Musik

Singen, tanzen, lachen Und schreiben kann Chris Jagger auch noch

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Mensch, der sieht doch aus wie - Chris Jagger!

(Foto: imago/Eastnews)

Während sein Bruder manchmal vor Zehntausenden rockt, spielt Chris auch gern auf der kleineren Bühne.Überhaupt haben die beiden Brüder nicht so viel gemeinsam wie man denken könnte, aber das macht gar nichts. Es ist eine große Freude, sich mit Chris Jagger, der sehr gern über seinen Bruder Mick spricht, zu unterhalten. Gerade ist er dabei, seine Autobiographie, die nächstes Jahr erscheinen soll, zu beenden. Beim "Writers' Thursday" in Berlin hat er bereits eine kleine Kostprobe aus dem bewegten Leben eines Musikers, Ehemanns und Großvaters - und eben auch kleinen Bruders - gegeben.

Chris Jagger: (auf Deutsch) Oh je, dein Handy is' ein büssschen kaputt … Die Spider-App!!

n-tv.de: Warum ist dein Deutsch so gut?

(alles auf Deutsch) Weil wir sind in Deutschland (lacht). Aber mein Deutsch ist noch nicht so gut, ich denke noch eine Woche, dann ist es besser. Wenn ich nur für einen Tag oder zwei komme, dann ist es ein bisschen schwer. Außerdem sprecht ihr hier alle so gut Englisch. Man braucht nicht Deutsch.

Das ist tatsächlich ein Problem für alle, die Deutsch lernen wollen. Wir hier wollen ja schließlich zeigen, dass wir Englisch können.

Ja, sehr gut sogar. Die englisch-sprechenden Leute sind ganz schön faul geworden, sie lernen nichts mehr. Das war nicht immer so! Als ich jung war und nach Frankreich gefahren bin, sprach niemand Englisch. Dasselbe in Spanien, und Italien. Man kam kein bisschen weiter mit Englisch.

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Alle hören ihm einfach gerne zu.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Das hat sich aber geändert …

Stimmt. In den Städten. Wenn man aber in kleinen Dörfern auf dem Land unterwegs ist, dann spricht niemand Englisch. Dann ist es gut, ein paar Dinge in der anderen Sprache zu wissen. Und als es die DDR (er sagt GiDiAr) noch gab, hat man nirgends Englisch gesprochen, sondern Russisch (lacht).

Du warst schon oft in Deutschland, oder?

Ja, und immer sehr gerne. Wenn ich jünger wäre, würde ich überlegen, nach Berlin zu ziehen, das ist die internationalste Stadt momentan. Und außerdem nervt mich dieser ganze Brexit-Mist (er benutzt viele f-Wörter in diesem Moment). Es ist wie ein Alptraum, aus dem man nicht aufwacht. Und dabei fing das alles an wie ein Unfall. Oder wie ein Schneeball, der immer größer wurde und nun eine Lawine ist. Aber von dem Thema bekomm' ich schlechte Laune. Vor kurzem war ich übrigens in Gütersloh, Home of Bertelsmann (lacht).

Ich wollte das Gespräch ja eigentlich mit Musik starten und damit, dass Chris Jagger Bücher schreibt …

... ich schreibe nur ein Buch ….

… aber wir starten in Gütersloh, auch gut.

Da solltest du mal hin!

Auf jeden Fall. Wir bleiben jetzt aber bei deiner Autobiographie, die noch nicht fertig ist.

Nein, ich bin aber dabei, sie zu beenden, das dauert. Ich fange immerhin ganz von vorne an, als ich ein kleiner Junge war, wie ich zu Schule ging, wie ich Deutsch lernte (lacht), und wie es war, als ich die Band meines großen Bruders zum ersten Mal hab' spielen sehen. 

Wir können über deinen Bruder Mick sprechen?

Ich liiiiebe es, über Mick zu sprechen! Können wir bitte nur über meinen Bruder sprechen? Wenn ich nicht über meinen Bruder sprechen wollen würde, niemals, dann müsste ich mich in einem Erdloch oder einem Nest verstecken, wie ein Eichhörnchen, und alle meine Nüsse bunkern. Möchtest du eigentlich einen Keks probieren, habe ich aus England mitgebracht. Sie sind Bio und haben mehr Nüsse als Zucker.

Ich hebe mir einen für später auf. Bleiben wir beim Buch …

Stimmt, also, ich schreibe darin natürlich auch über meinen Bruder und die Rolling Stones, er ist die Person, die ich am längsten kenne.

Nimmt er einen großen Teil in deinem Leben ein?

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Ähnlichkeiten nicht ganz rein zufällig.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Geht so. Ich meine, ja, er ist Teil meines Lebens, aber ich habe eine Frau, Kinder, Enkel, Tiere, vieles, um das ich mich kümmern muss. Das alles nimmt einen größeren Teil in meinem Leben ein als mein Bruder. Ich denke, das ist wie bei jedem anderen auch.

Ihr habt euch früher echt ähnlich gesehen …

Findest du? Finde ich gar nicht! Als ich jung war haben die Leute immer gesagt, ich sehe aus wie der Sänger von Herman's Hermits, Peter Noon. Wenn man jung ist, dann verändert man sich ja ständig, man lässt die Haare wachsen, ändert seinen Klamottenstil. Fest steht aber, dass Mick und ich dieselben Eltern haben. Dementsprechend haben wir einiges gemeinsam. Aber das meiste haben wir nicht gemeinsam (lächelt).

Habt ihr früher jemals auf dieselbe Frau gestanden, hattet ihr einen ähnlichen Frauengeschmack?

(lacht) Wow, das ist ja 'ne Frage. Aber ich kann ganz offen sprechen: Als wir ganz jung waren, habe ich mit Mick zusammen gewohnt, und er war oft nicht da, weil er mit den Stones auf Tour war. Und da hat es sich so ergeben, dass ich viel Zeit mit Marianne (Faithfull, Anm. d. Red.) verbracht haben, wir waren wirklich gut befreundet. Und ich muss sagen, ich war sehr eng mit Jerry (Hall, Anm.d.Red.) befreundet, wir alle, schon wegen unserer Kinder. Meine Frau und Jerry waren auch sehr eng miteinander. Aber das war nicht ganz deine Frage, oder (lacht laut)?

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Mick mit Marianne ...

(Foto: imago/Cinema Publishers Collection)

Ich meinte natürlich, bevor deine Frau in dein Leben getreten ist …

Chris Jagger: Also, wenn man es ganz genau nimmt, dann hatte ich mal was mit der Schwester einer Freundin von Mick. Aber das ist dann auch alles. Das weiß meine Frau, da kannten wir uns noch nicht. Es war aber auch so, dass es dort, wo wir aufgewachsen sind, nicht allzu viele Mädchen gab. Und diese Schwester war sehr interessant.

Was heißt interessant in dem Fall?

Sie war eine Künstlerin. Sie wusste eine Menge übers Malen, das hat mich beeindruckt. Mich haben schon immer Menschen interessiert, die mir noch etwas beibringen können. Ich fand es gut, mehr als "Lovers" zu sein. Frauen, die ihr eigenes Leben haben, sind die besten. Wenn man vom anderen lernen kann, ist das extrem gut für eine Beziehung, das kann ich gar nicht oft genug sagen.

Ist es besser mit jemandem zusammen zu sein, der einem ähnlich ist oder total unterschiedlich?

Das weiß ich nicht, ich finde den Aspekt, dass man, wie gesagt, voneinander lernen kann, sehr wichtig. Etwas ähnlicher wird man sich dann sowieso, wenn man zusammen bleibt und älter wird.

Hast du immer sehr darauf geachtet, dass ihr, Mick und du, mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten habt? Und ich meine nicht nur äußerlich.

Mir war das immer vollkommen egal, da haben andere Leute immer etwas hineininterpretiert. Wenn sie uns vergleichen wollten, meinetwegen, aber ich habe nicht extra drauf geachtet, möglichst anders zu sein als Mick. Wir sind jeder einfach so, wie wir nun mal sind. Es ist ehrlich gesagt auch einfacher, danach zu suchen, was man gemeinsam hat. Es ist viel schwerer, die Unterschiede herauszuarbeiten. Aber ich habe auch andere Themen, ich habe ja schon vieles gemacht. Ich habe schon immer Musik gemacht, aber ich war auch Schauspieler. Und es gibt viele Reisegeschichten von mir.

Sprechen wir über die Musik - du hast einen sehr speziellen Stil.

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Er macht sein eigenes Ding - und die Leute lieben es.

(Foto: imago/POP-EYE)

Mir hat mal jemand in der Schweiz gesagt, dass meine Musik sich so relaxt anhört, dass man sich dabei gut entspannen kann. Und das nehme ich mal als Kompliment. Solange keiner einschläft (lacht). Ich denke, meine Musik kann bestimmte Stimmungen auslösen. Sie kann die Menschen zum Tanzen bringen, oder zum Nachdenken, und all' das gefällt mir. Man kann Menschen auch mit Musik verführen. Ich mag es, wenn ich merke, dass meine Musik bei den Menschen ankommt. Wenn ich auf einem Festival bin, zum Beispiel da, wo ich wohne, dann kenne ich die Leute dort. Und ich liebe es, wenn die Kinder anfangen zu tanzen. Wenn die Kinder glücklich sind, dann sind die Eltern glücklich. Was kann man mehr wollen? Denn ich weiß, dass ich die Kinder nicht manipulieren kann, ich kann sie nicht beeindrucken, sie lassen sich von ihren Gefühlen leiten, und die sind ehrlich.

Du hast 14 Enkelkinder, was lernst du von denen?

Sie sind eine Inspiration, man kann sie nicht veräppeln. Aber sie sind auch kleine Monster. Die sind so ehrlich, dass es wehtut (lacht). Sie sagen: "Opa, was ist denn mit deinen Haaren?" oder "Du hast einen Bierbauch!" Ich versuche schon, Musik zu machen, die sie mögen, aber sie lassen sich nicht bestechen (lacht). Alles in allem kann man sagen, dass Kinder einen jung halten. Ich versuche manchmal, sie an ein Instrument zu setzen. Sie brauchen eine Pause vom iPhone, ich nehme es den Kindern oft weg (lacht). Wenn man ein Instrument spielt, dann ist es wie in einem Team zu spielen. Man ist zusammen mit Menschen, das ist wirklich wichtig. Musik und Tanzen, das ist wichtig! Ist auch gut für die Haltung.

In Deutschland bist du sehr beliebt …

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Jagger im 1. OG des Restaurant Borchardt.

(Foto: Eva Luise Hoppe)

Ja, man mag mich hier, das ist großartig, ich bin auch gerne hier. Und in Deutschland fragt mich keiner, ob ich einen Song von den Rolling Stones spielen könnte (lacht). Das ist sehr respektvoll. Überhaupt finde ich, dass man viel respektvoller miteinander umgehen sollte, dass man mehr daran arbeiten sollte, miteinander befreundet zu sein. Wir reden ja immer nur von wirtschaftlichen Erfolgen oder wie man politisch miteinander klarkommt. Wenn man befreundet ist, dann lösen sich ganz viele andere Probleme auch wie von selbst.

Weise Worte. Du schreibst nun deine Biographie zu Ende …

Ja, aber wir wollen nicht übertreiben - ich bin kein echter Autor. Ich schreibe, aber ich mache vor allem Musik. Ein richtiger Schriftsteller hat da ganz andere Tagesabläufe. Wenn ich nicht weiterkomme, dann mache ich Musik, das hilft immer. Zum Schreiben muss man sehr wach sein,  und man muss sich selbst richtig gut finden. Man muss sich sehr konzentrieren. Es ist vollkommen anders als bei der Musik: Wenn ich einen Gig habe, dann ist das voller Adrenalin, völlig extrovertiert. Für mich ist dieses Leben natürlich wunderbar - ich habe beides!

Mit Chris Jagger sprach Sabine Oelmann

Jaggers Autobiographie erscheint im Frühjahr 2020 bei BMG

Quelle: n-tv.de

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