Musik

Das gottverwandte Alien "Roswell" ist Marteria in Bestform

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"Roswell" ist das achte Album von Marteria.

(Foto: Four Music)

"Roswell" heißt die neue Platte von Marteria. Der Rostocker rappt darauf über Aliens, Wohlstand, Überdruss und Anderssein. Doch das Lob für sein gelungenes achtes Album gebührt nicht ihm allein.

Man kann Marteria vieles nachsagen, aber einseitig ist er ganz sicher nicht. Der Mann ist Mitte 30 und war schon Fußballer, Model und Musiker - die Geschichte wurde oft genug erzählt. Klar ist: Das mit der Musik, das scheint was Festes zu sein. Längst gehört Marteria zu den etablierten Größen im deutschen Musikzirkus, mit "Roswell" erscheint am 26. Mai sein insgesamt achtes Album.

Dabei deutete zu Anfang seiner Rap-Karriere nicht unbedingt viel darauf hin, dass er einmal ein Popstar sein würde - nicht wegen Talentmangels, sondern eher wegen seines wenig mainstreamtauglichen Sounds. Als Marteria kombinierte er schleppende Kopfnicker-Beats mit schrägen Texten, die er mit seinem sonoren Brumm-Bariton ins Mikro raunte. Gleichzeitig nahm er Platten als Marsimoto auf, eine verkiffte Hommage an Westcoast-Producer Madlib und dessen Alter Ego Quasimoto.

Zwischen Credibility und Pop-Appeal

Das wussten die Hip-Hop-Heads zu schätzen. Aber nicht nur die sprangen darauf an: 2015 erschien das letzte Marsimoto-Album, wie immer mit Kiffer-Wortspiel im Titel. "Der Ring der Nebelungen" landete wie sein Vorgänger auf Platz drei der deutschen Charts. Die letzte Marteria-Scheibe holte ein Jahr vorher die Nummer eins.

Die Chartsplatzierungen zeigen: Längst läuft Marteria mit Hits wie "Endboss", "Lila Wolken" und dem Ohrwurm "Kids (2 Finger an den Kopf)" auch außerhalb von Hip-Hop-Kanälen auf Rotation. Seine Integrität musste er dafür nicht aufgeben. Ähnlich wie Jan Delay, Peter Fox oder Casper macht er, was er will, und schafft es einigermaßen, auf dem schmalen Grat zwischen Credibility und Pop-Appeal nicht die Bodenhaftung zu verlieren, im Pop-Einheitsbrei zu versinken oder allzu irrelevant zu werden.

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Das ist nicht selbstverständlich für einen Popmusiker mit Rap-Hintergrund, wie die Beispiele von Max Herre oder Clueso zeigen. Der schöne Marten mit dem eisklaren Blick aber hat bewiesen, dass er es drauf hat, ohne sich zu verbiegen. Als Kollaborateur ist er gefragt, schrieb an zwei Tote-Hosen-Alben mit, ging mit Jan Delay auf Tour, trat mit Klaus Doldinger auf und zweimal beim Bundesvision Song Contest. Hip-Hop-Puristen passt das nicht alles in den Kram, aber Marteria hat sich darüber längst erhoben. Einst rappte er: "Hip Hop is dead / Mein Dad ist Hip Hop". Und von seinen Eltern emanzipiert man sich eben irgendwann.

The Krauts spielen Midas

In diesem Geiste ist auch "Roswell" zu verstehen. Die Platte steht mit beiden Beinen im Hip Hop, geht musikalisch wie die Vorgängerplatten aber eher in Richtung Trap und Bassmusik - druckvolle Beats, viele Synthies, hier und da auch ein paar gesampltete Sounds, Erinnerungen an die gute Seite von Dubstep. Verantwortlich für den fetten Sound der Platte ist das Produzententrio The Krauts, das einmal mehr seine Midas-Qualitäten beweist: Was das Trio anpackt, wird zu Gold.

Seeeds "Ding", "Stadtaffe" von Peter Fox oder die vorherigen Marteria-Platten - wo The Krauts ihre Finger im Spiel haben, kann nur Gutes entstehen. Ihnen gebührt dann auch mindestens die Hälfte des Lobs für "Roswell", denn auch wenn Marterias Texte gut sind, trügen sie ohne die tollen Produktionen des Trios nicht weit. The Krauts beweisen Vielseitigkeit, Stil und Eleganz. Sie bewegen sich genauso sicher im Sound-Kanon moderner Trap-Produktionen wie im klassischen Boom-Bap-Sound. Gutes Beispiel: "El Presidente", ein Brett mit Bollywood-Sample und Fugees-Reminiszenz.

Aliens, Ufos, Scotty

Und die Texte? Ist das neue Album eine Konzeptplatte? Die ersten Nummern deuten noch darauf hin. "Roswell", so heißt der Ort in den USA, an dem 1947 angeblich ein Ufo abstürzte, und so heißt auch der Eröffnungstrack. Darauf folgt "Aliens", die erste Single, unterstützt von Beatsteaks-Sänger Arnim Teutoburg-Weiß, der als "Teutilla" auftritt und auf Deutsch singt.

Aber um Ufos und Außerirdische dreht es sich nicht auf der ganzen Platte - auch wenn Marteria gleich im Anschluss an "Aliens" Scotty bittet, ihn hochzubeamen. Worum geht es eigentlich? Fremdsein, Isolation, Ausgrenzung? Sind die Nummern auch Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen? Das bleibt offen. Doch wenn er in "Aliens" sagt: "Die meisten Fremden haben immer etwas Neues zu geben / haben soviel mitgebracht, könnt soviel von uns lernen", ist das schon sehr deutlich. Und das Gefühl vom Fremd- und Anders-Sein wird in der Nummer "Elfenbein" ganz am Ende noch einmal aufgegriffen. Diesmal aber mit ernsterem Hintergrund aus der Perspektive eines nach Deutschland Geflüchteten.

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Tracks wie dieser zeigen: Es steht Marteria nicht schlecht, wenn er etwas ernstere Töne anschlägt. In "Skyline mit zwei Türmen", einem düsteren Kopfnicker-Brett im Geiste des New-York-Rap der Neunziger, reflektiert er seine Zeit als 18-Jähriger in New York. Die Nummer ist ein Highlight der Platte, auch wenn sie zum Hit nicht taugt. In anderen Stücken zeigt Laciny sich dagegen bemüht, den nächsten Ohrwurm-Refrain abzuliefern. Das klappt aber nicht immer, denn manche Hookline wirkt dadurch zu sehr auf Mitsing-Potenzial getrimmt.

Hooklines mit Luft nach oben

Überhaupt ist das eine Schwäche von Marterias Songwriting: Ihm fehlen die guten Hooks - und damit vielleicht auch die Hits. Tracks wie das inhaltlich gute und wichtige "Links", dessen Beat klingt wie eine Neuinterpretation von P. Diddys "Bad Boys For Life", wirken durch ihren Chorus unnötig einfältig: "Wenn du nicht mehr weißt wohin / dann geh links / folg' keiner Spur / folg' nur deinem Instinkt / denn du machst das mit Links / dein gutes Recht / mach es mit Links".

Ganz ähnlich beim surrealen "Scotty beam mich hoch", bei "El Presidente", der Wohlstands-Überfluss-Überdruss-Hymne "Cadillac" oder der Rückschau auf die eigene Jugend "Große Brüder" - es macht Spaß, seinen Texten zuzuhören, die immer wieder durch ungewohnte Sprachbilder und unerwartete Wendungen überraschen. Im Chorus wünscht man sich dann aber mitunter eine Skip-Taste zur nächsten Strophe.

Das macht "Roswell" nicht zu einem schlechten Album, dafür ist es zu gut produziert und dafür bewegt sich Marteria auch zu sicher in seinem Metier. Aber für eine wegweisende oder herausragende Platte fehlen die Hits, die Instant-Klassiker. Vielleicht ergibt alles auch erst richtig Sinn, wenn am 7. Juni der Film "Antimarteria" erscheint, der das Album in einen größeren Kontext einbetten soll. Vielleicht ist "Roswell" aber auch einfach, was es ist: Eine souveräne Platte, die einen souveränen Künstler zeigt, der immer schon machte, was er wollte.

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Quelle: n-tv.de

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