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Im Cockpit verlassen sich Pilot und Co-Pilot blind aufeinander.
Im Cockpit verlassen sich Pilot und Co-Pilot blind aufeinander.(Foto: dpa)
Donnerstag, 26. März 2015

Mit Absicht herbeigeführt: Copilot riss Passagiere mit in den Tod

Von Solveig Bach

Schon als Unglücksfall wäre der Absturz der Germanwings-Maschine mit 150 Menschen an Bord eine furchtbare Katastrophe. Doch es war offenbar kein Unfall. Und was Co-Pilot Andreas L. tat, ist durchaus kein Einzelfall.

Der Absturz der deutschen Germanwings-Maschine war offenbar kein tragisches Unglück, sondern die bewusste Entscheidung des Copiloten Andreas L. Die Informationen, die die Auswertung der letzten 30 Minuten im Cockpit ergeben hat, lassen nach Auskunft der Staatsanwaltschaft keinen anderen Schluss zu. Trotzdem fällt es Brice Robin, dem Staatsanwalt von Marseille, in der Pressekonferenz sichtlich schwer, das Ungeheuerliche auszusprechen.

20 Minuten lang gibt es demnach eine normale und höfliche Unterhaltung zwischen Pilot und Copilot, dann übergibt der Pilot das Kommando an den Copiloten, um möglicherweise zur Toilette zu gehen. Unmittelbar darauf bedient der Copilot das Flight Monitoring System, um einen Sinkflug einzuleiten. Das Unglücksflugzeug hatte in den acht Minuten vor dem Absturz die Flughöhe von 11.575 Metern auf etwa 2000 Meter verringert.

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Als sich der Pilot über die Gegensprechanlage meldet, um wieder in das Cockpit eingelassen zu werden, reagiert der Copilot nicht. Er atmet normal weiter, spricht aber kein Wort, während der Pilot gegen die Tür hämmert und später versucht, sie einzutreten. Währenddessen versuchten sowohl der Tower von Marseille als auch andere Flugzeuge, Kontakt mit der Unglücksmaschine aufzunehmen. Auf keinen dieser Versuche reagiert Andreas L. Dann signalisiert ein Alarm die rasche Annäherung der Maschine an den Boden. Kurz darauf zerschellt das Flugzeug in den französischen Alpen.

"Ich kann nur wiederholen, dass der Copilot den Sinkflug mit Vorsatz eingeleitet hat", sagt der Staatsanwalt. Es habe keine Veranlassung für ihn gegeben, das zu tun. Er habe keine Veranlassung gehabt, dem Piloten den Zugang zu verweigern. Er habe keinerlei Veranlassung gehabt, nicht auf Ansprache des Towers zu reagieren.

Erweiterter Suizid

Damit scheint ein Szenario wahrscheinlich, das schon bei anderen Abstürzen eine Rolle gespielt hat. Staatsanwalt Robin nennt es "individuelles Fehlverhalten" und schließt gleichzeitig einen terroristischen Hintergrund aus. Damit ist der einzig mögliche Schluss: L. handelte mit dem Ziel, zu sterben. Und er war bereit, seine Crewmitglieder und alle Passagiere mit in den Tod zu nehmen. Psychologen nennen das einen erweiterten Suizid.

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Das kommt durchaus vor, wenn auch selten. Der letzte bestätigte Fall stammt aus dem November 2013. Damals stürzte eine Embraer 190 der Fluggesellschaft Linhas Aéreas de Moçambique (LAM) über Namibia ab. Ein Pilot hatte das Cockpit verlassen und war nicht wieder hineingekommen. Auch hier gehen die Ermittler von "klarer Absicht" aus. Mit der Maschine stürzten 33 Menschen in den Tod. Auch in diesem Fall hatte die Auswertung des Stimmenrekorders die Ermittler auf die Spur des Suizids geführt.

Immer wieder ähnlich ist das Aussperrszenario aus dem Cockpit, in dem die Piloten normalerweise mindestens zu zweit sitzen. Ende Oktober 1999 startete der EgyptAir-Flug 990 von New York nach Kairo. Nach etwa 20 Minuten bat der Copilot darum, die Maschine fliegen zu dürfen. Daraufhin legte der Pilot eine kurze Pause außerhalb des Cockpits ein. Der Copilot schaltete Triebwerke und Autopilot aus, die Boeing 767-366ER ging in einen Sturzflug über. Der Pilot kehrte noch ins Cockpit zurück und versuchte, die Katastrophe abzuwenden. Doch es war bereits zu spät. Das Flugzeug stürzte in den Atlantischen Ozean und riss 217 Menschen in den Tod.

Ermittlung des Umfelds

Dass die Maschine in Selbstmordabsicht zum Absturz gebracht wurde, wird auch im Fall des Flugs MH370 von Malaysian Airlines nach wie vor gemutmaßt. Allerdings haben die Untersuchungen der familiären Hintergründe von Pilot und Copilot bisher keinen unwiderlegbaren Beweis für diese These erbracht. Möglicherweise kann diese Frage erst beantwortet werden, wenn das Flugzeug gefunden ist. Vielleicht bleibt sie aber auch immer unbeantwortet.

Die deutschen Behörden werden nun ihre Ermittlungen auf Andreas L. konzentrieren. Der 28-jährige Copilot war seit 2013 bei Germanwings beschäftigt. Schon als Jugendlicher war er flugbegeistert. Sein Pilotentraining absolvierte er im Ausbildungszentrum der Lufthansa in Bremen. Teil der Ausbildung ist auch die Supervision, um mögliche psychologische Probleme der künftigen Piloten rechtzeitig zu erkennen. Doch genauso wie viele Angehörige nach einem Selbstmord oft vor einem Rätsel stehen, kann auch eine Fluggesellschaft nicht in die Köpfe ihrer Piloten schauen. Und selbst in den letzten Minuten vor dem Aufprall sagte Andreas L. kein Wort.

Quelle: n-tv.de