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"Ich bin ein heißblütiges Wesen" Sarah Connor wirft "Herz Kraft Werke" an

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Singt erneut auf Deutsch, will sich aber nicht festlegen lassen: Sarah Connor.

(Foto: Nina Kuhn / Universal Music)

Seit sie in ihrer Muttersprache singt, ist Sarah Connor erfolgreicher als je zuvor. Mit "Herz Kraft Werke" gibt es nun ihr zweites Album auf Deutsch. Mit n-tv.de spricht sie über ihre eigenen Geschichten, Imagewandel, Familienplanung, Eifersucht, Helene Fischer und die AfD.

n-tv.de: "Herz Kraft Werke" ist nun schon dein zweites Album in deiner Muttersprache. Ist Sarah Connor jetzt eine Deutschpop-Sängerin?

Sarah Connor: Ach, Deutschpop klingt so langweilig. Ich schreibe einfach gerne und singe dann das, was ich geschrieben habe. Das bedeutet mir mehr als Popmusik.

Hast du dich dann jetzt als Deutsch-Poetin festgelegt?

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Nö. Ich lasse mich ungern festlegen. Ich bin Zwilling. Sobald ich das Gefühl habe, dass man mich auf irgendetwas festnageln will, bin ich schon aus Prinzip dagegen. Von dem her kann es auch gut sein, dass die nächste oder übernächste Platte wieder Englisch wird. Ich habe da keinen Plan, sondern lasse es fließen.

Du hast für dein Album "Muttersprache" nicht nur sehr viel Anerkennung bekommen, es war auch sehr erfolgreich. Hat das für dich eine Rolle dabei gespielt, mit einem weiteren deutschen Album nachzulegen?

Nein. "Muttersprache" war ja nicht nur so erfolgreich, weil es ein deutsches Album war. Das lag auch daran, dass es das erste Mal meine eigenen Geschichten waren. Deshalb kann man "Muttersprache" nicht mit meiner englischsprachigen Musik vergleichen. Damals habe ich einen Job gemacht. Ich bin zur Arbeit gegangen und habe die Songs gesungen, die dort geschrieben wurden, weil ich sie gut verkaufen konnte. Ich kann ja nun mal sehr gut singen.

Was ist jetzt anders?

Jetzt beschäftige ich mich selbst mit der Musik und den Inhalten. Ich schreibe Geschichten und gieße sie dann in Töne. Ich lese viel und sauge alles auf. In meinem Leben passiert gerade einfach jede Menge in meiner Muttersprache. Deshalb habe ich mich sehr wohl damit gefühlt, das neue Album auch wieder auf Deutsch zu machen. Auf Deutsch muss es wirklich gut, relevant und mit Achtsamkeit gemacht sein. Sonst ist es irgendwann Deutschpop aus dem Radio. Das langweilt mich meistens. Ich mag eigentlich sonst gar keine deutsche Musik.

Viele haben dir bei "Muttersprache" auch einen bewussten Imagewandel attestiert. Stimmt das oder würdest du eher von einer natürlichen Entwicklung sprechen?

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Coole Klamotten, Feuerwerk, Choreografie - das ist ihr heute nicht mehr so wichtig.

(Foto: Nina Kuhn / Universal Music)

Letzteres. Aber ich denke darüber nicht so viel nach. Die Leute glauben hinterher oft alles Mögliche, wie etwas entstanden sei. Dabei war es wirklich nur ein natürlicher Fluss. Es ging für mich nicht mehr darum, die coolsten Klamotten zu tragen und mit viel Feuerwerk die besten Choreografien auf der Bühne zu tanzen. Ich wollte stattdessen Songs schreiben, in denen ich meine Inhalte präsentiere. Dabei habe ich die Leute einfach nur zugucken lassen, ohne das groß zu planen.

Wie lief das konkret ab?

Ich bin einfach nur ins Studio gegangen und habe dort gemacht, wonach mir instinktiv war. Ich habe zum Beispiel morgens zu Hause meine Tochter gefragt: "Worüber soll ich denn heute schreiben?" Und sie meinte: "Heute machst du einen Song für mich." Also habe ich im Studio überlegt, woran ich denke, wenn ich an sie denke. So kamen dann die Lyrics und Melodien zu mir.

Der Imagewandel wurde dir sicher auch nachgesagt, da du heute eher zurückgenommen auftrittst. Früher wurdest du - etwa mit deinen Reality-TV-Shows - viel mehr als öffentliche Person wahrgenommen ...

Ja, natürlich! Ich war ja früher auch wirklich sehr öffentlich. Ich habe zu der Zeit ein anderes Leben geführt. Ich war mit einem Partner verheiratet, der sehr gerne sehr öffentlich war und es bis heute ist. Inzwischen versuche ich dagegen, zwischen zwei Platten so unberühmt wie nur möglich zu sein.

Ich vermute mal, das hängt auch mit deinen Kindern zusammen. Du hast inzwischen vier. Deine Mutter hat acht ...

Ja, bei uns ist das noch Pillepalle. (lacht)

Heißt das, dass auch deine Familienplanung noch nicht abgeschlossen ist?

Doch, ich glaube schon. Ich habe als letztes noch einmal so ein zauberhaftes Kind bekommen. Besser geht es nicht. Zugleich habe ich jetzt auch schon zwei Teenager, die mich ziemlich herausfordern. 

Kinder sind ja oft die besten Kritiker. Hast du ihnen deine neuen Songs auch vorgespielt?

Ja, natürlich. Ich spiele ihnen meine Songs immer vor.

Und? Was sagen sie?

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Die Reaktionen sind ganz unterschiedlich. Meine Kinder sind zwischen zwei und 15. Auch mein Zweijähriger singt die Songs bereits nach und hat mit "Unendlich" einen klaren Lieblingssong. Ein anderes Beispiel ist "Flugzeug aus Papier". Ich habe meinen Kindern kurz die Geschichte erzählt, in der es um Emmy geht (Tochter des Ex-Skirennfahrers Bode Miller, die 2018 im Alter von 19 Monaten in einem Pool ertrank, Anm. d. Red.). Wir haben den Song im Auto gehört und am Ende alle geweint. Mein Sohn sagte dann: "Hey Mama, das hast du wirklich wunderschön gemacht."

Das wahrscheinlich beste Kompliment ...

Ja, aber es gibt auch Songs, die sie gar nicht feiern. (lacht) Meine zwölfjährige Tochter zum Beispiel hört gerne Musik von Ariana Grande und so. Sie meinte: "Mensch Mama, du hast früher doch getanzt und warst viel cooler. Du musst unbedingt mal wieder was Rockiges machen! Nicht immer so was Nachdenkliches!"

Seit der Veröffentlichung von "Muttersprache" sind rund vier Jahre vergangen. Wie entwickelst du dich mit "Herz Kraft Werke" weiter?

Bei "Muttersprache" war der Ansatz mit eigenen Songs und Texten noch zaghaft. Ich habe ausprobiert und eher erzählt, fast wie bei einem Hörbuch. Beim Thema Produktion war ich noch total unerfahren. Auch die Melodien waren nicht übergroß. Aber dann bin ich dreieinhalb Jahre damit getourt. Auf der Bühne wachsen die Songs. Die Melodien verändern sich, die Intensität nimmt zu. Jetzt bei "Herz Kraft Werke" war mein Anspruch, direkt daran anzuknüpfen.

Wie schon bei "Muttersprache" arbeitest du auch auf "Herz Kraft Werke" mit Peter Plate und Ulf Leo Sommer zusammen, am besten wahrscheinlich als die musikalischen Köpfe von Rosenstolz bekannt. Was macht eure Zusammenarbeit aus?

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"Mir strahlt leider nicht immer die Sonne aus dem Hintern."

(Foto: Nina Kuhn / Universal Music)

Die beiden sind toll! Sie sind so was von getrieben, klug, belesen, wortgewandt und wahnsinnig emotional. Es knallt schon auch mal tierisch zwischen uns. Aber zugleich haben sie ein total gutes Gespür dafür, mich in den richtigen Momenten in die eine oder andere Richtung zu schubsen. "Schloss aus Glas" ist zum Beispiel ein sehr emotionaler Song über die Scheidung meiner Eltern. Um jemanden mit in diese Welt zu holen, brauche ich unglaublich viel Vertrauen. Dieses Vertrauen ineinander ist wahrscheinlich unsere stärkste Grundlage. Und das Wissen, dass wir etwas richtig Gutes erschaffen können, wenn wir kritisch genug sind. Und wir sind alle drei sehr kritisch!

Die beiden haben auch einen Song für das neue Album von Roland Kaiser geschrieben. Die musikalischen Grenzen scheinen inzwischen wirklich oft zu verschwimmen - oder würdest du dich vom Schlager dann doch abgrenzen?

Erstmal finde ich es toll, dass Peter und Ulf so offen sind. Ich für mich habe nicht das Gefühl, mich irgendwo abgrenzen zu müssen. Ich glaube, die Musik spricht für sich. Im Schlager dreht es sich aber ja oft um eine heile Welt. Das ist bei mir auf jeden Fall schon mal nicht so. (lacht) Mir strahlt leider nicht immer die Sonne aus dem Hintern.

Als "Muttersprache" herausgekommen ist, fragte sich die "Süddeutsche Zeitung": "Ist Sarah Connor die neue Helene Fischer?" Und sie gab sich selbst die Antwort: "Nein, wenn überhaupt ist sie die bessere Helene Fischer." Kannst du dich damit anfreunden?

Ich finde, das ist ein bisschen einfach. Weil ich blond bin und Deutsch singe, wird dann so ein Vergleich herausgekramt. Für mich gibt es dafür überhaupt keinen Grund. Früher wurde ich dagegen immer mit Jeanette Biedermann oder Yvonne Catterfeld verglichen. (lacht) Helene macht einen super Job. Leider haben wir in Deutschland nur wenige Frauen, die so erfolgreich oben mitspielen.

Auf "Herz Kraft Werke" nimmst du mehr noch als auf "Muttersprache" explizit Stellung zu gesellschaftlichen und politischen Themen - egal, ob es um Homosexualität oder die AfD geht. Viele andere deutschsprachige Künstler tun das nicht. Warum ist dir das wichtig?

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Es geht eher um die Dinge, die mich selbst beschäftigen. Nach der Veröffentlichung von "Muttersprache" sagten mir viele Leute, ich hätte ihre Gedanken in Worte gefasst. Das hatte ich so gar nicht beabsichtigt. Aber wir alle haben in dieser wilden Zeit gerade doch so viele Fragen. Und es gibt Dinge, wie Trump oder die AfD, die kann ich nicht fassen. Auch ich kann eigentlich keine Antworten geben, sondern nur die Fragen stellen, die sich alle stellen. 

Unter deinen Fans sind vermutlich durchaus auch ein paar AfD-Wähler. Ist dir das dann egal?

Ich freue mich natürlich über jeden, der meine Musik hört. Aber vielleicht trage ich so ja auch dazu bei, dass der eine oder andere mal zum Nachdenken kommt. Wenn es richtig große Fans sind, überdenken sie dann vielleicht nach meinem Song ihre Haltung. (lacht)

Im Song "Vincent", der die erste Single aus dem Album war, geht es um einen schwulen Jungen. Was hat dich zu dem Lied inspiriert?

Der Text im Chorus spiegelt eins zu eins Dialoge wieder, wie ich sie mit meinen Kindern habe, wenn sie krank sind: "Mama, ich glaube, ich habe Fieber. Mir ist mulmig. Ich glaube, ich muss sterben." (lacht) Das lässt sich wunderbar auf das Thema Liebe übertragen. Ich kenne das Gefühl, wenn man glaubt, dass man vor Liebeskummer stirbt.

Ist "Vincent" ansonsten eine fiktive Figur?

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Auf Tour sind auch ihre Kinder mit dabei.

(Foto: Nina Kuhn / Universal Music)

Nein, es gab auch einen "Vincent" in meinem Leben. Als ich 15 war, hatte ich selbst einen Freund. Wir haben uns super verstanden, wenn wir ausgegangen sind und tanzen waren. Aber als wir irgendwann mit 16 oder 17 geknutscht haben, war es plötzlich komisch. Ein Jahr später wusste er dann auch, dass er schwul ist. Bis er sich geoutet hat, sind allerdings noch Jahre vergangen. Hinzu kommt, dass eine andere Mutter mir davon erzählt hat, wie ihr Sohn ihr sagte, dass er schwul sei. Er war in dem Alter, in dem auch mein Sohn ist.

Ich denke, auch bei einem Song wie "Keiner pisst in mein Revier" werden sich viele fragen, wie autobiografisch er ist ...

Total autobiografisch!

In dem Lied geht es um Eifersucht. Bist du eifersüchtig?

Ja! (lacht) Mein Mann gibt mir dazu eigentlich keinen Grund. Aber wenn ich das Gefühl habe, dass es einen Anlass gibt, dann schon. Ich bin halt ein heißblütiges Wesen!

Du gehst ab Oktober auf Tour. Als du mit "Muttersprache" getourt bist, war dein jüngster Sohn erst acht Wochen alt und du hast ihn sogar noch hinter der Bühne gestillt. Diesmal dürfte es etwas entspannter werden ...

Ach, ich weiß nicht. (lacht) Meine Kinder wollen jetzt zum Beispiel alle mitsingen und planen jetzt schon die Ausstattung des Tourbusses.

Heißt das, du nimmst deine Kinder alle mit?

Ja, schon. Nicht die ganze Zeit, aber immer dann, wenn es machbar ist.

Mit Sarah Connor sprach Volker Probst

Sarah Connor geht ab Oktober 2019 auf Tour: Erfurt (25.10.), Berlin (26.10.), Bremen (27.10.), Hamburg (29.10.), Hannover (30.10.), Oberhausen (31.10.), Köln (2.11.), Stuttgart (3.11.), Mannheim (5.11.), Zürich (6.11.), Leipzig (8.11.), München (9.11.), Frankfurt am Main (10.11.), Wien (12.11.)

Quelle: n-tv.de

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