Musik

"Witzig, was ich verzapft habe"Lukas Graham sind erwachsen geworden

29.10.2018, 16:21 Uhr

Vor sechs Jahren haben die Jungs von Lukas Graham zum ersten Mal mit n-tv.de gesprochen - seitdem ging es mit der Karriere steil bergauf. Nun treffen wir sie wieder - und sie sind genau so reizend und authentisch "wie damals".

Als die Jungs von Lukas Graham das erste Mal mit n-tv.de gesprochen haben - 2012 war das - standen sie ganz am Anfang ihrer Karriere. Sie wollten nachmittags ein Bierchen trinken, sie haben die ganze Zeit auf ihren Instrumenten geklimpert und sie wirkten wie ein Rudel junger Hunde. Sehr süße junge Hunde. Inzwischen sind ein paar Jahre ins Land gegangen, die Jungs sind mega erfolgreich - und etwas ruhiger geworden. Ihre Songs aber haben noch immer Ohrwurmpotenzial, ohne einem gleich auf den Sender zu gehen, denn ihre Musik ist eine Hommage an das Leben. Lukas Graham erzählen Geschichten von Liebe, Verlust, Hoffnung und Schmerz. Musik zwischen Pop, Soul und Funk, einige sind bereits Klassiker. In ihrer Heimat Dänemark sind sie schon lange Stars; 2016 gelang ihnen mit "7 Years" ein internationaler Hit, der sich über 20 Millionen Mal verkaufte, in 13 Ländern auf Platz 1 landete und ihnen drei Grammy-Nominierungen einbrachte. Die neueste Singleauskopplung vom aktuellen Album - "Not A Damn Thing Changed" - erzählt von den Unwegsamkeiten eines Lebens am Rande der Gesellschaftsnorm, der Kraft der Erinnerung und dem Schmerz des Verlustes. Lukas Forchhammer, der Leadsänger der Band, machte seiner langjährigen Freundin Rillo Schwartz - die beiden sind befreundet, seit sie 18 waren - 2016 einen Heiratsantrag, heute sind beide stolze Eltern der kleinen Viola. Für sie ist "Lullaby". Noch vor wenigen Jahren sah es in Lukas' Seelenleben noch völlig anders aus: Er betrauerte den plötzlichen Tod seines Vaters und versank in einem Strudel aus Alkohol, Partys und Auftritten. Während die Trauer für Lukas Graham eine zentrale Rolle spielte, taucht sein Vater auf Album Nummer drei nur noch selten, aber auf nicht weniger ergreifende Weise auf. In Berlin sprach Forchhammer mit n-tv.de über Liebe, wenig Zeit, die Familie und das neue Album.

n-tv.de: Das letzte Mal haben wir uns im Oktober 2012 gesprochen - das ist ewig her! Und es ist eine Menge passiert in der Zwischenzeit …

Lukas Forchhammer: Das kann man wohl sagen!

Das war am Anfang eurer wirklich außergewöhnlichen Karriere.

Ja, als wir unseren Deal mit einer amerikanischen Plattenfirma gemacht hatten, ging es ab wie Schmidts Katze.

Das war nach "Drunk In The Morning".

Ja. 2013, sind wir in Amerika auf Tour gegangen, dann auch in Europa, und dann haben wir 2015 ein neues Album rausgebracht. Wir sind wieder getourt. Und so ging es eigentlich immer im Kreis. Aber, nicht zu vergessen und am allerwichtigsten: in der Zwischenzeit bin ich Vater geworden (lacht).

Die Kleine ist jetzt zwei Jahre alt, oder?

Ja, gerade geworden. Und ich bin jetzt 30.

Also alles bestens!

Auf jeden Fall, ich habe keine Probleme mit dem Alter (lacht). Aber ist trotzdem Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht.

Eure Musik spricht die unterschiedlichsten Leute an, unterschiedliche Generationen, ihr habt tatsächlich schon so etwas wie Klassiker geschaffen. Ist das deine Intention, wenn du Songs komponierst?

Das mag ein wenig arrogant klingen, ist aber überhaupt nicht so gemeint: Meine Absicht beim Komponieren von Songs ist, dass ich damit glücklich bin, denn wenn ich damit zufrieden bin, kann ich meine Arbeit verteidigen. Dass das Klassiker werden, wie du es nennst, freut mich natürlich.

Und es funktioniert - selbst wenn du deine Arbeiten, deine Songs, doch gar nicht zu verteidigen brauchst, oder?

Naja, wir, die Band, sind eine Gruppe unterschiedlicher Typen und unsere Fans sind auch sehr unterschiedlich. Es sollen also so viele wie möglich meine Arbeit mögen, das ist gar nicht so einfach. Aber es funktioniert tatsächlich (lacht). Wenn wir drei das also schon mal mögen, dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass ein Song anderen Leuten auch gefällt. Außerdem drücke ich damit immer ein bestimmtes Gefühl aus und deswegen kann ich dir gar nicht sagen, oh ich da mit Absicht einen "Klassiker" schreibe oder ob es einfach so passiert.

Du bist Lukas, Lukas Graham ist die Band, kommt da manchmal was durcheinander?

Nein, ich bin Lukas Forchhammer, Graham hieß mein Vater mit zweitem Namen, ich habe die deutschen Wurzeln meines Großvaters aus der Nähe von Kiel und Flensburg. Und ja, das sind größtenteils meine Storys, aber wir sind eben eine Band, und ich bin der Leadsänger (lacht).

Du öffnest dich ja sehr in deinen Liedern - hast du keine Angst, zu offen, zu ehrlich, zu verletzlich zu sein? In der Zwischenzeit kennen dich, euch, so viele Menschen, ihr habt so viele Alben verkauft!

Ehrlich gesagt empfinde ich meine Offenheit als Schutzschild (lacht). Über mich kann man keine sogenannten Geheimnisse verbreiten, weil ich ja keine habe, ihr kennt sie schon! Ihr wisst, wer meine Frau ist, meine Tochter, ich singe über meine Freunde im Gefängnis, ich singe über meinen verstorbenen Vater, ich singe darüber, wie es mit Joints und Bier so ist (lacht) - es gibt nichts herauszufinden!

Das ist smart, zugegeben. Wovon erzählst du noch auf eurem neuen Album?

Die Songs handeln zum Beispiel davon, wie viel sich ändert, wenn doch eigentlich gar nichts passiert. Das dokumentiere ich unter anderem damit, dass wir das Video in meiner alten Nachbarschaft gedreht haben, das heißt, da spielen auch ein paar Leute mit, die ich schon lange kenne. Und ja, das ganze Album hat diesen autobiografischen Song-Stil. Auf diesem Album ist aber noch mehr Liebe als je zuvor (zögert), wegen meiner überaus reizenden Verlobten (lächelt) und einfach, weil ich jetzt ein Vater bin.

Du bist verlobt bedeutet - du wirst bald heiraten?

Das ist momentan echt schwierig, einen guten Zeitpunkt zu finden. Aber er wird kommen! Zurück zum Album: Das letzte handelte sehr viel von meinem toten Vater und jetzt geht es mir mehr um die Gegenwart und die Zukunft. Jeder fragt mich, ob es schwierig war, den nächsten Schritt zu gehen, das nächste Kapitel aufzuschlagen, aber ich muss sagen: nein, war es nicht, es war echt einfach.

Leichter sogar als bei den beiden ersten Alben?

Ja, auf jeden Fall. Da ist zwar auch ein bisschen Druck, wieder gut sein zu müssen, aber es war auf der anderen Seite ein ganz natürlicher Prozess, weiter zu schreiben.

Vor sechs Jahren hast du gesagt, dass Liebe das Wichtigste im Leben ist - da warst du Single. Du hast diesen Satz für dich wohl wirklich in die Tat umgesetzt …

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Auf jeden Fall. Ich kann in die Zukunft sehen (lacht).

Auf eurem Weg als Band habt ihr Kasper irgendwo verloren, oder?

Naja, Kasper mochte es nicht sonderlich gern, auf Tour zu sein. Er hatte immer Heimweh. Er hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, aber nach einer sehr langen Tournee durch die USA hat er dann gesagt, dass er aufhören will und ich kann das verstehen.

Wie schaffst du die Balance im Leben?

Ich versuche natürlich, so oft wie möglich zu Hause zu sein. Zumindest immer am Wochenende. Manchmal kommt die Familie aber auch mit.

Lebst du eigentlich noch in Christiania in Kopenhagen?

In der Nähe.

Wie sehen deine Leute von früher dich jetzt? Sie spielen zum Teil in euren Videos mit, ja, aber glaubst du, dass sie dich anders sehen als damals?

Einige so, andere so. Über die, die mich noch genauso sehen wie früher, freue ich mich, aber ich versuche sowieso immer, mit allen zu reden und mit allen in Kontakt zu bleiben. Und natürlich habe ich mich auch verändert, aber das ist normal. Ich hätte mich auch verändert, wenn wir mit Lukas Graham jetzt nicht so einen Erfolg gehabt hätten. Das ganze Leben ist doch Veränderung, oder? Und es ist was Gutes!

Glaubst du, dass man besser über Schicksalsschläge hinwegkommt, wenn man - wie du - darüber singt oder schreibt?

Auf jeden Fall ist Singen und Musik eine Art Therapie, ja. Ob sie bei jedem wirkt, vermag ich nicht zu behaupten. Für mich funktioniert es. Wenn ich durch meine alten Textbücher schaue, bin ich allerdings ganz froh, dass wir nicht alles veröffentlicht haben, was ich jemals geschrieben habe (lacht). Ich habe die Textbücher der letzten zehn Jahre aufgehoben und das ist wirklich witzig manchmal, was ich da verzapft habe. Ich habe mit 12 angefangen, Texte zu schreiben, Songs erst mit 20.

In den letzten sechs Jahren ist ja nicht nur viel für einen persönlich passiert, ich habe das Gefühl, die Welt ist ein wenig mehr aus den Angeln geraten. Hat das Auswirkungen auf dein Schreiben?

Ich habe ein Lied verfasst, einen "redemption song", einen Song, der einem ein bisschen unter die Arme greifen soll, er heißt "You're Not The Only One". Und der ist politisch. Wir vier haben versucht, diesen Song zu schreiben, ohne mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Vielleicht ist das sogar mein Lieblingslied auf dem Album.

Ist das schwerer, so ein politischer Song, als ein persönliches Lied?

Kann man so nicht sagen. "Not A Damn Thing Changed" ist eine Hommage an einen der Jungs, mit denen ich aufgewachsen bin. Er hat sich Anfang des Jahres erhängt. Er war drei Monate älter als ich und wir sind gemeinsam durchs Leben gegangen. Er wäre der Erste aus unserem Freundeskreis gewesen, der 30 wird. Das war also ein schwerer Song. Bei einem politischen Song will man so viele Leute erreichen, auch schwierig. Bei einem anderen persönlichen Lied - "Stick Around" - geht es darum, einfach noch ein Stündchen länger zu bleiben, denn mehr kann man einer anderen Person oftmals einfach nicht versprechen.

Wie kommt dann die Melodie bei dir dazu?

Das ist das Schwierige an der Sache! Es gibt so viele Wörter, aber so wenige Noten (lacht). Man will den Themen eines Songs ja auch gerecht werden. Ich erinnere mich dann auch an Songs, die mich emotional berührt haben, ganz ohne Worte, und das hilft dann beim Komponieren.

Es ist ja gar nicht immer wichtig, jedes Wort zu verstehen …

Nein, das Gefühl ist viel wichtiger.

Wie gehst du damit um, ein Idol für andere zu sein? Wenn Leute auf einen hören, wenn sie deine Texte wichtig finden, dann übernimmt man als Künstler ja auch eine Menge Verantwortung.

Ein Beispiel: Ich habe Fotos von der Hochzeit meiner Cousine auf Instagram gepostet. Sie hat eine Frau geheiratet. Das hat mich und auch meine Verlobte eine Menge Follower gekostet. Leute mit einem gewissen religiösen Background, nehme ich mal an, folgen uns nun nicht mehr. Das hat mich traurig gemacht - wir schreiben das Jahr 2018! Aber so ist es und ich werde natürlich weiterhin meine Meinung sagen. Aber ich werde auch Dinge für mich behalten, denn was ich am allerwenigsten will, ist, dass sich Leute von mir belehrt oder überrumpelt fühlen. Ich bin nicht nur Däne, ich bin Europäer, aber werde ich Amerikanern sagen, was sie zu tun haben? Auf keinen Fall, wir haben selbst genug mit uns zu tun.

In der Musik ist das Wort "Liebe" allgegenwärtig - brauchen wir mehr Liebe?

Auf jeden Fall, immer! Ich singe das auch in unserem "Redemption Song" (singt): "Is it ignorant to say that war is just not longer needed? And childish to think that love gives life a higher meaning? All I know is we need love right now."

Vermisst du momentan irgendetwas?

Ich bin sehr zufrieden. Ich vermisse meine Familie, wenn ich unterwegs bin, ja, aber ich bin sehr glücklich gerade. Ich hatte schon wirklich härtere Zeiten (lacht). Und ich mag es sehr, so zufrieden zu sein, das beruhigt mich.

Du hast dich verändert, hast abgenommen, trinkst weniger Alkohol …

Ja, ich will einfach so viel wie möglich mit meinem Kind machen können. Ich mache Sport, am liebsten turne ich an Ringen (lacht).

Du bist ein echt junger Vater …

Ja, das war der Plan! Ich wollte vor 30 Vater sein und ich liebe es!

Was kommt als Nächstes?

Die Tour 2019. Da touren wir im Frühling und im Herbst und ich hoffe, dass wir Orte besuchen werden, an denen wir noch nie waren. Die Welt ist groß!

Mit Lukas Forchhammer sprach Sabine Oelmann

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