Musik

Newcomerin Alice Merton "No Roots", aber Seele

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Trinkt auf ihren Erfolg schon mal eine Tasse Tee: Alice Merton.

Paper Plane Records

Sie hören ihr "No Roots" einmal - und bekommen es nicht mehr aus dem Kopf. Versprochen. Doch das ist bei weitem nicht alles, was Alice Merton auf dem Kasten hat. n-tv.de spricht mit einer Newcomerin, bei der sich das Lauschen lohnt.

n-tv.de: Ich saß neulich in einer Kneipe und im Hintergrund lief dein "No Roots". Hast du es auch schon mal zufällig irgendwo gehört?

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Alice Merton: Nein, bis jetzt noch nicht. Tatsächlich bekomme ich von vielen Leuten Nachrichten: "Ey, ich sitze gerade im Auto und im Radio läuft dein Lied." Oder sie sitzen im Café und hören es. Aber mir selbst ist das noch nicht passiert. Das ist wirklich traurig. (lacht)

Dass das Lied radiotauglich ist, steht außer Frage. Schreibst du deine Songs alle selbst?

Ja, im Prinzip schon. In der Regel ist es so, dass ich ein paar Textideen habe, von denen ich weiß, dass aus ihnen ein Song werden muss. Mit ihnen gehe ich ins Studio. Dort entstehen dann die meisten Songs zusammen mit Nico (Produzent Nicolas Rebscher, Anm. d. Red.). Er kümmert sich im Wesentlichen um Produktion und Arrangement und ich um Text und Melodie.

Wie, wo und wann kommst du auf die Ideen zu deinen Songs?

Manchmal passiert es im Bus. Manchmal passiert es um 2 oder 3 Uhr morgens. Das ist sogar sehr oft der Fall. Und eigentlich nervt mich das, weil ich viel lieber schlafen würde. Aber ich weiß, dass die meisten Ideen leider genau dann kommen, wenn ich total übermüdet bin, im Bett liege und über Sachen nachdenke.

Über dich hat jemand geschrieben, du würdest in einer Stunde mehr Hits aus dem Ärmel schütteln als andere in ihrer ganzen Karriere. Ein ziemlich großes Kompliment für einen Newcomer …

Das hat mir natürlich sehr geschmeichelt. Aber ich bin gerade wirklich erst am Anfang meiner Karriere. Ich glaube, um das behaupten zu können, muss man schon ein paar Mal öfter beweisen, dass man Hits hinbekommt.

Tatsächlich hast du ja bislang nur eine EP mit "No Roots" und drei weiteren Songs veröffentlicht. Wie ist sie entstanden?

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Wo sie auf ihre Songideen kommt? Im Bett.

(Foto: Paper Plane Records)

Wir haben sie in Berlin aufgenommen. Und jeder Song ist anders entstanden. An "Jealousy" zum Beispiel saß ich sehr lange. Die Idee für den Song habe ich sechs Monate im Kopf gehabt. Ich habe alle möglichen Akkorde und Textzeilen ausprobiert. Dreiviertel des Songs standen schon, aber ich brauchte noch drei oder vier Zeilen, auf die ich einfach nicht gekommen bin. Ich habe dann eine Dozentin an meiner Uni gefragt, ob sie mir helfen kann - und wir waren nach fünf Minuten fertig.

Und die anderen Songs?

Einfach dadurch, dass ich im Studio bin, am Klavier sitze und Akkorde ausprobiere. Man bekommt dann auch ein Gespür dafür, um was es in dem Song geht. Ich kenne Künstler, die sehen einen Song wie einen Block aus Stein, den es zu bearbeiten gilt. Sie wissen schon vorher, was daraus werden soll. Es geht nicht darum, ein paar Kanten abzuschlagen und zu sehen, was dann passiert. Sie haben von dem Ergebnis eine genaue Vorstellung. So ähnlich ist das bei mir auch: Wenn ich Akkorde im Kopf habe, weiß ich aus irgendeinem Grund sofort, was das Lied für eine Stimmung hat und worum es darin gehen soll.

Du hast sogar dein eigenes Label gegründet. Geschah das aus der Not heraus, weil du keinen Plattendeal hattest, oder wolltest du unbedingt selbst die Kontrolle haben?

Wir hatten einige Gespräche mit Plattenfirmen. Einige waren auch interessiert. Aber sie wollten an den Songs immer ein paar Sachen geändert haben - zum Beispiel, dass wir "No Roots" kürzen oder die Bridge rausnehmen. Ich glaube hingegen, dass die Musik so gut ist und Nicos Produktionen super sind. Deswegen haben Paul (Manager Paul Grauwinkel, Anm. d. Red.) und ich uns entschieden, einfach mal ein Label zu gründen und zu schauen, was passiert.

Wenn jetzt eines der großen Majorlabel käme und einen dicken Packen Geld auf den Tisch legen würde - würdest du nein sagen?

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Wir wollen auf jeden Fall mit einem Partner arbeiten. Aber wir wollen auch unser Label behalten. Wir haben überhaupt nichts gegen die Majorlabels und würden sehr gerne mit ihnen arbeiten. Aber wenn es um die Musik geht, müssen sie respektieren und akzeptieren, dass darüber der Künstler und Produzent entscheiden. Sie können uns gern ihre Meinung sagen. Aber ich finde, am Ende des Tages ist es nicht die Aufgabe der Plattenfirma, zu erklären: "Diese Bridge oder diese Gitarre muss da und da raus."

"No Roots" läuft nicht nur im Radio und in Cafés - es wurde bei Spotify über eine Million Mal gestreamt …

Inzwischen schon über zwei Millionen Mal!

Wie viele Flaschen Sekt hast du geköpft, als du die Millionenmarke geknackt hast?

Ich trinke tatsächlich keinen Alkohol.

Okay, wie viele Orangensaft-Gläser hast du geleert?

(lacht) Es war eher Tee. Ich habe viel Tee getrunken. Aber wir haben uns natürlich schon alle sehr gefreut. Ich bin kein Mensch, der Dinge groß feiert. Das fände ich in dem Fall auch nicht richtig. Für mich war es einfach der erste Schritt von vielen. Und ich weiß, dass jetzt ein längerer Weg vor uns liegt.

Deine EP gibt es auch ganz klassisch auf CD. Kauft jemand wie du überhaupt noch CDs?

Nein. Irgendwie schade, aber ich habe auch gar kein Gerät mehr, mit dem ich eine CD hören könnte. Mein Laptop hat kein CD-Laufwerk. Und ich habe auch keinen Discman mehr. Und einen CD-Player? Den habe ich auch nicht.

Du verbindest in deiner Musik unterschiedliche Stile - von Akustik-Sounds über Electro bis Soul. Was würdest du als deine Einflüsse bezeichnen?

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Ihre Einflüsse bezieht sie nicht zuletzt aus der klassischen Musik.

(Foto: Paper Plane Records)

Die sind sehr unterschiedlich. Ich glaube, viele Einflüsse kommen tatsächlich aus der klassischen Musik. Ich liebe das Dramatische im Operngesang und versuche, dieses Gefühl auch wiederzugeben. Ich habe mit zehn Jahren mit klassischem Gesang angefangen. Ich denke, da habe ich viel mitgenommen.

In einem Artikel wurde deine Musik als Mischung aus Fleetwood Mac, Florence + The Machine und Sia beschrieben. Bist du damit einverstanden?

Das ist natürlich auch wieder ein Riesenkompliment! Florence + The Machine oder Sia finde ich beide super. Und es gibt natürlich schon auch Künstler, die mich inspirieren. The Killers zum Beispiel waren für mich immer ganz groß. Und ich mag auch Tame Impala sehr gern. 

Du bist Absolventin der Mannheimer Popakademie. Heißt das, dass du konsequent auf eine professionelle Musikkarriere hingearbeitet hast?

Es war auf jeden Fall mein Ziel. Ich habe schon während des Studiums immer versucht, am Wochenende nach Berlin zu kommen, hier mit Produzenten zu arbeiten, mein Netzwerk zu erweitern und einfach Musik zu machen. Und ich stand am Ende des Studiums nicht da und habe mich gefragt, was mache ich denn jetzt. Das Ziel war klar.

Die Musikbranche ist aber natürlich ein hartes Pflaster …

Das stimmt. Ich würde mich jetzt auch nicht als total selbstüberzeugten Menschen beschreiben, der mit Gewissheit sagt: "Ich schaffe das!" Wichtig ist auf jeden Fall, ein gutes Team zu haben. Und ich glaube, dass ich ein Gespür dafür habe, mit wem die Zusammenarbeit sinnvoll ist. Aber man weiß natürlich nie, was passiert. Es gibt so viele Songs, bei denen ich mich frage: "Warum laufen die im Radio?" Letztlich kann man nur die Musik machen, auf die man Lust hat, und hoffen, dass sie Leuten gefällt.

"Popakademie" klingt für viele wahrscheinlich immer noch skurril. Aber man macht dort einen richtigen Abschluss. Wie war es für dich auf der Akademie?

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Mir hat das unglaublich viel gebracht. Ich wusste davor nichts von der Musikindustrie oder davon, was ein Verlag oder eine Plattenfirma macht. Auch in Sachen Netzwerk hat mir die Uni sehr geholfen. Und ich habe durch sie die Möglichkeit bekommen, mit Musikern zu spielen. Dort habe ich das erste Mal eine Band gegründet und bin dadurch auch anders an das Schreiben von Songs herangegangen. 

Deine Bandmitglieder haben auch alle die Akademie absolviert. Warum gibt es aber jetzt die Solokünstlerin Alice Merton und nicht die Band "XY"?

Ich bin halt die Person, die die Musik schreibt. Alle tragen zwar mit ihrer Meinung dazu bei, aber am Ende gebe ich die Richtung vor. Wir haben häufiger darüber gesprochen, uns einen anderen Namen zu geben. Aber meine Band fand es cool, mit mir als Gesicht des Projektes auch unter meinem Namen zu firmieren.

Erste Schritte ins Musikgeschäft hast du schon vor einiger Zeit unternommen, etwa als Sängerin für das Duo Fahrenhaidt. Wie kam es dazu?

Fahrenhaidt hatten bei uns an der Uni vor ein paar Jahren mal eine Ausschreibung, dass sie einen Songwriter suchen. Ich habe das im Nachhinein entdeckt und sie angeschrieben, ob sie denn jetzt mal wieder eine Praktikantin bräuchten. Sie meinten nein, aber sie hätten gerade zufällig Musik von mir bei Soundcloud gehört und würden mich gerne nach Berlin einladen. Wir machten eine Session und schrieben zusammen zwei Songs. Die Chemie hat gestimmt - und so haben sie mich danach immer wieder eingeladen.

Sowohl Fahrenhaidt als auch dein Produzent Nicolas Rebscher haben sich schon mal beim Eurovision Song Contest engagiert. Deutschland hat mit Levina gerade erst eine junge Künstlerin nominiert, die in Kiew antreten wird. Wäre der ESC für dich grundsätzlich auch vorstellbar?

Nein. Beim ESC geht es nicht mehr um den Song und die Musik, sondern um die Show. Oder es geht darum, möglichst skurril und absurd zu sein - wenn Russland zum Beispiel sechs Omis auf die Bühne holt. Wenn ich Erfolg haben sollte, dann aber bitte wegen der Songs. Ich bin Songwriterin und möchte, dass meine Songs Leute berühren. Der ESC verfolgt ein anderes Konzept.

Du bist gerade mal 23, in Kanada aufgewachsen und seither knapp ein Dutzend Mal umgezogen. Wie kommt das?

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Die EP "No Roots" von Alice Merton ist seit Februar erhältlich.

(Foto: Paper Plane Records)

Das lag oft an der Arbeit meines Vaters. Nachdem er sich selbstständig gemacht hat, war es irgendwann auch eine freiwillige Entscheidung. Meine Eltern kommen beide ursprünglich aus Europa und wollten nach einer Zeit wieder aus Kanada weg. Mein Vater stammt aus Irland. Aber dahin wollte er nicht zurück, weil er das Wetter dort hasst. (lacht)

Verständlich …

Nur jetzt wohnen sie in England. Da ist es auch nicht viel besser. Ich glaube, meine Eltern sind einfach sehr rastlose Menschen. Und ich merke diese Rastlosigkeit auch an mir.

Kriegst du noch zusammen, wo du schon überall gelebt hast?

Zuerst kurz in Amerika, in New York. Dann bin ich in Kanada aufgewachsen. Von dort sind wir nach Deutschland gezogen und dann nach England. Und in den Ländern bin ich auch noch umgezogen.

"No Roots" bezieht sich auf dein Gefühl, angesichts deiner Lebensgeschichte keine Wurzeln zu haben. Bedauerst du das?

Ich glaube, das kann ich nicht, weil ich es nur so kenne. Aber als Kind hätte ich schon gern meine Familie um mich gehabt. In Kanada hatte ich das nie. Ich habe eine deutsche Oma, die ich bis zu meinem 14. Lebensjahr nur äußerst selten gesehen und auch nicht verstanden habe. Und auch meine anderen Verwandten sind verstreut - einige wohnen in Irland, andere in Chicago.

Ist dir ein Gefühl wie Heimweh dann fremd?

Nein, das kenne ich schon. Aber da geht es dann eher um Menschen. Ich vermisse etwa meine Eltern oder meine Geschwister. Oder meinen jetzigen Manager. Wir sind so gute Freunde, dass ich sozusagen Heimweh nach ihm bekomme, wenn er bei einem Videodreh nicht dabei ist. (lacht)

In Berlin, der Stadt der Zugezogenen, sind schon viele andere heimisch geworden. Könntest du dir vorstellen, hier langfristig Wurzeln zu schlagen?

(überlegt) Schwierig … Ich fühle mich sehr wohl hier. Ich mag die Leute und die Atmosphäre. Aber ob ich hier auch Wurzeln schlagen werde … Vielleicht.

Mit Alice Merton sprach Volker Probst

Die EP "No Roots" bei Amazon oder bei ITunes downloaden

Alice Merton ist im März live zu erleben: Berlin (22.3.), Köln (23.3.), Hamburg (24.3.). Am 10. September tritt sie im Rahmen des "Lollapalooza Festivals" in Berlin auf.

Quelle: n-tv.de

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