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Walking On Cars retten Irland "Uns ging es nie um eine große Karriere"

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Einer der wohl hellsten Sterne am irischen Sound-Himmel: Walking On Cars.

Einer der wohl hellsten neuen Sterne am irischen Sound-Himmel erstrahlt dieser Tage über den Dächern der kleinen Hafenstadt Dingle. Dort, Hunderte Kilometer vom wilden Treiben in Dublin entfernt, ist die fünfköpfige Band Walking On Cars zu Hause. n-tv.de stellt Ihnen die Band vor.

U2 haben ihre fetten Jahre schon lange hinter sich, die Cranberries trauern um ihr Aushängeschild Dolores O'Riordan und obwohl die Jungs von Therapy im vergangenen Jahr definitiv überzeugen konnten ("Cleave"), wird die Rockwelt wohl kein zweites "Troublegum" mehr zu hören bekommen. Ja, mag sein, dass es um Irlands musikalischen High-End-Exportmarkt gerade nicht allzu gut bestellt ist. Aber das ist noch lange kein Grund, die grüne Insel komplett von der Rockpop-Weltkarte zu streichen. Hinter der humpelnden Elite machen sich nämlich bereits viele vielversprechende Newcomer einen Namen. Einer der wohl hellsten neuen Sterne am irischen Sound-Himmel erstrahlt dieser Tage über den Dächern der kleinen Hafenstadt Dingle. Dort, im tiefsten Südwesten, Hunderte Kilometer vom wilden Treiben in Dublin entfernt, ist die Band Walking On Cars zu Hause. Im Januar 2016 sorgte das fünfköpfige Kollektiv mit der Veröffentlichung des Debütalbums "Everything This Way" erstmals für Aufsehen in der Branche. Gut drei Jahre später gehen Walking On Cars mit ihrem zweiten Studiowerk "Colours" nun den nächsten Schritt. Kurz vor dem Release des neuen Schaffens spricht Frontmann Patrick Sheehy mit n-tv.de über unvergessliche Momente, breitgefächerte Sounds und Live-Vorlieben.

n-tv.de: Patrick, eure erste Single "Catch Me If You Can" ging 2013 bereits durch die Decke. Mit eurem Debütalbum habt ihr euch drei Jahre später dann auch ins internationale Rampenlicht katapultiert. Seitdem habt ihr keine ruhige Minute mehr. Wie lebt sich das Leben eines Popstars?

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Patrick Sheehy: (lacht) Ich weiß es nicht. Ehrlich gesagt fühle ich mich nicht wie ein Popstar. Wir alle in der Band fühlen uns nicht so. Natürlich gibt es gerade viele Momente, in denen wir mit dem Wahnsinn des Musikgeschäfts konfrontiert werden. Aber das ändert nichts an unseren Persönlichkeiten. Wir sind immer noch die Band aus Dingle, die es einfach nur liebt, Musik zu machen.

Wenn du gerade von wahnsinnigen Momenten sprichst: Was war denn der bisher denkwürdigste Augenblick?  

Oh, da muss ich nicht lange nachdenken. Das war letzten Sommer, als wir beim Electric Picnic Festival auf der Main Stage auftraten. Wir sind mit diesem Festival aufgewachsen. Jeder von uns hat eine ganz besondere Beziehung zu diesem Event. Ich glaube, dass es für eine irische Band nichts Größeres geben kann, als einmal auf diesem Festival auf der Hauptbühne auftreten zu dürfen. Das war schon ein extrem magischer Moment für uns alle. Wir auf der Bühne und vor uns 40.000 Menschen: Diese Bilder werde ich wohl nie wieder vergessen.

Was ist mit dem Tag als euer Debütalbum von der Spitze der irischen Charts grüßte? War dieser Moment nicht mindestens genauso überwältigend?

Klar, das war auch ein Meilenstein für uns. Ich meine, wir haben in der kurzen Zeit schon so viele tolle Momente erleben dürfen. Ich erinnere mich auch immer wieder gerne an die Zeit, in der alles irgendwie ins Rollen kam. Damals hatten wir gerade unsere erste Single "Catch Me If You Can" auf dem Markt. Wir hörten den Song im Radio und bekamen auf einmal Live-Anfragen aus dem ganzen Land. Wir haben uns damals nicht viel dabei gedacht und sind einfach losgefahren. Plötzlich standen wir irgendwo fernab der Heimat auf einer Bühne und vor uns sangen 500 Menschen unsere Songs. Das war schon irre.

Diese Club-Größen reichen schon lange nicht mehr aus. Ihr füllt mittlerweile richtig große Hallen. Die werden nach der Veröffentlichung eures neuen Albums "Colours" aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht kleiner werden. Erzeugt das Druck?

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Wir haben während der ersten Phase des Albumprozesses schon gemerkt, dass wir angespannter waren. Der Druck kam aber nicht von außen. Den haben wir uns selber gemacht. Der ganze Erfolg, der mit der Veröffentlichung des ersten Albums über uns hereinbrach - damit hatten wir nicht gerechnet. Das war auch nie unser Antrieb. Uns ging es nie um eine große Karriere. Uns ging es immer nur um uns und unsere Musik. Als dann aber plötzlich die ganze Welt vor der Tür stand, hat uns das ein bisschen aus der Bahn geworfen. Glücklicherweise haben wir diese "Oh je, wir müssen einen weiteren Hit schreiben"-Phase schnell hinter uns bringen können. Danach haben wir uns entspannt und uns auf das besonnen, was uns als Band ausmacht. Wir haben uns hingesetzt, unsere Gedanken und Gefühle offengelegt und daraus dann ein musikalisches Gebilde geformt, das uns allen gefällt.

Das neue Album "Colours" macht, wie ich finde, seinem Titel alle Ehre. Das musikalische Farbspektrum ist unheimlich groß. Es gibt viel zu entdecken.

Nun, ich denke, dass wir auch schon vor drei Jahren gezeigt haben, dass wir unheimlich offen sind, was Sounds und Strukturen betrifft. Mit "Colours" gehen wir jetzt den nächsten Schritt. Wir haben uns in den vergangenen zwei, drei Jahren als Band enorm weiterentwickelt. Wir sind alle musikalisch gereift. Auch menschlich sind wir alle den nächsten Schritt gegangen. Wenn man sich so lange kennt und all das erleben darf, was wir in den vergangen Jahren erlebt haben, dann schweißt das nochmal unheimlich zusammen. Wir sind als Band gewachsen.

Gab es nie einen Moment, in dem eure Freundschaft unter dem ganzen Trubel gelitten hat?

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Nein, den gab es nie. Natürlich mussten wir erstmal lernen, mit all den neuen Erfahrungen richtig umzugehen. Aber das viel uns nicht schwer. Wir kommen aus einem kleinen Ort. Dort bekommt man vom Leben im Rampenlicht nicht viel mit. Das hat uns alle schon sehr früh geerdet. Wir sind alle immer noch stark mit unserer Herkunft verwurzelt. Die Gefahr, dass einer von uns irgendwann mal abhebt, bestand eigentlich nie. Und ich glaube, daran wird sich auch nichts ändern.

Die Single "Monster" war der erste Song, den ihr für das neue Album geschrieben habt. Der Track versprüht eine ganz besondere Energie. Da schält sich unheimlich viel Dynamik aus den Boxen. Musstet ihr danach erstmal alle tief Luft holen und den Song sacken lassen? Oder war "Monster" eher wie ein Startschuss?

Definitiv eher Letzteres. "Monster" hat eine Aufbruchsstimmung erzeugt. Der ganze Folgeprozess hat sich an der Energie dieses Songs orientiert. Danach waren wir nicht mehr zu bremsen. (lacht)

Wie kann man sich den Folgeprozess vorstellen? Zieht ihr alle immer an einem Strang? Oder kommt es auch mal zu hitzigen Diskussionen, wenn es um bestimmte Soundausrichtungen geht?

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Das ist ganz unterschiedlich. Aber selbst wenn wir mal nicht alle einer Meinung sind, begegnen wir uns stets mit Ruhe, Anstand und Respekt. Das kennen wir auch gar nicht anders. Und sicher, es kommt auch mal zu Diskussionen. Das kann man bei fünf verschiedenen Persönlichkeiten, die alle auch andere musikalische Vorlieben haben, gar nicht verhindern. Ich meine, unser Schlagzeuger Evan beispielsweise ist großer Metal-Fan. Andere stehen mehr auf die Beatles. Wieder andere erfreuen sich an den Sounds von Arcade Fire, Bon Iver oder James Vincent McMorrow. Wir ticken da alle ganz unterschiedlich - was toll ist, denn nur so sind wir in der Lage, uns musikalisch breit aufzustellen.

Du sollst dich zu Beginn etwas schwergetan haben, den Part des Sängers zu übernehmen. Wie ist es heute um deine Frontmann-Gefühle bestellt?

Ja, am Anfang habe ich mich nicht immer wohlgefühlt. Ich bin nicht der Typ, der von Natur aus gerne im Mittelpunkt steht. Ich kann mich noch erinnern, dass ich früher immer froh war, wenn wir größere Konzerte spielen konnten. In kleineren Clubs war mir die Atmosphäre zu intim. Das war nicht so mein Ding. Mittlerweile hat sich das Blatt aber komplett gewendet. Ich bin jetzt richtig drin in meiner Position innerhalb der Band. Und ich bin jetzt richtig froh, wenn ich den Fans direkt in die Augen sehen kann. Festivals sind eine tolle Sache. Aber ich stehe jetzt total auf die kleineren Hallen. Wenn 500 Leute an den Bühnenrand drängen und man die Verbindung zwischen Publikum und Band richtige spüren kann, dann ist das schon ein geiles Gefühl.

Mit Patrick Sheehy sprach Kai Butterweck

Quelle: n-tv.de

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