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"Bin ein Musikhandwerker" Stefan Waggershausen - aus der Zeit gefallen

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"Ich mache die Songs für mich", sagt Stefan Waggershausen über seine Musik.

(Foto: ©Miau Musikverlag GmbH)

Man ist versucht, ein Gespräch mit Stefan Waggershausen mit "Was macht eigentlich …?"einzuleiten. Doch während wir reden, wird klar: Der Musiker war die ganze Zeit da. Gerade ist sein neuestes Video "Hank Williams" erschienen. Nach einer über achtjährigen Pause veröffentlichte er dieses Jahr sein 15. Studioalbum: "Aus der Zeit gefallen". In seiner 45 Jahre andauernden Karriere hat er über vier Millionen Tonträger verkauft, Preise gewonnen, Filmmusik komponiert, mit den unterschiedlichsten Stars (Otto Waalkes, Nena, Jan Josef Liefers, Sasha) zusammen gearbeitet und mit erfolgreichen Sängerinnen wie Ofra Haza oder Viktor Laszlo Duette aufgenommen. Mit n-tv.de spricht der 70-Jährige über Karriere, Kollegen und Leonard Cohen.

n-tv.de: Wie kriegt man eigentlich den unverkennbaren Gitarrensound hin, bei dem jeder sofort weiß, ahh, das ist ganz eindeutig …

Stefan Waggershausen: … Mark Knopfler oder Carlos Santana oder J.J.Cale? (lacht) Das wüsste ich auch gerne. Ich versuche gerade, das Geheimnis von Knopfler zu entdecken, der übrigens noch immer Unterricht nimmt. Was soll ich dazu sagen? Außer, dass ich dann wohl noch ein Vorschüler bin. Ganz ehrlich: Ich bin ein lausiger Gitarrist und weiß mein Können einzuschätzen, habe aber exzellente Leute um mich herum. Und ich habe eine gewisse Demut entwickelt im Laufe der Jahrzehnte.

Für dich spielt deine Gibson-Gitarre eine große Rolle.

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Über Waggerhausens Gitarre gibt es viele Legenden.

(Foto: ©Miau Musikverlag GmbH)

Ja, über die gibt es herrliche Legenden. Und jedes Mal, wenn ich die Geschichte erzähle, wo ich sie herhabe, kommt ein bisschen mehr dazu, fürchte ich. Was auf jeden Fall stimmt: Sie ist aus Louisina.

Kann es sein, dass dein Prinzip lautet: Willst du was gelten, mach dich selten?

(lacht) Das ist mein Naturell. Ich habe nichts geplant. Ich hatte als kleiner Junge Gitarrenunterricht, denn ich komme aus einer Familie, die Hausmusik gemacht hat. Beim ersten Akkord der Beatles zu "A Hard Day's Night" wusste ich nur: Das will ich auch. Und das hat mein Leben verändert. Ich habe damals alles auf Kassette aufgenommen. Ich hatte eine kleine Band in der Schule, unser Englisch war brüchig. Aber mein Abi habe ich mit Beatles-Zitaten bestanden.

Damals war die Plagiatsgefahr ja noch nicht so groß.

Ich war auch sehr beeindruckt von Dylan und wollte unbedingt Musik machen. Ich bin nach Berlin gegangen als Psychologiestudent, war Gasthörer an der Filmakademie und habe als Regieassistent beim SFB gearbeitet. Mir war aber immer klar: Die Musik ist mein Leben. Mein erstes Album kam Anfang der 70er heraus, da hatte ich alle Ideen dieser Welt, war mit 20 aber noch nicht so weit und habe mich vielleicht etwas übernommen in dem jungen Alter. Das ging erstmal schief. Die Plattenfirma fand damals, ich sähe ganz nett aus, wäre aber zu ambitioniert - man wollte mich dann also umformen, mainstreamiger machen, das war ich aber nicht.

Und dann?

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Nach über acht Jahren Pause veröffentlicht Stefan Waggershausen sein 15. Studioalbum.

(Foto: ©Miau Musikverlag GmbH)

Habe ich mein Studium fertig gemacht, ein bisschen beim SFB moderiert und dann hat der Zufall mir die richtigen Leute im richtigen Moment geschickt. Und dann war "Hallo Engel" da.

Warst du auch mal entmutigt?

Ja, auf jeden Fall. Aber dieser "Blues", den ich vorher erlebt hatte, der hat mich geerdet. Der Erfolg hat mich erfreut, aber nicht mehr abheben lassen.

Hat dein abgeschlossenes Studium dich beruhigt?

Ja schon, aber das war nie mein Plan B, ich wäre nie Psychologe geworden. Ich wäre vielleicht eher beim Radio geblieben oder hätte kleine Filme gedreht.

Was hat sich beim Albummachen am meisten verändert, im Gegensatz zu deinen Anfängen?

Ja, die sind schon eine Weile her. Am meisten geändert hat sich, dass niemand mehr wirklich ein Album produzieren möchte, man bekommt einen Vertrag über zwei, drei Titel und dann "schaun mer mal", aber bitte möglichst Playlist-konform.

Ein Album kann eine ganze Geschichte erzählen.

Ja, ich nenne das Musik-Kino. Im Radio früher hat der Moderator auch immer die ganze Geschichte zu dem Album erzählt - und heute gibt es halt die Playlist auf Spotify. Das hat alles seine Berechtigung, aber da ist eben keine Geschichte dahinter.

Solltest du mal Schlagersänger werden? Also vom Plattenverlag aus?

Ja, aber ich hab's ja nicht gemacht (lacht). Das bin ich einfach nicht gewesen.

Was ist deine Triebfeder? Du hast ja lange Pausen zwischen den Veröffentlichungen deiner Alben.

Ich mache die Songs für mich. Wenn ich damit Erfolg habe, umso besser. Das ist die Triebfeder, dass ich machen kann, was ich möchte. Dass ich unterschiedliche Musikstile auf dem Album habe und so unterschiedliche Stücke wie "Bella Donna" oder "Der Drink". Und dass ich seltene Instrumente für meine Lieder auf dem Album habe, das schätze ich auch sehr.

Welches zum Beispiel?

Ein Duduk. Ein seltenes Instrument in unseren Breiten, aber es erzeugt eine tolle Stimmung. Den Klang dieses Instruments hört man im Film "Gladiator" mit Russell Crowe sehr häufig.

Du machst auch "Family-Entertainment", zum Beispiel Filmmusik und Hörspiele.

Ja, und das ist für so einen alten Quatschkopf wie mich immer herrlich. Von "Ice Age" bis "Siebenstein", denn da darf ich mich wochenlang - als Musikhandwerker - in die Köpfe einen kleines Raben oder eines Koffers oder eines Faultiers hineinbegeben. Und dann treffe ich auf so tolle Typen wie Otto Walkes oder Thomas Fritsch, die ich schon lange und von früher kenne - da hatten wir noch volle Haare.

Wie fandest du es, 70 zu werden?

(lacht) Wenn ich nicht immer drauf hingewiesen werden würde, dann würde ich daran nie denken. Die Erwartungshaltung der anderen ändert sich. Aber bei mir selbst hat sich eigentlich gar nichts geändert.

"Der Drink" ist ein recht düsteres Lied …

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"Songs zu schreiben ist wie einen Schwamm auszudrücken."

(Foto: ©Miau Musikverlag GmbH)

Das gehört zum Musik-Kino dazu. Jeder darf seine eigenen Assoziationen haben. Das Lied ist ein Zustandsbericht. Am ehesten trifft zu, dass mich weder die politische Lage des Landes noch meine eigene private Situation dazu getrieben haben, diesen Song zu schreiben, sondern die Tatsache, dass ich zu dem Zeitpunkt irre viel Leonard Cohen gehört habe. Songs zu schreiben ist wie einen Schwamm auszudrücken: Vieles, was man in letzter Zeit aufgesogen hat, eigene Erfahrungen, Songs von anderen, Gedanken, können darin dann eine Rolle spielen.

Apropos Songs von anderen, wer schwebt dir noch vor außer Cohen?

Bob Dylan ist immer eine Inspiration. Und Klaus Hoffmann schätze ich sehr. Genauso wie Bryan Ferry, ein unglaublicher Typ, großer englischer Landadel (lacht). Ich finde aber auch, dass wir eine Menge toller Nachwuchs-Singer-Songwriter haben in Deutschland.

Alice, Victor Laszlo, Ofra Haza - das sind nur einige Frauen, mit denen du sehr erfolgreiche Duette veröffentlicht hast. Auf dem aktuellen Album gibt es eine solch auffällige Kooperation nicht. Warum?

Weil ich nicht zum Wiederholungstäter werden wollte. Und ich habe mich auch gefragt, wie viel Sinn das noch hat nach dieser Magie, die ich mit den anderen Frauen-Duetten in den jeweiligen Liedern hatte. Aber mit Astrid North zum Beispiel habe ich eine großartige Unterstützung auf dem aktuellen Album, auch wenn das kein explizites Duett ist.

Mit wem könntest du dir das noch einmal vorstellen?

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Mit Emmylou Harris. Ihre Country-Rock-Stimme wäre ideal für mich. Oder Kris Kristofferson. Den hab' ich geliebt. Immer noch.

Auch auf Englisch?

Ja, die Duette waren ja auch immer in anderen Sprachen, aber das hat für mich keine Magie. Ich träume, lebe und atme auf Deutsch. Ich habe dann auch Angst vor dem "th" - dem Tie-Eitsch" (lacht).

"Der Rock 'n Roll ruft seine Kinder heim" …

Da geht es quasi um Engel, die sich doch ein bisschen durch mein Leben ziehen. Das habe ich geschrieben, als Amy Winehouse gestorben ist, und unter dem Eindruck dieser Nachricht habe ich das tatsächlich in nur einer Nacht geschrieben. Sie war die legitime Nachfolgerin von Janis Joplin. Da hatte ich echt einen wehmütigen Anfall, muss ich sagen.

Gehst du auf Tour?

Sagen wir mal, ich denke über Test-Clubkonzerte nach. Kleines Besteck allerdings. Mal gucken. Es wird auch Neuinterpretationen von alten Hits geben, altersgemäß (lacht). Da bin ich noch in der Findungsphase.

Was ist Luxus für dich?

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"Ich habe keine großen Laster mehr", sagt Waggershausen.

(Foto: ©Miau Musikverlag GmbH)

Ich habe keine großen Laster mehr. Die Gitarren gehören mir, ich kann mir meine "Boots of spanish leather" kaufen, ich habe ein paar Hits gehabt, die sehr gut performt haben. Ich darf "Auftragsarbeiten" für Film und Fernsehen ausführen. Ich hab's rundum gut. Da ist eine gewisse Lässigkeit in meinem Leben, die ich sehr schätze.

Was wünschst du dir?

Gesundheit, ist klar, oder? Aber ich habe immer noch Tsunamis im Kopf mit Musikideen – ich würde also gern noch ein paar Alben machen. Und Projekte mit anderen, die genauso irre sind wie ich. Im Stil der Traveling Wilburys.

Bist du noch "der sanfte Rebell", als der du verkauft wurdest?

Das ist in seiner Widersprüchlichkeit so eine Art duales System für einen wie mich, der in keine Schublade passt. Aber ich kann damit sehr gut leben! Ich bin da wie mein Album: Irgendwie "Aus der Zeit gefallen". Ich bin gerne mit meinen Liedern älter geworden. Dass ich noch immer das machen kann, was ich als Schüler schon machen wollte. Was kann es Schöneres geben?

Mit Stefan Waggershausen sprach Sabine Oelmann

Quelle: n-tv.de

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