Musik

Mit Gleichgültigkeit in Hamburg Trauriger Justin Bieber

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Justin Bieber bei einem Auftritt vor vier Tagen in Krakau. Ob er da wohl mehr Spaß als in Hamburg hatte?

(Foto: dpa)

Glücklich sieht Justin Bieber nicht aus, als er am Montagabend in Hamburg auftritt. Er wirkt abwesend und sein Gesang kommt zum Teil vom Band. Doch die Fans juckt das nicht - sie liegen ihm trotzdem zu Füßen.

Langsam zirkelt ein älterer Herr im Regen um die Barclaycard Arena. Ob es hier nicht irgendwo etwas gäbe, wo man einkehren kann, möchte er wissen. "Man sollte hier Väterauffangstationen einrichten", lacht er. Wenn von Väterauffangstationen die Rede ist und rund um die Arena Rettungsfolien auf dem Asphalt liegen, dann kann das nur eines bedeuten: Justin Bieber ist in der Stadt. Der kanadische Popstar tritt am Montagabend in Hamburg auf und die 12.500 (meist weiblichen) "Belieber" liegen ihm zu Füßen.

Dabei sieht Bieber in der ersten Hälfte der gut eineinhalbstündigen Show aus, als wäre er am liebsten woanders. Schon seit einigen Wochen liest man im Netz regelmäßig von "lustlosen" Shows. In London warf er das Mikrofon auf den Boden, während der Gesang weiter lief. In Oslo sagte er seinen Fans: "Ihr seid scheiße". Auch in Hamburg schlurft der 22-Jährige ziemlich gleichgültig über die Bühne. Seine Show könnte bombastischer kaum sein - doch Bieber wirkt, als wäre er gar nicht richtig anwesend.

Wie ein schlechter Scherz

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Zu Biebers aktuellem Tourprogramm gehört auch der Auftritt in der Plexiglasbox (Aufnahme vom 11. November in Krakau).

(Foto: dpa)

Er ist in einer großen Plexiglasbox gefangen, als er das Konzert mit "Mark My Words" eröffnet - ein Umstand, der wie ein schlechter Scherz wirkt. Bieber war gerade mal zwölf Jahre alt, als seine Mutter Musik-Videos von ihm auf Youtube hochlud und damit den Grundstein für seine rasante Karriere legte. Heute ist er einer der erfolgreichsten Popstars, hat über 100 Millionen Platten verkauft und fast 90 Millionen Twitter-Follower. Bieber macht keinen Schritt ohne anschließende Schlagzeile. Mit seinem aktuellen, vierten Album "Purpose", das im November vergangenen Jahres erschien, wollte er weg vom Teenie-Image, präsentierte sich musikalisch gereift zwischen Pop, R&B und HipHop. Aber er ist eben immer noch in einer verdammten Plexiglasbox gefangen.

Grelle Laser flackern, Feuerwerksfontänen erleuchten die Arena. Hebebühnen fahren auf und ab, Tänzer schlagen Saltos und der Bass wummert so laut, dass der Brustkorb zittert. Lichtshow und Bühnenbild wirken wie eine Mischung aus Computerspiel und Sci-Fi-Film, Projektion und Realität sind manchmal kaum zu unterscheiden. Zu "Company" schwebt eine zweite Bühne wie ein Raumschiff über den Köpfen des Publikums herab. Auf ihr befindet sich ein riesiges Trampolin. Eine fette Show, wirklich. Aber warum stellt Bieber nicht mehr damit an? Er bleibt unnahbar, tanzt ohne Elan. Bei manchen Songs öffnet er zum Playback nicht einmal den Mund. Ist es ihm einfach egal? Oder will er seine Fans bewusst verprellen?

Ein großer Zirkus

Umso überraschender ist es, dass er in der zweiten Hälfte plötzlich doch noch auftaut. "Habt ihr irgendwelche Fragen", wendet er sich an sein Publikum. Wen er mehr liebe - Gott oder seine Fans, möchte ein Mädchen wissen. Gott sei dann doch knapp vorne, antwortet Bieber. Ob er an Geister glaube. "Gute Frage! Ich denke schon."

Nach dieser kleinen Fragerunde ist Bieber wie ausgewechselt. Zu dem Stück "Children" tanzt er gemeinsam mit einer Gruppe Kinder, die er liebevoll herzt. Bei der emotionalen Ballade "Life Is Worth Living" gibt er sich mit dem Singen richtig Mühe. Kein Playback - klingt echt gut! Und als bei der Zugabe "Sorry" ein großer Regenguss von der Hallendecke herab kommt, strahlt der klatschnasse Bieber schließlich von einem Ohr zum anderen. "Vergesst nicht - jeder hat eine Bestimmung im Leben", sagt er noch. "Ihr seid aus einem Grund auf dieser Welt. Und ich bin dankbar, dass ich meine Bestimmung mit euch teilen kann."

Am Ende bleibt die bedrückende Erkenntnis: Justin Bieber ist bloß ein trauriger Junge in einem viel zu großen Zirkus.

Quelle: ntv.de