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Seitenlange Details Das seltsame Geständnis im Fall Jenisa

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Ibrahim B. 2007 nach seiner Festnahme.

picture-alliance/ dpa

Ist der Mann, der Dano tötete, auch Jenisas Mörder? Es sieht ganz danach aus. Doch warum gestand Ibrahim B. diese Tat, die ihm bisher niemand nachweisen konnte, überhaupt? Und warum schrieb er für zwei Mithäftlinge seitenlang Details auf?

Ab dem ersten Oktober steht Ibrahim B. in Bielefeld wegen des Mordes an dem fünfjährigen Dano aus Herford vor Gericht. Wahrscheinlich ist Dano jedoch nicht das einzige Kind, das durch B. sein Leben verlor. Denn die Hinweise verdichten sich, dass Ibrahim B. 2007 bereits die damals achtjährige Jenisa in Hannover tötete.

Sieben Jahre lang erreichten die Ermittler im Fall Jenisa nicht den entscheidenden Durchbruch, obwohl sie den Tag von Jenisas Verschwinden recht gut konstruieren konnten. Später fanden sie Kleidung des Mädchens und auch einen Verdächtigen hatten sie - Ibrahim B., der 42 Tage lang in Hannover in Untersuchungshaft saß. Seine Lebensgefährtin war Jenisas Tante. Zu ihr war Jenisa am 7. September 2007 unterwegs. Zuletzt wurde das Mädchen im Fahrstuhl des Hochhauses gesehen, in dem die Tante lebte. Die Ermittler vermuteten, dass Jenisa in der Wohnung auf deren Lebensgefährten Ibrahim B. traf. Doch obwohl sich B. bei seinen Aussagen in Widersprüche verwickelte, kein Alibi hatte und recht überstürzt seinen VW Golf verkaufte, in dem die Achtjährige am Tag ihres Verschwindens gesehen worden war, konnte ihm die Tat nicht nachgewiesen werden.

Jenisa blieb verschwunden und B. wurde nicht angeklagt. Er zog von Hannover nach Herford und tötete dort Dano. Noch immer hat B. offiziell keine Angaben darüber gemacht, ob und was er mit dem Tod von Jenisa zu tun hat. Und doch wurde nun mit großer Wahrscheinlichkeit die Leiche des Mädchens gefunden, weil Ibrahim B. angab, wo sie zu finden ist. Dieses "Geständnis" kam auf recht dubiose Weise zustande. In der Untersuchungshaft überzeugten demnach zwei Mithäftlinge B. davon, den Mord an Jenisa schriftlich und in allen Einzelheiten zu gestehen. Der Verteidiger der beiden, Sascha Haring, berichtete: "Sie haben ihm erzählt, sie würden Leute kennen, die Leichen beiseite schaffen könnten." Allerdings bräuchten die ganz genaue Angaben, daraufhin habe Ibrahim B. eine Karte gezeichnet. In dieser Karte hat B. nicht nur einen Punkt eingezeichnet und mit "!Die Leiche!" beschriftet. Er macht darauf auch Angaben, dass 2007 auf dem benachbarten Feld Mais wuchs.

Glaubwürdige Einlassungen

Doch damit nicht genug, boten die beiden Mithäftlinge die Hilfe eines guten Anwalts an, der jedoch nur dann mit seiner Arbeit beginnen werde, wenn er alle Fakten auf dem Tisch habe. Also brachte B. ein seitenlanges Geständnis zu Papier, dass die Mitgefangenen anschließend ihrem eigenen Anwalt übergaben. Haring, der das was er las, für "hochwertig und glaubhaft" hielt,  leitete es an die Kripo weiter. Glaubt man dem, was bisher aus den neun Seiten durchsickerte, missbrauchte B. Jenisa und brachte sie anschließend um. Als Motiv nannte er Wut auf die Familie seiner Lebensgefährtin, die die Verbindung zu B. nicht gutgeheißen hatte. "Ich wollte, dass sie bis zum Lebensende leiden. Deshalb tötete ich Jenisa. Denn der Tod eines Kindes bereitet bis zum eigenen Tod unendlichen Schmerz", zitierte die "Bild"-Zeitung aus B.s Geständnis. Auch habe er Albaner allgemein gehasst. Sowohl Dano, als auch Jenisa stammten aus albanischen Familien.

Warum sich B. darauf einließ, den Mord an Jenisa detailliert zu gestehen, darüber kann nur gemutmaßt werden. Möglicherweise wollte er tatsächlich die letzten Spuren verwischen. Vielleicht dämmerte ihm, dass die Tötung von Dano anders bewertet werden könnte, wenn doch noch zutage träte, dass er schon ein Kind getötet hat. Oder wollte er tatsächlich sein Gewissen erleichtern? Ihm könnte aber auch die Einsamkeit der Untersuchungshaft zum Verhängnis geworden sein. Immer wieder beobachten Anwälte, wie Vollzugsbeamte, dass sich Straftäter irgendjemandem gegenüber erklären wollen. B. meinte womöglich, in den beiden Mithäftlingen Zuhörer und Helfer gleichermaßen gefunden zu haben.

Das passt allerdings nicht ganz zum Bild des eiskalten Menschen, dass viele Bekannte von ihm zeichnen. B. war wegen mehrerer Gewaltdelikte und Diebstahl vorbestraft. Immer wieder hatte es in der Herforder Wohnung, in der später Dano starb, Einsätze wegen häuslicher Gewalt gegeben. B., der türkischer Staatsbürger ist, arbeitete selten, Nachbarn sagen ihm jedoch einen Hang zum Glücksspiel nach. Auch die Mithäftlinge, die B. das Geständnis abluchsten, dürften bei ihrem Tun weniger von dem Wunsch geleitet worden sein, bei der Aufklärung von Jenisas Verschwinden mitzuwirken. Ihnen ging es wohl eher um Pluspunkte in der eigenen Strafvollzugskarriere. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Papiere von Ibrahim B. schließlich zur Entdeckung menschlicher Knochen führte, die die Polizei "mit hoher Wahrscheinlichkeit" für Jenisas hält. Dass es Kinderknochen sind, steht schon vor Abschluss der rechtsmedizinischen Untersuchungen fest. Nun hoffen die Ermittler, dass Ibrahim B. ihnen die ganze Wahrheit noch einmal in einer offiziellen Vernehmung erzählt. 

Quelle: n-tv.de

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