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"Tatort" aus Frankfurt Spion & Spion

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Bei den Spionen (l.) gibt es Milch und Kekse für die Kommissare (r.).

(Foto: HR/Bettina Müller)

Auch Janneke und Brix melden sich aus der Sommerpause zurück. In "Funkstille" gibt es ein Wiedersehen mit Tessa Mittelstaedt. Einst die gute Seele des Kölner Kommissariats, hier nun eine dubiose Agentin. Man hätte ihr ein etwas gelungeneres "Tatort"-Comeback gewünscht.

Mal eine Frage vorweg: Was macht eigentlich so ein Agent? Da stellen wir uns mal ganz dumm, um mal den guten Lehrer Bömmel aus der "Feuerzangenbowle" zu zitieren, und sagen, ein Agent, der hat es meistens nicht leicht. Führt wahrscheinlich ein Doppelleben und ist immer in Alarmbereitschaft. Überall sind Mikrofone versteckt, selbst die eigenen Kinder, wenn es denn welche gibt, wissen nicht, dass Mami oder Papi nicht zur Arbeit gehen, sondern in Wirklichkeit für den Iwan, für Uncle Sam, für wen auch immer, Leute beschatten, Gespräche belauschen, Telefonate abhören, kurzum: Informationen sammeln, auswerten, weitergeben. Alles für den Staat, das große Ganze.

Zwischen Wäschepuff und Bücherregal sind Knarren versteckt, beim Treffen mit Kontaktpersonen, gern auf öffentlichen Plätzen, muss einer von beiden immer unauffällig Pommes essen, der andere dramatisch in die Ferne gucken, während man sich superdupergeheime Details über diesen und jenen zuraunt. Und dann sind da noch jene nicht minder zwielichtigen Chefs mit hoher Stirn, niedriger Fehlertoleranz und unmöglichen Krawatten, die das alles dann weiterleiten, Mordaufträge erteilen, Leute, Beine, Köpfe absägen lassen, Informanten aus dem Weg räumen oder auch einfach mal die Seiten wechseln. Washington oder Moskau? Hauptsache Spion.

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In Frankfurt treffen sich Spione offenbar noch gerne auf öffentlichen Plätzen.

(Foto: HR/Bettina Müller)

Wer soweit mitgekommen ist und mit all dem d'accord, der verbringt am Sonntag ab 20.15 Uhr womöglich einen kurzweiligen Abend. Denn in genau so ein agentöses Kabinettstückchen führt der jüngste Fall des Frankfurter Gespanns Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch). Zu Beginn ahnt davon noch niemand etwas. In einer leerstehenden Fabrikhalle wird die Leiche des 19-jährigen Sebastian Schneider (Tobias Schäfer) gefunden. Der junge Mann war ein populärer Videoblogger, verlassene Orte und Gebäude, die sogenannten "Lost Places", im Mittelpunkt seiner von 100.000 Followern angeschauten Clips.

Aus dem Paralleluniversum

Die Spur führt zu seiner Freundin Emily Fisher (Emilia Bernsdorf) und ihren Eltern: Raymond (Kai Scheve) und Gretchen Fisher (Tessa Mittelstaedt) kommen aus den USA, sind bestens integriert, er bei einem großen Versicherungskonzern in oberer Etage unterwegs, sie für das amerikanische Konsulat in Frankfurt. Dass die beiden immer mal wieder unvermittelt englische Satzbrocken herauspoltern? Ist halt die Muttersprache. Dass es Milch und Kekse gibt, wenn die Kommissare zum Befragen kommen? Warum nicht, ist doch nett. Aber ob es sich bei den Kurzwellen-Geräten im Keller wirklich um Papas Transistor-Sammlung handelt? Das mag doch bezweifelt werden.

Es ist der zwölfte Einsatz für das ungleiche Frankfurter Gespann und die beiden haben sich mittlerweile nicht nur gut miteinander zurechtgeruckelt, auch der Mix dieser oftmals im Abseitigen platzierten Storys weiß zu unterhalten. Geisterhäuser gibt es diesmal zwar nicht, dafür einen schmuck eingerichteten Bungalow - im wirklichen Leben übrigens früher mal das Zuhause von Krimi-Bestsellerautorin Nele Neuhaus - darin aber wohnt eine Familie aus dem Paralleluniversum, einem außenpolitischen Darkroom, in dem nicht einmal die Tochter weiß, dass Mami und Papi nicht die sind, für die man sie hält.

Klingt erst einmal nach einer soliden Sonntagssause, gerät aber schneller aus den Fugen, als man 'Informant' sagen kann. Dialoge und Gesten, kleine Storylines und Szenen, vieles zwischen platt und plakativ angelegt. Wie da die gute Tessa Mittelstaedt, die einstige Kollegin von Ballauf und Schenk, ständig stoisch in die Gegend guckt, das soll wohl dramatisch wirken, verbreitet aber nur diffuse Leere. Nicht nur auf ihrer Seite des Plots, auch bei den Kriminalen, mal grillend am Main-Ufer, dann bei wie vom Prompter abgelesenem Ermittlungstalk, kommt nie Wallung ins Geschehen. Da kann Brix noch so sauer auf den Verhörtisch hauen. Wer hier gegen 21 Uhr eingenickt ist, wird wohl erst wieder - Peng! Kreisch! Schluchz! - zum überdrehten Finale wach.

Quelle: ntv.de