Musik

Keiner pisst in ihr Revier Steh auf für Sarah Connor!

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Hat vor ausverkauftem Haus in Berlin gut lachen: Sarah Connor.

(Foto: imago images/Votos-Roland Owsnitzki)

"Herz Kraft Werke" heißt das neue Album von Sarah Connor. Und dafür wirft sie nun auch live die Turbinen an. Bei ihrem zweiten Tour-Auftritt in Berlin setzt es eine Show wie eine Revue, einen "Vincent" mit Verdacht auf ADHS und zwei Mittelfinger für die AfD.

Sarah Connor ist inzwischen Mutter von vier Kindern. Daraus macht sie auch keinen Hehl - weder privat noch in Interviews oder in ihrer Musik. Doch Sarah Connor ist nach wie vor auch Popstar. Und das, seit vor vier Jahren mit "Muttersprache" ihr erstes deutschsprachiges Album erschienen ist, erfolgreicher als je zuvor. Mit "Herz Kraft Werke" legte sie in diesem Frühjahr nach. Darauf enthalten natürlich auch "Vincent", Connors Plädoyer für die gleichgeschlechtliche Liebe, das ihr ebenso viel Aufmerksamkeit wie Kontroversen bescherte.

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Wer Pop sagt, muss auch Tour sagen. Und so ging Connor schon bei "Muttersprache" auf Konzertreise, obwohl sie erst kurz zuvor ihren jüngsten Sohn zur Welt gebracht hatte. Gestillt wurde dieser kurzerhand hinter der Bühne. Da ist klar, dass sich die 39-Jährige nun, da der Junge "bereits" zwei Lenze zählt, erst recht keine Bühnenabstinenz gönnt. 15 Auftritte legt sie in diesem Jahr in den größten Hallen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz hin. Und auch für nächstes Jahr ist der Konzertkalender bereits gefüllt.

Heimspiel in Berlin

Nach dem Auftakt ihrer "Herz Kraft Werke"-Tour in Erfurt ist der zweite Auftritt dabei für die Wahl-Hauptstädterin bereits ein Heimspiel. Am Samstagabend wirft sie in der Berliner Mercedes-Benz-Arena die Turbinen an. Und das nicht allein. Nicht nur, weil um die 15.000 Zuschauer in die ausverkaufte Halle strömen. Auch Connors Familie guckt von irgendwo im weiten Rund aus zu. Zudem kann sich die Sängerin der Unterstützung von zumeist mehr als einem Dutzend Musikern auf der Bühne sicher sein. Und der von einem Gaststar wie H-Blockx-Frontmann Henning Wehland, der mal eben wie ein dreiminütiger Schatten für ein Duett beim Song "Bonnie & Clyde" vorbeischaut und ebenso schnell wieder verschwindet.

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Connor fährt auf der Bühne fett auf.

(Foto: imago images/Votos-Roland Owsnitzki)

Das ist ungefähr in der Mitte Show. Begonnen hat alles jedoch mit sachten Klaviertönen, Jubelschreien und einer ganz in schwarz mit Leder-Schlaghose und Hut gekleideten Connor, die gleich mal klarstellt: "Keiner pisst in mein Revier". Eigentlich eine Kampfansage an alle potenziellen Nebenbuhlerinnen, doch der Song wäre selbstredend nirgendwo eine bessere Eröffnung als hier in Connors Wohnzimmer.

Dass sich das Zuhause-Gefühl auch auf das Publikum überträgt, wird spätestens beim nächsten Song "Hör auf deinen Bauch" offensichtlich. "Steh auf, geh raus, sing laut", heißt es darin. Und die Zuschauer tun der Sängerin den Gefallen: Viele hält es schon jetzt nicht mehr auf ihren Sitzen - vom lauten Mitsingen lassen sie sich ohnehin nicht abhalten. "Ich bin echt angerührt", zeigt sich Connor bewegt.

Liebe, Verständnis, Güte

Äußerst angerührt scheint auch ein ganz spezieller Zuschauer zu sein, der sich im Laufe der Show Sporen als lebender Running Gag verdient. "Vincent" fordert er immer wieder lauthals, weil er den Song, den sich Connor natürlich als ein Konzert-Highlight bis zum Schluss aufspart, anscheinend gar nicht erwarten kann. So verpasst ihm die Sängerin schließlich selbst den Spitznamen "Vincent" und stellt ihm die Verdachtsdiagnose ADHS - mit einem liebevollen Augenzwinkern.

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Mit ihrer Liebesbotschaft dirigiert sie die Massen.

(Foto: imago images/Votos-Roland Owsnitzki)

Denn - so viel ist klar - Connors Botschaft ist nicht Häme, Hohn und Spott, sondern Liebe, Verständnis und Güte. Jedenfalls, so lange es nicht um die "AfD-Idioten" geht, die sie in "Ruiniert" besingt. Ihnen streckt Connor an der entsprechenden Textstelle beide Mittelfinger entgegen. Und erntet auch dafür viel Applaus von den Berlinern und denen, die dazu geworden sind. Schließlich dürften nicht wenige in der Halle auch die eigentlich provinzielle Herkunft, die Connor in "Kleinstadtsymphonie" thematisiert, mit dem Star auf der Bühne teilen.

In ihrer knapp zweieinhalbstündigen Show präsentiert die gebürtige Delmenhorsterin nahezu alle "Herz Kraft Werke"-Songs. Doch selbstverständlich dürfen auch einige ihrer Hits aus der mehr oder weniger guten alten Zeit nicht fehlen, in der sie noch nicht in ihrer Muttersprache sang und an der Seite ihres damaligen Mannes Marc Terenzi zur Mainstream-Pop-Nudel und zum Reality-TV-Opfer abzudriften drohte.

Evergreen im neuen Gewand

Ehemalige Klassiker wie "Bounce" oder "From Zero To Hero" verpackt Connor in einem Medley. Ihrem größten Evergreen "From Sarah With Love", der ihr seinerzeit sogar einen Auftritt im japanischen Frühstücksfernsehen bescherte, verpasst sie dagegen einen völlig neuen Sound-Anstrich. Nur von der Gitarre begleitet, schimmert er zunächst in minimalistischen Farben, ehe es dann doch zum fulminanten Ausbruch kommt. Die Heerschar an Musikern auf der Bühne ist schließlich nicht nur zum Spaß da.  

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Sie behält alles im Blick - auch den besonderen "Vincent"-Fan im Publikum.

(Foto: imago images/Votos-Roland Owsnitzki)

Im Gegenteil: Connor mag der Star des Abends sein, dessen Name in großen Lettern auf der LED-Wand im Hintergrund leuchtet, doch auch in der Ausgestaltung ihrer Show zelebriert sie das Miteinander. So ist sie weit davon entfernt, die Profimusiker an ihrer Seite zu Statisten zu degradieren. Jede und jeder darf auch gerne mal ausführlicher zeigen, was sie oder er am Bass, an der Gitarre, am Schlagzeug, am Klavier, am Percussion oder an der Posaune so kann. Mitunter macht das das Konzert etwas langatmig. Manchmal fühlt man sich beinahe wie in einer Musik-Revue, bis einen Connor wieder auf den Boden der Pop-Konzert-Tatsachen zurückholt. 

Nein, hier und heute ist nichts dem Zufall überlassen. Sarah Connor ist zwar nicht Helene Fischer, deren Auftritte inklusive Trapez-Artistik, Wasserspielen und Trampolin-Einlagen schon ans Varieté heranreichen. Dafür spricht auch, dass sich Connor "nur" einmal umzieht und Lederhose gegen Rock tauscht. Aber für Spontaneität ist auch an diesem durchgeplanten Abend in der Mercedes-Benz-Arena - abgesehen von den Ansagen der Sängerin - kaum Raum.

Kinder statt "Flori"

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In den Ansagen spiegelt sich dann auch wie in vielen ihrer deutschsprachigen Texte die Lebenssituation Connors zwischen Mama- und Popstar-Dasein wider. Zwar kommt auch ihr "König" mal zur Sprache - Manager Florian Fischer, mit dem sie seit zwei Jahren verheiratet ist. Doch allzu ausschweifende Liebesbekunden an ihren "Flori", wie wir sie von anderer Seite her kennen, bleiben aus. Im Fokus stehen stattdessen die Kinder - seien es Connors eigene wie in "Unendlich" oder seien es andere wie in "Flugzeug aus Papier", das die Sängerin der im Pool ertrunkenen Tochter Emmy des Ex-Skirennläufers Bode Miller gewidmet hat. Es falle ihr schwer, den emotionalen Song live zu singen, gesteht Connor, bringt ihn dann aber doch ergriffen über die Bühne.    

Ergriffen dürften auch viele Zuschauer sein, als Connor sie nach einer ausgiebigen Zugabe, mit dem Song "Wie schön du bist" und einem Regenbogenschal um den Hals in die Nacht entlässt. Die 39-Jährige macht vor, wie der Wandel vom Popstar zur Deutschpoetin gelingen kann, wie Kinder und Karriere unter einen Hut zu kriegen sind und wie man seine Meinung sagen kann - und trotzdem Berlins größte Veranstaltungshalle ausverkauft. Kurzum, es besteht kein Zweifel: Keiner pisst in ihr Revier.

Sarah Connor ist im Oktober und November weiter auf "Herz Kraft Werke"-Tour: Bremen (27.10.), Hamburg (29.10.), Hannover (30.10.), Oberhausen (31.10.), Köln (2.11.), Stuttgart (3.11.), Mannheim (5.11.), Zürich (6.11.), Leipzig (8.11.), München (9.11.), Frankfurt am Main (10.11.), Wien (12.11.), St. Anton (30.11.). Ab Mai 2020 sind zudem zahlreiche Open-Air-Konzerte geplant.

Quelle: n-tv.de

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