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Scifi-"Tatort" aus Ludwigshafen Gott spielen will gekonnt sein

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Hat illustre Gesellschaft: Kommissarin Stern (Lisa Bitter).

(Foto: SWR/Sabine Hackenberg)

Kurz vor Lena Odenthals 30. Dienstjubiläum packt der SWR die ganz großen Themen aufs Tablett: Es geht um die "gefährlichste Idee der Welt" und Wissenschaftler, die den Menschen aufs Abstellgleis schieben wollen. Ist das nicht ein bisschen viel für einen Sonntagabendkrimi?

Schon mal von Transhumanismus gehört? Nein? Dann wird's aber höchste Zeit, schließlich gilt die Denkrichtung wahlweise als "gefährlichste Idee der Welt" oder aber als beste Chance der Menschheit, sich selbst zu erlösen - je nachdem, wen man eben so fragt. Wer am Ende Recht behält wissen wir zwar erst in den nächsten 20 bis 50 Jahren (Sie können mit den Hamsterkäufen also getrost noch eine Weile warten), aber es schadet ja nichts, schon heute mit der Aufklärung zu beginnen. Dass sich aber ausgerechnet der sonst eher biedere Ludwigshafener "Tatort" daran versucht, damit war dann eher doch nicht zu rechnen. Ob das gutgehen kann?

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Eine Leiche kommt selten allein, zumindest in "Maleficius".

(Foto: SWR/Sabine Hackenberg)

Aber fangen wir am besten mal von vorne an: Am Ufer des Rheins wird ein Rollstuhl gefunden. Vom Besitzer fehlt jede Spur, alles sieht nach Selbstmord aus. Trotzdem nehmen Kommissarin Odenthal (Ulrike Folkerts) und ihre Kollegin Stern (Lisa Bitter) die Ermittlungen auf. Ein Verdacht, der sich zunächst erhärtet, als die beiden die Krankenakte des Rollstuhlfahrers in die Hände bekommen: Lukas Pirchner (Igor Tjumenzev) ist (oder war?) nicht nur ein begeisterter Autoschrauber und Tuningfreak, sondern auch ein Macho ersten Ranges mit gestähltem Körper, kurzer Zündschnur und langem Vorstrafenregister. Seit Pirchner sich bei einem illegalen Rennen um einen Baum wickelte, ist er an den Rollstuhl gefesselt - ein Schicksal, mit dem er sich offenbar nie wirklich abfinden konnte, was die Selbstmordthese immer wahrscheinlicher macht.

Als die beiden Ermittlerinnen gerade dabei sind, den Fall abzuschließen, wird eine weitere Leiche aus dem Rhein gezogen: Es ist eine junge Assistenzärztin aus dem Institut Bordauer, wo mithilfe von ins Gehirn implantierten Platinen bislang noch unheilbare Krankheiten kuriert werden sollen. Weil auch der querschnittsgelähmte Pirchner kurz zuvor in der Hoffnung auf Heilung vorgesprochen hatte, klingeln bei Odenthal die Alarmglocken - zumal sich der Klinikleiter Professor Bordauer (Sebastian Bezzel) bereits bei einem früheren Besuch der Kommissarin merkwürdig verhalten hatte. Stück für Stück kommen die Ermittlerinnen einem furchtbaren Geheimnis auf die Spur.

Hochbrisantes Thema, mangelhafte Ausführung

Der Plot des neuen Ludwigshafener "Tatorts" ist solide gestrickt und schafft es über lange Zeit, Spannung aufzubauen und zu halten. Und eine ziemlich solide Besetzung mit Charakterschauspielern wie Sebastian Bezzel (bis 2016 im Bodensee-"Tatort" zu sehen) und Gregor Bloéb ("Free Rainer", "Keinohrhasen") legt das Fundament für einen überdurchschnittlichen Sonntagabendkrimi. Leider kann der Rest des Films da nicht mithalten: Ulrike Folkerts spielt - wie nicht anders zu erwarten - auch kurz vor ihrem 30. Dienstjubiläum als Lena Odenthal immer noch auf Schultheaterniveau. Und weil Drehbuchautor Tom Bohn gleichzeitig auch noch im Regisseursstuhl Platz genommen hat, müssen sich die Zuschauer auf eine ordentliche Portion Fremdschämen vorbereiten.

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Transhumanist und stolz drauf: Professor Bordauer (Sebastian Bezzel).

(Foto: SWR/Sabine Hackenberg)

Schon mit dem Drohnen-Krimi "Vom Himmel hoch", der ebenfalls in Ludwigshafen spielte, hatte sich Bohn mächtig verhoben - und auch "Maleficius" scheitert an seiner eigenen Mittelmäßigkeit. Das ist schade, denn das Thema selbst ist hochbrisant und wird uns in den kommenden Jahren zunehmend häufiger begegnen. Umso wichtiger, dass es mit der nötigen Sorgfalt angepackt wird. Unter den "Tatort"-Kommissaren könnte das mit Sicherheit Ulrich Tukur, eventuell auch noch die Frankfurter und ein oder zwei andere Teams - unter Garantie aber nicht die betulichen Ludwigshafener, die im besten Fall für solide Hausmannskost stehen.

Und auch das wäre natürlich in Ordnung, zuhause bei Mutti schmeckt's ja oft eh am besten. Hausmannskost aber ist so gar nicht Bohns Ding: Der Regisseur macht gerne die ganz großen Fässer auf, und das am liebsten so plakativ wie möglich. Was dazu führt, dass die Kombination aus Thema und Team fürchterlich zusammengestückelt wirkt und man spätestens beim peinlichen Finale nicht mehr so genau weiß, ob man nun lachen oder weinen soll.

"Harte Worte" von der Filmkritik

Bohns erklärte Mission ist es, auf die Gefahren des Transhumanismus hinzuweisen, der lateinische Titel des Films lässt sich mit "gottlos" übersetzen. Mit "Maleficius" stellt sich der Regisseur aber leider selbst ein Bein, und das weiß er wohl auch - in einem Interview mit der ARD kommt Bohn auf einen Ludwigshafener "Tatort" zu sprechen, den er vor mehr als 20 Jahren drehte: "Beides sind ungewöhnliche Tatorte, die im Bereich Sciencefiction angesiedelt sind. Für 'Tod im All' haben wir bei der ersten Ausstrahlung von der Filmkritik harte Worte wegstecken müssen. Inzwischen gilt 'Tod im All' als einer der anerkannten Kult-Tatorte. Vermutlich erwartet uns mit 'Maleficius' das gleiche Schicksal." Dass "Tod im All" nicht wegen seiner genialen Machart zum Kultfilm wurde, sondern weil am Ende des Streifens tatsächlich ein Ufo auftaucht, sollte man vielleicht dazu erwähnen. Ein Ufo.

Quelle: n-tv.de

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