn ich nicht Musik produzieren will, weil ich mich künstlerisch innerlich weigere, dann gibt es kein Label, das mich dazu zwingen wird, das umzusetzen, was sie für mich sehen.

Zurück zum Album: Warum hast du dieses Mal nur auf Englisch gesungen?

Das war von Anfang an geplant, weil ich eine Soul-Platte machen wollte, die so nah am Originalsound dran ist wie möglich. Und das wäre für mich aus verschiedenen Gründen auf Deutsch nicht so stimmig gewesen. Ich will das auch auf Deutsch so nicht hören. Ich finde auch, dass die deutsche Sprache natürlich durch ihre eigene Melodie die Gesangsmelodien verändern muss. Aber das wollte ich nicht, das wäre mir zu kompliziert gewesen. Und die Musik, die ich in meinen ersten Lebensjahren zu hören bekam, ob über meinen Vater oder meine Brüder, war englischsprachig.

Also hast du dich schon früh für Musik interessiert?

Ja, extrem stark. Das Englische gehört zu haben, war so prägend. So habe ich Musik, so habe ich überhaupt auch meine eigene Stimme kennengelernt. Alles, was ich bis zu meinem Teenagerdasein in deutschsprachiger Musik wahrgenommen hatte, war Schlager oder Volksmusik im Fernsehen. Wir haben auch kein Radio, sondern immer Schallplatten gehört. Viele meiner Kollegen, die davon sprechen, mit Udo Lindenberg und Rio Reiser und so weiter aufgewachsen zu sein ... Ich weiß natürlich ganz genau, wer die sind, wofür sie stehen und was sie für einen Sound gemacht haben, aber das kam erst viel später.

Witzig, dass du das sagst. Das versuche ich auch oft zu erklären, dass der Bezug oft fehlt, wenn man - wie in unserem Fall - ein Elternteil hat, das eben nicht deutsch ist. Bis zum Studium konnte ich Udo Lindenberg nicht von Udo Jürgens unterscheiden.

Ich weiß genau, was du meinst! Und dann kommt: "Was, du kennst nicht den Gassenhauer???"

Was hat dein Vater denn so für Platten aufgelegt?

Soul! Soul, Jazz und Funk. Das war sehr ausgewogen.

Dann muss er ja total aus dem Häuschen gewesen sein, als sich abgezeichnet hat, dass du Sängerin wirst, oder?

Nicht unbedingt, so weit ging die Liebe zur Musik auch nicht (lacht). Er war echt irritiert über die Entscheidung, das hat er nicht kommen sehen und er war nicht so happy darüber. Er hatte sich etwas Sichereres vorgestellt, auf jeden Fall eine akademische Karriere. "Jetzt hast du doch dein Abitur, wie kannst du das jetzt einfach so verpuffen lassen?"

Spätestens als er "Mit dir" gehört hat, müssen seine Sorgen sowas von vergessen gewesen sein, oder?

Na ja. Er hatte nicht so den Bezug dazu. Ich glaube, es war ihm auch ein bisschen zu viel Information - seine Tochter verliebt auf der Leinwand schauspielern zu sehen … beziehungsweise eben nicht schauspielernd, es war ja alles echt. Aber er hat immer gefragt: "Und wann bringst du deine Platte raus? Du bist doch jetzt quasi 'nur' gefeatured." Es war ihm total wichtig, dass ich unabhängig bin und dass ich meinen eigenen Weg gehe und Platten mache, auf denen mein eigener Name steht.

Findet er Max' Musik auch gut?

Er findet sie auch ganz gut. Er ist kritisch - aber mehr mit mir als mit Max, würde ich sagen, und hat auch mal gesagt, was ihm nicht gefällt. Da habe ich auch immer drauf gehört. Ich finde, mein Vater hat wirklich Ahnung von Musik und einen schönen Geschmack. Unsere Vorlieben ähneln sich.

Mensch, jetzt ist ja die Zeit schon fast rum und erst so wenige Fragen abgearbeitet …

Ja, manchmal hängt man sich zu lange am Titel auf …

Schon, aber nachdem ich dein Album gehört habe, ist vor allem viel der Titel an mir hängengeblieben.

Was ich auch echt interessant finde an diesem Phänomen: Ich glaube, dass Menschen alle dazu in der Lage sind, zu lieben. Aber ich finde es nicht selbstverständlich, dass man sich auch lieben lässt. Sich lieben zu lassen für die Person, die man ist, ist nicht immer einfach. Und dazu braucht es eben diese Portion Selbstliebe. Auch um zu sagen: "Ja, na klar, wie kann er mich nicht lieben?" Das ist vielleicht auch schon das Geheimnis von einer Liebe, die funktionieren kann: dass man sich selbst einen gewissen Stellenwert einräumt.

Kannst du das?

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Ich bin zum Beispiel überhaupt kein eifersüchtiger Mensch. Ich kenne das Gefühl natürlich, es wäre gelogen, zu sagen, das hab' ich noch nie gespürt. Aber es ist ein Gefühl, gegen das ich mich immer gewehrt habe, weil ich in meiner Wahrnehmung mir selbst gegenüber denke: Wenn man mich nicht will, wenn ich nicht reiche, dann kann ich dem anderen auch nicht helfen. Weil: Ich kann nicht mehr sein, als ich bin. Ich bin die, die ich bin, mit all meinen Fehlern. Und dann lohnt es sich für mich auch nicht, dieses Gefühl von Eifersucht zu entwickeln - wofür?

Mit Joy Denalane sprach Linn Rietze

"Let Yourself Be Loved" ist ab sofort überall erhältlich

Quelle: ntv.de