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"Ich bin nicht nur depressiv" Wer ist Andreas Kümmert?

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Meldet sich mit dem Album "Lost And Found" zurück: Andreas Kümmert.

(Foto: Universal Music)

Erst gewinnt er "The Voice of Germany", dann soll er Deutschland beim ESC vertreten. Doch Andreas Kümmert macht einen Rückzieher - und zieht viel Hass auf sich. Mit n-tv.de spricht er über diese schwierige Zeit, seine Angststörungen und sein neues Album "Lost And Found".

n-tv.de: Vor rund einem Monat fand der Eurovision Song Contest (ESC) in Lissabon statt. Ich frage mich: Hast du den geguckt?

Andreas Kümmert: Ich schaue grundsätzlich kein Fernsehen. Deshalb habe ich dieses Event auch nicht verfolgt.

Hast du dir die Performance von Michael Schulte aber vielleicht zumindest online mal angesehen?

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Nein, das tatsächlich auch nicht. Man macht so was ja normalerweise, wenn man davon zum Beispiel bei Facebook etwas mitbekommt. Aber in meiner Timeline war niemand, der das gepostet hätte. Das ist echt an mir vorbeigegangen.

Michael Schulte verbindet ja mit dir, dass er wie du bei "The Voice of Germany" mitgemacht hat. Kennt ihr euch?

Er hat ja ein Jahr vor mir bei "Voice of Germany" mitgemacht - und wir haben uns nie kennengelernt oder persönlich getroffen. Aber ich finde es eine super Sache, dass er jetzt für Deutschland in Lissabon den vierten Platz geholt hat. So viel habe ich mitbekommen.

Ich könnte mir vorstellen, dass dir damals viele einen ähnlichen Platz zugetraut hätten - und die Fragen nach dem ESC kommen natürlich nicht von ungefähr. Du wolltest 2015 nicht dort hin, obwohl und nachdem du den Vorentscheid gewonnen hattest. Wie sehr nervt es dich, immer noch auf diese Geschichte angesprochen zu werden?

Das wird eigentlich immer weniger. Aber es gehört ja zur Historie. Von daher nervt es jetzt nicht sonderlich.

Das hat ja damals ziemlich hohe Wellen geschlagen. Du musstest auch mit vielen Anfeindungen und Hasskommentaren zurechtkommen. Wie hast du das überstanden?

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Wegen seiner Angststörungen ist er noch immer in Behandlung.

(Foto: Universal Music)

Ich habe mich damals leider dazu hinreißen lassen, darauf zu antworten und mich zu erklären zu versuchen. Aber ich habe gelernt: Wenn jemand ein vorgefertigtes Bild hat und eigentlich nur seinen Selbsthass auf jemand anderen projizieren möchte, um sich Luft zu machen, ist es vollkommen egal, wie du dich erklärst. Er wird dich immer trollen und fertigmachen. Das sind diese ganzen Menschen, die sich im Internet hinter irgendwelchen Pseudonymen verstecken und ihren Hass kundtun, den sie eigentlich auf sich selbst haben, weil sie mit sich selbst unzufrieden sind.

Aber das ist dir nahegegangen ...

Ja, ich habe damals sehr darunter gelitten, weil ich es an mich herangelassen habe. Und weil ich nicht verstanden habe, weshalb sich diese Gesellschaft so sehr daran aufhängt und Menschen nichts anderes zu tun haben, als mich zu beschimpfen und zu bedrohen.

Du hast damals mit Blick auf deinen Verzicht der ESC-Teilnahme auch deine Angststörungen thematisiert Wie gehst du mit ihnen inzwischen um?

Ich bin nach wie vor in Behandlung und nehme Medikamente dagegen. Ich arbeite weiterhin ständig an mir.

In den Danksagungen auf deinem neuen Album dankst du auch dem Medikament "Ratiopharm Doxepin". Das ist ein Antidepressivum. Ist das ein Scherz oder steckt da doch mehr dahinter?

Es soll natürlich schon ein bisschen Satire sein. Aber das ist tatsächlich auch das Medikament, das ich nehme.

Es heißt, du wolltest mit deinem neuen Album "Lost and Found" einer Antwort auf die Frage näherkommen: "Wer ist Andreas Kümmert?" Ist dir das gelungen?

Die Frage, wer ich eigentlich bin, ist eines der Hauptthemen, mit denen ich mich beschäftige. Es gibt sehr viele Momente, in denen ich nicht weiß, wer ich bin. Ich denke, viele wissen das nicht. Man definiert sich ja immer durch irgendwas. Der Albumtitel "Lost And Found" bezieht sich darauf, dass es Momente gibt, in denen man zu sich gefunden hat, und Momente, in denen man wieder neben sich steht und sich fragt: Was läuft hier verkehrt?

Fallen dir da konkrete Momente ein?

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Pop muss ja kein Schimpfwort sein ...

(Foto: Universal Music)

Es kommt eben immer darauf an, worüber man sich definiert. Das hängt zum Beispiel davon ab, wieviel ich zu tun habe und ob das, was ich zu tun habe, für mich sinnvoll ist. Ich habe etwa lange versucht, mich darüber zu definieren, dass ich Musiker bin. Da habe ich irgendwann festgestellt, dass es dadurch die Privatperson Andreas Kümmert gar nicht mehr richtig gab. Sich so zu beschränken, ist halt nicht wirklich gesund.

Ich finde, dein neues Album klingt ziemlich poppig - nach gut gemachter Popmusik. Nimmst du das als Kompliment?

Das hängt immer vom Kontext ab. Popmusik bedeutet ja nichts anderes als "populäre Musik". Wenn man es jetzt auf die Popmusik, die sonst im Radio läuft, bezieht, ist es wahrscheinlich eher kein Kompliment. (lacht) Aber ich wollte auf jeden Fall einen Spagat hinbekommen - zwischen dem, was ich vorher gemacht habe, und einer Stilistik, die notwendig ist, um in der heutigen Radiolandschaft stattzufinden und in der Musik zu existieren.

Du entfernst dich mit dem Album ein Stück weit von deinem Singer-Songwriter-Image. Und du löst dich auch etwas aus der Blues- und Soul-Ecke. Treibt dich eher die Hoffnung um, damit neue Fans zu gewinnen, oder die Sorge, alte Fans zu verschrecken?

Ich glaube auf jeden Fall, dass es ein Album ist, das polarisiert. Das bedeutet aber ja auch, dass man darüber redet und es Relevanz bekommt. Ich finde allerdings nicht, dass ich mich von dem Singer-Songwriter-Status entferne, denn das Album ist genau auf diese Weise entstanden: Ich habe mich mit einer Gitarre hingesetzt und die Songs in einem klassischen Singer-Songwriter-Stil geschrieben. Dann habe ich sie auf Tape aufgenommen und Demos von ihnen gemacht. Alles kam ohne Fremdeinwirkung aus mir heraus - die Songs sind zu 100 Prozent ich.

Bei deinem ersten Album nach "The Voice of Germany" wurden dir die Songs noch großteils auf den Leib geschrieben. Inzwischen schreibst du sie komplett selbst. Wie wichtig ist dir das?

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Das ist mir auf jeden Fall wichtig. Und eigentlich war das auch immer so. Ich hatte ja schon vor "Voice of Germany" zwei Alben geschrieben, aufgenommen und auf einem Independent-Label veröffentlicht. Dann gab es eben nach der Sendung die Situation, in der ich mich darauf einlassen musste, dass andere für mich schreiben. Das ist mir sehr schwergefallen. Da sind wir wieder bei der Frage: Wer bin ich? Das hat auf jeden Fall dazu beigetragen, dass ich damals eine Zeit lang nicht mehr gewusst habe, wer ich überhaupt bin und warum ich das alles mache.

Irgendwie ist es schon ein bisschen paradox: Einerseits huldigst du einem Antidepressivum, andererseits verströmt das Album in weiten Teilen ziemlich gute Laune ...

Das freut mich. Aber wenn man unter Depressionen und Angststörungen leidet, ist das ja auch kein konstanter Zustand. Deswegen geht man ja in Behandlung und nimmt Medikamente - als Werkzeug, um den Tag bestreiten und ein ganz normales Leben führen zu können. Es gibt viele tolle und energetische Momente in meinem Leben. Ich sitze nicht den ganzen Tag in der Ecke und bin depressiv.

Du hast gesagt, du würdest ganz gern beweisen, dass du als Songwriter in einer internationalen Liga spielst und auch wirklich große Songs schreiben kannst. Heißt das, dass du eine internationale Karriere anpeilst?

Das versuche ich tatsächlich schon eine ganze Weile. Es wäre toll, wenigstens mal nach England zu kommen. Früher habe ich auch oft in Holland gespielt. Natürlich möchte man die Grenzen so weit wie möglich überschreiten.

Wenn du mal auf den bisherigen Verlauf deiner Musikkarriere zurückblickst - bist du damit alles in allem zufrieden?

Ja und Nein. Ich bin natürlich zufrieden damit und froh darüber, dass ich die Chance habe, meine Musik einem breiteren Publikum präsentieren zu können. Ich komme ja aus der Irish-Pub- und Kneipenszene. Da habe ich jahrelang 170 Shows im Jahr gespielt. Immer wieder vor einem Haufen besoffener Menschen zu spielen, die gar nicht darauf achten, was man macht, war echt anstrengend. (lacht) Aber natürlich gibt es auch ein paar Dinge, die dazu geführt haben, dass einige Türen in diesem Geschäft zugegangen sind. Aber die gehören eben auch zu meinem Lebensweg.

Sehen wir dich dann vielleicht doch nochmal irgendwann beim ESC?

Nee. Das ist abgehakt.

Mit Andreas Kümmert sprach Volker Probst

Quelle: n-tv.de

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