Panorama

"Verliere Glauben an Politik"Atrin Madani über Öl, Völkermord und Doppelmoral im Iran

07.02.2026, 14:07 Uhr
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Atrin Madani in der Berliner "Bar jeder Vernunft". (Foto: IMAGO/Berlinfoto)

Es ist nicht leicht, ein junger Jazzmusiker in Deutschland zu sein. Atrin Madani war gerade im Studio, sein neues Album wird bald erscheinen. Wann, weiß er nicht, denn Jazz ist nicht die Top-Priorität deutscher Musikverlage. Dies ist jedoch ein kleineres Problem gegenüber dem, worüber er mit ntv.de spricht: Die Situation im Heimatland seiner Eltern, dem Iran.

ntv.de: Neulich habe ich mit Leyla Piedayesh über den Iran gesprochen. Ihr Fazit war, dass aus der ganzen Verzweiflung auch so etwas wie Mut wachsen kann. Siehst du das ähnlich?

Atrin Madani: Das ist auf jeden Fall ein schönes, optimistisches Bild. Mir persönlich fällt es schwer, das aufrecht zu erhalten. Es ist ja nicht das erste Mal, dass im Iran Unruhen sind. Ich erinnere mich daran, als ich die letzten Male im Iran war, 2009 und 2019. Dann kam 2022 die "Frauen Leben Freiheit"- Bewegung, und mein Bauchgefühl sagt mir gerade etwas ganz anderes: Es ist so viel krasser momentan. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann gibt es Tage, an denen ich keine Hoffnung mehr habe. Was soll denn noch passieren?

Weil das Volk so oder so leidet, meinst du?

Ja, ob es nun Sanktionen gibt oder andere Restriktionen. Das Regime leidet nie! Es ist bewiesen, dass solche Diktatoren leben wie kriminelle Großfamilien. Sie leben wunderbar vom Schwarzmarkt, und sie werden auch ihr Öl in jeder Situation los, egal was ist.

Die haben ihr Geld längst in Sicherheit gebracht, ihre Familie zu großen Teilen bereits ins Ausland verfrachtet.

Die Töchter und Söhne dieser Verbrecher leben das beste Leben in der Schweiz, Großbritannien, USA oder Kanada. Gehen auf die besten Internate, haben Häuser und dicke Autos.

Wie sollte man mit diesen Menschen denn umgehen?

Bestes Beispiel: Als der Ukraine-Krieg 2022 losging, sind die Vermögen von Oligarchen wie Abramowitsch eingefroren worden. Der musste seinen Fußball-Verein verkaufen, seine Familie wurde aus Großbritannien ausgewiesen. Ich will sagen: Bei den Russen hat man das recht schnell durchgesetzt. Bei den Iranern nicht. Da verliere ich den Glauben an die Politik, die hierzulange gemacht wird. Man ist ja noch weitestgehend geschäftlich aktiv mit dem Iran, und das nicht seit gestern, das war schon während der Ampel-Koalition so. 2022 war das Handelsniveau mit dem Iran auf einem Höchststand. Und das, kurz nachdem die "Frauen Leben Freiheit"-Bewegung gestartet ist. Man führt diese Geschäfte mit dem Iran, egal, welche Partei bei uns am Ruder ist, egal, wie offensichtlich es ist, was dieses Regime seit fast 50 Jahren vor allem seinem eigenen Volk antut.

Eine schreckliche Doppelmoral …

Natürlich. 2014 wird die Krim annektiert, 2018 fand ganz entspannt die Fußball-WM in Russland statt, da redete man gar nicht von Boykott. 2022 hatten wir eine Fußball-WM in Katar, wo unter schlimmsten Bedingungen die Stadien erbaut worden sind. Worüber wir uns aber nicht einigen konnten war eine "One Love"-Flagge, die die deutsche Fußballnationalmannschaft so sehr abgelenkt hat vom eigentlichen Thema, dass sie auf dem Fußballplatz vollkommen versagt hat (lacht). Damals wurde auch ein Boykott gefordert, aber bevor wir sowas wirklich durchziehen, halten wir uns das Öl und das Gas mal lieber heilig.

Und jetzt geht es weiter, im Iran …

Dort passieren die schlimmsten Dinge, die iranische Regierung finanziert die Hamas, finanziert die Hisbollah, Terrororganisationen in Nigeria, in Jemen, man gibt den Russen Drohnen für den Ukraine-Krieg und hat in Syrien mitgekämpft. Und mit denen macht man immer weiter Geschäfte. Ich verstehe die Welt nicht.

Sollte man die WM in den USA boykottieren?

Das wird die Welt leider nicht verbessern. Die Fifa ist ein korrupter Verein, das ist bekannt. Viel mehr Sorgen mache ich mir um unsere Gesellschaft: Zu erkennen, dass das, was im Iran gerade passiert, ein Völkermord ist, findet in meinen Augen nicht genug Beachtung. Zehntausende wurden erschossen, hingerichtet, Familien wissen nicht, wo ihre Angehörigen sind, man bekommt die Leichname nur gegen Bestechung. Das sind Tatsachen. Wir müssen uns aber von den Linken anhören, dass die Aufstände im Iran nicht vom Volk ausgehen, sondern dass das Inside-Jobs des Mossad oder der CIA sind. Was die Linke jahrelang fantastisch hingekriegt hat, ist, einen Antisemitismus zu versprühen, unter dem Deckmantel der Propaganda einer islamischen Regierung wie der des Iran. Ergo darf man den Iran nicht kritisieren, weil der ja in den Augen so einiger Mitmenschen die Befreiung des palästinensischen Volkes unterstützt. Und weil der Iran Hisbollah und Hamas finanziert – Anti-Imperialisten – ist der Iran gut. Was für eine perfide Logik! Damit kann ich persönlich die ganzen Möchtegern-Aktivisten und "Free Palestine"-Redenschwinger nicht mehr ernst nehmen.

Welche Veränderungen bemerkst du persönlich momentan?

Ich werde von einigen Menschen in den sozialen Medien blockiert, wenn ich genauer nachfrage, was da verbreitet wird. Oder ich werde angezweifelt, wenn ich zum Beispiel poste, dass das eigene Volk - eines der reichsten Länder der Erde - verhungert, weil das Regime alles Geld in den weltweiten Terrorismus investiert statt in seine Menschen.

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Atrin Madani und Sharon Brauner beim Benefizkonzert "gemeinsambunt - Unsere Stimme für ein vielfältiges Berlin" (2023). Madani ist deutsch-persisch, in seiner Band geht es multikulturell zu: "Ich möchte einfach mit hervorragenden Musikern arbeiten, Nationalität egal." (Foto: IMAGO/Future Image)

Was wäre, wenn dieses Regime weg wäre?

Dann wird es keine Hamas mehr geben und keine Hisbollah, und das wäre einigen Leuten ein Dorn im Auge. Was die Welt aber verstehen muss, ist, dass dann ein Schritt in Richtung Frieden für die ganze Welt gemacht wäre. Der Iran unterstützt Russland, Syrien, die Hamas, die Hisbollah, Jemen – nur, um die Welt zu islamisieren.

Wurdest du religiös erzogen?

Zero. Mein Vater hat noch den Schah und meine Mutter die Revolution erlebt, sie ist in einer ganz furchtbaren Zeit groß geworden. Als Frau hast du nach wie vor keine Rechte im Iran. Nach dem Sturz des Schahs war es so schlimm wie nie zuvor. Wenn man sich die Historie des Irans anschaut, kann man erkennen, dass der Iran kein klassisch muslimisches Land ist.

Ziehen die Iraner denn wenigstens an einem Strang?

Nein. Wir sind nicht geschlossen. Wir haben zum Beispiel Royalisten – ich persönlich wünsche mir keine Monarchie zurück – und ich wüsste momentan auch nicht, was Reza Pahlavi berechtigen sollte, als Herrscher in das Land zurückzukehren. Ich sehe aber ein großes Potenzial in diesem Land: Anders als andere, die glauben, dass in den letzten 47 Jahren so viel in den Köpfen und den Leben der Menschen dort kaputtgegangen ist, dass es schwierig wird, die Leute überhaupt wieder zu demokratisieren.

Das hat in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg funktioniert - einige werden widersprechen - aber grundsätzlich war es möglich.

Ja, Reformen von außen, mit einem Paukenschlag, das wäre vielen Iranerinnen und Iranern recht. Aber das war bisher einzigartig in der Geschichte, dass sich ein Land so reformieren kann wie Deutschland. Ob das auch mit dem Iran funktionieren würde, weiß ich nicht. Ich wünsche es mir sehr. Aber wir sind so zerstritten. Ich weiß nicht, wie das Land sich verändern kann. Diese Mullahs leben schon seit eh und je in dem Land, der Schah hat sie geduldet. Das sind Leute gewesen, die sind von Dorf zu Dorf gefahren, und haben für ein paar Cent mit und für die Einheimischen gebetet. Und diese primitiven Leute haben jetzt so viel Geld, die beste medizinische Versorgung, gepanzerte Autos, ihre Familien haben die besten Möglichkeiten, sowohl im In- als auch in Ausland.

Was sagen die Älteren?

Viele wünschen sich, "dass Trump kommt" und kurzen Prozess macht. Viele Ältere halten nichts vom Schah. Unter ihm gab es auch eine Gestapo-ähnliche Polizei. Es war ein Polizeistaat.

Sehen wir den alten Iran zu verklärt?

Er wird sehr romantisiert, was verständlich ist. Aber es war eine andere Zeit. Farah Diba war damals DIE Stil-Ikone, unsere Diana. Der schöne Schein. Nur ein Beispiel: Der Schah hatte damals eine Industrialisierung angeschoben und dem iranischen Volk Land gegeben. Die Bauern sind also aufs Land gezogen, aber das Land war total unfruchtbar. Dadurch entstand eine Hungersnot. Die meisten sind zurück nach Teheran gekommen, und da nahm dann die Revolution Fahrt auf.

Wie können sich die Iraner, die nicht im Iran sind, organisieren?

Viele wollen sich hinter den Sohn des Schahs stellen. Denn wir haben keine andere Führungsfigur. Auch, wenn wir keine Monarchie wollen. Jeder Umbruch bringt sehr viele Sorgen mit sich, wir haben gesehen, was der Arabische Frühling 2011 ausgelöst hat, sei es Syrien, Tunesien, Libyen. Denen geht es teilweise schlechter als zuvor.

Was wünschst du dir für den Iran?

Der Iran ist ein Vielvölkerstaat – es gibt Kurden, Baluschen, Parsen, Juden, Christen. Es gibt eine unbeschreibliche Vielfalt, in der Kultur, in der Landschaft, das Land könnte florieren! Ich wünsche mir, dass die Menschen nicht noch mehr leiden müssen. Ich mache mir große Sorgen. Die Tatsache, dass viele sagen, es kann nicht schlimmer werden als jetzt, ist grausam. Weil sie dann ins offene Messer laufen. Und ich wünsche mir, dass mehr Leute sich einsetzen, dass mehr Prominente Forderungen stellen. Bei Palästina haben sich so viele geäußert – der Iran scheint nicht in Mode zu sein. Ich hätte mir auch etwas mehr Rückgrat gewünscht von unserem Bundeskanzler. Friedrich Merz windet sich aus vielen Dingen heraus. Der einzige deutsche Politiker, der mal wirklich den Mund aufgemacht hat, war Norbert Röttgen.

Immerhin sind die Revolutionsgarden mittlerweile auf der Terrorliste der EU.

Ich bin trotzdem erschüttert und enttäuscht von der Welt. Wo sind die protestierenden Studenten? Wir haben unsere Diskussionskultur verloren, Stichwort canceln. Du musst nur eine Aussage treffen, die jemandem nicht passt, schon wirst du auf den sozialen Medien entweder rundgemacht oder blockiert. Wir sind ständig im Kampfmodus, jeder will seinen Standpunkt oder seine Ideologie durchbringen, koste es, was es wolle. Jeder ist heutzutage Nahost-Experte oder Politikwissenschaftler. Ich kann nur versuchen, anderen mit meiner Musik ein paar schöne Stunden zu bereiten.

Fliehst du selbst auch in die Musik?

Ich fliehe in alle möglichen Dinge (lacht). Die Welt geht, seit Corona, Schritt für Schritt zugrunde – es wäre jetzt an der Zeit, mehr in Kunst und Kultur zu investieren. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Musik sogar Linksradikale und Rechtsradikale an einen Tisch bringen könnte.

Mit Atrin Madani sprach Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de

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