Panorama
Montag, 15. September 2008

Aufwertung des Problemkiezes: Berlin-Neukölln im Wandel

Nach einem Hilferuf der Lehrer stand die Rütli-Schule im Frühjahr 2006 unter Polizeischutz.Als vor Monaten private Wachmänner vor der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln Stellung bezogen, rückte das Viertel mal wieder als sozialer Brennpunkt ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Gewalt, Jugendkriminalität, verfehlte Integration, Bildungsnotstand und Armut schienen dort stärker ausgeprägt zu sein als anderswo in Deutschland. Wer in Neukölln lebt, so das Klischee, ist arbeitslos, kriminell oder hat ausländische Wurzeln - oder alles zusammen.

Doch vor einiger Zeit hat in dem Problemkiez das eingesetzt, was Stadtsoziologen "Gentrifizierung" nennen: die Aufwertung eines Wohngebietes. Niedrige Mieten locken Studenten und kreative Freiberufler an, ihnen folgen Szene-Clubs, Öko-Shops, Sofa-Cafs und Designerläden. Plötzlich ist die Gegend für den Mittelstand attraktiv. So lief das im Berlin nach dem Mauerfall in Teilen von Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain. Und jetzt in Neukölln.

Neue Cafs, Bars und Geschäfte

Obwohl sich die Atmosphäre stark verbessert hat, bleib Gewalt weiterhin ein Thema."Hier eröffnen zurzeit ständig neue Cafs und Geschäfte", sagt Irfan Caglayan. Der 28-Jährige hat zusammen mit seinem Bruder im Dezember 2007 das Caf "Goldberg" im 50er-Jahre-Design in der Reuterstraße eröffnet. Der Reuterkiez mit den hübschen Altbauten nahe dem Landwehrkanal fiel ihnen auf, als ein Freund ein Jahr zuvor in die Gegend zog. "Schöne Cafs, Bars und Geschäfte gab es hier damals noch nicht." Dafür aber jede Menge Studenten, die wegen der günstigen Mieten und der Nachbarschaft zum szenigen Kreuzberg das Viertel als neue Heimat wählten.

Um Szene-Luft zu schnuppern, können die jetzt allerdings auf ihrer Seite des Kanals bleiben. Zwischen Maybachufer, Kottbusser Damm, Sonnenallee und Weichselstraße reihen sich mittlerweile Cafs, Bars, Restaurants und Ateliers aneinander. Und auch die Kultur hat Einzug gehalten. Zahlreiche kleine Galerien, Kunst- und Projekträume haben sich in zuvor leerstehenden Gewerberäumen ausgebreitet. Während des alljährlichen Kunst- und Kulturfestivals "48 Stunden Neukölln" gehört das Viertel inzwischen zu den angesagten Adressen.

Der Wandel hat sich jedoch keineswegs von selbst ergeben. Ermöglicht hat ihn eine Agentur, die im Auftrag des Quartiersmanagements Hauseigentümer mit Mietern zusammenbrachte. "Die Läden standen leer und waren teilweise in einem sehr schlechten Zustand", erzählt Quartiersmanagerin Ilse Wolter. Existenzgründer, Künstler und Handwerker mussten daher anfangs nur die Betriebskosten zahlen - die toten Schaufenster wurden dafür mit Leben gefüllt.

"Nicht so hochgeföhnt wie Mitte"

So hängen seit zwei Jahren die Dessous der Designerin Jutta Teschner in den Fenstern ihres Ateliers in der Friedelstraße. Dort fertigt sie für ihre erfolgreiche Marke "Fishbelly". "Die Mieten sind günstig. Und es gefällt mir hier. Neukölln ist nicht so hochgeföhnt wie Mitte oder Prenzlauer Berg." Ähnlich sieht das Sabine Trummer, die ein paar Straßen weiter ein Modeatelier betreibt: "Hier gibt es noch alteingesessene Berliner." Schade findet sie allerdings, dass die nicht in ihren Laden kommen - bei einem Arbeitslosenanteil von über 30 Prozent im Reuterkiez können sich viele die Preise nicht leisten. Dafür kommen Kundinnen mittlerweile sogar aus dem noblen Charlottenburg.

Dabei galt der Reuterkiez vor kurzem noch als gefährliches Pflaster. "Vor zehn Jahren war die Kriminalität in den Straßen hier sehr hoch", erinnert sich Caglayan. Auch die Rütli-Schule, die vor gut zwei Jahren durch einen spektakulären "Brandbrief" ihrer Lehrer bekanntgeworden war, liegt nur ein paar Straßen weiter. Nach Meinung der neuen Anwohner hat sich die Atmosphäre jedoch stark verbessert. Neu-Neuköllner Thomas Weyres, 26, Grafiker und Vater einer acht Monate alten Tochter, hat allerdings schon zwei Schlägereien zwischen Jugendgruppen beobachtet. "Da wird einem schon mulmig."

Keine Rede von Integration

Auch von Integration kann in dem Stadtteil, in dem rund 50 Prozent der Einwohner eine Zuwanderergeschichte haben, noch nicht die Rede sein. "Man lebt nebeneinander her", sagt Trummer. Zudem hätten Jugendliche sie "scheiß Deutsche" genannt, als sie vor ihrem Laden saß. "Die haben Angst, verdrängt zu werden", vermutet sie.

Diese Sorge haben auch andere im Kiez. "Vor ein paar Wochen wurde meine Miete erhöht", sagt Bernd K., der seit 38 Jahren in Neukölln lebt und vor der Kneipe "Zum lustigen Alfons" gegenüber vom "Goldberg" sitzt. Eine Konsequenz der Aufwertung des Stadtteils, glaubt er. "Wenn das so weitergeht, sind die alten Neuköllner hier bald weg."

Quelle: n-tv.de