Musik

Fury in the Slaughterhouse "Wir sind keine Bescheißer-Band"

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Freunde, nicht nur Kollegen: Fury in the Slaughterhouse

(Foto: Olaf Heine)

2008 geben Fury in the Slaugtherhouse bekannt, zukünftig getrennte Wege gehen zu wollen. Die Band steckt zu diesem Zeitpunkt in einer Sackgasse, die einzelnen Mitglieder finden musikalisch nicht mehr zueinander. Zwar gibt es einige Jahre später das eine oder andere gemeinsame Konzert, von einem Album ist aber lange nicht die Rede. Bis jetzt. Eben ist mit "Sometimes (Stop To Call)" ein erster Vorbote auf das für den 21. April des kommenden Jahres geplante Comeback-Album erschienen.

Sänger Kai Wingenfelder sprach mit ntv.de unter anderem über die Wichtigkeit von Freundschaften und seine Hoffnungen für die Tour 2021. Außerdem verrät er, was die Fans von Fury in the Slaugterhouse mit dem neuen Album "NOW" erwarten können.

ntv.de: Eigentlich wolltet ihr im vergangenen Sommer auf Tour gehen - ohne neues Album. Die Tour fiel aus bekannten Gründen aus, ein Album kommt nun im April 2021. Welchen Anteil an dieser Entwicklung hatte Corona?

Kai Wingenfelder: Wir hatten eigentlich gedacht, wir raufen uns nächstes Jahr mal zusammen und gucken, ob wir wieder ein Album machen können. Das war eine Zeit lang nicht möglich, weil wir uns musikalisch so weit auseinanderdividiert hatten, dass wir da keinen Konsens mehr gefunden haben. Allerdings hat sich die Lage dank unseres Managements - das sind die Jungs vom Wacken Open Air - inzwischen geändert. Die haben uns wieder näher zusammengebracht, worüber wir sehr glücklich sind, denn letzten Endes sind wir ja alle Freunde. Wir haben 34 Jahre unseres Lebens miteinander verbracht. Das ist eine lange Zeit.

Muss man sich das dann wie ein Gespräch beim Paartherapeuten vorstellen?

(lacht) Nee, so war es nicht. Es wurde ein grundlegendes Gespräch geführt, wir sind schon nur eine Rock'n'Roll-Band. Und wir sind auch nicht Metallica, wo dann der Band-Psychiater kommt. Das würde ich genau drei Minuten mitmachen. Wir haben uns alle angeguckt: Wollen wir, oder wollen wir nicht? Aber es machte Spaß, schon in der Vorbereitung für unser Konzert in Hannover. Wir fanden, es wäre blöd, wenn wir uns nicht zusammenreißen. Und dann haben wir uns zusammengerauft und festgestellt, dass es im Alter besser geworden ist. Man lässt den anderen auch mal sein und konzentriert sich auf die wichtigen Dinge. Keine Grabenkriege mehr für nichts und wieder nichts außer persönliche Befindlichkeiten. Das ist alles weg.

Von welchem Zeitrahmen sprechen wir da jetzt? Kam euch der Gedanke schon 2017, als ihr drei Konzerte zum 30. Bandjubiläum gespielt habt?

Damals haben wir schon gemerkt, dass irgendwas anders ist. Wir hatten zuletzt fünf Jahre davor mal gespielt, vor 25.000 Leuten. Dieses Mal verkauften wir innerhalb von 72 Stunden 36.000 Tickets. Nun halten wir den Rekord in Hannover. Dann kamen noch Trier, der Dortmunder Westfalenpark und andere dazu. Auf einmal hatten wir 150.000 Karten verkauft. Deswegen wollten wir mal gucken, was passiert, wenn wir jetzt nochmal fünf Konzerte in den Vorverkauf geben für 2020. Und dann kam Corona.

Aber zumindest hat die Pandemie die bereits bestehende Album-Idee befeuert …

Genau, wie schon gesagt, wollten wir dieses Jahr ursprünglich Konzerte spielen, die Karten dafür waren auch schon gut verkauft. Dann kam Corona dazwischen. Da haben wir uns gefragt, was wir denn jetzt machen und entschieden, ins Studio zu gehen und zu gucken, was passiert. Wir haben uns einen Produzenten gesucht und geschaut, was so geht. Wir wollten, dass einer aufpasst, dass wir keine Scheiße bauen.

In dem Falle hatte Corona also auch eine gute Seite. Wie aber sonst fühlst du dich von der Pandemie betroffen? Schließlich kommt zu den ausgefallenen Konzerten auf beruflicher Ebene auch noch die persönliche Komponente …

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Es ist beides. Es ist die Lebensgrundlage, die einem wegbricht. Das Musikgeschäft hat sich ja seit meinen Anfängen in den 1980ern radikal verändert. Damals gab es noch keine CDs, jetzt gibt es bald keine mehr. Früher hat man live gespielt, um seine Platten zu verkaufen. Heute macht man Platten, um Tickets zu verkaufen, weil man mit den Platten nichts mehr verdient. Die Musikindustrie, die Plattenfirmen sind ja immer noch nicht schlau geworden. Die versägen es jetzt schon wieder. Musiker haben keine Lobby. Und wer keine Lobby hat, der bekommt auch kein Kleingeld momentan in diesem Land. Musik ist aber ja ein sehr emotionales Ding. Wir machen nicht nur Musik, um Geld zu verdienen. Ich mache Musik, weil es meine Art ist, mich auszudrücken.

Und allein deswegen ist Musik gerade in dieser Zeit systemrelevant. Eine Krise wie die aktuelle wäre auch als Konsument ohne Musik wesentlich schwerer zu ertragen …

Stimme ich dir total zu. Berlin hatte seine größten Zeiten in der Weltwirtschaftskrise. Immer wenn es den Leuten schlecht geht, brauchen sie auch ein bisschen Sand unterm Kiel. Dafür ist Musik wahnsinnig wichtig. Auch wenn ich das Wort "systemrelevant" nicht mehr hören kann, ist es total richtig. Wenn es den Menschen schlecht geht, brauchen sie nicht nur Brot und Alkohol, sondern auch etwas für die Seele. Und Musik ist genau das. Entweder man kann sich mal austoben und geht mal tanzen, wenn man das darf. Oder man geht auf Konzerte. Aber bei Covid ist das schwierig, weil nichts davon geht.

Hat euch das Zusammenkommen als Band von anderen laufenden Projekten abgezogen oder passte das für alle Beteiligten gerade ganz gut in die Zeit?

Wir haben alle was gemacht seit dem Ende von Fury damals. Ich habe erst letzten Monat mit meinem Bruder Thomas ein Album veröffentlicht. ("Sendeschlusstestbild" von Wingenfelder - Anm.d.Red.) Die fünf Alben davor waren alle Top 40 bis Top 10, das war alles okay. Das würde ich auch nicht aufgeben, es ist eine ganz andere Baustelle. Aber jetzt ist Fury da und wir machen halt ein Album.

Also verschiebt sich einfach nur der Fokus für eine Weile?

Na ja, wenn mein Sohnemann krank ist, verschiebt sich der Fokus auch. Aber im Endeffekt ist es so, dass es einfach Spaß macht mit Fury. Es ist wie eine Familie. Wenn wir das hinkriegen, ein Album zu machen - es ist ja schon so gut wie fertig -, dann ist das toll. Ich finde es schön, dass ich meine Freunde wiederhabe. Mit Christof (Stein-Schneider - Anm.d.Red.) habe ich mein ganzes Leben geteilt. Das mit dem Erfolg ist auch super, aber wir haben die größten Freundschaften unseres Lebens beinahe in die Tonne getreten, weil wir nicht mehr klargekommen sind. Christof ist schon krank geworden, wenn er nur daran dachte, mit Fury ins Studio zu müssen.

Wie ist es euch direkt nach 2008 ergangen?

Christof hat seine Wohnraumhelden gemacht, mein Bruder hat versucht, ein bisschen zu fotografieren. Ich habe zwei Jahre lang Filme gedreht, das fand ich auch ganz spannend. Wir mussten alle da raus, das war unsere Therapie. Sich mal nicht zu sehen und andere Dinge zu machen. Durch die Weltgeschichte zu fliegen und irgendwelche Schiffe zu filmen, was mein Job war. Irgendwann wollte ich dann aber wieder Musik machen.

Was bedeutet das jetzt für die neuen Fury-Songs?

Auf den Fan kommen keine Altlasten zu, das ist schon mal ganz gut. Es geht nicht darum, irgendwelche Songs, die wir noch in der Schublade hatten, mal eben kurz mit irgendwem aufnehmen. Wir sind keine Bescheißer-Kapelle. Wir wollten schon neue Musik machen, uns aber trotzdem nicht verleugnen. Wir haben uns einen Produzenten ins Boot geholt, der mehr aus der Metal-Kiste kommt, was uns nicht ändert, aber es kracht und knallt ein wenig mehr. Die Popnummern sind trotzdem poppig. Wir sind immer noch Fury, aber wir haben geguckt, wie wir jetzt klingen wollen. Das haben wir stringent umgesetzt.

Als ihr euch aufgelöst habt, gab es Spotify gerade mal zwei Jahre. Inzwischen wird fast nur noch gestreamt. Glaubst du, dass eure Fans trotzdem noch CDs kaufen?

Das ist eine Mischkalkulation. Wir haben aufgrund unseres Fan-Klientels noch CD-Käufer, mehr als andere Bands vielleicht. Aber auch bei uns nimmt das ab. Fury hat im Jahr zwölf bis 13 Millionen Streams, wir sind also noch eine kleine Kapelle, was das angeht. Aber wir bauen das gerade aus, und es nimmt auch Fahrt auf.

Die Tour ist jetzt für kommendes Jahr geplant. Wie optimistisch bist du, dass sie stattfindet? Oder wären für euch auch Konzerte unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen denkbar?

Natürlich möchten wir gern, dass alles normal läuft. Aber ich denke nicht, dass wir in der Position sind, das zu entscheiden. Es gibt bestimmt Grenzen, die ich nicht überschreiten möchte. Was ich ganz fürchterlich finde ist, dass jeder aufgrund von Covid meint, man müsse jetzt umsonst Live-Konzerte streamen. Das ist nicht gut. Damit entwertet man auf Dauer gesehen die Musik. Das halte ich für blöde. Es hat doch eh schon eingebürgert, dass man für Musik nichts zahlen möchte, weil sie ja keinen Wert hat dank Spotify und den anderen. Irgendwann stirbt die Musikszene aus. Ich würde gern spielen. Ich würde auch gern nach Möglichkeit schauen, wie man etwas Attraktives hinbekommt, falls es nicht gehen sollte. Ich bin mir nämlich nicht sicher, dass 2021 wieder etwas stattfinden kann. Wir werden damit noch eine Weile herumlaborieren müssen.

Mit Kai Wingenfelder sprach Nicole Ankelmann

Die Single "Sometimes (Stop To Call)" ist seit dem 23. Oktober erhältlich.

Quelle: ntv.de