Panorama

Eine für alleDie Toten in unserer Timeline oder: Wie soll man das alles aushalten?

08.02.2026, 07:19 Uhr dff697a9-ec36-4d60-a8dd-b9e0363450ecVon Sabine Oelmann
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Der Iran hat Zehntausende seiner jungen Menschen verloren. Sie wurden abgeschlachtet, gefoltert, hingerichtet. Wie soll ein Land, wie soll ein Volk, das verkraften? (Foto: IMAGO/ABACAPRESS)

Ich jammere auf hohem Niveau, ich weiß, denn ich habe Heizung, Strom, Essen, muss nicht vor Bomben in den Keller flüchten und nicht Angst haben, wenn es klopft. Trotzdem ist mir so schwer ums Herz, dass ich manchmal das Gefühl habe, da nicht rauszukommen.

Weder werden mich ICE-Männer an den Haaren aus der Wohnung zerren, um mir mitzuteilen, dass ich nicht erwünscht bin, noch werden mich Mullah-Schergen aus dem Haus prügeln, weil mein Dekolleté zu tief ausgeschnitten ist oder meine Meinung nicht genehm. Oder einfach, weil ich eine Frau bin. In den letzten Tagen habe ich viel mit Menschen darüber gesprochen, wie es ihnen so geht. Denn es vergeht kein Tag, kein Aufwachen, kein Einschlafen, ohne nicht daran zu denken, wie schlimm die Welt momentan ist.

Meine iranischen Freunde, meine ukrainischen Nachbarn, sie haben allerdings viel existenziellere Sorgen, weiß ich. Und kann ich meiner Freundin in den USA eine fiese Karikatur von Trump schicken oder bringe ich sie damit unter Umständen in die Bredouille? Ich lasse es lieber. Und doch habe ich heute in der Sonne gesessen, den Hund ausgeführt, mit Freundinnen telefoniert, bin meiner Arbeit nachgegangen, freue mich auf das Wochenende und mache mir keine Sorgen um meine Kinder. Das stimmt nicht ganz, denn die macht man sich als Mutter irgendwie immer. Und ja, ich kann nicht umhin sehr oft zu denken, wie lieblich ich doch fast aufgewachsen bin, die paar RAF-Sorgen, die ich mir als Teenager gemacht habe, weil mein Vater Banker war oder der Smog-Alarm in Berlin, der wurde weggeatmet im wahrsten Sinne des Wortes.

Doch was für einen Trümmerhaufen hinterlassen wir unserer Jugend? Von Klimakrise über Kanzler, Korruption und Cancel-Culture bis zu Krieg ist doch gerade alles Mist. Und da habe ich Corona noch nicht mal erwähnt, denn diese miese Zeit hat vielen Leuten das Genick gebrochen, geschäftlich, moralisch, gesundheitlich. (Auch ist natürlich vieles Mist, was nicht mit K oder C anfängt, bloß weil ich so ein Alliterations-Afficionado bin ...)

Ich versuche mich zu erinnern, ob ich als Teenager immer leichtfüßig unterwegs war. Sicher nicht. Man hatte so seine Sorgen, kein Handy und die Eltern fanden, dass man sich besondere Dinge selbst verdienen musste, während Eltern ihre Kids heute von vorne bis hinten durchpampern, durchhelikoptern, durchstillen, durchlavieren, ich will mich gar nicht bei allem ausnehmen. Auch gab es Momente des Liebeskummers, der Trauer, des Schulstresses, der falschen Klamotten, der falschen Freunde, des falschen Musikgeschmacks. Ist mein Blick zurück vielleicht zu rosarot? Viele junge Leute heute erscheinen mir sehr stark, sehr bewusst, sie werden es aufnehmen mit den Widrigkeiten des Lebens, denen es geht ja um ihre Zukunft. Und die macht man sich so schön, es geht, auch wenn realistisch betrachtet wirklich vieles im Argen liegt. Junge Leute zeigen mir ganz oft, unbewusst, was es Gutes gibt. Danke!

Trotzdem immer wieder die Frage: Ist es wirklich so schlimm alles? Ich muss einen Moment nachdenken, denn nein, wenn ich aus dem Fenster blicke, dann wird hier gebaut, die Vögel fliegen, der Himmel ist blau, ich war einkaufen. Nur Salz gibt es nicht mehr, die Leute streuen anscheinend ihre Gehwege mit Speisesalz. Es ist alles ziemlich okay. Crazy. Friedlich. Ich scrolle durch meinen Instagram-Feed, um mich kurz abzulenken. Und dann, da, wo früher ältere Frauen Tipps gegen Falten gegeben haben und junge Frauen erklärten, wie man schnell fünf Kilo abnimmt, dort wo mir früher Klamotten angepriesen wurden und ich dachte, ohne sie nicht leben zu können, dort, wo früher lustige Urlaubsfotos gezeigt wurden und Nahrungsergänzungsmittel - dort sehe ich jetzt Spendenaufrufe. Oder die Bitte, sich einen Konservendosenvorrat anzulegen, mit dem eigenen Tod zu befassen und ein Testament und eine Vorsorgevollmacht zu hinterlegen. Ich sehe Clips von Frauen, die mit einem schier unmenschlichen Galgenhumor in Kiew oder Teheran Kurzfilme drehen und irre lange, waffenartige Fingernägel passend zu ihren scharfen Sprüchen haben. Ich sehe Leid, Tod und Elend.

Ich sehe Menschen, die in den Vereinigten Staaten dagegen demonstrieren, dass eine SA-ähnliche Truppe unbescholtene Bürger in Lager sperrt, dass Kinder ohne ihre Eltern aufwachsen und Eltern ohne ihre vollständigen Gliedmaßen leben müssen, weil sie auf eine Bombe getreten sind oder angeschossen wurden. Ich sehe, dass Politiker irgendwie unfähiger wirken als früher. Dass schwarz-weiß gemalt wird, dass niemand mehr den anderen zu Wort kommen lässt, dass es nur noch Ichichich heißt. Und dass die wenigen Urlaubsfotos und Anzeigen für neue Klamotten, die sich doch in meine Timeline verirren, mich nur noch irritieren.

Ich habe sowas von keinen Bock mehr darauf. Nicht, dass ich die reine Spaßgesellschaft ideal fände, aber wie schaffen wir es raus aus der Spirale des Niederganges? Denn in den Momenten, in denen ich mich frei, gut und unbeschwert fühle, braucht nur eine Millisekunde der Gedanke an das ganze Elend auf der Welt aufzutauchen und vorbei ist es mit meiner Ruhe. Ich muss das jetzt üben. Abzuschalten. Hauszuhalten mit den eigenen Kräften. Routinen. Mehr Sport, denn wenn man sich auf einen Ball konzentriert, dann kann man an nichts anderes denken. Was mich motiviert, ist der Gedanke, dass die anderen, denen es gerade richtig schlecht geht, nichts davon haben, wenn es mir auch schlecht geht. Hört sich egoistisch an, ist es aber nicht. Denn wir müssen für die anderen dann da sein, wenn sie ihr Land wieder aufbauen, ihre Regierung umstrukturieren, ihre kranken Körper und Köpfe heilen.

In diesem Sinne - bleiben Sie stark und nutzen Sie den Sonntag für sich!! Ohne schlechtes Gewissen! Sie werden noch gebraucht!

Quelle: ntv.de

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