Musik

Pink rebelliert in Plüsch Family-Pop mit erhobenem Zeigefinger

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Pink macht immer noch den Mund auf, wenn ihr etwas gegen den Strich geht - nur an handgemachter Energie fehlt es.

(Foto: Andrew Mac Pherson)

Als würden Cher und Ed Sheeran Hand in Hand in Richtung Sonnenuntergang tanzen: Mit ihrem neuen Album "Hurts 2B Human" macht Pink genau da weiter, wo sie im Herbst 2017 mit ihrem letzten Studiowerk "Beautiful Trauma" aufgehört hat.

Wenn die größte Kraft des Lebens das Ruder übernimmt und Erinnerungen aus der Schattenwelt mit rosaroten Wattewolken deckelt, verwandelt sich selbst das schwärzeste Schaf in ein angepasstes und handzahmes Herdenmitglied. Sicher, Pink als eine mittlerweile formbare Mitläuferin zu bezeichnen, wäre wohl ziemlich übertrieben. Das einstige Riot Girl aus Pennsylvania macht immer noch den Mund auf, wenn ihr etwas nicht passt - und dabei spielt es keine Rolle, ob mit oder ohne Kinderwagen im Schlepptau.

Reduziert man Pinks Entwicklung aber nur auf die Musik, kommt man zu dem Ergebnis, dass sich seit der Geburt ihres ersten Kindes (Tochter Willow kam 2012 zur Welt, Sohn Jameson vier Jahre später) einiges verändert hat. Bereits auf dem vorletzten Album "The Truth About Love" zog es die Grande Dame des gehobenen Pop-Entertainments verstärkt in Richtung Mainstream. Fünf Jahre später folgte mit "Beautiful Trauma" ein regelrechter Kniefall vor den Toren des Allerweltpop-Olymps.

Fast nur Elektronisches

Heute erscheint nun unter dem Titel "Hurts 2B Human" Studioalbum Nummer acht. Schon nach den ersten drei vorab veröffentlichten Album-Appetizern "Walk Me Home", "Hustle" und "Can We Pretend" schlugen Fans der ersten Stunde erneut die Hände vors Gesicht. Der Grund: Abermals bleibt die Suche nach dynamischen Klängen aus der Handmade-Abteilung erfolglos. Statt klassischer Drums und angezerrten Gitarren-Pointen wummert wieder einmal fast ausnahmslos Elektronisches aus der Retorte aus den Boxen.

Im Fall der beiden erstgenannten Singles "Walk Me Home" und "Hustle" sorgt der Verzicht auf handgemachte Dynamik für besonders langgezogene Gesichter. So wird beispielsweise dem hymnischen "Walk Me Home" die Rotationsschleife in jeder amtlichen Rock-Radiostation von Melbourne bis Los Angeles verwehrt.

Hibbelige Beat- und Effekt-Pestizide

Dem eröffnenden Anpeitscher "Hustle" ergeht es nicht viel besser. Das sich zart aus dem Boden in Richtung Licht vorkämpfende Rockabilly-Pflänzchen wird bereits frühzeitig mit hibbeligen Beat- und Effekt-Pestiziden zurück in die Dunkelheit verbannt. Und "Can We Pretend"? Nun, ginge es nach Pink-Nostalgikern, müsste der wahrscheinlich dürftigste Dreiminuten-Hüpfer des Albums wohl komplett überarbeitet werden.

Wie man es hätte kantiger und fesselnder machen können, zeigen Pink und die zahlreichen Backstage-Gehilfen (Sia, Beck, Julia Michaels, Dan Reynolds, Scott Harris, Greg Kurstin, Cash Cash, Khalid, Chris Stapleton) mit dem angerockten "We Could Have It All"; einem wuchtigen Dreiminüter, der sich auch problemlos ohne Einsatz echter Gitarren die Lederjacke überstreifen kann.

Die kurz vor Schluss in die Waagschale geworfene Ecken-und-Kanten-Attitüde sucht man auf dem Rest des Albums aber vergeblich. Pink macht im Frühling 2019 genau da weiter, wo sie im Herbst 2017 aufgehört hat. Soll heißen: Wahlweise im Autotune-Rausch oder in Ed-Sheeran-Bettwäsche kuschelnd, zieht die dreifache Grammy-Preisträgerin das komplette Formatradio-Programm durch.

"Don’t fuck with me!"

Textlich sieht es etwas anders aus. Die inhaltlich immer wieder ins Rampenlicht drängende "Courage" macht weder vor dem eigenen Befindlichkeitsdilemma noch vor globalen Gesellschaftskatastrophen Halt.

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"Don't fuck with me!" schallt es aus der einen, "Can we pretend that we both like the president?" aus der anderen Box. Ja, Pink macht immer noch den Mund auf, wenn ihr etwas gegen den Strich geht. Und das ist auch gut so. Noch besser wäre es aber, würde lyrischer Tiefgang auf entsprechend energiegeladene Klangstrukturen treffen. Tut er aber nicht. Und so verirrt sich Pinks gepredigter Macht-die-Welt-zu-einem-bessern-Ort-Zauber nun schon zum dritten Mal in Folge im künstlerischen Nirgendwo. Aber egal. Hauptsache, Willow und Jameson geht's gut …

Quelle: n-tv.de

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