Musik

Nothing But Thieves-Sänger Mason Mehr Achtsamkeit und viel Britney Spears

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Nothing But Thieves mit Frontmann Conor Mason in der Mitte.

(Foto: Jack Bridgeland)

Fünf Jahre nach ihrem selbstbetitelten Debütalbum und drei Jahre nach "Broken Machine" veröffentlichen Nothing But Thieves ihren dritten Longplayer. Der scheint mit seinem Titel "Moral Panic" geradezu perfekt in diese Zeit zu passen, auch wenn es nicht mal bei der Singleauskopplung "Is Everybody Going Crazy?" um eine Pandemie und die dadurch veränderte Gesellschaft geht.

Dennoch ist mentale Gesundheit eins der immer wiederkehrenden Themen der Band aus dem britischen Southend-on-Sea und auch auf diesem Album vertreten. Wohl vor allem, weil Frontmann Conor Mason selbst in der Vergangenheit immer wieder mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte. Eine Weile so schlimm, dass es fast das Aus der Band bedeutet hätte. Doch so weit kam es nicht, auch weil das Schreiben und die Musik Therapie für Mason sind. Das und noch einiges mehr hat er ntv.de im Interview erzählt.

ntv.de: Hi Conor, was beim Hören des neuen Albums auffällt, ist, dass ihr euch von verschiedenen Musikstilen neben Rock habt inspirieren lassen. Sogar Hip-Hop-Einflüsse sind hörbar. Plant ihr so etwas oder entwickelt sich das einfach irgendwann dahin?

Conor Mason: Das hat sich dahin entwickelt. Ich kann mich an einen Moment erinnern, als Dom (Dominic Craik, Gitarrist der Band - Anm.d.Red.) und ich zusammensaßen und über andere Songstrukturen, Melodien, dies und das gesprochen haben. Ich habe es schon immer geliebt, R'n'B und Popmusik zu hören und mich intensiv damit beschäftigt, eben auch mit Hip-Hop. Das ist wohl definitiv auf dem Album zu hören. Ich finde das rhythmisch total interessant. Es fasziniert mich und transportiert Rockmusik in die Zukunft, anstatt sich damit nur an der Vergangenheit zu orientieren.

Weil es euch irgendwann langweilen würde, einfach nur Rockmusik zu machen?

Auf jeden Fall. Es ist uns wichtig, etwas Neues in die Produktion mit einzubringen. Auch wenn wir klassische Songwriter sind, in Sachen Produktion versuchen wir, das Ding immer weiter voranzutreiben. Von Disco zu Metal zu Hip-Hop zu R'n'B, eben alles, was wir lieben. Wir sind definitiv schnell gelangweilt. (lacht) Ich bin eben keine 16 mehr und höre nicht ausschließlich die Alben der Black Keys. Ich höre wirklich alles. Meine Playlist ist fast ein bisschen lächerlich ... (lacht)

Okay, was ist das Lächerlichste oder Peinlichste auf deiner Playlist?

Oh Mann, die Frage musste ja jetzt kommen. (lacht) Ich bin nahezu besessen von dem alten Britney-Spears-Zeug. Das ist die beste Schule zum Thema, wie man den ultimativen Popsong kreiert.

Dahin strebt ihr also, obwohl doch die ersten zwei Alben schon kommerziell gesehen recht erfolgreich waren?! Hat euch das für das dritte Album jetzt irgendwie unter Druck gesetzt?

Nein, ich denke, es hat uns eher entspannt. Wir wollten einfach machen, wonach uns ist. Und wir hatten die Möglichkeit, das zu tun. Aber natürlich sind wir auch nur Menschen und wollen, dass anderen gefällt, was wir tun und was wir lieben. Wir scheren uns nicht wirklich um Verkäufe, aber wir geben schon unsere Seele in unsere Musik und wollen darüber mit anderen Menschen in Verbindung treten.

Soweit ich weiß, war das Album bereits vor Ausbruch der Pandemie fertig. Trotzdem scheint die Single "Is Everybody Going Crazy?" perfekt in die aktuelle Zeit zu passen. Ein lustiger Zufall? Schicksal?

Stimmt, das ist schon verrückt. Er passt besser, als wir es uns beim Schreiben je hätten vorstellen können. Ich glaube, wir kämpfen alle immer noch mit denselben Problemen wie vor einem Jahr, nur hat dieses Virus den Fokus nun darauf gelenkt, es funktioniert wie eine Lupe. Die Probleme sind nicht länger im Verborgenen aufgrund irgendwelcher Ablenkungen, sie springen dich direkt an.

Hilft dir dann das Schreiben neuer Songs dabei, mit diesen Problemen und schwierigen Situationen besser umzugehen?

Zu 100 Prozent. Als der Lockdown kam, hat man doch erstmal darüber nachdenken müssen, wer man wirklich ist. Viele definieren sich über ihren Job, ihre Hobbys oder ähnliches. Wenn das plötzlich wegfällt, muss man einfach neu oder überhaupt mal über sich nachdenken. Für mich war diese Zeit ganz wichtig. Ich habe dabei vieles über mich herausgefunden und es beim Schreiben kreativ umgesetzt. Und ich meine dabei nicht, dass ich über mich als Künstler, sondern als Mensch nachgedacht habe. Der Schreibprozess ist für mich extrem therapeutisch, gerade in der Zeit, in der es nichts anderes zu tun gibt.

Da das Album ja vor Corona fertig war, müsste es dann also bald schon wieder neue Songs geben?!

Ja sicher. Im Lockdown habe ich sehr viel geschrieben, gar nicht mal speziell für Nothing But Thieves. Als ich dann mit den Jungs wieder zusammenkam, haben wir darüber nachgedacht, was wir nun tun sollen. Eigentlich wären wir ja fast das ganze Jahr auf Tour gewesen. Also haben wir uns stattdessen tatsächlich wieder ans Schreiben von Songs gemacht. Wir haben ganz viele neue Stücke, aber was wir damit machen, wissen wir noch nicht. Es ging erst mal nur darum, die Lücke zu füllen. Und es ist toll, das einfach mal nur zum Spaß und ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen zu tun.

Wie erwähnt musste natürlich auch eure Tour gecancelt werden, im Herbst 2021 aber soll das endlich weitergehen. Wie schlimm ist es für dich, nicht auf die Bühne zu können?

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Ich vermisse es so sehr. Ich brauche das einfach. Auch wenn ich die Zeit genossen habe, aber ich habe auch gemerkt, dass das Livespielen ein wichtiger Teil, die Essenz meiner Persönlichkeit ist. Auch das ist eine Art Therapie, mich mit den Leuten verbinden zu können bei unseren Konzerten. Ich verdränge es weitgehend, denn ich kann die Situation nicht ändern. Also suche ich mir neue, andere Wege, etwas in der Art herzustellen. Aber ich vermisse es dennoch extrem, diese Symbiose mit den Fans.

Mit dem Gefühl bist du in der Band ja sicher nicht der Einzige?

Klar, wir als Band arbeiten hart dafür, unsere Musik live präsentieren zu können. Und wir vermissen es alle sehr. Wir spielen sonst 200 Mal pro Jahr, und dann plötzlich sieben Monate oder länger zu Hause sitzen zu müssen, ist einfach schräg.

Vermutlich wird es irgendwann auch finanziell zu einem Problem? Schließlich wird das meiste Geld durchs Touren eingespielt, schätze ich?!

Klar, es ist für jeden in der Musikszene ein finanzielles Problem. Wir müssen unsere Mieten zahlen, viele haben noch zahlreiche weitere Ausgaben. Du musst ja auch essen. Das ist beängstigend. Wir waren immer klug genug, Geld zur Seite zu legen, doch ist auch das irgendwann mal aufgebraucht. Nächstes Jahr wird es dann schon schwierig für jeden von uns. Die Leute aus unserer Live-Crew hatten von einem Tag auf den anderen plötzlich keinen Job mehr. Das macht mir wirklich Angst. Diese Leute sind so etwas wie meine Familie, wie kann ich ihnen helfen, sie unterstützen? Ich kann es im Grunde nicht, da ich an der Situation nichts ändern, ihnen keinen Job geben kann.

Ich habe gelesen, dass du seit einer Weile Veganer bist. Was hat dich dazu veranlasst? Dass der Verzicht auf Fleisch viele der Probleme auf diesem Planeten lösen würde?

Ja, es ist das umfassendste Problem, das die Erde hat, und ich wollte das schon länger machen. Ende letzten Jahres war ich in einem wirklich schlechten Zustand emotional, mit einigen persönlichen Probleme. Mein Ausweg daraus war eine Art spirituelle Erweckung. Ich habe mich gefragt, wie ich über die Probleme nachdenken und schreiben kann, ohne aktiv etwas zu unternehmen. Ich wusste, dass größte Ding ist die Massentierhaltung, und ich habe quasi über Nacht entschieden, vegan zu leben. Vorher habe ich eine Menge Dokumentationen gesehen, einige meiner besten Freunde waren ohnehin schon Veganer. Aber ich möchte insgesamt achtsamer leben, nicht nur auf die Tiere bezogen. Auch hinsichtlich der Menschen. Ich will, dass sie aus dem Internet herauskommen, in die Natur gehen und frische Luft einatmen. Viele merken gar nicht, dass sie Teil des Internets sind. Sie füttern das Netz, das Netz füttert sie. Das macht mir Angst. Die Leute sollen sich von den Dingen befreien, von denen sie glauben, dass sie sie bräuchten und sich lieber wieder mit sich selbst und dem Planeten verbinden.

Mit Connor Mason von Nothing But Thieves sprach Nicole Ankelmann

Das Album "Moral Panic" erscheint am 23. Oktober.

Quelle: ntv.de