Panorama

"Was ist denn da los bei euch?" Argentinier entsetzt über deutsche Zustände

Impfung in der argentinischen Stadt Quilmes.

Impfung in der argentinischen Stadt Quilmes. "Die Gesundheit ist unsere Verantwortung. Wir passen aufeinander auf", ist an der Wand zu lesen.

(Foto: AP)

Kein Kontinent ist bislang so hart von der Pandemie getroffen worden wie Südamerika. Nun wütet das Virus wieder in Europa. Schwappt die Megawelle über den Atlantik? Argentinien und andere Schlüsselländer der Region haben Deutschland etwas voraus.

Die argentinische Impfkampagne läuft den Zahlen nach wie geschmiert. Das öffentliche Leben hat sich bis auf ein paar Vorsichtsmaßnahmen vorerst auf eine neue Normalnull eingependelt. Die Intensivstationen des Landes arbeiteten in den vergangenen eineinhalb Jahren zeitweise am Limit, aber die Politik griff entschieden und ohne viel Federlesen durch. Die Wirtschaft leistet inzwischen sogar mehr als vor Beginn der Pandemie. Und nun steht der Sommerurlaub vor der Tür.

Das Schlimmste ist also überstanden. Oder etwa doch nicht?

Zuletzt waren es mehr als 260.000 Corona-Neuinfektionen in der EU täglich, davon rund 58.000 in Deutschland. In Argentinien sind es offiziell rund 2000, in ganz Südamerika etwa 20.000. Mit Schrecken verfolgen die Menschen vor Ort die Entwicklungen in Europa. Mutmaßlich ist die Dunkelziffer zwar höher, aber die Katastrophe findet derzeit zweifellos auf der anderen Seite des Atlantiks statt. Nun geht die Sorge um, dass es auch hier wieder schlimmer wird, die Krise noch lange nicht am Ende sein könnte. Deutschland, so schreibt es die argentinische Zeitung "Clarín", sei "das Symbol der neuen Megawelle". Schwappt diese Megawelle herüber? Wenn ja, wann und wie hoch?

Südamerika hat Deutschland überholt

Diese Fragen stellen sich auch Regierungen und Organisationen in der Region. "Immer wieder haben wir beobachtet, wie die Infektionsentwicklung in Europa hier einige Wochen später gespiegelt wurde", sagte etwa die Chefin der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation PAHO vergangene Woche: "Die Zukunft entwickelt sich vor unseren Augen, und es muss ein Weckruf für unsere Region sein, denn wir sind viel verwundbarer." Die PAHO ist der regionale Arm der UN-Weltgesundheitsorganisation WHO in der westlichen Hemisphäre. Diese teilte am selben Tag mit, es gebe "ein falsches Gefühl der Sicherheit, dass Impfungen die Pandemie beendet hätten und dass Geimpfte keine anderen Vorsichtsmaßnahmen bräuchten".

Schleppender Start, konstante Impfquote: Argentinier warten am Rande von Buenos Aires vor einem Sportklub auf ihre Impfung.

Schleppender Start, konstante Impfquote: Argentinier warten am Rande von Buenos Aires vor einem Sportklub auf ihre Impfung.

(Foto: AP)

Es ist zwar schwierig bis unmöglich, alle Länder der Region über einen Kamm zu scheren. Ohne sich an dieser Stelle in Details zu verlieren, gilt der Lehrsatz: mehr geimpfte Menschen, weniger Ansteckungs- und Todesrisiko. Vor allem in Zentralamerika und der Karibik gibt es viele Länder mit niedriger Impfquote. In Südamerika sieht es etwas anders aus. Der Kontinent hat inzwischen sogar die EU bei den Erstimpfungen überholt, trotz fehlender finanzieller Mittel, unzureichender Infrastruktur, mangelhafter öffentlicher Gesundheitsversorgung und weitreichender Armut: 73 Prozent der Menschen des Kontinents haben mindestens eine Dosis erhalten. In der EU sind es 71 Prozent.

Unter den großen Ländern sind Argentinien, Brasilien und Chile die Vorreiter. In Chile haben bereits fast 90 Prozent eine Erstimpfung erhalten, 84 Prozent sind doppelt geimpft. Das in den Medien häufig so gescholtene Brasilien hat inzwischen eine höhere Erstimpfungsquote als Deutschland und die EU. In Argentinien sind nur noch 8 Prozent der Erwachsenen ohne jeglichen Schutz. "Wir hoffen, im Dezember den Impfplan abschließen zu können", sagte die argentinische Gesundheitsministerin Carla Vizzotti. Auch solle geboostert werden, um "so gut wie möglich vorbereitet" in den Herbst zu kommen. Der beginnt im März kommenden Jahres.

Höhere Totenzahlen, kaum Randmeinungen

Derweil lesen die Menschen die Nachrichten über explodierende Zahlen in Übersee, oder dass die Berliner Charité als größte Universitätsklinik Europas fast alle Operationen verschoben hat, sie erfahren Informationsfetzen über neue Beschränkungen, das föderale Durcheinander, sehen die sich rot färbenden Karten, steigende Kurven und Zahlen. "Was ist denn da los bei euch?", fragen sie dann. Wie kann das sein, der Impfstoff ist doch da? Wieso braucht die Politik so lange? Sie verstehen kaum noch die Welt, wenn es heißt, dass viele sich weigern würden, sich impfen zu lassen, und damit alle gefährden.

Nach Argentinien dürfen seit 1. November vollständig geimpfte internationale Touristen wieder einreisen, nach eineinhalb Jahren Unterbrechung. In Brasilien waren sowohl die Reisebeschränkungen als auch die Gegenmaßnahmen im Land ohnehin nie so strikt wie beim südlichen Nachbarn. Auch Chile hatte sich abgeschottet und verfuhr mit knallharten Maßnahmen, ist aber inzwischen wieder für Geimpfte erreichbar und hat das öffentliche Leben flexibilisiert. Die Variante Delta hat sich kaum verbreitet. Es ist nicht eindeutig geklärt, warum. Aber es wurde geimpft, was das Zeug hält, wenn auch häufig mit weniger wirksamen Vakzinen wie Sinopharm oder Sputnik.

Kein Kontinent ist bislang so hart von der Pandemie getroffen worden wie Südamerika. Argentinien hat etwas mehr als die Hälfte der Einwohner Deutschlands, aber schon vor Monaten beklagte das Land 100.000 Pandemietote. Hier, aber auch in Brasilien oder Chile allein sind in Relation zur Bevölkerungszahl mehr Menschen gestorben als in der EU. Es dürfte ein Motivator für die anderen sein, die konstant in die Impfzentren gegangen sind. So wie es jetzt wieder in Deutschland geschieht, weil die Neuinfektionszahlen explodiert sind und die Intensivstationen gefüllt.

Ein weiterer Grund ist, dass die von Staat und Provinzen verordnete Schutzmaßnahmen nur am Rande infrage gestellt werden. Nicht jede Sau alias Einschränkung wird vorher und nachher fünfhundert Runden lang durch die Medien getrieben; Redaktionen geben Virologen wenig Raum für Wasserstands- und Randmeinungen, die zum Fastfood-Informationsbrei verkochen und den Leser häufig hungrig zurücklassen. Stattdessen wird eine implizite Abmachung zwischen Institutionen und Bevölkerung akzeptiert: Wir kümmern uns um den Impfstoff, aber um die Einschränkungen loszuwerden, müsst ihr euch impfen. Und zwar alle und so schnell wie möglich.

"So lange wie möglich hinauszögern"

Nun ist die neue Variante Omikron in der Welt. Daraufhin verkündete Argentiniens Gesundheitsministerium eine baldige digitale Impfnachweispflicht für viele Bereiche des öffentlichen Lebens und den Arbeitsplatz. 2G, 3G, 2G plus? Alles keine öffentliche Diskussion. Die indirekte Impfpflicht war laut Ministerium über mehrere Monate vorbereitet worden.

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Das krisengeschüttelte Land will seine wirtschaftliche Erholung nicht gefährden und keine schärferen Einschränkungen für alle. "Die Impfung ist eine gemeinschaftliche Handlung, keine individuelle", erklärte Gesundheitsministerin Vizzotti: "Wir müssen uns wieder darauf vorbereiten, jegliches Wiederaufkeimen zu minimieren und den Einfall der neuen Variante wie bei Delta so lange wie möglich hinauszuzögern."

In Argentinien stehen Sommer und Urlaub vor der Tür, viele werden aus Pandemiegründen und wirtschaftlichen Zwängen wie im vergangenen Jahr im eigenen Land reisen. Die Kontakte außerhalb des engeren sozialen Umfelds werden zunehmen, und damit das Ansteckungsrisiko. Eine Megawelle wie in Deutschland wird es zwar nicht, sagte ein argentinischer Infektiologe der Zeitung "Clarín". Aber: "Die Rechnung für weniger individuelle Vorsicht wird im März bezahlt, wie in diesem Jahr." Nur: Wegen der hohen Impfquote wird sie geringer ausfallen. Das gilt als sicher.

Quelle: ntv.de

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