Panorama

Impfstrategie, Vakzine, Fehler Alexander Kekulé: "Corona kam, um zu bleiben"

imago0096534968h.jpg

Alexander Kekulé setzt einen stärkeren Fokus auf die erste Impfung. Er ist sich sicher, dass wir damit die schweren Krankheitsverläufe minimieren können und das "Sterben beenden".

(Foto: imago images/Klaus W. Schmidt)

Deutschland macht bei der Pandemie-Bekämpfung vieles richtig, sagt der Epidemiologe und Virologe Alexander Kekulé, nur leider immer viel zu spät. Egal, ob bei Lockdown, Maskenpflicht, Schnelltests oder Impfen. Dennoch ist er optimistisch. Im Gespräch mit ntv.de erklärt Kekulé, wie wir die Sterblichkeit senken und die Mutanten in Schach halten können. Und warum das Coronavirus, auch wenn es nicht mehr verschwinden wird, bald seinen Schrecken verlieren könnte.

ntv.de: Herr Kekulé, wie ist die Lage, wo stehen wir?

Prof. Alexander Kekulé: Wir sind an dem Punkt, wo das Ende des Tunnels in Sicht ist und wo wir mit ein bisschen Disziplin und deutscher Gründlichkeit in der Lage sind, uns bis zum Sommer, wenn es wieder wärmer wird und die Fallzahlen runtergehen, irgendwie durchzuhangeln. Wir haben die Chance, bis zum September soweit geimpft zu sein, dass die Sterblichkeit ganz massiv zurückgeht und damit für uns diese Pandemie ihren Schrecken verloren hat. Natürlich, wir werden auch durch die Mutanten weitere Infektionen sehen. Es wird auch eine Herbst-Welle geben, hoffentlich nur eine kleine. Aber vor dem Hintergrund einer Bevölkerung, die zum großen Teil geimpft ist.

Wann werden wir endlich einen Effekt der Impfkampagne spüren?

Wir müssen bei Effekten der Impfkampagne unterscheiden zwischen dem Einfluss auf die Sterblichkeitszahlen und dem epidemiologischen Effekt, also auf das Infektionsgeschehen. Bei der Sterblichkeit ist es so, dass wir jetzt schon einen gewissen Effekt sehen. Die Sterblichkeit beginnt sich zu entkoppeln von der Inzidenz. Das ist der eigentliche Gamechanger.

Gamechanger?

Ja, wenn sich die Sterblichkeit von der Inzidenz nachhaltig entkoppelt hat, dann sind wir durch. Wie weit das bereits gelungen ist, werden wir den nächsten Wochen sehen.

Also wenn die Inzidenz, egal wie hoch, keine Rolle mehr spielt, weil praktisch niemand mehr stirbt?

Richtig, von extrem hohen Werten einmal abgesehen.

Wie machen wir das, das Entkoppeln?

Das kann man am besten erreichen, indem man speziell die Risikogruppen immunisiert. Und das möglichst schnell.

Alexander S. Kekulé

Kekulé ist seit 1999 Inhaber des Lehrstuhls für Medizinische Mikrobiologie und Virologie der Martin-Luther-Universität in Halle an der Saale und Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums. Der 62-jährige ausgebildete Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie beschäftigte sich in den letzten 30 Jahren vor allem mit Infektionskrankheiten und der Influenza-Pandemieplanung. Während der Corona-Pandemie wurde er zu einem der wichtigsten Stimmen der Wissenschaft. Viele seiner Vorschläge und Forderungen wurden anfangs zurückgewiesen, finden heute aber breite Zustimmung und wurden oft umgesetzt.

Und die Inzidenz ist dann egal?

Wie lange die Inzidenz noch als Gradmesser für notwendige Maßnahmen herhalten kann - klar, die Frage stellt sich dann. Aber erst dann.

Beim Impfen kommen wir aber doch ganz gut voran. Trotzdem sagen Sie: Wir sollten das ganze Impfen umstellen. Und zwar zunächst eine Erstimpfung für alle. Erst danach sollte man Impfdosen für eine zweite Impfung verwenden.

Genau. Gerade ist es so, dass wir mit den Impfungen in den Heimen und insgesamt bei den vulnerablen Gruppen auf einem sehr guten Weg sind. Vor allem in den Heimen. Das war das Wichtigste. Erstens wegen des Alters. Wir wissen ja seit Langem, dass die Altersverteilung der Sterblichkeit die Form eines Eishockey-Schlägers hat. Die ganz Jungen sterben extrem selten an Covid. Erst ungefähr ab Mitte 50 geht es plötzlich hoch und so richtig steil steigt die Gefahr ab Mitte 60 an. Zweitens, weil wir wissen, dass es weltweit bei Ausbrüchen in Heimen eine überdurchschnittlich hohe Sterblichkeit gab. Jetzt müssen wir aus meiner Sicht von Alt nach Jung das Risiko Schritt für Schritt runterfahren.

Aber das machen wir ja. Sie sagen dennoch: Erstmal alle einmal impfen.

Ja, wir hätten es so machen müssen wie in Großbritannien. Zunächst nur einmal impfen. Wie zu erwarten war, kommen die Impfstoffe langsamer, als man sich das wünschen würde. Das ist kein Vorwurf gegen die Hersteller, sondern der komplexen Produktion und Logistik geschuldet. Deshalb war es von Anfang an klar, dass wir nicht gleich aus dem Vollen schöpfen können, um alle gleich zweimal zu impfen. Deshalb: Erstmal möglichst viele, von Alt nach Jung, einmal. Und später kann man dann die zweiten Impfungen angehen.

Was würde sich dadurch ändern?

Es dient einzig und allein dem Effekt, die Sterblichkeit zu entkoppeln von der Inzidenz. Ich sage es mal so plakativ: Damit können wir das Sterben beenden. Und damit hat diese Krankheit plötzlich ein ganz anderes Gesicht und verliert einen Teil des Schreckens.

Bei welchen Impfquoten wäre denn das Ziel, das Sterben zu beenden, erreicht?

Es kommt auf die altersabhängigen Quoten an, nicht auf die Impfquote der Gesamtbevölkerung. Wenn man zunächst nur einmal impft, werden doppelt so viele Menschen geschützt, jedenfalls vor tödlichen Verläufen. Es kann meiner Meinung nach nicht sein, dass ein großer Teil der mRNA-Impfstoffe für die Zweitimpfungen junger Leute verwendet wird, etwa für medizinisches Personal und Polizisten, statt es denen zu geben, die morgen auf den Intensivstationen liegen - also Menschen in der Altersgruppe zwischen 65 und 80, die ein viel höheres Sterberisiko haben.

Gibt es auch Gegenargumente? Gründe, die gegen eine Erstimpfung für alle sprechen?

Das härteste Gegenargument ist ein rechtliches. Der Bundesgesundheitsminister würde sagen: Was mache ich, wenn dann doch einer stirbt, der nur einmal geimpft wurde? Denn er muss sich rechtlich absichern. Die Hersteller haben eine Zulassung mit einem bestimmten Impf-Protokoll bekommen. Das Intervall zwischen den Impfungen ist in den Zulassungs-Studien so gewählt worden, weil man eine möglichst hohe Immunität erzielen wollte - dass insbesondere die mRNA-Impfstoffe so gute Schutzquoten erzielen würden, konnte ja niemand ahnen. Und jetzt sagt die ständige Impfkommission, das bei der Zulassung festgelegte Intervall muss eingehalten werden.

Was ist mit dem möglichen vermehrten Aufkommen von Mutanten nach Erstimpfungen?

Ja, das Argument vertreten einige meiner Fachkollegen. Sie sagen: Es könnte ja sein, dass das Virus, wenn es vermehrt auf Menschen mit unvollständigem Impfschutz trifft, schneller mutiert. Das halte ich, kurz gesagt, für an den Haaren herbeigezogen. Es gibt nur ganz wenige exotische Sonderfälle, wo so etwas ansatzweise beobachtet wurde. Bei menschlichen Viren wüsste ich gar kein Beispiel. Und die Varianten in Großbritannien, Brasilien, Südafrika und jetzt in Indien sind alle lange vor Beginn der Impfungen entstanden. Das kommt mir ein bisschen so vor, als würde es in einem Gebäude brennen und die Feuerwehr würde sagen: Wir schicken da keine Leute rein, denn wenn da ein Kittel Feuer fängt, könnten wir das Feuer noch zusätzlich anfachen. Vor einer symptomatischen Covid-Erkrankung schützt die erste Impfung bereits zu 80 Prozent, gegen schwere Verläufe und Tod ist die Schutzwirkung noch höher. Das sollten wir nutzen.

ANZEIGE
Der Corona-Kompass: Wie wir mit der Pandemie leben und was wir daraus lernen können
22,00 €
Zum Angebot

Mutanten entstehen also so oder so …

… richtig, andauernd.

Und wie viele Mutanten gibt es?

Wahrscheinlich Hunderte.

Hunderte?

Ja, es gibt seit Monaten viele, viele Mutanten, die weltweit zirkulieren. Drei davon sind als gefährlich eingestuft. Die britische, B.1.1.7, die südafrikanische B.1.351 und die brasilianische P1. Eine vierte, die indische B.1.617, wird wohl in Kürze diesen Status "Variant of Concern" bekommen. Das ist aber nur die Spitze eines riesigen Eisbergs.

Und es wird weitere Mutationen geben?

Ja, das Virus verändert sich seit dem Überspringen aus dem Tierreich ständig, es optimiert sich, um sich an seinen neuen Wirt anzupassen. Das passiert nicht in einem Schritt nach dem anderen, sondern an vielen Orten der Erde gleichzeitig. Wir beobachten gerade, wie unabhängig voneinander in verschiedenen Ländern sehr ähnliche Varianten entstehen, die fast identische Mutationen haben. Wir nennen das konvergente Evolution. Die Fledermäuse haben Flügel entwickelt, die denen der Vögel sehr ähnlich sind, weil man damit am besten fliegen kann. Der australische Beutelwolf sieht unserem Wolf sehr ähnlich, weil sich beide für die Jagd optimiert haben. Und die Varianten des neuen Coronavirus haben ähnliche Mutationen, weil sie damit den Menschen besser infizieren und sein Immunsystem austricksen können.

Konvergenz heißt also die Ausbildung ähnlicher Merkmale, ähnlicher Veränderungen an verschiedenen Orten zur gleichen Zeit.

Genau. Wir sehen zum Beispiel, dass eine Veränderung an Position 484 des Spike-Proteins, mit dem das Virus an die Zellen unseres Lungengewebes andockt, einmal in Südamerika, einmal in Brasilien und nun auch in Indien entstanden ist.

Es gab ja bereits im letzten Sommer die Theorie, vielleicht auch die Hoffnung, dass Mutationen das Virus abschwächen. Das Virus will seinen Wirt, den Menschen, ja nicht umbringen, wird also möglicherweise infektiöser, aber weniger gefährlich. War diese Hoffnung berechtigt?

Ja, absolut. Das hatte ich ja bereits Anfang 2020 vorhergesagt - das ist aber nichts Besonderes, sondern common sense unter Virologen. Das Virus wird im Laufe der Zeit ansteckender. Zugleich nimmt seine krankmachende Wirkung ab, was zum Teil auch daran liegt, dass unser Immunsystem dazulernt. Das neue Coronavirus ist ja deshalb so gefährlich, weil es gerade aus dem Tierreich kam und auf eine immunologisch naive Population trifft.

Sie meinen, der menschliche Körper, unser Immunsystem wusste nicht, was zu tun ist?

Ja, für solche Situationen gibt es auch historische Beispiele. Als im 19. Jahrhundert die Masern auf den Färöer-Inseln ausbrachen, gab es ungewöhnlich viele Tote. Nicht, weil das Masern-Virus sich verändert hatte, sondern weil die Einwohner dieser isolierten Inselgruppe mehrere Generationen lang keine Masern gehabt hatten - sie waren gegenüber den Masern immunologisch naiv, deshalb starb ein hoher Anteil der Erkrankten. Später wurden die Masern dann auch auf den Färöern eine mehr oder minder harmlose, jedenfalls nur selten tödliche Kinderkrankheit. So wird sich auch Covid irgendwann zu einer Infektionskrankheit unter vielen entwickeln. Wir werden dann keinen Grund mehr haben, das neue Virus mit allen Mitteln zu bekämpfen - das ist dann gut für uns, aber auch gut für das Virus.

Und wir haben die Impfungen.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir alle paar Jahre impfen müssen, um das Virus in Schach zu halten. Es wird nach meiner Einschätzung aber nicht vollständig verschwinden - Corona kam, um zu bleiben. Zum Glück hat mich vor einem Jahr niemand gefragt, wie lange die heiße Phase der Pandemie dauern wird. Sonst hätte ich wahrscheinlich gesagt: In vier bis sechs Monaten haben wir das Virus unter Kontrolle. Das war bisher meine schwerste Fehleinschätzung in dieser Pandemie.

Was war der Grund für diese Fehleinschätzung?

Ich habe die letzten Jahrzehnte damit verbracht, mich mit Pandemie-Prävention zu beschäftigen. Schon in den 1990er-Jahren habe ich mich für eine bessere Vorbereitung auf Ausbrüche neuartiger Erreger eingesetzt und auch die ersten Pandemie-Pläne mitgestaltet. Mein anfänglicher Optimismus war wohl einer Art Déformation professionelle geschuldet (lacht). Jemand, der sich sein halbes Leben lang dazu Gedanken gemacht hat und nur mit Leuten zusammen war, die auch nichts anderes im Kopf hatten, musste wohl denken, dass wir nicht so viel falsch machen können, wenn wirklich einmal eine Pandemie kommt.

Also Sie haben nicht das Virus unterschätzt, sondern die Reaktion der Politik, die viel zu zögerlich war?

Es gab ja die Pläne. Und die asiatischen Länder haben es vorgemacht. Auch andere, wie Uruguay, die haben einfach die Pläne aus der Schublade geholt und gesagt: "Ok, hier ist unser Plan, den arbeiten wir jetzt ab." Und solche Pläne hatten wir ja auch in Europa. Doch aus Gründen, über die in Zukunft wahrscheinlich noch viele Bücher geschrieben werden, haben wir uns nicht an unsere eigenen Pläne gehalten.

Wie hätten wir es besser gemacht? Wer hat es besser hinbekommen?

Beispielsweise hat Thailand sofort alle Reisenden aus China kontrolliert. Südkorea hat es genauso gemacht. Taiwan ebenfalls. Auch Singapur ist in der Pandemiebekämpfung sehr erfolgreich. Australien hat es nach anfänglichen Schwierigkeiten jetzt wohl hingekriegt und von Neuseeland muss man gar nicht reden. Die Premierministerin von Neuseeland, Jacinda Arden, hat ganz früh das Motto ausgegeben: "Go hard, go early". Das ist letztlich das Erfolgsrezept. Man muss früh handeln und man muss konsequent handeln.

Wie hätte das ausgesehen?

Wenn Sie in Singapur sind, da heißt die Regel einfach: Wenn du dein Haus verlässt, musst du eine Maske aufhaben. Ich finde es total absurd, auf der Straße eine Maske zu tragen. Aber die schreiben es deshalb vor, weil sie es so besser kontrollieren können. Meine Regel für die Mitteleuropäer wäre fast genauso einfach: Wenn du im geschlossenen Raum mit Menschen zusammen bist, die nicht aus deiner Wohnung sind, ziehst du eine Maske an. Punkt. Aber wie Sie wissen, haben viele Fachkollegen und Politiker meinem Vorschlag anfangs vehement widersprochen. Mit der Regel hätten wir die Pandemie schon längst im Griff. Nur mit dieser einen Regel.

Auch bei schwerer Arbeit? In der Schule?

In besonderen Situationen, in denen man partout keine Maske tragen kann, können Schnelltests die Lücken schießen.

Warum ist das nicht von Anfang an passiert, wenn es so einfach gewesen wäre?

Weil zunächst so gut wie nichts unternommen wurde. Die Europäer haben den Startschuss überhört. Und so kam es im Februar 2020 zum Sündenfall dieser Pandemie. In Italien und auch in anderen europäischen Ländern ging die Politik davon aus, dass dieses Virus für uns keine große Gefahr ist. In Deutschland hat ja auch RKI-Präsident Lothar Wieler gesagt: Das Virus wird sich in Europa nicht wesentlich ausbreiten. Und in Italien war es sogar so, dass der Gesundheitsminister angeordnet hat, nicht mehr auf Corona zu testen. Dadurch wurde der italienische Ausbruch, bei dem sich zum ersten Mal eine ansteckendere Variante des Virus durchgesetzt hat, nicht erkannt. Aus dem Wuhan-Typ B wurde damals der neue Typ B.1., von dem fast 100 Prozent der weltweiten Virusvarianten abstammen.

Wir leiden heute weltweit unter den europäischen Versäumnissen von Anfang 2020?

So könnte man das sagen. Ich hätte das auch nicht für möglich gehalten. Ich war entsetzt, als damals Bundesgesundheitsminister Jens Spahn von der ersten Beratung mit seinen europäischen Amtskollegen zurückkam und stolz verkündete, man wolle in dieser Sache eng zusammenarbeiten. Das war alles. Die Gesundheitsminister der EU hatten also beschlossen, erst einmal gar nichts zu tun. In diesem Moment hat Europa die Chance verpasst, der Pandemie gleich zu Anfang einen deutlichen Dämpfer zu verpassen. Die dadurch verlorene Zeit fehlt uns jetzt bei den Impfungen auf den letzten Metern bis zur sogenannten Herdenimmunität.

Am Anfang hieß es ja, Masken seien Bakterienschleudern, und vom Tragen wurde abgeraten.

Ja, furchtbar. Ich hatte ja im Januar 2020 sofort gesagt, wir brauchen Einreise-Kontrollen für Reisende aus Wuhan. Da unkten einige, der Kollege Kekulé sei ein Panikmacher. In der Folge landeten in Europa noch viele Wochen lang täglich Tausende Reisende aus China. Aus dem damaligen Corona-Hotspot Teheran kamen sogar noch bis zwei Wochen nach Beginn des ersten Lockdowns die Flieger. Und das alles ohne jede Kontrolle, während anderswo Corona-Tests und Quarantänen bereits selbstverständlich waren. Später habe ich ein Konzept vorgelegt, das europaweite Tests schwerer und ungewöhnlicher Atemwegsinfektionen auf Covid vorsah, weil das Virus nach meiner Beurteilung wahrscheinlich schon da war. Auch das wurde nicht umgesetzt, weil das Virus ja angeblich keine Gefahr für Europa war. Dann kam die bekannte Auseinandersetzung um meinen Vorschlag für 14 Tage "Coronaferien", die ja nichts anderes als ein sehr früher Lockdown gewesen wären. Bei den Masken habe ich dann sogar mit Freunden aus der Werbebranche eine Kampagne gestartet ...

..."Kein Held ohne Maske"...

... da hieß es, Masken wären gefährlich. Wegen der Bakterien, und weil die Leute sich in falscher Sicherheit wiegen würden. Seit März 2020 gab es in Asien die Schnelltests. Ich habe eine europäische Gemeinschaftsanstrengung gefordert, um sie schnell und in großer Zahl auch bei uns zu produzieren. In Berlin dachte man wohl, das sei der nächste Quatsch aus Halle. Die Schnelltests, hieß es, die funktionierten nicht richtig und gäben eine falsche Sicherheit. Genau die gleichen Schnelltests, an denen übrigens seitdem absolut nichts geändert wurde, sind heute überall im Einsatz. Interessanterweise machen wir in Europa in dieser Pandemie irgendwann alles richtig, aber eben meistens zu spät - wie ein zu langsamer Surfer, der mit seinem Brett der verpassten Welle hinterherpaddelt. In der Bekämpfung einer pandemischen Welle entscheidet aber das richtige Timing über Leben und Tod.

Kommen wir zu den Impfstoffen. Sie sagen, die Vektorimpfstoffe sind Impfstoffe zweiter Klasse?

Ja, das muss man wohl so feststellen. Aber auch mit einem zweitklassigen Impfstoff kann man sich ausreichend schützen, genauso wie man nicht nur in der ersten Klasse der Bahn ans Ziel kommt. Wir können froh sein, dass es die Vektorimpfstoffe gibt, zumindest solange die mRNA-Impfstoffe noch nicht ausreichend verfügbar sind.

Virologin Sandra Ciesek sagt, die Vektorimpfstoffe werden schlechtgeredet und das Thema Nebenwirkungen, auch die Thrombosen, sei überbewertet.

Es geht hier nicht um eine wissenschaftliche, sondern um eine ethische Frage. Die Nebenwirkungen sind auf jeden Fall sehr selten, wahrscheinlich liegt das Risiko irgendwo zwischen 1:20.000 und 1:1.000.000. Meines Erachtens sollten wir der Bevölkerung sagen: "Wir haben da möglicherweise ein Problem erkannt. Wir halten jetzt die Impfungen erst einmal an. Wir analysieren dieses Problem genau. Wir werden dann im Ergebnis der Analyse feststellen, welcher Teil der Bevölkerung ein besonderes Risiko hat, sodass das Risiko eingegrenzt werden kann. Danach werden wir den Impfstoff wahrscheinlich wieder freigeben auf Basis einer neuen Risikobewertung." Das wäre meines Erachtens der richtige Weg. Es gibt da aber auch die Gegenposition.

Die etwa von Karl Lauterbach und die europäische Arzneimittelbehörde EMA vertreten wird.

Ja. Ich halte diese ebenfalls für nachvollziehbar und legitim. Sie lautet: Wenn wir erst erstmal einräumen, dass es ein Problem gibt, dann verlieren die Menschen das Vertrauen in den Impfstoff, vielleicht sogar in Covid-Impfungen allgemein. Dadurch gibt es am Ende mehr Tote als durch die seltenen Nebenwirkungen. Letztlich geht es um die Frage, ob man einige wenige sterben lassen darf, um sehr viele zu retten. Das wurde ja auch im Zusammenhang mit dem Abschuss entführter Passagierflugzeuge diskutiert. Nach meiner Überzeugung geht das nicht, weil eine Mehrheit von Menschen nicht zu ihrem eigenen Vorteil den Tod einer Minderheit in Kauf nehmen darf. Aber das kann man, wie gesagt, auch anders sehen.

Würden Sie sich mit Astrazeneca, Johnson & Johnson oder gar Sputnik V impfen lassen?

Na, ich bin 62 und männlich. Ich würde das machen. Bei Sputnik gibt es allerdings bislang keine Daten. Ich hätte mich auch gleich zu Anfang mit der chinesischen Geheimwaffe von Sinovac impfen lassen (lacht). Das ist ein Totimpfstoff, dessen Wirkprinzip seit der Pocken-Impfung des 18. Jahrhunderts tausendfach erprobt ist. Das Zeug wirkt womöglich nicht richtig, kann aber zumindest auch nicht schaden.

Glauben Sie, dass es demnächst einen Impfstoff geben wird, der gegen alle Mutanten gleichermaßen wirkt? Vermutlich ein mRNA-Impfstoff? Oder werden wir uns jetzt auch jedes Jahr wie gegen die Influenza gegen Corona impfen lassen müssen?

Theoretisch wäre ein Universalimpfstoff gegen alle Varianten des Pandemievirus Sars-CoV-2 denkbar. Wie gesagt, scheint sich das Virus derzeit konvergent zu optimieren. Wie in einem Trichter laufen die weltweit entstehenden Varianten auf ein gemeinsames Ziel, einen Idealzustand zu. Das Virus mutiert nicht beliebig in alle Richtungen, sondern gerichtet, hin zu diesem Optimum. Es wäre denkbar, diese optimale Konfiguration mithilfe von Computerprogrammen vorherzusagen und einen Impfstoff zu entwickeln, der genau dagegen wirkt. Man würde das Virus sozusagen am Endpunkt seiner Entwicklung bereits erwarten. Ein solcher Impfstoff, der aus technischen Gründen am ehesten auf mRNA-Basis herstellbar wäre, könnte dann die Universalwaffe gegen das neue Virus sein.

Und da sollte man die brasilianische Mutation, P.1, als Grundlage nehmen?

P.1 vereint aus derzeitiger Sicht die übelsten aller üblen Eigenschaften des neuen Coronavirus. Die derzeitigen Daten deuten darauf hin, dass ein Impfstoff gegen P.1 auch gegen die anderen bekannten "Variants of Concern" aus Südafrika und dem Vereinigten Königreich schützen würde.

Und wann wird das so weit sein?

Mit Impfstoffen der Generation 2.0, die auch zuverlässig gegen die neuen Varianten wirken, rechne ich etwa ab September. Es wird dann natürlich noch eine Weile dauern, bis sie im großen Stil zum Einsatz kommen. Das ist übrigens ein weiteres Argument dafür, jetzt möglichst viele Menschen zuerst nur einmal zu impfen: Wenn die an die Varianten angepassten mRNA-Impfstoffe schnell kommen, kann man die zweite Impfung vielleicht schon damit machen.

Glauben Sie, dass wir mit diesen schmerzhaften Erfahrungen dieser Pandemie bei der nächsten besser aufgestellt sind in Europa? Haben wir etwas gelernt? Oder ist so etwas nicht zu verhindern?

Das ist eine schwierige Frage. Politik ist ja immer auch die Kunst des Machbaren. Der Politiker muss seine Ressourcen ökonomisch einsetzen. Nach dieser Pandemie wird das ganz große Problem erstmal die Bewältigung der wirtschaftlichen Nachwehen sein. Wir haben uns ja in der Pandemie viele Dinge geleistet, für die wir die Rechnung erst später bekommen werden. Wir haben auch viele wichtige Dinge liegen gelassen, etwa beim Umweltschutz, der Migration und der Bewältigung geostrategischer Konflikte. Die Dinge sind nicht nur liegengeblieben, sondern auch schwieriger geworden. Wenn man dieses Pandemie-Thema erstmal erledigt hat, werden Politiker und Bürger wahrscheinlich sagen: "Oh Gott, ich will davon nichts mehr hören. Ich bin so froh, dass ich mich jetzt um andere Dinge kümmern kann." Meine Hoffnung ist, dass es der Wissenschaft dann trotzdem gelingt, eine kleine Sparflamme am Bunsenbrenner anzulassen, mit der man sich unbeirrt für die nächste Pandemie vorbereitet.

Klingt pessimistisch.

Nein, ich sehe das eigentlich optimistisch, man muss dazu nur längere Zeiträume in den Blick nehmen. Wir waren in dieser Pandemie ja viel besser als bei der Spanischen Grippe von 1918. Wir haben den Erreger in Rekordzeit identifiziert, seine Übertragungswege aufgeklärt, Impfstoffe entwickelt und über das Internet weltweit in Lichtgeschwindigkeit kommuniziert. Noch deutlicher wird der Fortschritt, wenn Sie in die Zeit der Pocken oder der Pest zurückblicken. Man muss auch die großen Herausforderungen sportlich nehmen. Wenn genau das gleiche Coronavirus noch einmal käme, hätten wir das natürlich aufgrund unserer aktuellen Erfahrungen schneller unter Kontrolle. Aber es ist ja das Merkmal von Katastrophen, dass sie jedes Mal in einem völlig neuen Gewand daherkommen. Wir werden auch bei der nächsten Pandemie wieder Fehler machen. Aber durch den wissenschaftlichen Fortschritt werden die Auswirkungen dieser Fehler von Katastrophe zu Katastrophe geringer.

Mit Alexander Kekulé sprachen Tilman Aretz und Kai Stoppel

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.