Musik

Klassentreffen in Hamburg The Jeremy Days spielen wieder miteinander

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"One of Germany's Underground Pop Heroes": die "New York Times" über Dirk Darmstaedter.

imago/BRIGANI-ART

Am 18. Januar gibt es in Hamburg eine kleine Sensation: Die Band "The Jeremy Days" kehrt zurück auf die Bühne. Vorerst für einen Auftritt im ausverkauften Docks spielen die Männer ihre alten Songs - darunter natürlich "Brandnew Toy", "Rome Wasn't Built In A Day" oder "Are You Inventive?" - nach 30 Jahren endlich wieder. Bis auf kleinere Reunions wie zur Rettung des FC St. Pauli haben die "Jungs" lange nichts miteinander zu tun gehabt - umso spannender also, was jetzt zwischen ihnen laufen wird. Was danach passiert? "You never know", so Sänger Dirk Darmstaedter im Interview mit n-tv.de. 

n-tv.de: Wie ist das jetzt gewesen, als ihr euch nach so langer Zeit zum ersten Mal wieder gesehen und nun auch gemeinsam geprobt habt für euren großen Wiedervereinigungs-Gig?

Dirk Darmstaedter: Das war lustig, emotional, spannend, anstrengend, es war von allem etwas. Wie sich das gehört. Es war aber vor allem toll. Klingt vielleicht erstaunlich, aber vieles ist so tief eingebrannt, das kann man sich gar nicht vorstellen. Die Dinge, die wir uns vor 30 Jahren im Proberaum erarbeitet haben, sind so dermaßen in uns drin, unglaublich. Der Körper, die Finger, die Stimmbänder, sie funktionieren quasi von allein. Es war erstaunlich, wie viel noch ohne Absprache sitzt. Peng - da isser wieder, der Sound.

Über wie viele Stücke reden wir denn so ungefähr?

Na, 25 werden es schon sein. Das ist eine Menge. Quer durch alle Alben. Und mal abgesehen von dem ganzen mentalen Ding - das ist ja auch körperlich nicht ohne. Und es ist echt laut bei den Proben.

Du bist ja auch in den letzten Jahrzehnten als Sänger unterwegs gewesen, aber das mit der Band scheint nun nochmal was ganz anderes zu sein, oder?

Auf jeden Fall!

Auch stimmlich …

Ja, meine Stimme war früher höher. Sie hat sich aber, das muss ich in aller Bescheidenheit anmerken, zum Guten weiterentwickelt. (lacht)

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Darmstaedter hat immer neue Songs in der Hosentasche.

(Foto: imago stock&people)

Spürst du einen anderen Erwartungsdruck? Alle eure Fans werden kommen!!

(lacht) Ja, das ist wirklich total crazy! Und rein musikalisch habe ich eigentlich überhaupt kein Problem mit dem ganzen Ding, wir sind sehr gut vorbereitet. Wenn der eine oder andere Akkord mal schief ist - so what!? Aber worauf man sich nicht vorbereiten kann, ist das, was emotional da abgeht. Wir haben seit 1995 kein reguläres Konzert mehr gegeben und wir haben uns auch nicht ständig zwischendurch gesehen. Aber das ist auch das Tolle: Es wird super spannend. Mal sehen was passiert - who knows?

Ihr seht euch nach echt langer Zeit wieder, oder?

Ja, da müssen wir uns nun nicht nur in unsere alten Songs reinfallen lassen, sondern auch in unsere alte Freundschaft, die es sehr lange gar nicht mehr gab. Irgendwie hatten wir es nie geschafft, uns nach der Trennung mal locker auf einen Cappuccino zu treffen, das war nicht drin bei uns. Deswegen waren die Pausen, die wir jetzt beim Proben gemacht haben, mindestens genauso spannend wie die Proben selbst, denn wir hatten ja echt viel aufzuholen und zu erzählen.

Erinnerst du dich an euer allerletztes Konzert?

Ja. Wir wollten eigentlich nur eine Pause machen. Wir wollten uns nicht trennen, aber wir wollten mal gucken. Ein halbes Jahr später war dann Schluss. Unser regulär letztes Konzert war also sehr grandios, in der Hamburger Markthalle, die Band war super, aber dann kam unser Manager um die Ecke und teilte uns mit, dass wir noch ein Konzert haben würden, das er schon vor längerer Zeit zugesagt hatte. Und deswegen haben wir uns an einem Nieselregen-Tag Monate später auf dem VW-Gelände wieder getroffen und unser wirklich letztes Konzert gespielt. Das erinnere ich insgesamt aber eher wie ein leichtes Zucken im Nieselregen.

Seid ihr nach drei Jahrzehnten altersmilder? Ihr seid echt jung gewesen damals …

Der größte Unterschied zu damals ist, dass die Band nicht mehr das Zentrum unsres Lebens ist. Das war damals so. Jetzt sind wir vollkommen unverkrampft und locker. Damals waren wir total fokussiert auf die Band, 10 Jahre waren wir zusammen, wir haben zusammen gewohnt, es gab nur uns, wir haben uns nur über die Band definiert. Ich hatte keine andere Identität als "Dirk Darmstaedter, der Sänger der Jeremy Days". Und ich denke, das war für alle so. Wir haben letztendlich alle nach einem anderen Leben gesucht, als wir uns damals trennten, jeder brauchte eine neue Identität. So nach dem Motto "das kann doch nicht alles gewesen sein". Wir haben alle extrem schön, jeder für sich, neue Leben aufgebaut, von Theatermusik machen über Schauspieler über Produzent oder Sänger wie in meinem Fall, und alle sind der Musik treu geblieben. Aber jetzt herrschen andere Vorzeichen, wir treffen nun - jeder mit einem eigenen Leben - wieder aufeinander und das ist wirklich ganz anders als damals. Damit beleuchten wir einen sehr wichtigen Teil unseres Lebens, aber eben nicht 100 Prozent unseres Lebens. Wir feiern das für uns ab, freuen uns aber auch, dass das bei vielen Leute so gut anzukommen scheint. Das ehrt uns natürlich sehr, dass unsere Musik zum Leben so vieler Leute gehört.

Hast du Angst, Bedenken?

Ich bin 53, habe über 20 Platten gemacht, ein eigenes Label gehabt - was soll mir passieren? (lacht)

Was war damals dein Horror?

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Dirk und Schlagzeuger Stefan Rager (oben), Gitarrist Jörn Heilbutt und Keyborder Louis C. Oberlander (unten). Bassist Christoph M. Kaiser ist bei der Reunion nicht dabei.

Dass mir eine Saite reißt. Das würde mich jetzt nicht mehr wirklich aus dem Takt bringen (lacht). Jetzt geht es um ganz andere Dinge: Die Gemeinschaft, die Songs, und darum, dass wir auf der Bühne stehen. Zusammen!

Mir ist schon klar, dass ihr ständig nach "der Zukunft" gefragt werdet - aber egal: wie sieht denn die Zukunft aus?

Das wissen wir natürlich noch nicht. Keine Ahnung, wir lassen alles auf uns zukommen. Wir gucken mal, wie es sich anfühlt. Beim Proben ging alles gut, wir haben uns jedenfalls nicht genervt. Alles ist möglich. Neue Musik haben wir aber nicht. Aber du weißt ja - ich habe IMMER neue Songs (lacht)

Wie habt ihr die Songs jetzt ausgewählt?

Alle zusammen, wir hatten jeder eine Wunschliste und die Schnittmenge war relativ groß. 25 haben wir auf jeden Fall drauf, mal gucken, ob wir die alle spielen.

Total demokratisch …

Ja, das ist natürlich auch anstrengend, aber so ist das! Das ist das Magische an einer Band, dass alle bestimmen können. So etwas in der Art sangen, glaube ich, schon Die Sterne: "Die Menge aller Teile ist größer als die Menge aller Einzelteile" … Wenn also alles gut läuft, dann ist alles toll in einer Band. Wenn es nicht so läuft in einer Band, kann es auch schnell mal strubbelig werden.

Das Konzert am Freitag ist ausverkauft …

Ja, Wahnsinn. Als wir das gebucht haben, wussten wir ja nicht, ob da 20 oder 200 Leute kommen werden.

Jetzt sind es 1.400, volle Hütte … Was sagen eure Familien dazu, und freust du dich schon auf die alten Groupies?

(lacht) Naja, mal sehen … meine Kinder finden das gut. Sie haben nur ein altes Band-T-Shirt und machen am Merchandising-Stand mit.

Nehmt genug T-Shirts mit, das ist ja ein recht exklusiver Gig …

Ja, stimmt, vielleicht drucken wir nochmal nach …  Aber meine guten Freunde aus der Indie-Rock-Szene meinten schon, dass wir verdammt viele Tshirts haben! Zur Not habe ich noch ein paar alte Dirk-Darmstaedter-Tshirts von meiner ersten Solo-Tour, da hatte ich recht sportiv geordert … Also falls du für die Haus- oder Gartenarbeit mal ein paar Tshirts brauchst, weißt du, an wen du dich wenden kannst! Lief nicht so … (lacht)

Mit Dirk Darmstaedter sprach Sabine Oelmann

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Quelle: n-tv.de

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