Panorama

Das Haftpflicht-Dilemma der Hebammen "Das ist politisches Taktieren!"

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(Foto: imago/Christian Mang)

Die Hebammen fürchten um ihren Job. Grund sind die immer höheren Haftpflichtprämien. Im Berliner Geburtshaus Maya ist man sich sicher: Die Prämien sind nur ein Mittel, um die Geburt wieder komplett in die Klinik zu verlagern.

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?

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Anja Vallé ist seit 10 Jahren freiberufliche Hebamme und seit 2010 Chefin des Geburtshauses Maya in Berlin-Prenzlauerberg.

Anja Vallé: Es gab nie die Frage: Was werde ich, was will ich machen? Das scheint in einem drin zu stecken. Ich bin aus reiner Berufung dazu gekommen. Ich habe mich schon immer dafür interessiert, wie ein Leben wächst, gedeiht und schließlich auf die Welt kommt. Letztendlich bin ich in die Schweiz gegangen und habe dort studiert.

Susanne Grünhagen: Ich kann nicht behaupten, dass es die ganz große Passion war. Ich bin durch Zufall zu dem Beruf gekommen. Meine Patentante hat sich immer gewünscht, dass ich Hebamme werde. Als ich mein Studium nicht machen durfte, wie ich wollte, fasste ich den Entschluss, zur Hebammenausbildung zu gehen. Dort stellte sich schnell heraus, dass meine Tante recht hatte und mir die Tätigkeit im Blut lag.

Was mögen Sie an ihrem Job?

Grünhagen: Es liegt mir sehr am Herzen, dass die Frauen nicht missbraucht werden, dass sie aufgeklärt werden, dass sie nicht mit Angst gesehen werden, sondern dass man sie positiv unterstützt in der Schwangerschaft, während der Geburt und in der  Zeit mit dem Kind danach. Es liegt mir sehr am Herzen, ihnen die Ängste zu nehmen, denn leider wird in unserer Gesellschaft viel über Ängste agiert. Aber die Ängste, die in Schwangerschaften und Geburten geschürt werden, kann ich nicht wahrnehmen. Im Gegenteil, ich sehe, wie wunderschön die Frauen ihre Kinder gebären, wenn man sie gut motiviert, aufklärt und darauf vorbereitet.

Vallé: Ich muss das grundsätzlich differenzieren. Ich habe jahrelang als Hebamme an der Klinik gearbeitet, das ist etwas völlig anderes als als freiberufliche Hebamme tätig zu sein. Deshalb habe ich mich auch selbständig gemacht und ein Geburtshaus übernommen, weil ich das absolut weiter unterstützen will. Die Mütter melden sich bei uns und dann beginnt unsere Arbeit: Man informiert, klärt auf, entschleunigt ganz viel, man besänftigt und nimmt unglaublich viel Angst raus. Unsere Frauen gehen sehr entspannt durch die Schwangerschaft und in die Geburt rein. Auch Erstgebärende entbinden wir hier innerhalb von 2 bis 4 Stunden. Das ist eine Kopf- und Vertrauenssache.

Warum gab es den Wunsch, von der Klinik wegzugehen?

Vallé: Weil ich so nicht mehr im Kreißsaal arbeiten wollte. Ich kann mir auch nicht mehr vorstellen, jemals wieder so zu arbeiten. Das ist so invasiv, so nach engem Zeitmanagement, so unindividuell, so unwürdig zum Teil. Man belügt die Frauen, warum man einen Wehentropf anhängen muss, und dann dröselt man sich irgendwas aus der Nase, was eigentlich nicht stimmt. 

Knapp 5100 Euro muss eine selbstständige Hebamme ab dem Sommer jährlich für ihre Haftpflicht zahlen…

Vallé: Eine Katastrophe!

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Susanne Grünhagen kann auf über 20 Jahre Hebammen-Berufserfahrung zurückblicken.

Grünhagen: Ich denke, dass diese ganze Taktiererei m it der Versicherung eine politische Motivation hat. Man versucht, die Entwicklung dahin zu treiben, dass ganze Modelle verändert werden. Mit dem Ziel: die Geburt komplett in die Klinik zu verlagern. Man lockt die Familien mit noch mehr Medizin, mit mehr Sicherheit und noch mehr Kontrolle. Den Paaren wird suggeriert, dass es mehr Medizin braucht, damit am Ende gar nichts mehr schiefgeht. Doch so wird den Menschen die Möglichkeit genommen, sich zwischen den Möglichkeiten einer Klinikgeburt und einer außerklinischen Geburt zu entscheiden. Das ist ein ganz langsamer Prozess, der schon seit Jahren erkennbar ist. Wir nähern uns immer weiter dem amerikanischen Modell an.

Dem amerikanischen Modell?

Grünhagen: Als vor einigen Jahren Kreißsäle, die als nicht rentabel galten, geschlossen wurden, hat man das einfach so hingenommen. Jetzt müssen Geburtskliniken wieder eröffnet werden, weil es in bestimmten Gebieten zu wenige Kapazitäten gibt, um die Frauen von ihren Kindern zu entbinden. Dafür gibt es bereits neue Klinikentwürfe, in denen aber nicht mit Hebammen, sondern mit Ärzten und Schwestern geplant wird. Das heißt also, dass die Hebamme ganz geschickt umgangen wird. Das ist ein bisschen das amerikanische Modell. Man hat seinen Arzt, der einen in der Schwangerschaft betreut und den nimmt man auch mit in die Klinik.

Immer mehr Hebammen ziehen sich aus der Geburtshilfe zurück, weil es finanziell nicht mehr zu stemmen ist? Wie ist die Stimmung im Geburtshaus?

Grünhagen: Im Geburtshaus haben wir das Glück, eine große Anzahl von Frauen zu haben. Dadurch ist das für uns berechenbarer. Gut funktionierende Geburtshäuser arbeiten so, dass auch die einzelne Hebamme ihr Geld verdient und sogar diesen unglaublich hohen Versicherungsbatzen irgendwie abknapsen kann. Für Hebammen, die alleine oder in ländlichen Gegenden arbeiten, ist es dagegen sehr schwer. Dort haben in den letzten Jahren auch schon viele kapituliert und sind aus der Geburtshilfe ausgestiegen. Diese Hebammen hat man quasi im ersten Schritt wegradiert. Der zweite Schritt betrifft jetzt die Geburtshäuser. Die Bedingungen werden immer weiter verschärft, die Auflagen immer höher gemacht, die Versicherung immer teurer. Viele kleine Geburtshäuser haben schon aufgegeben, wenn es so weiter geht, müssen auch die großen Häuser schließen.

Welche Gründe werden von der Versicherung eigentlich für den schwindelerregenden Anstieg genannt? Gibt es mehr Zwischenfälle als früher?

Grünhagen: Es liegt nicht daran, dass außerklinisch schlechter gearbeitet wird oder mehr Probleme auftreten. Das ist nicht der Fall. Das sagen alle Statistiken. Deshalb ist das auch so eine totale Veralberung der ganzen Geschichte, wenn man sagt, es wird so viel Geld ausgegeben für Versicherungsfälle. Das stimmt als Grundaussage de facto nicht. In einer Statistik für Berlin, die deutschlandweit repräsentativ ist, hat man die Klinikgeburt mit der außerklinischen Geburt verglichen und kam zu dem Ergebnis, dass die außerklinische sogar sicherer ist. Man muss dabei natürlich bedenken, dass man in Geburtshäusern eine ausgesuchte Klientel hat. Hier entbinden nur gesunde Frauen.

Welche Motivation sehen Sie denn dann dahinter?

Grünhagen: Die Geburtshilfe allgemein wird auf einen völlig neuen Stand gestellt. Es werden neue Konzepte entwickelt, von denen wir noch nichts wissen. Es wird jetzt öffentlich über die Geldschiene ausgetragen, aber es geht nicht mehr allein um die Vergütung. Es geht längst darum, ob die Geburtshilfe weiter in die Hände einer Hebamme gelegt werden soll. Es geht vielmehr darum, zu gucken, wer in der Schwangerschaft und bei der Geburt das Sagen hat. Wer soll die Kontrolle übernehmen? Ist es die Hebamme oder der Arzt oder sogar noch irgendein anderes System? Mit der Haftpflicht hat das alles wenig zu tun, diese wird nur vorgeschoben. Das ist politisches Taktieren. Jetzt werden die Versicherungsgeschichten hergenommen. Wenn da nichts mehr zu holen ist, werden andere Wege beschritten, um die Tätigkeit der Hebamme in der Geburtshilfe einzuschränken.

Wird die Hebamme Stück für Stück ausradiert?

Grünhagen: Als ich vor 21 Jahren das Geburtshaus hier mit aufgemacht habe, da fühlte es sich auch gefährlich an, weil es keine Akzeptanz gab. Damals ging es erst mal nur um die Idee, die Sache ins Leben zu bringen. Doch die Ärzte fühlten sich angegriffen. Es wurden viele Unwahrheiten über die Geburtshäuser verbreitet. Aber jetzt sind die Geburtshäuser etabliert. Heute wird mit viel größeren Geschossen gearbeitet. Heute wird politisch dagegen vorgegangen. Aus diesem Grund glaube ich, dass der Beruf der Hebamme stark in Gefahr ist, ausradiert zu werden.

Glauben Sie an eine politische tragfähige Lösung, die Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe in Aussicht gestellt hat?

Vallé: "Tragfähige Lösung" kann auch bedeuten, die Hebammen wegzuradieren.

Grünhagen: Das ist eine ganz offene Aussage. Ich glaube, dass die Politiker da gar nichts entscheiden, da entscheiden andere. Die Politiker haben ja von dem, was an der Basis passiert, keine Ahnung.

Mit Anja Vallé und Susanne Grünhagen sprach Diana Sierpinski

Quelle: n-tv.de