Panorama

Stimme des deutschen Judentums Charlotte Knobloch wird 90 Jahre alt

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Charlotte Knobloch ist seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

(Foto: picture alliance / dpa)

Seit Jahrzehnten kämpft die Holocaust-Überlebende Charlotte Knobloch gegen Antisemitismus und für das Judentum. Heute feiert die gebürtige Münchnerin ihren 90. Geburtstag. Über das AfD-Ergebnis in Niedersachsen sei sie schockiert. Sie spricht von einem "Alarmzeichen für das ganze Land".

Sie ist die letzte Holocaust-Überlebende in einem öffentlichen Amt in Deutschland: Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, steht auch im Alter von 90 Jahren, das sie nun erreicht, an der Spitze der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und ist bis heute eine der wichtigsten Stimmen des Judentums in Deutschland. Als diese empört sie sich über den heutigen Rechtsextremismus - zugleich begegnet sie ihrem Heimatland Deutschland mit Optimismus und Patriotismus.

Knoblochs Worte nach der Landtagswahl in Niedersachsen und den erheblichen Zugewinnen der rechtspopulistischen AfD waren deutlich. "Um es klar zu sagen: Ich bin schockiert darüber, wie viele Stimmen bei Wahlen allein mit Angst und mit Hetze zu gewinnen sind", sagte sie und beklagte ein "Alarmzeichen für das ganze Land". Knobloch ist angesichts hoher Zahlen von rechtsextremen Taten in Deutschland immer als Mahnerin aktiv geblieben. Der Antrieb für ihr unerschütterliches Tun liegt vermutlich in ihrer eigenen Geschichte. "Jeder, der überlebt hat, hat eine Geschichte, die man einfach nicht glauben kann", sagte sie in einem ARD-Interview über ihr Überleben im Holocaust.

Traumatische Kindheit

Knobloch kam am 29. Oktober 1932 als Charlotte Neuland zur Welt. Schon drei Monate nach ihrer Geburt übernahm Adolf Hitler die Macht, der Nationalsozialismus zerstörte schon bald das Familienglück. Ihr Vater, der Rechtsanwalt Siegfried "Fritz" Neuland bekam Berufsverbot. Charlottes Mutter, die zum Judentum konvertiert war, brach unter dem Druck der Nazis mit der Familie - Charlotte wuchs bei ihrer Großmutter auf. Hautnah erlebte Charlotte in München die Pogrome vom 9. November 1938, wie sie in einer bewegenden Ansprache im vergangenen Jahr vor dem Bundestag sagte. "An der Hand meines Vaters irre ich durch die Straßen. Lärm. Geschrei. Rauch qualmt aus den Fenstern der Ohel-Jakob-Synagoge." Charlotte sieht, wie zwei SA-Schergen "Opa Rothschild" aus seinem Haus ziehen. "Blut läuft ihm übers Gesicht. Ich darf nicht stehen bleiben. Nicht stolpern. Nicht weinen. Nur nicht auffallen."

Als Charlotte neun Jahre alt ist, wird die geliebte Großmutter ins Konzentrationslager Theresienstadt gebracht, wo sie stirbt. Knobloch überlebt die NS-Zeit - ihrem Vater gelingt es, sie als angebliches uneheliches Kind bei einer tiefkatholischen Bäuerin in Franken zu verstecken. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrt sie nach München zurück. Auch ihr Vater bleibt dort. Vom ersten Tag an habe er gesagt, dass Deutschland eine Zukunft habe, sagte Knobloch gerade dem "Stern". "Er liebte seine Heimat, immer noch." Fritz Neuland wurde später Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in München. Seiner seit 1985 an deren Spitze stehenden Tochter ist zu verdanken, dass 2006 am zentralen Münchner Jakobsplatz ein beeindruckendes jüdisches Zentrum mit Synagoge eingeweiht werden konnte - ihr Lebenswerk. Im Jahr der Einweihung wurde Knobloch auch Präsidentin des Zentralrats der Juden. Vier Jahre bis 2010 hatte sie diesen Posten inne.

Es wurden allerdings schwierige Jahre für Knobloch, der manche vorwarfen, den Zentralrat bedeutungsloser zu machen. Auch bei der Integration der vielen aus Osteuropa eingewanderten Juden warfen ihr Kritiker Versäumnisse vor. In München war Knobloch stets unangefochten. Eigentlich hatte sie nach dem Zweiten Weltkrieg Deutschland dauerhaft verlassen wollen, so wie viele andere Holocaust-Überlebende. Doch mit ihrem Mann Samuel gründete sie eine Familie mit drei Kindern und blieb. Wie ihr Vater entwickelte sie auch eine Liebe zur Heimat, die sie in ihrer Bundestagsrede in einem Satz ausdrückte: "Ich stehe vor Ihnen - als stolze Deutsche." Und während einer ihrer Vorgänger an der Spitze des Zentralrats, Ignatz Bubis, sich in Israel begraben ließ, will Knobloch über den Tod hinaus in München bleiben. "Ich bin und ich bleibe in München - für alle Zeit. Das ist meine Heimat, ich gehöre hierher."

Quelle: ntv.de, lar/AFP

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