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"Tatort" aus Berlin Missbrauchte Kinder?

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Karow (Mark Waschke, l.) und Rubin (Meret Becker, r.) wundern sich über den Flashback ins Jahr 1945.

(Foto: rbb/Stefan Erhard)

Pünktlich zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung zeigt die ARD ein ganzes Jahrhundert deutscher Schuld am Beispiel einer Berliner Familie. NS-Verbrechen, die Stasi, Neonazis und Ultralinke, das klingt gefährlich nach Überreizung. Lädt sich dieser "Tatort" zu viel auf?

Auf einer Verkehrsinsel vor der Uhlandstraße 103 in Berlin steht eine unscheinbare Gedenktafel. Sie erinnert an einen 17-Jährigen, der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs an dieser Stelle an einer Wäscheleine aufgeknüpft wurde, weil er nicht mehr für den Endsieg sterben wollte. Seine Mörder hatten dem Jungen ein Schild um den Hals gelegt, als Warnung für andere Deserteure: "Ich war zu feige, für Deutschland zu kämpfen", stand darauf. 75 Jahre später liegt ein alter Mann mit Kopfschuss auf einer Berliner Dachterrasse, um seinen Hals hängt ein Schild: "Ich war zu feige, für Deutschland zu kämpfen."

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Karow treibt sich auch in der Hausbootbesetzer-Szene Berlins herum.

(Foto: rbb/Stefan Erhard)

Das Schicksal des 17-Jährigen ist traurige Realität, der Tod des alten Mannes dagegen die Anfangsszene des neuen Berliner "Tatorts". "Ein paar Worte nach Mitternacht" heißt der Fall, der sich zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung gleich mit einem ganzen Jahrhundert deutscher Schuld beschäftigt. Es geht um den Holocaust, die Stasi, scheinbar unüberwindbare Ressentiments zwischen Ost und West, die Neue Rechte und noch eine ganze Reihe weiterer Themenfelder, die allesamt auch einzeln über 90 Minuten tragen würden. "Ein paar Worte nach Mitternacht" versucht dagegen, sie am Beispiel einer einzigen Berliner Familie durchzudeklinieren.

Demente alte Damen und die Gestapo

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Und deshalb stoßen die Kommissare Karow (Mark Waschke) und Rubin (Meret Becker) bei ihren Ermittlungen nicht nur auf einen ehemaligen und ziemlich suizidalen Stasi-Offizier, sondern auch auf westdeutsche Baulöwen, die das Gedenken an den Holocaust zum großen Geschäft machen - und Sprösslinge, die entweder ultralinks oder ultrarechts geraten sind. Wer so ein Potpourri an Themen zusammenmischt, kann sich leicht verheben, zumal Drehbuchautor Christoph Darnstädt vorher ein paar der Tschiller-"Tatort" mit Til Schweiger verantwortete, die nicht unbedingt wegen ihrer Tiefsinnigkeit im Gedächtnis geblieben sind.

Tatsächlich aber trifft "Ein paar Worte nach Mitternacht" fast durchgehend sowohl den richtigen Ton als auch das richtige Erzähltempo - auch weil sich Regisseurin Lena Knauss dabei viel Zeit für ihre Akteure nimmt. Wenn eine demente alte Dame sich mit letzter Kraft daran erinnert, wie sie als Zehnjährige die Nachbarsfamilie an die Gestapo verraten hat, ist das gleich aus mehreren Gründen schwer mit anzusehen: "Wir waren missbrauchte Kinder", schließt die Frau irgendwann. Dass das nur ein Teil der Wahrheit ist, scheint sie selbst zu wissen. Der andere Teil ist die erschreckende Erkenntnis, dass die Tat auch nach 75 Jahren noch genauso schwer auf ihren Schultern wiegt, selbst wenn sie gleichzeitig nicht mehr weiß, was es am Vortag zum Frühstück gegeben hat. Schuld verjährt eben nicht.

Quelle: ntv.de

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