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"Polizeiruf" als irrer Trip Wahnsinniges aus München

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Dass der Tod bei dieser Polonaise vorangeht, kann ohne Gefahr als schlechtes Omen gewertet werden.

(Foto: BR/maze pictures GmbH/Hendrik He)

Verena Altenberger muss sich in ihrem zweiten Fall als Kommissarin Eyckhoff mit schlüpfrigen Börsenhändlern, gierigen Kollegen und einer internen Ermittlung herumschlagen. Ob sich die Zuschauer mit diesem "Polizeiruf" herumschlagen oder ihn genießen, ist dagegen eine Frage der Perspektive.

Als der italienische Kultregisseur Michelangelo Antonioni 1970 einen Film über die amerikanische Hippie-Bewegung in die Kinos brachte, waren sich die Kritiker einig: Antonioni hat sie nicht mehr alle. In "Zabriskie Point" gibt es eine wirre Handlung, der man kaum folgen kann, unglaublich untalentierte Schauspieler und Szenen, die jeglicher Logik entbehren. Da eskaliert eine Wüstenszene unerklärlicherweise in Nullkommanichts zu einer Massenorgie, am Ende des Films explodiert dann auch noch ein und dieselbe Villa immer und immer wieder - während Hähnchenschenkel, eine Cornflakes-Packung und Unmengen schicker Klamotten in Zeitlupe durch die Luft fliegen, spielt im Hintergrund der psychedelische Soundtrack von Pink Floyd. "Zabriskie Point" ist eher ein wilder Trip als ein normaler Film - und wird deswegen heute von Cineasten als Kultstreifen verehrt.

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Auch Eyckhoff (Verena Altenberger) selbst geht im "Zabriskie Point" aus sich heraus.

"Zabriskie Point" heißt auch die Kneipe, die den Münchener Kommissaren im neuen "Polizeiruf 110" Heimat und heimliches Hauptquartier zugleich ist: Kommissarin Eyckhoff (Verena Altenberger) und ihre Einheit feiern darin wilde Partys, konspirieren miteinander, werden von schlüpfrigen Unternehmerinnen angegraben, ballern aus Frust in die Wände oder pissen auch schon mal ins Spülbecken. Allgemein eskalieren die Situationen in und um die Kneipe herum in teilweise atemberaubender und für einen Sonntagabendkrimi ungewohnter Art und Weise. Autor Günter Schütter und Regisseur Dominik Graf machen also keinen Hehl aus ihrem filmischen Vorbild.

Ein Film wie ein Trip

Wer einen handelsüblichen Krimi mit nachvollziehbarer Tätersuche oder ganz allgemein einer in sich stimmigen Handlung erwartet, wird mit "Die Lüge, die wir Zukunft nennen" deshalb wahrscheinlich nicht besonders glücklich. Dabei sind die Anlagen für einen nachvollziehbaren und spannenden Plot durchaus vorhanden: Eyckhoff muss in ihrem zweiten Fall eine windige Finanzfirma überwachen, die an der Börse offenbar Insiderhandel betreibt. Das Team der Kommissarin will sich den Wissensvorsprung zunutze machen und investiert viel Geld in eine Aktie, die tatsächlich zunächst auch ihren Wert verdoppelt - bis die Börsenaufsicht die Aktie einfriert und interne Ermittlungen einleitet.

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Nette Polizisten mit großen Geldsorgen: Eyckhoffs Einheit.

Eyckhoff muss in der Folge nicht nur einen Loyalitätskonflikt mit sich selbst ausfechten, sondern erliegt auch noch dem Charme eines undurchsichtigen Börsenaufsichtlers, mit dem zusammen sie hinter ihren eigentlichen Kollegen her ermitteln soll. Anders als im Original ist die schauspielerische Leistung der Münchner Ermittler zwar durch die Bank hervorragend, aber trotzdem alles andere als glaubwürdig: Das Drehbuch legt den Protagonisten stellenweise ebenso hölzerne Dialoge wie im Vorbild in den Mund, die irren Wendungen, die sich im Akkord durch den Film ziehen, tun ihr Übriges.

Über jeden Zweifel erhaben sind dafür der melancholische Soundtrack und eine Kamera, die richtiggehend mystische Bilder aus dem Großstadtdschungel auf den Bildschirm zaubert. All das zusammen erzeugt eine ganz eigene Art von Faszination, der man durchaus erliegen kann, wenn man sich auf sie einlässt und nicht allzu viel hinterfragt - also ungefähr so wie auf einem echten Trip eben auch. Nach Altenbergers erstem Fall, der ja eher Fiebertraum als klassischer Film war, bildet sich eine ganz eigene Handschrift also auch bei "Die Lügen, die wir Zukunft nennen" heraus: Welche Münchener Parallelwelt wohl als nächstes auf uns wartet?

Quelle: ntv.de