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Interview mit Alice Cooper "Stones sollten wirken wie ein Haufen Chorknaben"

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Alice Cooper: "Die deutschen Fans sind unglaublich treu".

(Foto: Jenny Risher / earMusic)

Einst bediente Alice Cooper die Guillotine, heute auch den Golfschläger, von Ruhestand jedoch keine Spur: Auf seinem neuen Album "Detroit Stories" huldigt er der legendären Motor City. Ein ntv.de-Gespräch über jugendliche Renitenz, soziales Gewissen und Johnny Depp.

ntv.de: Zunächst einmal muss ich sagen, dass sich mit diesem Gespräch ein Kreis für mich schließt. Sie sind Teil einer meiner prägendsten Erinnerungen an die Grundschulzeit. Immer wieder ermahnte mich damals meine Klassenlehrerin, ich solle endlich damit aufhören, das Gesicht "von diesem Alice Cooper" in meine Hefte zu malen.

Alice Cooper: Hahaha, tut mir leid, dass Sie wegen mir Ärger bekommen haben, aber die Geschichte ist natürlich großartig. Ich denke mal, an Ihrer Schule hat man nicht unbedingt "School's Out" vor den Sommerferien gespielt, oder?

Nein, diese Tradition pflegten wir später mit Freunden. Letzter Schultag vor den großen Ferien, danach Dosenbier und "School's Out" auf Repeat, das gehörte einfach dazu.

Aufgrund dieser Erlebnisse wurde dieser Song eine solche Hymne. Die Kids hassten die Schule, sie sangen vor Freude, wenn es endlich vorbei war.

War Ihnen damals klar, welches Eigenleben dieses Lied einmal haben würde?

Also, wir wussten schon, dass das ein guter Song ist, aber wir ahnten nicht im Geringsten, dass er für so viele nachfolgende Generationen bedeutsam sein würde. Man muss sich vor Augen halten, wie lange es her ist. Das war 1972, und bis heute spielen Kids auf der ganzen Welt dieses Lied, Jahr um Jahr, immer und immer wieder. Das ist schon ziemlich verrückt.

Woher kam der Hang zur Revolte bei Ihnen?

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Wie man Show macht, weiß er auch heute noch.

(Foto: Jenny Risher / earMusic)

Ich muss so 15 Jahre alt gewesen sein, als ich das erste Mal die Beatles hörte. Ich wollte sofort das tun, was sie taten. Dann hörte ich die Rolling Stones und sah, wie meine Eltern darauf reagierten. Die Beatles fanden sie irgendwie okay, aber die Stones waren zu viel für sie. Da klickte etwas in mir. Ich wollte so extrem sein, dass die Stones dagegen wirken wie ein Haufen Chorknaben.

Das ist Ihnen überzeugend gelungen, man denke nur an die schockierenden Bühnenshows.

Die Sache mit den Shows passierte fast von selbst. Wir waren schon eine echte Rockband, aber da war auch immer dieses theatralische Moment. Vom ersten Auftritt an nahmen wir Requisiten mit auf die Bühne, da war immer der Hang zur großen Geste. Es war Teil unserer DNA. Je größer wir wurden, desto mehr drehten wir auf, die Shows uferten immer mehr aus. Aber eines ist auch klar: Wenn du keine vernünftigen Songs hast, dann kannst du das alles vergessen. Die Spezialeffekte können noch so groß sein - wenn du keine großartige Band dazu hast, dann ist das alles egal.

Abseits der Bühne zeigen Sie eine ganz andere Seite. Sie sind sozial engagiert, haben die "Solid Rock Foundation" gegründet.

Wenn irgendwo etwas im Argen ist, dann sind Rock'n'Roller zur Stelle, investieren Zeit, Geld und Energie. Ich war immer sehr stolz darauf, dass so etwas in der Rockwelt möglich ist. Wenn es um Wohltätigkeitsarbeit geht, dann bin ich schon immer überaus engagiert gewesen. Ich ertrage es nicht, Menschen leiden zu sehen. Meine Bühnen-Persona ist ein totaler Bösewicht und damit das komplette Gegenteil von mir. Da liegt der Spaß für mich: Ich spiele einen Charakter, der völlig anders ist als ich.

Was hat es mit "Solid Rock" auf sich?

Jeder Schüler, jede Schülerin kann an diesen Schulen Bass, Gitarre oder Schlagzeug lernen, Gesang, Schauspiel, alles umsonst. Dafür muss ich ziemlich viele Fundraiser veranstalten, aber das mache ich gern.

Mit dem neuen Album "Detroit Stories" setzen Sie Ihrer Geburtsstadt ein Denkmal. Wie prägend war die legendäre Motor City für Sie?

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Dadurch, dass ich dort geboren bin, ist der Rock'n'Roll von Detroit schon mal in meiner DNA. Los Angeles hatte die Doors, und sie waren großartig. Das war aber kein harter Rock'n'Roll, sondern eher so eine etwas aufreizende Variante. In San Francisco hattest du die Grateful Dead. Und in New York gab es die Young Rascals und Billy Joel, das war eher anspruchsvoll. Detroit aber im Mittleren Westen hatte Alice Cooper, Iggy & The Stooges, MC5, Bob Seger, Ted Nugent, Suzi Quatro, all die wirklichen Rockbands kamen von dort.

Diesen Bands und ihrer Historie widmen Sie nun Ihre neuen Songs.

Meine Idee war es, nicht nur ein Album über Detroit zu machen, sondern dort hinzugehen, da zu wohnen, die Songs in Detroit zu schreiben und aufzunehmen, mit Musikern aus der Stadt. Das macht die Platte so authentisch.

Ihre Crew ist spektakulär, unter anderem ist Wayne Kramer von MC5 mit dabei.

Wayne ist natürlich super. Ich finde, er spielt heutzutage sogar noch besser Gitarre als damals. Wir haben auch Mark Farner von Grand Funk Railroad an Bord, Johnny Bee aus der Band von Mitch Ryder, alles fantastische Musiker mit Detroiter Wurzeln.

Wie groß ist der Nostalgiefaktor bei so einem Projekt?

Ich habe mit Nostalgie nicht viel am Hut, ich lebe im Hier und Jetzt. Klar gibt es diesen geschichtlichen Aspekt, aber es geht auch darum, was heute so in Detroit los ist. Wir haben ja auch Leute von Motown dabei, das waren damals schon unsere Freunde. In den 70ern gab es keine klaren Trennungen zwischen Rock und Motown.

Mit den Ursprüngen von Hardrock und Motown-Soul verbucht die Stadt Detroit gleich zwei der ganz großen Genres.

Wir spielten damals unter anderem in einem Schuppen namens "Grande Ballroom" …

… wo MC5 ihr legendäres "Kick Out The Jams" aufnahmen.

Ganz genau, die MC5 spielten dort, wir waren am Start, Bands wie The Kinks und The Who. Es passten so um die 1500 Zuschauer in den Ballroom, und wenn du von der Bühne runter in dieses verschwitzte Publikum geschaut hast, dann waren da eben auch Leute wie Smokey Robinson oder die Supremes, Mitglieder von den Temptations oder den Four Tops. Soulmusiker liebten die besondere Energie dieser Rock'n'Roll-Shows.

Wie viel vom alten Detroit ist noch übrig?

Für mich ist der Spirit dort derselbe wie damals. Bands, die harte Rocksongs in Garagen proben, das ist immer noch Detroit für mich. Die Leute dort mögen keinen soften Kram. Sie wollen Bands, die "in your face" sind, laut und aggressiv. Als Softrock-Band wirst du in Detroit ausgelacht.

Iggy Pop erzählt davon, wie ihn der Lärm der Autofabriken angespornt hat, möglichst laut Musik zu machen.

Und das stimmt. Wenn die Leute den ganzen Tag auf der Arbeit im Krach gestanden haben, dann brauchen die nach Feierabend etwas, das sie noch mehr kickt. Es geht bei Autos ja auch immer um PS. Meine Kiste hat mehr Power als deine, mein Auto röhrt lauter als deins. Mit genau dieser Haltung machten die Bands in Detroit Musik, so schaukelte man sich gegenseitig hoch. Auch im Rock'n'Roll geht es immer darum, wer mehr Power hat.

Zuletzt konnte man Sie auch zusammen mit den Hollywood Vampires erleben. Wie spielt es sich an der Seite einer Hollywood-Größe wie Johnny Depp?

Die Auftritte sind der pure Spaß für mich. Da bin ich einfach nur der Sänger, stehe nicht so im Fokus, weil eben Leute wie Joe Perry und Johnny Depp mitspielen. Die Zuschauer sind oft überrascht davon, was für ein großartiger Gitarrist Johnny ist. Er ist ganz sicher kein Schauspieler, der versucht, auf Rocker zu machen. Er war ein Rockstar, bevor er Schauspieler wurde.

Wie schwer ist es, mit dem neuen Album nicht sofort auf Tour gehen zu können?

Ich habe kein Problem damit, mal ein Jahr lang eine Auszeit zu nehmen. Wenn ich nur weiß, dass es dann auch weitergeht. So geht es uns allen. Jeder Musiker, jede Band, mit der ich spreche, scharrt mit den Hufen und kann es kaum erwarten, dass es wieder losgeht. Ich könnte mir vorstellen, dass ab Ende August vielleicht wieder etwas möglich sein wird. Impfungen sind dabei natürlich ein entscheidender Faktor. Dann freue ich mich besonders auf die Shows in Deutschland. Wenn wir in Europa touren, findet die Hälfte der Dates bei euch statt.

Warum ist das so?

Die deutschen Fans sind unglaublich treu. Sie haben uns auch einfach sehr, sehr früh in ihr Herz geschlossen.

Stimmt, damit sind wir fast wieder bei meiner Klassenlehrerin.

Sehen Sie? (lacht) Genau das meine ich.

Mit Alice Cooper sprach Ingo Scheel

Quelle: ntv.de

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